Was das Buch Richter die Kirche lehrt

Bild: Ligonier

Und als auch jene ganze Generation zu ihren Vätern versammelt war, kam eine andere Generation nach ihnen auf, die den HERRN nicht kannte noch die Werke, die er an Israel getan hatte. (Ri 2,10)

Es erscheint unfassbar, dass das passieren konnte. Nur eine Generation nach Josua kannte Israel den Herrn nicht mehr. Wie war solch eine Entwicklung möglich?

Das ist eine sehr wichtige Frage, nicht nur für die antiken Israeliten, sondern für uns. Auch Kirchen erleben zuweilen einen plötzlichen Verfall von einer Generation zur nächsten. Wie können wir diese Art von Katastrophe verstehen und verhindern?

Das Buch Richter gibt auf diese Frage eine klare Antwort. Die Antwort enthält nicht alle Dinge, die im Allgemeinen gesagt werden könnten, aber sie enthält spezifische, wesentliche Dinge, über die wir nachdenken müssen, um sowohl Israels Situation als auch unsere Gefahr zu verstehen.

Zunächst zeigt uns das Buch Richter, dass Israel in Probleme geriet, als sie sich von einem Leben im Glauben an das Wort Gottes wegbewegten hin zu einem Leben im Schauen auf die Weisheit und die Werte der Welt. Wie wir in Richter 2-3 sehen, verfiel Israel rapide in schwere Sünde und Ungehorsam, wobei sie den Statuen und Altären Baals dienten und sich mit denen verheirateten, die den Herrn nicht anbeteten. Götzendienst und Mischehe sind die schweren Sünden, vor denen Josua Israel wieder und wieder gewarnt hatte (Jos 23,6-13). Und aus gutem Grund, denn diese zwei Sünden hängen miteinander zusammen. Die eine führt zur anderen und unterstützt diese.

Dieser Verfall in Götzendienst und Mischehe geschah jedoch nicht über Nacht. Diese schweren Sünden waren das Endresultat verschiedener Kompromisse, die Israel früh gemacht hatte. Israel hatte dem Herrn zu Beginn des Buches Richter treu gedient, aber das änderte sich um Richter 1,19, wo wir lesen: „Und der HERR war mit Juda, so dass er das Bergland eroberte; aber die Bewohner der Ebene vertrieb er nicht aus ihrem Besitz, denn sie hatten eiserne Streitwagen.“ Es erscheint nicht so, als ob die Israeliten wirklich gegen die eisernen Streitwagen gekämpft und verloren hätten; stattdessen sieht es so aus, als ob sie die eisernen Streitwagen gesehen und sich dann entschlossen hätten, gar nicht erst zu kämpfen. Diese Entscheidung scheint sehr vernünftig und angemessen – für ein Volk, das im Schauen lebt. Eiserne Streitwagen waren die mächtigste militärische Waffe dieser Zeit.

Israel war jedoch dazu berufen, im Glauben auf das Wort Gottes zu leben. Das Wort Gottes war an sie durch Josua ergangen, der sagte: „Denn du sollst die Kanaaniter vertreiben, auch wenn sie eiserne Streitwagen haben und mächtig sind!“ (Jos 17,18). Später im Buch Richter sehen wir, wie Gott sein Versprechen hielt, denn Debora und Barak konnten Jabin, den König der Kanaaniter besiegen, obwohl dieser 900 eiserne Streitwagen hatte (Ri 4,3). Das Wort Gottes erinnert das Volk Gottes daran, dass Gott „keine Freude hat an der Stärke des Rosses, noch Gefallen an der Kraft des Mannes; der HERR hat Gefallen an denen, die ihn fürchten, die auf seine Gnade hoffen“ (Ps 147,10-11).

Wir können sehen, was falsch lief – im Schauen statt im Glauben zu leben – aber das erklärt nicht, warum die Dinge falsch liefen. Um das zu erfahren, müssen wir uns die Worte Josuas ansehen:

Josua aber sprach zum Volk: Ihr könnt dem HERRN nicht dienen; denn er ist ein heiliger Gott, ein eifersüchtiger Gott, der eure Übertretungen und Sünden nicht dulden wird. Wenn ihr den HERRN verlasst und fremden Göttern dient, so wird er sich von euch abwenden und euch Schlimmes antun und euch aufreiben, nachdem er euch Gutes getan hat. (Jos 24,19-20)

Warte mal, magst du vielleicht sagen. Wenn Israel es nicht konnte, wieso waren sie dann verantwortlich? In welchem Sinn konnten sie dem Herrn nicht dienen? Was meinte Josua mit diesen Worten? Er wollte nicht sagen, dass das Volk jeweils einzeln noch nicht von Neuem geboren und deshalb unfähig war. Er wollte auch nicht sagen, dass sie das Gesetz niemals vollständig halten würden und deshalb unfähig wären. Er scheint hier zu sagen, dass sie führungslos sein würden – ohne Mose, Josua oder die Ältesten, die sie überlebten – und würden so nicht in der Treue gegenüber dem Wort Gottes angeführt und geschützt werden.

Josua erkannte, dass Gott ihnen nicht einen weiteren Mose oder Josua geben würde. Er würde ihnen Richter geben, die Retter für sie sein würden (Ri 2,16). Aber diese Richter würden nur regionale und zeitweilige Führer sein. Die Lektion, die Gott Israel – und uns – auf verschiedenen Wegen im Buch Richter beibrachte, ist, dass das Volk einen guten und treuen König benötigte. Israels Problem war klar: „Zu jener Zeit gab es keinen König in Israel; jeder tat, was recht war in seinen Augen“ (Ri 17,6).

Israel musste ihr Bedürfnis für einen König erlernen und sich nach ihm sehnen – nicht ein König, wie die Nationen ihn haben, wovon Saul ein Beispiel war, sondern einen Mann nach Gottes Herzen, nämlich David. Aber selbst David konnte Gottes Volk letztlich nicht schützen und anführen. Er sündigte, sein Haus wurde aufteilt und er starb. Wer ist also der vollkommene, treue und unsterbliche Führer von Gottes Volk? Offensichtlich ist nur Jesus solch ein König.

Was ist demnach das Gegenmittel für die Kirche und ihre Probleme? Was wird die rettende Erkenntnis Gottes von Generation zu Generation bewahren? Es ist, dem König Jesus entsprechend, seinem Wort zu folgen. Wo die Kirche das nicht tut, wird sie sich, wie Israel, als unfähig erweisen, im Glauben statt im Schauen zu leben. Aber wo die Kirche sich zu Jesus wendet und Predigern folgt, die sein Wort treu verkündigen, wird sie vor ihm leben. Das Buch Richter ist ein Spiegel, der der Kirche vorgehalten wird und uns zwingt, uns zu fragen: „Ist Jesus unser König und leben wir im Glauben an sein Wort?“ Wenn die Antwort ja ist, dann wir die Kirche von Generation zu Generation den Herrn kennen.


Dieser Artikel von Robert Godfrey erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.