Wie Jesus die Heilige Schrift las

B.B. Warfield fasste einmal das Geheimnis um die zwei Naturen Christi zusammen, als er schrieb: „Weil er Mensch ist, ist er fähig, an Weisheit zuzunehmen, und weil er Gott ist, ist er von Anfang die Weisheit selbst“. Die Heilige Schrift besteht gleichzeitig darauf, dass Jesus der Gleiche ist gestern, heute und in Ewigkeit, und dass er „zunahm an Weisheit und Alter und Gnade bei Gott und den Menschen“ (Lk 2,52). Christen bekennen zu verstehen, was es heißt, dass Jesus sich nie verändert, weil er Gott ist, aber es fällt ihnen schwerer zu verstehen, was es heißt, dass er als wahrer Mensch an Weisheit zunahm. Die Erklärung, die wir durch biblische Andeutungen entdecken, mag viele Christen überraschen. Kurz gesagt, als Mensch musste Jesus die Schriften kennenlernen.

Jesus musste in einer sündlosen menschlichen Entwicklung in dem Ausmaß zunehmen, wie jemand zu jedem Alter und in jedem Abschnitt der menschlichen Erfahrung wächst. Als Zwölfjähriger war Jesus genau so weit von göttlicher Weisheit erfüllt, wie ein Zwölfjähriger mit geistlicher Weisheit und Reife erfüllt sein kann. Mit Dreißig hatte er ein größeres Maß an Weisheit und geistlicher Reife als er mit Zwölf besessen hatte. Das bedeutet nicht, dass er jemals irgendwelche sündhaften Defizite hatte. Es bedeutet einfach, dass er in seinem moralischen, intellektuellen und geistlichen Fassungsvermögen als ein wahrer Mensch wuchs, während er gleichzeitig niemals aufhörte, Gott zu sein. Jesus gab bereitwillig den Zugang zu dem auf, was ihm durch seine göttliche Natur zugestanden hätte, um unser Stellvertreter zu sein – der zweite Adam und das wahre Israel. Als gefallene Menschen brauchen wir einen Erlöser, der wahrer Mensch ist. Wir brauchen einen Stellvertreter, der unter den gleichen Bundesverpflichtungen steht, wie sein Volk (Gal 4,4), und der „in allem versucht worden ist in ähnlicher Weise wie wir, doch ohne Sünde“ (Hebr 4,15).

Als ein Mensch – als der bundestreue Mittler – musste Jesus die Schriften studieren und verstehen. Er musste das Alte Testament genauso lesen, wie wir das Alte Testament lesen müssen; doch las er das Alte Testament auf einzigartige Weise, weil es an ihn und über ihn geschrieben war. Wir können schließen, dass Jesus gewusst haben würde, dass Gott die folgenden Wahrheiten zu ihm und über ihn geschrieben hatte, immer dann, wenn er die Schriften las.

Jesus verstand, dass Gott der Vater in der Offenbarung des Alten Testaments zu ihm über sein ewiges und göttliches Wesen, Werk und Lohn sprach. Der Vater gab dem Sohn bei seiner Taufe die folgende göttliche Bekräftigung: „Du bist mein geliebter Sohn; an dir habe ich Wohlgefallen!“ (Lk 3,22) Jesus brauchte diese Worte, um durch die erbitterten Versuchungen des Teufels in der Wüste hindurchgetragen zu werden. Als der Teufel ihn dreimal mit „Wenn du Gottes Sohn bist…“ angriff (Mt 4,3.6; Lk 4,3.9), wehrte sich Jesus mit den alttestamentlichen Schriften, die Israel in der Wüstenwanderung gegeben worden waren, und auf der Basis der Bekräftigung seiner Sohnschaft, die er vom Vater bei seiner Taufe empfangen hatte. Es war nur, indem Jesus an dem Wort seines Vaters über seine Person festhielt – und was Gott im 5. Buch Mose über den typologischen Sohn Gottes (d.h. Israel; siehe 2Mo 4,22) in der Wüste gesagt hatte – dass er imstande war, die Angriffe des Bösen zu überwinden.

In Hebräer 1,4-14 verwendet der Schreiber des Hebräerbriefs mindestens vier Beispiele aus dem Alten Testament, in denen Gott der Vater zu Gott dem Sohn spricht. In Psalm 2,7 sagt der Vater dem Sohn: „Du bist mein Sohn“; in Psalm 45,7 sagt er dem Sohn: „Dein Thron, o Gott, bleibt immer und ewig“; in Psalm 102,26 sagt er dem Sohn: „Du hast vorzeiten die Erde gegründet“; und in Psalm 110,1 sagt er dem Sohn: „Setze dich zu meiner Rechten“. Der Vater redete diese Worte zum Sohn auf den Seiten des Alten Testaments. Jesus las diese Erklärungen über sein göttliches Wesen von seinem Vater an ihn. Das war notwendig, um ihn in seiner messianischen Mission in der Menschwerdung durchzutragen.

Jesus las im Alten Testament, dass er der gesetzestreue Erlöser seines Volkes sein würde (vergleiche Ps 40,7 mit Hebr 10,7). Jesus war der bereitwillige Knecht des Herrn, der sich allen Geboten seines Vaters hingab und der immer den Willen seines Vaters für sein Volk tat.

Jesus wusste, dass alle Verheißungen Gottes zuallererst und zualleroberst zu ihm als dem Sohn Abrahams und dem Sohn Davids gemacht worden waren. Der Apostel Paulus sagt uns ausdrücklich, dass die Verheißungen, die an Abraham und seinen Samen ergingen, zuerst für Jesus als den Samen bestimmt waren, bevor sie für irgendjemanden aus dem Bundesvolk gedacht waren (Gal 3,16). Jesus musste „der Erbe von allem“ werden (Hebr 1,1-4), bevor die, die an ihn glauben, „Erben von allem“ in Vereinigung mit ihm werden können. Der Apostel Paulus erklärte: „So viele Verheißungen Gottes es gibt - in ihm ist das Ja“ (2Kor 1,20). Jesus sagte Ja zu den Bundesflüchen, die wir für unsere Sünde verdienen, um die Bundessegnungen für uns zu verdienen. Jesus verstand die juristischen Ansprüche des Bundesgesetzes als davon abhängig, dass er ein Fluch für uns würde, damit wir die Segnungen ererben mögen (Gal 3,10-14).

Jesus wusste, dass das Alte Testament zuoberst von seinen Leiden und seiner Herrlichkeiten redete (1Petr 1,10-12), wie es sein Geist durch die Propheten offenbart hatte. Zum Beispiel war Jesus der Einzige, der Psalm 22,2 so las, dass es sich auf seine Erfahrung am Kreuz bezog. David wurde nicht gekreuzigt. David wurde nicht wirklich von Gott verlassen. Der Geist Christi offenbarte die Leiden und Herrlichkeiten Christi dem menschgewordenen Christus, um ihn darauf vorzubereiten, sie in seiner messianischen Erfahrung zu durchleben. Wir sehen das gleiche Prinzip am Werk in den Psalmen 16 und 110 (siehe Apg 2,23-36). Jesus wusste, dass sich das ganze Alte Testament auf seinen Tod und seine Auferstehung bezog. Er sagte den zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus ausdrücklich: „Alles muss erfüllt werden, was im Gesetz Moses und in den Propheten und den Psalmen von mir geschrieben steht. … So steht es geschrieben, und so musste der Christus leiden und am dritten Tag aus den Toten auferstehen“ (Lk 24,44-46).

Jesus wusste, dass er das Passalamm war, das für die Sünde seines Volkes geschlachtet wurde. Er wusste, dass er der Widder sein würde, der den Platz seines Volkes einnehmen würde, genauso wie der Widder den Platz von Isaak einnahm. Er wusste, dass er der Bock sein würde, auf den das Urteil fiel, und gleichzeitig der Sündenbock, der in die Wüste geschickt wurde. Jesus wusste, dass alle Opfertiere des Alten Testamentes symbolisch waren für seinen stellvertretenden Sühnetod am Kreuz. Als Jesus über den Kelch des Zornes Gottes in den Psalmen, Jesaja und Jeremia las, war er sich bewusst, dass er anstelle seines Volk stehen und den Zorneskelch für sie trinken würde. Das erklärt, warum er die „Kelchsymbolik“ im Garten Gethsemane gebrauchte, als er zu seinem Vater betete. Diese Art und Weise, das Alte Testament zu lesen, lässt sich auch in Jesu Bezug auf Sacharja 13,7 sehen, als er zum Kreuz ging (Mt 26,31). Jesus ist der Hirte Israels, der vom Schwert des Zornes Gottes zur Erlösung seines Volkes geschlagen wurde.

Jesus verstand, dass alle alttestamentlichen Typen, Schatten und Symbole auf irgendeinen Aspekt seines Rettungswerkes hinwiesen. Wir wissen das, weil er auf Jakobs Leiter, die Schlange, die erhöht wurde und das Wasser aus dem Felsen (Joh 1,51; 3,14; 7,37-39) als Beispiele für dieses Prinzip verwies. Jesus las die Erzählung von Jona teilweise als typologisch für sein eigenes Rettungswerk. Er erklärte auch, dass David, Salomo und der Tempel alle als Typen existierten, die auf ihn hindeuteten (Mt 12).

Jesus erkannte, dass die Heiligen des Alten Testaments nicht zuerst Vorbilder moralischer Rechtschaffenheit waren, die von Sündern nachgeahmt werden sollten; sondern stattdessen selbst Sünder waren, die im Glauben auf ihn vorausschauten (Hebr 11). Er erklärte das den Pharisäern, als er ihnen sagte: „Abraham, euer Vater, frohlockte, dass er meinen Tag sehen sollte; und er sah ihn und freute sich.“ (Joh 8,56)

Jesus verstand, dass sich jede Prophezeiung auf ihn bezog. Wir können das an seiner beständigen Berufung auf die alttestamentlichen, messianischen Prophezeiungen sehen, die bestätigen, wer er ist (z.B. Sach 9,9 in Mt 21,5; Sach 13,7 in Mt 26,31).

Jesus verstand, dass alle Feste des Alten Testaments darauf vorauswiesen, was er im Werk der Erlösung vollbringen würde. Wir wissen das, weil er in seiner ersten Predigt in Nazareth (Lk 4) auf das Jubeljahr Bezug nahm und erklärte, dass er gekommen war, um die Realität dessen zu schenken, was dieses Fest versinnbildlichte. Das Jubeljahr geschah einmal alle fünfzig Jahre – einmal im Leben eines durchschnittlichen Menschen (Ps 90,10). Schulden wurden erlassen und das Erbe wiederhergestellt. Jesus tut das Gleiche geistlich gesehen für sein Volk durch seinen Tod und seine Auferstehung. Er ist das Passah, die Erstlingsfrucht, das Jubeljahr und jedes andere Fest (1Kor 5,7; Kol 2,16-17).

Indem er die Schriften las, verstand Jesus, dass Ehe in der Schöpfung eingesetzt worden war, damit er eine geistliche Braut für sich selbst erlöste. Er nannte sich wiederholt „den Bräutigam“ (Mt 9,15; 25,1-10).

Jesus lernte von den Schriften, dass er der vollkommen weise und gerechte Mann sein musste, um zur Quelle der Weisheit und Gerechtigkeit für sein Volk zu werden (1Kor 1,30). Wenn er die Sprüche las, las Jesus sie als Bundesweisheit und Bundesgerechtigkeit, die Gott von den Menschen verlangt. Er wusste, dass er die Weisheit und Gerechtigkeit der Psalmen und der Sprüche vollständig verkörpern musste, um die Quelle dieser Weisheit und Gerechtigkeit für sein Volk zu werden.

Jesus wusste von der Schrift, dass er der Sohn Davids war, der auf dem Thron Gottes sitzen und für immer über sein Volk herrschen würde. Als Christus die Bundesverheißungen las, die Gott David gegeben hatte – sowie spätere Erzählungen über das Reich und auch Prophezeiungen – las er das mit dem Verständnis, dass er gekommen war, um sie alle zu erfüllen. Jesus wusste, dass sein Vater ihm ein ewiges Reich geben würde, wenn er das Werk der Erlösung vollbrachte hatte. Jesus las die Erzählung von Davids Leben als typologisch für seinen eigenen Dienst, durch den er das Reich Gottes begründete.

Obwohl noch viel mehr gesagt werden könnte, geben uns die Kategorien, die schon genannt wurden, eine größere Wertschätzung für die Mühen, die unser Retter auf sich nahm, um uns zu erlösen. Diese Wahrheiten anzunehmen hilft uns, unsere Augen fest auf den zu richten, der der Anfänger und Vollender unseres Glaubens ist. Es motiviert uns, ihn leidenschaftlicher zu suchen. Es ermutigt uns, ihm als unseren Erlöser vollständiger zu vertrauen. Es hilft uns zu verstehen, dass alles, was zum Leben und zum Wandel in der Gottesfurcht dient, ihn ihm und ihm allein gefunden wird. Es bringt in uns Rufe der Dankbarkeit und Lieder des Lobpreises hervor für die liebende Weisheit unseres Gottes, der seine Bundesoffenbarung dem Bürgen des Bundes offenbarte.


Nicholas Batzig (@Nick_Batzig) ist Redaktionsleiter bei Reformation21. Er bloggt unter Feeding on Christ. Dieser Artikel erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.