Was ich gerne schon früher gewusst hätte: Reflektionen über 40 Jahre im Dienst

Diesen Artikel will ich aus zwei Gründen reflektierend schreiben:

Erstens, es ist der Beginn eines neuen Jahres. Das ist eine gute Möglichkeit zurückzuschauen und über all das nachzudenken, was der Herr getan hat.

Zweitens und vielleicht viel wichtiger ist, dass ich vor kurzem meinen sechzigsten Geburtstag gefeiert habe. Diese Tatsache ist für mich Freude und Überraschung zugleich – ich bin mir nicht sicher, wie ich dieses hohe Alter überhaupt erreichen konnte! Gott hat mich in seiner Gnade in meinen vierzig Jahren des vollzeitlichen Dienstes durchgetragen.

Während dieser Zeit war ich aktiv eingebunden oder verantwortlich für eine Reihe von Gemeindegründungen – einige davon waren erfolgreich und andere weniger erfolgreich. Nun ist die beste Zeit, darüber zu reflektieren, was ich gelernt habe. Meine Hoffnung ist, dass einige dieser Reflektionen hilfreich sein werden – nicht nur für diejenigen, die neu damit beginnen, sondern auch für diejenigen unter uns, die schon mehr Erfahrung gesammelt haben.

1. Konzentriere dich mehr auf das Leben als auf die Gemeindegründung.

Gemeindegründung verlangt eine robuste Ekklesiologie: Was ist die Gemeinde? Was bedeutet es, im Alltag als Volk Gottes zusammen zu leben, Tag für Tag, Jesus nachzufolgen und zu dienen, sodass sein Evangelium bekannt gemacht wird?

Seid die Gemeinde in eurem Kontext, damit die Art und Weise der Gemeindegründung ein Ausdruck der Gemeinde ist, die ihr seid und nicht der irgendeiner schwachen Struktur, die nicht zu dem angestrebten Ziel passt. Es kann passieren, dass man nach der Gründung eine Handvoll regelmäßiger Gottesdienstbesucher jeden Sonntag hat, aber dennoch schwach und ineffektiv ist.

Der Fokus muss darauf liegen, als Gottes Volk gemeinsam zu leben: ein Volk, das von Gottes Gnade ergriffen ist und begeistert von seiner Herrlichkeit, seine Wahrheit einander und einer verlorenen Welt täglich zuspricht. Wenn diese Dinge beständig geschehen, könnt ihr darüber nachdenken, wie die „Gemeindegründung“ aussehen kann.

2. Unterschätze nie die Wichtigkeit deines Kernteams.

Ein Kernteam schenkt das Gelingen oder Scheitern einer Gemeindegründung – denke also gut darüber nach, wen du rekrutieren willst. Vermeide Naivität und Kontrolle. Du willst eine Gruppe von Leuten, die dieselben Ziele verfolgen und nicht nur Hilfsmittel sind, sondern die dich vor allem in den Bereichen stark machen, in denen du schwach bist und dich ergänzen können.

Suche sie sorgfältig und betend aus. Mir ist das nicht immer so geglückt. Einige Male habe ich Leute nach Verfügbarkeit und Enthusiasmus ausgesucht, oder aus dem einfachen Grund, dass sie atmen. Glücklicherweise hat es manchmal trotzdem erstaunlich gut geklappt, doch manchmal fand es auch ein schlechtes Ende. Der Glaube an die Souveränität Gottes leugnet nicht umsichtiges Überlegen, auch wenn wir in der Wahrheit ruhen können, dass der Herr seine Gemeinde bauen wird, unabhängig von unseren Fähigkeiten und unserem Planen.

3. Frauen stehen genauso im Dienst für das Evangelium.

Ich bin Komplementarist – also jemand, der davon überzeugt ist, dass Männer und Frauen unterschiedliche Rollen haben – und deswegen glaube ich, dass wir Frauen brauchen, die ihre Berufung als Dienerinnen des Evangeliums erfüllen. Sie sind keine optionale oder zusätzliche Unterstützung; wir müssen Partner in dieser großen Aufgabe sein. Frauen können großartige Evangelisten, Bibellehrer, Mentoren, Organisatoren, Arbeiter und Leiter sein. Sie sind für eine Gemeindegründung genauso unverzichtbar wie für jede andere Gemeinde.

Eine der großen Freuden des Dienstes ist zu erleben, wie Frauen ausgebildet, mit Ressourcen ausgestattet, geschult und im Dienst eingesetzt werden. Ermutige und stärke die Frauen in deiner Gemeinde. Und nicht nur um im Kinderdienst zu dienen! Der ganze Leib Christi profitiert von Frauen, die die Gemeindekultur formen, beeinflussen und gestalten.

4. Kenne das Evangelium gut genug, dass dir Inkonsequenz vorgeworfen wird.

Als junger Mann, gerade erst im Dienst angefangen, war ich tief beeindruckt von Paulus Bereitschaft, dass Timotheus beschnitten wird, während er nicht wollte, dass Titus sich dem Messer aussetzt. Ich fing an zu verstehen, dass es in beiden Situationen um das Evangelium ging. Paulus war anpassungsfähig, aber nicht inkonsequent. Er war prinzipientreu, aber nicht pragmatisch. Doch Leute warfen ihm vor, ständig seine Meinung zu ändern.

Gemeindegründung hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, das Evangelium so zu verstehen, dass ich weder von Vorfällen abgelenkt, noch durch Ereignisse ins Wanken gerate oder von Zuschauern eingeschüchtert werde. Natürlich darf das Evangelium nicht verfälscht werden, doch hat es unterschiedliche Anwendungen in unterschiedlichen Situationen. Um dieser Berufung nachzukommen, müssen wir das Evangelium tief genug kennen, lieben und uns an ihm erfreuen, um es sowohl zu schützen als auch freizusetzen.

5. Verwechsle Gemeindewachstum nicht mit Evangeliumswachstum.

Natürlich gibt es einen Teil der Welt, auf den sich diese Aussage nicht anwenden lässt, doch ist sie dennoch wahr in einer Reihe von Kontexten: Es ist möglich, dass eine Gemeinde aus dem einfachen Grund wächst, weil sie existiert. Es ist sicherlich möglich zu wachsen, weil man hipper, moderner, auffallender, größer und lauter ist als andere Gemeinden drumherum.

Doch nicht jedes Wachstum ist gutes Wachstum; frag dazu einen Facharzt für Tumorkrankheiten. Gründe keine Gemeinde mit einem Auge darauf, was andere Gemeinden in deiner Umgebung machen. Es wäre weitaus besser an die Orte zu gehen ohne jegliches Evangeliumszeugnis und von Null anzufangen. Das Wachstum wird langsamer sein, ganz sicher, doch viel wahrscheinlicher wird es ein Evangeliumswachstum sein.

Meiner Erfahrung nach bedarf es keiner großen Kunst, ein zahlenmäßiges Gemeindewachstum herbeizusteuern. Doch eine Gemeinde zu gründen, die das Evangelium der Herrlichkeit Gottes durch ihr gemeinsames Leben als gerettete Sünder ausstrahlt? Das ist ein viel größeres, kostspieligeres und schöneres Projekt. Das ist unsere Berufung. Es lohnt sich, dafür Zeit zu nehmen, um über diese Arbeit nachzudenken – insbesondere am Anfang des neuen Jahres. Es zwingt uns in die Knie in Dankbarkeit gegenüber unserem großen Gott, der sich selbst demütigte, um diese zu vollenden.


Steve Timmis ist Leiter von Acts 29 und lebt in Sheffield, wo er einer der Ältesten der The Crowded House ist, einer Acts 29 Gemeinde. Er ist verheiratet mit Janet, und sie haben vier Kinder und 10 Enkelkinder. Er ist der Mitverfasser mehrerer Bücher. Dieser Artikel erschien zuerst bei TheGospelCoalitionÜbersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.