Wodurch unterscheiden sich erhaltende Gunst und erlösende Gnade?

Über die Vermischung zweier Grundkategorien in Verkündigung und Seelsorge

Selbsthilfe ohne Ende

Zahllose Predigten und christliche Ratgeber versorgen uns mit Ratschlägen und Tipps für ein besseres Leben. Im schlechteren Fall werden säkulare Gedankengänge fromm verpackt, im günstigeren Fall weise Ratschläge vermittelt: Besser erziehen, Konflikte bewältigen, eine spannendere Ehe führen, Freundschaften pflegen, Körper und Seele in der Balance halten, die Freizeit anregend gestalten oder Armut bekämpfen!

Es geht mir hier um die Beobachtung einer Verwechslung: Wo die Optimierung des diesseitigen Lebens in den Vordergrund rückt und die Priorität der Versöhnung mit Gott in den Hintergrund gedrängt wird, findet eine unheilvolle Verschiebung statt. Die erhaltende Gunst, die Gott allen Menschen zuteilwerden lässt, wird so mit der rettenden Gnade des Erlösers vermischt, ohne dass es vielen Leuten auffällt.

Nach welchen Gesichtspunkten lässt sich zwischen der erhaltenden Gunst des Schöpfers und der Gnade des Retters unterscheiden? Nach welchen Gesichtspunkten lässt sich zwischen der erhaltenden Gunst Gottes des Schöpfers und zwischen der erlösenden Gnade des Retters unterscheiden? In der folgenden Gegenüberstellung fokussiere ich auf die innerweltlichen Auswirkungen. Deshalb unterstreiche ich vorab, dass die erlösende Gnade in erster Linie auf die geistliche und ewige Errettung zielt. Die Christen sind „in Christus“ „nach dem Reichtum seiner Gnade“ mit jedem geistlichen Segen beschenkt worden (vgl. Eph 1,3–14).

Fünf Thesen zu Gottes erhaltender Gunst

1. Nach dem Sündenfall wurde der sofortige leibliche Tod des Menschen verzögert. Der Mensch ist nach wie vor berufen, Gottes Schöpfung zu verwalten.

Die beiden ersten Nachkommen von Adam und Eva, Kain und Abel, führen uns die schrecklichen Folgen der Sünde vor Augen. Kain erschlägt seinen Bruder. Hass führte zu Mord. Trotz dieser Sünde und der anschließenden Bestrafung durch Gott lesen wir im gleichen Kapitel (1Mose 4), dass die Nachkommen Kains Gottes Schöpfung weiterentwickelten. Sie waren Begründer von Viehzucht und Ackerbau, Städtebau, Eisenbearbeitung und Musikinstrumenten. Dennoch kommt auch hier deutlich die Sünde zum Ausdruck, etwa wenn Lamech ankündigt, eine Wunde mit Totschlag zu rächen (1Mose 4,23).

2. Es gilt, zwischen der Linie des Glaubens und der Linie des Unglaubens zu unterscheiden. Der Mensch, der nicht auf die Langmut Gottes antwortet, häuft sich selbst Zorn für den Tag des Gerichts auf.

Im direkten Anschluss an die Geschichte der Nachkommen Kains wird die Linie Sets und dessen Sohn Enosch (sein Name bedeutet „hinfällig“) aufgezeigt. Diese Linie fällt nicht durch die Weiterentwicklung der Schöpfung, sondern durch ihren Gottesbezug auf. In jenen Tagen fing man nämlich an, den Namen des Herrn anzurufen (1Mose 4,26). Ebenfalls auffällig ist die Bestätigung, dass der Mensch als Gottes Ebenbild geschaffen worden (und es geblieben) ist (1Mose 5,1).

Nun kann man den Aufschub des leiblichen Todes – der geistliche Tod war unmittelbar Realität geworden (Eph 2,3–5) – noch in anderer Hinsicht verstehen. Paulus spricht davon, dass sich der Mensch, der sich angesichts der Langmut Gottes widersetzt, selbst Zorn aufhäuft für den Tag des Gerichts (Röm 2,4–5).

3. Gott schränkt durch sein Gesetz das Böse dieser Welt ein. Andernfalls hätte sich die Menschheit schon längst zugrunde gerichtet.

Dem Einbruch der Sünde in die gesamte Schöpfung sind durch die bewahrende Gunst Gottes Grenzen gesetzt. Gott lässt die Sonne über Gute und Böse scheinen (Mt 5,45). Er hat Regen und fruchtbare Zeiten gegeben (Apg 14,16–17). Auch der gefallene Mensch verfügt über eine gewisse Gotteserkenntnis (Röm 1,21) und über ein Rechts- und Unrechtsempfinden (Röm 1,32). Heidnische Könige, wie z. B. Abimelech von Gath, wissen um die Unrechtmäßigkeit von Ehebruch (1Mose 20,9). Der babylonische König erkannte die Herrschaft Gottes an (Dan 2,37; 3,28; 4,31ff).

4. Dem Gottlosen geht es äußerlich oft unverschämt gut. So gut, dass es den Gerechten in Verwirrung stürzen kann.

Äußerliches Wohlergehen kann das Leben des Gottlosen begleiten (siehe Ps 73,4–5.12; 49,7ff; Jer 12,1f). Die ewige Perspektive droht unter der Ungerechtigkeit des Diesseits vergessen zu werden. Das Gericht über böse Taten wird oft nicht sofort vollzogen (Pred 8,11).

5. Es gibt eine bürgerliche Moral.

Wer sich seiner Frau widmet, für seine Kinder da ist, keine Steuern hinterzieht, Projekte zur Verbesserung der Lebensqualität finanziert oder sich in der Nachbarschaftshilfe einsetzt, wird Befriedigung erleben.

Der für die Betonung der sündigen Verdorbenheit des Menschen bekannt gewordene Genfer Reformator Johannes Calvin war es, der nicht nur den Wert von heidnischen Schriftstellern betonte (Institutio II,2,15). Die Erkenntnis der irdischen Dinge – das „weltliche Regiment, die Haushaltskunst, alles Handwerk und die freien Künste“ (II,2,13) – ist dem Menschen von Gott geschenkt worden. Wer von den Wissenschaften keinen Gebrauch mache, verachte Gottes Gaben (II,2,16).

Unsere reformierten Vorfahren haben vor 350 Jahren treffend auf den Punkt gebracht, dass es sich bei beim Glauben nicht um gutes oder nützliches Verhalten handelt. Darin übertreffen viele Nichtchristen bekennende Christen. Für den Glauben stehen vielmehr die rechte Absicht (zur Ehre Gottes zu leben), der rechte Standard (das Wort Gottes) und veränderte Motive (ein durch den Glauben gereinigtes Herz) im Vordergrund. Es ist wichtig, diese Unterscheidung im Auge zu behalten.

Fünf Thesen zu Gottes erlösender Gnade

6. Die Reihenfolge lautet: Indikativ, dann Imperativ. Du bist gerechtfertigt, darum sei gerecht.

Wer den Römer- oder den Epheserbrief liest, dem fällt eine Doppelstruktur auf. Im ersten Teil beschreibt Paulus die Stellung des Christen: Er ist „in Christus“. Die Gerechtigkeit von Christus wird dem Sünder unverdient angerechnet. Mit einem „darum“ schließen sich dann die Konsequenzen für das Leben des Christen an. Weil ihr gerechtfertigt seid, argumentiert Paulus, stellt euer Leben als Opfer für Gott zur Verfügung (Röm 12,1). Es folgen eine Vielzahl an Anweisungen für Männer, Frauen, Kinder, Arbeitnehmer und Arbeitgeber (Epheser 5,21–6,9).

7. Ein Glaube, der ohne sichtbare Auswirkungen bzw. Werke bleibt, ist ernsthaft in Frage zu stellen.

Diese ernste Ermahnung spricht Jakobus in seinem Brief aus (insbesondere Kap. 2). Wer zum Beispiel als Arbeitgeber dem Angestellten seinen Tageslohn vorenthielt, zieht den Zorn Gottes auf sich (Jak 5,4). Seine Tat ist himmelschreiend. Der Glaube zeigt sich z. B. im Umgang mit minderbemittelten Gemeindegliedern (vgl. Jak 2,1ff). Und wer an Not vorbeigeht, dessen Glaube ist in Frage zu stellen. In diese Richtung ermahnt auch der Apostel Johannes seine Leser (vgl. 1Joh 3,16–18).

8. Christen sollten die besten Bürger sein.

Wie der Theologe Herman Bavinck herausstreicht, ist Adam zuerst als leibliche Kreatur und als Bewirtschafter und Entwickler der Erde geschaffen worden (1Kor 15,45–47; vgl. 1Mose 2,15). Erst die Errettung durch Christus stellt den Menschen in den Bezügen zu der Welt wieder her. Das bedeutet nicht, dass er seinen sozialen Stand verlässt (vgl. 1Kor 7,20). Seine innere Veränderung beginnt in allen Lebensbereichen sichtbare Auswirkungen zu zeigen, z. B. in der Familie, der Arbeit oder der Politik. Gottesliebe zeigt sich in der Nächstenliebe.

9. Die ewige Perspektive verändert die Diesseitsperspektive.

Ein Mensch, der seine ewige Bestimmung im Blick hat und sich in Erinnerung ruft, dass es sich bei den Bedrängnissen um eine vergleichsweise „kurze Zeit“ handelt (vgl. 1Petr 1,6–8), wird in seiner Sichtweise des diesseitigen Lebens verändert. Das bedeutet nicht, dass er keine Angst oder Verzweiflung mehr kennen würde (auch Paulus berichtet, diese zeitweise erfahren zu haben, siehe 2Kor 1,8). Er darf jedoch seine Hoffnung auf Christus setzen. „Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt“ (Phil 4,13).

Abraham ist ein eindrückliches Beispiel hierfür. Als er für seine Frau Sara bei den Einwohnern Kanaans um eine Begräbnisstätte bat, begann er mit den Worten: „Ich bin ein Fremdling und Einwohner ohne Bürgerrecht.“ (1Mose 23,4) Dies ist umso eindrücklicher, als ihm dieses Land zugesprochen worden war! Weshalb trat er so bescheiden auf? Der Kommentar des Hebräerbrief-Schreibers wirft Licht auf dieses Vorgehen. Abraham hatte das Land „nur von ferne gesehen und gegrüßt“ und „bekannt, dass sie Gäste und Fremdlinge auf Erden sind. Wenn sie aber solches sagen, geben sie zu verstehen, dass sie ein Vaterland suchen.“ (Hebräer 11,13–14) Hier finden wir den Schlüssel: Abrahams Blick war nicht verengt auf das Hier und Jetzt, sondern geöffnet auf das Dereinst.

10. Christen führen ein dankbares Leben in der Welt des Vaters.

Wer zurück zu seinem Vater gefunden hat, realisiert in einem zweiten Schritt, dass eben dieser Vater die ganze Welt geschaffen hat. Die gesamte Realität ist auf ihn zurückzuführen und trägt seine Spuren. Das führt zu einer großen Dankbarkeit gerade für die erhaltende Gunst Gottes. Durch die Brille der Bibel erkennt der Christ die Herrlichkeit der Schöpfung noch viel deutlicher und dankt für seine Gaben. Er singt das Loblied auf die Schöpfung (Ps 19,1–7), wie er auch Gottes Wort preist (Ps 19,8–11). Er nimmt das, was Gott geschaffen hat, als gut an und dankt dafür (1Tim 4,4), dient in seiner Arbeit von Herzen Gott (Eph 6,6) und „ziert“ dadurch die Lehre seines Retters (Tit 2,10). Er führt einen „guten Wandel“ in der Öffentlichkeit (1Petr 2,12).

Fazit

C. S. Lewis sagte einmal sinngemäß, dass erst der Mensch, der den Himmel am meisten erwarte, richtig im Diesseits angekommen sei. Dem kann ich nur zustimmen. Es ist wichtig, zwischen zweierlei Arten der Güte Gottes zu unterscheiden: Die erste, prioritäre, gilt der Erlösung aus dem geistlichen Tod. Die zweite gilt allen Menschen. Nur wem die Augen für die erste geöffnet worden sind, bekommt eine rechte Sicht auf die zweite.

Es erfüllt mich mit großer Sorge, dass beide Bereiche häufig miteinander vermischt werden. Da höre ich eine Traupredigt gespickt mit guten Ratschlägen, aber ohne klare Evangeliumsverkündigung. Ich sitze in einem Gottesdienst und werde mit Tipps für einen besseren Lebenswandel versorgt. Da wird in einer christlichen Zeitschrift ununterbrochen von einer innerweltlichen Veränderung, etwa von sozialen Projekten, gesprochen. Das mag alles seinen Platz haben – doch nicht losgelöst oder gar auf Kosten des Evangeliums.

Hanniel Strebel