Vermeintliche Auslegungspredigten

Mark Dever beschreibt die Auslegungspredigt als eine Predigt, die den Hauptpunkt des Textes zum Hauptpunkt der Predigt macht. Ich habe schon einige Prediger gehört, die auslegend predigen wollten, es aber nicht geschafft haben. Ich habe für Sie sieben Fehler zusammengestellt, die man vermeiden sollte, wenn man auslegend predigen will. Jeder dieser Fehler führt dazu, dass entweder die Botschaft des Textes nicht zur Botschaft der Predigt wird oder die Botschaft überhaupt nicht auf die Gemeinde zugeschnitten ist.

1. Der Hauptpunkt des Textes wird missverstanden: Die haltlose Predigt

Eine haltlose Predigt liegt dort vor, wo der Prediger wahre oder auch unwahre Dinge sagt, die aber auf keinen Fall ihre Grundlage in dem gewählten Text haben. Das kann darauf zurückzuführen sein, dass ich mich nicht um den Inhalt des Text kümmere (z.B. eine Predigt über „Produktion, Antrieb und Inspiration“ anhand von 1. Thessalonicher 1,3 [NIV-Text], obwohl keines dieser Begriffe einen Bezug zum griechischen Text hat ) oder ich den Kontext nicht beachte (z.B. eine Predigt über David und Goliath, die danach fragt, wer „dein Goliath ist und welches die fünf Steine sind, die du brauchst, um ihn zu besiegen).

Wenn ein Prediger nicht bestrebt ist, sich die Botschaft der Predigt durch Gottes Wort vorgeben zu lassen, wird er fast automatisch das predigen, was ihm gefällt. Denn predigt jemand regelmäßig nicht auslegend, werden die Predigtthemen meist die Lieblingsthemen des Predigers sein. In dieser Weise wird die Gemeinde nicht mit dem ganzen Ratschluss Gottes konfrontiert. Was lernen wir also daraus? Prediger müssen alles dafür geben, den Text richtig zu verstehen, bevor sie anfangen, ihre Predigt zu schreiben. Es reicht nicht aus, den Text oberflächlich zu lesen. Prediger müssen Gott erlauben, die „Nahrung“ für seine Schafe zu bestimmen.

2. Der Hauptpunkt des Textes wird ignoriert: Die Sprungbrett-Predigt

Ähnlich zum Ergebnis des ersten Falls ist eine Predigt, in der der Prediger das Zentrum des Textes ermittelt hat, dieses aber nur gering beachtet und sich stattdessen den Rest der Predigt mit zweitrangigen Aspekten des Textes beschäftigt. Was er sagt, findet man auch im Text, aber es ist nicht die Hauptaussage des Textes (z.B. eine Predigt über Johannes 2, die sich hauptsächlich mit dem Umgang von Christen mit Alkohol beschäftigt).

3. Der Hauptpunkt des Textes wird nicht angewandt: Die exegetische Predigt

Einige Predigten, die vorgeben, auslegend zu sein, werden als langweilig und irrelevant abgetan - und zu Recht! Denn genauso gut könnte man einen exegetischen Kommentar vorlesen. Alles, was gesagt wird, steht in Übereinstimmung mit dem Text, aber es ist keine echte Predigt; es ist einfach nur eine technische Vorlesung in Bezug auf den Text. Durch so eine Predigt lernen die Zuhörer vielleicht viel über den paulinischen Gebrauch des Genetivus Absolutus, aber nur wenig über den Charakter Gottes oder das Wesen des menschlichen Herzens. Die einzige Anwendung geschieht in so einer Predigt in Bezug auf das Denken der Gemeinde. Eine echte Auslegungspredigt wird natürlich auch an das Denken appellieren, aber ist auch auf das Herz und den Willen des Menschen gerichtet.

4. Der Hauptpunkt des Textes wird auf die falsche Zuhörerschaft angewandt: Die irrelevante Predigt

Zu viele Predigten fördern Hochmut in der Gemeinde, weil man, bildlich gesprochen, Steine in den benachbarten Garten wirft. Entweder der Hauptpunkt des Textes wird nur auf Ungläubige angewandt (weil man unbewusst davon ausgeht, der Text habe der Gemeinde nichts zu sagen) oder die Anwendung bezieht sich nur auf Probleme, die in der adressierten Gemeinde gar nicht vorkommen. Die Folge davon ist, dass die Gemeinde eingebildet wird und wie die Pharisäer Gott dafür dankt, dass sie nicht so sind wie die anderen. Die Antwort auf solch eine Predigt sind nicht Buße und Glaube, sondern vielmehr Aussagen wie: „Ich hoffe, Frau Müller hat diese Predigt gehört!“ oder „Die Baptistengemeinde in der Stadt Y hätte diese Predigt dringend notwendig.“

5. Der Hauptpunkt des Textes wird falsch angewandt: Die unpassende Predigt

Manchmal wird die hermeneutische Lücke zwischen dem ursprünglichen Text und der gegenwärtigen Zuhörerschaft falsch verstanden, sodass die Anwendung des ursprünglichen Kontextes in falscher Weise in den gegenwärtigen Kontext übertragen wird. Wenn z.B. der Prediger keine biblische Theologie der Anbetung besitzt, könnte es sein, dass er Texte, die über den alttestamentlichen Tempel sprechen, fälschlicherweise auf Kirchengebäude anwendet, statt über die Erfüllung dessen in Christus und der Gemeinde zu sprechen.

6. Der Hauptpunkt des Textes wird von seiner Textgattung gelöst: Die dogmatische Predigt

Gott hat zu uns „vielfältig und auf vielerlei Weise“ gesprochen. Zu viele Prediger ignorieren die Textgattungen und predigen narrative Texte, Poesie, Briefe und Apokalyptik in derselben Art und Weise als aussagenlogische Statements. Natürlich muss jede Predigt Wahrheitsaussagen vermitteln, aber sie sollte nicht darauf reduziert werden. Der literarische Kontext des Textes sollte dazu führen, dass eine Predigt zu einem Text aus dem Hohelied anders klingt als eine Predigt zu Epheser 5. Die Texte könnten vielleicht dieselbe Aussage haben, aber sie vermitteln diese unterschiedlich. Das bedeutet also, dass die Vielfalt des Wortes Gottes durch die Predigt nicht ausgeklammert werden darf.

7. Der Hauptpunkt des Textes wird ohne Bezug zum Text gepredigt: Die verkürzte Predigt

Eine andere Predigt hat vielleicht wunderbare Anwendungen für das Denken, das Herz und den Willen. Und trotzdem wird die Gemeinde nicht verstehen, wie der Prediger von dem Text zu der Anwendung gekommen ist. Im Gegensatz zur exegetischen Predigt, zeigt sich in dieser Predigtform gar keine exegetische „Arbeit“. Das heißt: Obwohl der HERR die „Richtung“ des Textes festlegt, ist und bleibt der Prediger der einzige, der sich dieser Tatsache bewusst ist. Die Gemeinde wird später vielleicht von einer „wunderbaren“ Predigt sprechen, aber nicht von einem „wunderbaren Text der Hl. Schrift.“

Auslegungspredigt ist ungemein wichtig für das gesunde Wachstum einer Gemeinde, weil dadurch der gesamte Ratschluss Gottes verkündigt und angewandt werden kann. Möge der HERR die Prediger seines Wortes befähigen, sodass seiner Stimme Gehör und Gehorsam geschenkt wird.


Mike Gilbart-Smith, Expositional Imposters
© 9Marks Ministries
Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung