Warum du dich der falschen Gemeinde anschließen wirst

Der meist gelesene Artikel in der New York Times im Jahr 2016 hatte weder etwas mit Politik, Kulturkriegen noch mit Comicverfilmungen zu tun. Stattdessen behandelte er das Thema „Verbindlichkeit“. 

Der Artikel, mit dem Titel „Warum du die falsche Person heiraten wirst“, wurde von Alain de Botton verfasst. Darin zielt de Botton auf die Vorstellung unserer Kultur ab, dass die endgültige Grundlage einer verbindlichen Ehe romantische Zuneigung sei, diesem Gefühl der Zusammengehörigkeit, sodass die andere Person letztlich meine Bedürfnisse erfüllt und mich wirklich glücklich macht. 

Dies ist irreführend – das wissen wir alle- und zwar so sehr, dass de Botton prognostiziert, jede verheiratete Person wird irgendwann so ernstzunehmende Unzulänglichkeiten an ihrem Ehepartner entdecken, die sie schon bald fragen lassen: „Habe ich die falsche Person geheiratet?“ Er stellt humorvoll fest, dass die Beziehung in einer Ehe sich immer mehr von dem romantischen Knistern verabschiedet wie wenn „tobende Kinder…ihre Leidenschaft töten mit der ihre Beziehung begann“.

Die Gemeinde und unsere Kultur

Als ich de Botton’s Artikel las, musste ich feststellen, wie sehr unsere kulturell geprägte Vorstellung über Liebe und Verbindlichkeit sich in dem widerspiegelt, wie viele Christen Gemeindemitgliedschaft sehen. Zahlreiche zerbrochene Beziehungen zwischen Christen und ihren Gemeinden ähneln den Mustern der Scheidungskultur und ihren dazugehörigen Vorstellungen über Autorität, Liebe und der Frage, ob man zueinander passt.

Fast jeder Christ weiß, was es bedeutet, sich die Frage zu stellen, ob er sich der „richtigen Gemeinde“ angeschlossen hat. Nach einem ersten „Flitterwochen-Gefühl“ fangen wir an, die Probleme in unserer Gemeinde mehr zu sehen als ihre Stärken. Die Predigten scheinen zu intellektuell oder nicht intellektuell genug zu sein. Die Gemeinde setzt ihre Finanzen für Dienstbereiche ein, die nicht einmal das Eurozeichen in der Tabelle wert sind. Die Kleingruppen stillen unsere Bedürfnisse nicht in dem Maße, wie wir es uns erhofft haben.

Auf der persönlichen Ebene fangen die Nöte anderer Gemeindemitglieder an, unsere eigene Freiheit zunehmend einzuschränken. Einige Mitglieder sündigen gegen uns – ohne überhaupt nur zu ahnen, wie tief wir verletzt worden sind. Ohne uns dessen bewusst zu sein, fragen wir uns, ob unsere Gemeinde vor Ort wirklich der „richtige“ Platz für uns ist. Natürlich wissen wir, dass es keine perfekte Gemeinde gibt – das haben wir sogar den anderen Gemeindemitgliedern schon erzählt. Und doch müssen wir uns mit der quälenden Frage auseinander setzen: „Habe ich mich der falschen Gemeinde angeschlossen?“

„Ich habe mich der falschen Gemeinde angeschlossen“

Das Problem mit dieser Frage besteht darin, dass sie davon ausgeht, das Gemeindeleben darf nicht schwierig sein. Sie setzt voraus, dass das „Flitterwochen-Gefühl“ ewig Bestand haben soll oder dass etwas ziemlich schief gelaufen sein muss, wenn wir Enttäuschung  oder Verletzung durch andere Mitglieder oder durch die Gemeindeleitung erleben.

Doch diese Annahmen offenbaren eine tiefe und nicht durchdachte Abhängigkeit eines Konsumverhaltens: nur wenn die Vorteile einer Mitgliedschaft die Schwierigkeiten aufwiegen denken wir, dass es sich lohnt durchzuhalten. Bedauerlicherweise scheinen viele Christen in diesem Kreislauf gefangen zu sein, in dem es um eine Kosten-Nutzen-Analyse geht.

Ich habe festgestellt, dass Christen ihre Mitgliedschaft nicht beenden, weil sie sich über die Finanzplanung der Gemeinde aufregen oder weil sie mit einer bestimmten Ausrichtung nicht übereinstimmen. Christen verlassen stattdessen aus demselben Grund ihre Gemeinde wie andere Menschen ihre Ehen verlassen: aus einem Mangel an Tiefe und Zuneigung in der Beziehung. Viele Christen verlassen ihre Gemeinden, weil sie nicht mit der Gemeinde zurechtkommen oder die Beziehungen ihnen ein wenig zu trocken sind.

Persönliche Beziehungen jedoch sind nie als Grundlage für unsere Verbindlichkeit zu einer Gemeinde gedacht gewesen. Wenn wir Beziehungen als die Grundlage für unsere Zugehörigkeit ansehen, sind wir unweigerlich in dem Konsumverhalten und der bedürfnisorientierten Mentalität gefangen, die sich im Kern unserer Scheidungskultur befindet. Anstatt das Konsumverhalten hoch zu schätzen, verankert die Bibel unsere Mitgliedschaft in dem Gedanken eines Bundes, der eine ungleich bessere Alternative anbietet.

Ein Bund geht der Gemeinschaft voraus

Tim Keller schreibt in seinem Ehebuch, dass ein Bund „eine besondere Verbindung herstellt… eine Beziehung, die weit intimer und persönlicher ist als eine lediglich rechtmäßige Arbeitsbeziehung. Gleichzeitig ist solch eine Verbindung weit aus andauernder, verbindlicher und bedingungsloser als eine, die lediglich auf Gefühlen und Zuneigung basiert. Eine Bundesbeziehung ist eine atemberaubende Mischung aus Gesetz und Liebe.“

Wenn die Bibel von der Gemeinde spricht, tut sie es im Blick auf eine Bundesgemeinschaft. Gemeindemitglieder sind nicht einfach nur Teil einer Interessengemeinschaft. Sie sind durch ein heiliges Versprechen miteinander verbunden um aufeinander achtzuhaben, im Blick auf ihre Mitgliedschaft im Reich Gottes und ihrer Treue zu König Jesus (Matthäus 18,15-20). Das Neue Testament entfaltet die Details dieses heiligen Versprechens: Wir versammeln uns regelmäßig (Hebräer 10,24-25), wir tragen einander die Lasten und Nöte (Galater 6,2), wir ermutigen uns gegenseitig (Hebräer 3,12-14), wir beten füreinander (Jakobus 5,16) und vergeben einander (Kolosser 3,13). Für viele Gemeinden ist es hilfreich, diese biblischen Anweisungen in einer Gemeindevereinbarung (church covenant) festzuhalten, einer Liste von Versprechen, die Gemeindemitglieder einander geben, wenn sie Mitglieder werden wollen.

Diese Bundesverpflichtungen bilden die Grundlage für unsere Gemeindevereinbarung und sollten als Rückgrat des Gemeindelebens fungieren. Ein Bund geht der Gemeinschaft voraus. Wir können sogar sagen, dass ein Bund Gemeinschaft schafft. Die verbindlichen Versprechen, die sich die Mitglieder einander zusagen, lassen unsere Beziehungen so lebendig werden, wie es unsere Herzen ersehnen.

Wenn wir unsere Verbindlichkeit darin zum Ausdruck bringen, uns in einem Bund gegenseitige Versprechen zu geben, bedeutet das nicht, dass Beziehungen in der Gemeinde nichts weiter als eine leere Pflicht sind. Stattdessen ist die Verbindlichkeit die Nahrung, die unsere Beziehungen untereinander füttert. Je mehr wir uns nach unseren Versprechen richten, desto mehr werden unsere Beziehungen blühen und auch durch schwierige Zeiten tragen. Wie de Botton in seinem Artikel sehr scharfsinnig zum Ausdruck bringt: „Das Miteinander-Auskommen ist eine Errungenschaft der Liebe, nicht ihre Voraussetzung.“ Die Welt argumentiert dahin gehend, dass Zuneigung für Verbindlichkeit unbedingt erforderlich ist. Aber das biblische Bild zeigt das genaue Gegenteil: Verbindlichkeit und Dienen rufen die Liebe hervor.

Ich bin darüber erstaunt, wie sehr sich dieses Prinzip in meinem eigenen Leben wiederfinden lässt. Vor einigen Jahren bekam ein Ehepaar unserer Gemeinde ein Baby. Meine Frau und ich meldeten uns beim Dienstbereich für Mitgliederfürsorge, um ihnen Essen zu bringen. Unser Dienst war nicht in einer vorher existierenden Beziehung mit diesem Ehepaar verwurzelt. Wir kannten sie nur flüchtig. Wir wollten einfach unserer Verpflichtung der Gemeinde gegenüber treu sein, „einander unsere Lasten zu tragen“. Dieser Dienst jedoch entwickelte sich zu einer herzlichen Freundschaft zwischen unseren Familien. Wir hatten keine blühende Freundschaft erwartet, aber das passiert eben, wenn du dich an deine Versprechen in einem Bund hältst, sogar mit Menschen, die du nur flüchtig kennst.

Bundesbeziehungen tragen dich durch Leiden

Der Grund, warum Gott die wichtigsten Beziehungen in der Welt – wie die Ehe und die Gemeindemitgliedschaft – in einem Bund verankert, ist um sicherzustellen, dass sie gemeinsam durchs Feuer gehen können. Hast du schon mal bemerkt, wie traditionelle Eheversprechen dazu dienten, ein Ehepaar darin zu stärken, ihre Liebe zueinander mitten im Leiden zu zeigen? Ehepaare versprechen sich, sogar in „Armut“ und „Krankheit“ zusammenzuhalten, bis dass der Tod sie scheide.

Dieselbe Erwartung für zukünftige Anfechtungen kennzeichnen die Versprechen, die Gemeindemitglieder einander geben. Wir versprechen uns, „einander die Lasten zu tragen“ (Galater 6,2) und geduldig und vergebend mit den Sünden unserer Geschwister umzugehen, die uns ungerecht behandeln (Kolosser 3,13; Epheser 4,32). Wenn wir unsere Bundesverpflichtung zur Grundlage unserer Beziehungen in der Gemeinde machen, erwarten wir grobe Fehler und bereiten uns darauf vor, ihnen gottgemäß zu begegnen.

Während unsere Zuneigung zur Gemeinde und deren Mitglieder unbeständig sein kann und dann zerschlägt, sobald sich die Umstände ungünstig entwickeln, verblasst unsere Verpflichtung dem Bund gegenüber nicht. Wie es Keller ausdrückt: Ein Bund ist seinem Wesen nach auf die Zukunft ausgerichtet. Ein Bund „ist nicht die Bekanntgabe der gegenwärtigen Liebe, sondern ein beidseitig verbindliches Versprechen für die zukünftige Liebe.“  In gewisser Hinsicht liegt der wesentliche Punkt für einen Bund darin, uns einander Liebe und Treue für die schwierigen Zeiten zu versprechen. Auf diese Weise trägt uns ein Bund durch Leiden hindurch. Wie de Botton prägnant feststellt: „Die Frage, mit wem wir uns selbst verbinden, ist lediglich ein Herausfinden, für welche Art von Leiden wir uns am ehesten opfern würden.“

Zu deinem Besten, bleibe in der „falschen Gemeinde“

Sich einer Gemeinde anschließen – wie die Suche nach einem Ehepartner – kann entmutigend sein. Andere zu lieben lässt uns verwundbar sein und uns verbindlich einer Gemeinde anzuschließen lässt uns in die Nöte anderer Sünder eintauchen. Irgendwann wird es jeder Gemeinde gelingen, einen Weg unter unsere Oberfläche zu finden, uns frustriert sein zu lassen oder uns sogar zu verletzen – und wir werden dasselbe mit ihnen tun.

Unsere Beziehungen nehmen ab und wachsen genauso ist es mit unserer Zuneigung zur Gemeinde. Aber die Lösung besteht nicht darin, immer nach etwas besserem Ausschau zu halten. Stattdessen erneuern wir unsere Leidenschaft und entfachen wieder unser Zugehörigkeitsgefühl, indem wir uns an den Versprechen als Mitglieder festhalten – heilige Versprechen, die sogar die „falschen“ Leute zusammenhalten.


Sam Emadi ist Mitglied der Third Avenue Baptist Church in Louisville, Kentucky und im Doktoralprogramm für Bibelwissenschaft am Southern Baptist Theological Seminary. Der Artikel erschien zuerst bei 9Marks. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung