Wie eine Kirche der Reformation das Alte Testament studierte

Angeführt von Huldreich Zwingli studierte die Kirche in Zürich das Alte Testament auf einer Sorgfaltsstufe, die viele von uns heutzutage erstaunen wird, aber die gewiss ein Hinweis auf die Kraft des Geistes in ihrer Mitte ist. Ein zeitgenössischer Bericht zeichnet folgendes Bild:

Die Versammlung begann mit Fürbittegebeten. Indem wir gemeinsame Gebetsformen benutzten, baten wir den allmächtigen und barmherzigen Gott, dessen Wort unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Weg ist, dass er unsere Sinne öffnet und erhellt, damit wir seine Aussprüche rein und heilig verstehen mögen und in das verändert werden, was wir recht verstanden haben, und dass wir in keiner Weise seiner Majestät missfallen, durch Christus unseren Herrn.

Nach den Gebeten las ein sehr junger Mann, ein Gelehrter der Kirche, Seite für Seite aus der Vulgata, die wir die Ausgabe von Hieronymus nennen, die Bibelstelle vor, die wir im Laufe unserer Exegese erreicht hatten und die nun zur Diskussion stand. Es sollte erwähnt werden, dass einzelne Personen von guter und vielversprechender Intelligenz von der Kirche finanziell unterstützt werden, damit sie in den Künsten, den Sprachen und der Heiligen Schrift ausgebildet werden, um eines Tages der Kirche, von der sie unterstützt wurden, in den heiligen Ämtern zu dienen… .

Nachdem der junge Mann die Bibelstelle, die zur Diskussion stand, auf Latein vorgelesen hatte, kam ein Vorleser für das Hebräische nach vorn und wiederholte die Bibelstelle auf Hebräisch, wobei er gelegentlich idiomatische Ausdrücke und Besonderheiten der Sprache erklärte, manchmal den Sinn verdeutlichte oder Wort für Wort übersetzte und dabei die Kommentare der Grammatiker und Rabbiner vorlas… .

Dem Hebräisch-Vorleser folgte der Griechisch-Vorleser. Er ging durch die Septuaginta oder eine andere griechische Übersetzung, verglich sie mit dem Hebräischen und zeigte, wo sie sich davon unterschied. Manchmal verbesserte er die griechische Übersetzung, wobei er mit aufmerksamer Sorgfalt vorging. Zwingli selbst übte dieses Amt aus, solange er lebte… .

Die Worte, die auf Lateinisch, Griechisch und Hebräisch vorgelesen wurden, wurden mit äußerster Sorgfalt und tiefer Andacht ausgesprochen. Es wurde gezeigt, wie die Bibelstelle von den Kirchenvätern behandelt worden war, was die jüdischen Kommentatoren dazu sagten und was die katholischen. Es wurde gelehrt, wie die Bibelstelle mit der ganzen Schrift zusammenhing, welche hohe Bedeutung ihre Worte haben und was die Kraft ihres Inhalts und die Schönheit ihres Stils ist – kurz gefasst, es wurde die wahre Bedeutung ausgelegt, aber auch der Nutzen und der Gebrauch der Stelle aufgezeigt und wie eine Lektion des Glaubens, der Andacht, der Frömmigkeit, der Gerechtigkeit und der Treue aus ihr gezogen werden kann.

Zitiert aus Edwyn Bevan und Charles Singer, The Legacy of Israel (Oxford, 1927), Seite 345-347.


Dieser Artikel von Ray Ortlund erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.