Schwärmerei als Ursünde: Luthers Sicht über Zweifel und Ablehnung von Gottes Wort als Wurzel der Sünde

Sie plaudern und schreiben die Welt voll, gerade als könnte der Geist nicht durch die Schrift oder das mündliche Wort der Apostel kommen. Aber durch ihre Schrift und Worte müsste er kommen.
– Martin Luther

Im Jahr 1537 verfasste Martin Luther auf Anordnung des Kurfürsten Johannes Friedrich I. (mithilfe von Mitstreitern und Freunden) ein Glaubensbekenntnis, von dem er sagte, dass es „öffentlich als das Bekenntnis unseres Glaubens vorgelegt und präsentiert werden sollte – sollte der Papst und seine Anhänger jemals so kühn sein, ein wirklich freies Kirchenkonzil einzuberufen“, als Antwort auf die Forderung von Papst Paul III. nach einem Konzil, die 1537 erging.1 Dieses Dokument, welches auf Deutsch geschrieben und später „Die Schmalkaldischen Artikel“ genannt wurde, war im Grunde eine Zusammenstellung von Gesprächspunkten für die evangelischen Fürsten des Schmalkaldischen Bundes, während sie sich darauf vorbereiteten, ihren Glauben auf einem Konzil zu bekennen, welches schließlich im Dezember 1545 zusammenkam.2

Ein Artikel war eine Reaktion auf die Notwendigkeit, das Gesetz zu predigen, um diejenigen Christen zur Buße zu rufen, die in Sünde gefallen waren, im Gegensatz zu den antinomischen Tendenzen eines von Luthers besten Schülern, Johann Agricola.3 Ein weiterer Artikel verteidigte das Wittenberger Verständnis von der Verortung der rettenden Kraft des Wortes in seinen gesprochenen, geschriebenen und sakramentalen Formen. Luther dachte hier an Thomas Müntzer, ein anderer Schüler, dessen spiritualistische Theologie seinen früheren Lehrer verärgert hatte, mindestens genauso viel wie seine Führungsrolle im Bauernkrieg von 1525. Luther verglich den Anspruch des Papstes, Zugang zur Wahrheit im Herzen des Papstes „über und gegen die Schrift oder das gesprochene Wort“ zu haben, mit Müntzers Alternative zum Vertrauen auf das äußerliche Wort. Er verglich diese Verachtung der äußerlichen Form von Gottes Wort mit der Ursünde im Garten Eden:

Das ist alles der alte Teufel und die alte Schlange, die Adam und Eva auch zu Enthusiasten machte, vom äußerlichen Wort Gottes auf Geisterei und Eigendünkel führte und es doch auch durch andere äußerliche Worte tat, gleichwie auch unsere Enthusiasten das äußerliche Wort verdammen, und doch sie selbst nicht schweigen, sondern die Welt vollplaudern und schreiben, gerade als könnte der Geist nicht durch die Schrift oder das mündliche Wort der Apostel kommen. Aber durch ihre Schrift und Worte müsste er kommen.4

Luther gebrauchte in diesem Fall das Wort Enthusiasten, welches aus dem Griechischen entlehnt ist und dort ekstatische religiöse Erfahrungen bezeichnet. Einige Jahre zuvor hatte er diesen Begriff ins Deutsche mit einer eigenen Konstruktion aus dem Verb „zu schwärmen“ übertragen, welches frei übersetzt „zu rasen“ bedeutet, woraus sich das Wort Schwärmer ergab.

Der Reformator prägte diesen Begriff, um Vorstellungen und Ideen zu beschreiben, die „schwärmten“ oder umherflogen wie Bienen. Er wurde zu einer polemischen Bezeichnung für all seine Gegner und im Laufe seines Wirkens setzte er ihn fortwährend ein, insbesondere für diejenigen, welche die richtige Ordnung von äußerlich und innerlich vertauschten. Als Konsequenz aus dem Irrtum teilten sie nicht sein Verständnis darüber, wie Gott durch das gesprochene und geschriebene Wort sowie durch beide Sakramente als Mittel der Gnade wirkt.5

Luthers Gleichsetzung der Ursünde mit Schwärmerei stammt von seinem Verständnis, dass Gott wahrhaftig gegenwärtig und wirksam ist in den Worten der Heiligen Schrift und der Verkündigung ihrer Botschaft, insbesondere in den Verheißungen von Vergebung, Leben und Errettung in den gesprochenen, geschriebenen und sakramentalen Formen seines Wortes.6 Daher erwählte Gott die Schriften ausgewählter Propheten und Apostel, um als oberste Autorität zu fungieren, damit die Botschaft übermittelt wird, die von der Wirklichkeit davon zeugt, wer er ist und zu wozu er seine menschlichen Geschöpfe gemacht hat. Weil Gottes Wort von seinem Wesen her aktiv ist – performant, (sogar mehr) schaffend und neuschaffend – kann jede andere Quelle menschlicher Wahrnehmung der Realität nur fehlleiten, wenn sie von dem abweicht, was Gott durch seine auserwählten menschlichen Mitautoren niedergeschrieben hat.7 Für Luther war das, was die Beziehung des Friedens und des Vertrauens zwischen dem Schöpfer und seinen menschlichen Geschöpfen beendet hat, genau die Ablehnung, seine Herrschaft anzuerkennen, indem man sein Wort anzweifelt. Dieser Zweifel macht die Ursünde aus, genauso wie Vertrauen die ursprüngliche Gerechtigkeit ausmachte, die die menschliche Seite der Beziehung zwischen Gott und Mensch bestimmte.

Drei Jahre bevor er die Definition der Ursünde in seinem Zusatz zu den Schmalkaldischen Artikeln schrieb, lehrte er über Genesis 3 und beschrieb, was geschah, als der Betrüger Adam und Eva gegenübertrat. Statt „den Stolz, die Sorglosigkeit oder einfach das Essen der Frucht“ zu betonen, beschrieb Luther die Ursünde – „die größte und schwerste aller Versuchungen“ – auf diese Weise:

Die Schlange richtet ihren Angriff auf Gottes guten Willen und konzentriert sich darauf, aus dem Verbot des Baumes nachzuweisen, dass Gottes Wille für den Menschen nicht gut ist. Deshalb greift sie das Bild Gottes und die höchsten Kräfte in der unverdorbenen Natur an. Sie versucht, die höchste Form der Anbetung, die Gott bestimmt hat, zu zerstören. Es ist daher vergeblich für uns, diese oder jene Sünde zu diskutieren. Eva wird schlichtweg zu allen Sünden gedrängt, weil sie gegen das Wort und den guten Willen Gottes gedrängt wird.8

Luther erklärt:

Satan stellt Adam und Eva hier die Frage auf solche Weise, um sie des Wortes zu berauben und sie seine Lüge glauben zu machen, nachdem sie das Wort und ihr Vertrauen auf Gott verloren haben. Ist es verwunderlich, dass wenn dies geschieht, die Menschen später stolz werden, Verachtung für Gott und andere Menschen haben, ein Ehebrecher oder Mörder werden? Ja, diese Versuchung ist die Summe aller Versuchungen. Sie bringt mit sich das Umstoßen und den Bruch der ganzen Zehn Gebote. Unglaube ist die Wurzel aller Sünden. Als Satan diesen Unglauben herbeiführte, indem er das Wort vertrieb oder verdrehte, war der Rest für ihn einfach.9

Luther beschreibt die Ursünde auf die traditionelle Weise: „Sünde kommt von diesem einen Menschen, Adam, durch dessen Ungehorsam alle Menschen zu Sündern sowie Tod und Teufel ausgesetzt wurden.“ Er nennt dies „Erbsünde“ oder „die Hauptsünde“. Seine Liste von Sünden folgt den Zehn Geboten, aber acht von den achtzehn spezifischen Beispielen stammen aus dem ersten Gebot: „Unglaube, falscher Glaube, Götzendienst, ohne Gottesfurcht zu sein, Vermessenheit, Verzweiflung, Blindheit und, kurz gesagt, Gott nicht zu kennen oder zu ehren“10, was Synonyme für den Zweifel und das Missachten von dem ist, was Gott Adam und Eva zu sagen hatte, und auf die der Professor in seinem Kommentar zur Genesis und seinen Bemerkungen zu Psalm 51 hinweist.

Luther glaubte, dass dieser Zweifel und dieses Missachten der Person des Schöpfers und dessen, was er den Menschen zu sagen hat, das Leben der Nachkommen Adams und Evas durchzieht, was durch eine ehrliche Beurteilung seines eigenen Lebens bestätigt wurde. Seine oft zitierten Beschwerden über die menschliche Vernunft, die er eine „Hure“ nannte, sowie weitere Kritiken,11 spiegeln nicht die ganze Meinung Luthers über das rationale Denken wider. Er erachtete es auch als eine gute Gabe Gottes, die notwendig ist, um die Berufungen zu erfüllen, die er den Menschen in dieser Welt gibt. Seine Ablehnung der Vernunft schloss nicht aus, sie als Diener im Studium der Schrift einzusetzen, aber er weigerte sich, der menschlichen Vernunft zu gestatten, festzulegen, wer Gott ist und was es heißt, ein Mensch zu sein. Er verband die Definition des Schöpfers mit der Definition des menschlichen Geschöpfs, und erkannte an, dass Gott in der Tat eine Person ist, die zwar die Fähigkeit seiner Geschöpfe übersteigt, ihn völlig zu verstehen (d.h. „der verborgene Gott“ oder Deus absconditus), der aber auch „der offenbarte Gott“ in der Schrift und in Jesus Christus ist (Deus revelatus).12 Jeder Versuch, Gott zu verstehen, jenseits seines offenbarten Willens, endet nur darin, dass die menschliche Vernunft ein Bild von Gott erfindet. Für Luther gab es keine brauchbare Darstellung Gottes jenseits von dem, was durch seine Beziehung zu seinen menschlichen Geschöpfen offenbart ist; auf gleiche Weise ist seine Definition von dem, was es heißt, Mensch zu sein, in der Beziehung zu Gott offenbart: keine anderen Götter vor ihm zu haben und „ihn vor allen Dingen zu fürchten, zu lieben und zu vertrauen.“13

Jeder Versuch, Gott zu definieren, losgelöst davon, wie er sich in der Schrift offenbart hat, trübt (wenn nicht gar zerstört) das wahre Verständnis eines Menschen von Gott. Jeder Versuch, zu interpretieren, was es heißt, Mensch zu sein, losgelöst davon, die Menschheit als auf die Stimme ihres Schöpfers hörend zu sehen, wie er sich in Jesus Christus offenbart hat, wird in einer Verzerrung von dem enden, was Gott im Garten Eden geschaffen hat. Die Definition des Aristoteles von einem „Menschen“ als animal rationale war für Luther ein fatales Missverständnis; denn ohne die Gegenwart des Gottes, der persönlich alle Dinge bewegt und antreibt, ist das menschliche Geschöpf fehlerhaft und scheiternd.14 Die Abwesenheit eines persönlichen Gottes in der Anthropologie des Aristoteles ordnete die Bewegung, die von dem unbewegten Beweger ausgeht, ewigen Gesetzen unter. Die Gesetze, die das menschliche Leben bestimmen, müssen von den Menschen erfasst werden, um ihre Handlungen und - in der Erweiterung - ihr eigenes Schicksal zu bestimmen. Luthers Ausbildung in der Schule Ockhams lehrte ihn, dass Gott Gesetz und Ordnung in dieser Welt entsprechend seines Willens geschaffen hat. In Luthers Einschätzung hatte zu viel von der scholastischen Theologie, die er erlernt hatte, versucht, die biblischen Definitionen der Wirklichkeit in eine aristotelische Zwangsjacke zu pressen.

Die aristotelische war nicht die einzige falsche Theorie der Wirklichkeit, der Luther begegnete: Müntzer und andere Schwärmer hatten mit gleichermaßen irreführenden Denkrahmen gearbeitet. Er erkannte, dass im Garten Eden der Teufel sich als der große Betrüger offenbart hatte, dessen Wesen es ist, zu lügen. Seine Fehldarstellung darüber, wer Gott ist und was es heißt, ein Mensch zu sein, liegt im Herzen seines mörderischen Betrugs, wie Jesus in Johannes 8,44 anmerkte. Seine Mittel, um das menschliche Vertrauen auf Gott anzugreifen, sind vielfältig; die Gläubigen sind andauernd mit Angriffen auf das Wort in verschiedenen Formen konfrontiert: Manche nehmen die Form eines direkten Widerspruchs an und andere die Form subtiler Verdrehung von dem, was Gott in der Schrift sagt, sodass die Frommen in ihrer eigenen Wahrnehmung und der Wahrnehmung anderer fromm bleiben können, während sie ihre Ohren gegenüber Gott verschließen.

Luthers Herausforderung durch die Schwärmerei hat ihre Wurzeln in einer Art mittelalterlicher Reformbewegung, die gelegentlich während der fünfhundert Jahre vor der Reformation auftauchte. Diese Bewegungen sahen die Bibel gewöhnlich als einen moralistischen Pfad zur Errettung (statt eines Pfades der heiligen, religiösen Gemeinschaft durch die Sakramente) und lehnten den Gebrauch des Kirchenrechts und der Tradition neben der Schrift ab. Sie waren antiklerikal (denn die Sakramente und die Hierarchie waren eng verwoben) und prämillennial, da sie den unmittelbaren Anbruch des Reiches Christi erwarteten.

Es war dieser Geist, der die sogenannten Zwickauer Propheten antrieb, die nach Wittenberg kamen, als Luther auf der Wartburg war im Jahr 1521-22, und die behaupteten, dass sie besondere Offenbarung direkt vom Heiligen Geist empfangen hatten, wodurch die Notwendigkeit aufgehoben wurde, auf das Zeugnis der Schrift zu hören. Als Luthers Kollege in der Theologiefakultät in Wittenberg, Andreas Bodenstein von Karlstadt, anfing, manche ihrer Überzeugungen zu teilen und sich für eine schnelle und radikale Reform einzusetzen, reagierte Luther mit Entsetzen.15 Er fühlte sich persönlich von einem guten Freund verraten. „Doktor Andreas Karlstadt ist von uns abgefallen, dazu unser ärgster Feind geworden“, erklärte Luther zu Beginn seiner Schrift Wider die himmlischen Propheten (1525).16 Karlstadts Ablehnung der Realpräsens von Christi Leib und Blut, seine Zerstörung von Kunstwerken in den Kirchen sowie sein Vertrauen auf das Verrichten vieler Aspekte des mosaischen Zeremonialgesetzes verletzten Luthers Verständnis von dem, was Gott in der Schrift offenbart hatte.

Luther kritisierte auch, dass er sich nicht dem geschriebenen Wort Gottes unterordnete, sondern auf innere Offenbarung vertraute. Luther betonte die Notwendigkeit, die Beziehung zwischen dem äußeren Handeln Gottes und seinem inneren Handeln zu beachten, wodurch er Vertrauen auf die Verheißungen Christi bewirkt:

So nun Gott sein heiliges Evangelium hat lassen ausgehen, handelt er mit uns auf zweierlei Weise: einmal äußerlich, das andermal innerlich. Äußerlich handelt er mit uns durchs mündliche Wort des Evangelii und durch leibliche Zeichen, als da ist Taufe und Sakrament. Innerlich handelt er mit uns durch den Heiligen Geist und Glauben samt andern Gaben; aber das alles der Maßen und der Ordnung, dass die äußerlichen Stücke sollen und müssen vorgehen, und die innerlichen hernach und durch die äußerlichen kommen, also dass ers beschlossen hat, keinem Menschen die innerlichen Stücke zu geben ohne durch die äußerlichen Stücke.

Luther weist darauf hin, dass Christus in Lukas 16,29 die Lebenden lediglich auf Mose und die Propheten verweist. In Titus 3,5 sagt Paulus, dass die Taufverheißung, die im Bad der Wiedergeburt inbegriffen ist, Gottes Mittel darstellt, um den Heiligen Geist reichlich auszugießen. In Römer 1,16 erklärt Paulus, dass die Verkündigung des Evangeliums „Gottes Kraft ist zur Errettung für jeden, der glaubt“.17

Indem sie einen direkten Zugang zu Gott unterstellten, folgten die Anhänger Karlstadts einem Pfad, den Luther gut aus den mystischen Schriften monastischer Frömmigkeit kannte, die so viel zu seiner eigenen Entwicklung beigetragen hatten.18 Er gebrauchte die Sprache der Tradition von Johannes Tauler, dessen Werk er größtenteils sehr schätzte, um die Menschen in Karlstadts Lager zu identifizieren, dass sie nach einer Erfahrung der „Selbstabstraktion“ strebten:

Wenn man sie aber fragt: „Wie kommt man denn zu demselbigen hohen Geist hinein?“, so weisen sie dich nicht aufs äußerliche Evangelium, sondern in's Schlaraffenland, und sagen: „Stehe in der ‚Langeweile‘, wie ich gestanden bin, so wirst du es auch erfahren; da wird die himmlische Stimme kommen und Gott selbst mit dir reden.“

Weiteres Nachfragen, was dieser Zustand bewirkt, liefert keine Antwort. Luther appelliert an seine Leser:

Siehst du da den Teufel, den Feind göttlicher Ordnung? Wie er dir mit den Worten „Geist, Geist, Geist“ das Maul aufsperrt und doch dieweil beide, Brücken, Steg und Weg, Leiter und alles, umreißt, dadurch der Geist zu dir kommen soll, nämlich die äußerlichen Ordnungen Gottes in der leiblichen Taufe, Zeichen und mündlichen Wort Gottes, und will dich lehren, nicht wie der Geist zu dir, sondern wie du zum Geist kommen sollst, dass du sollst lernen auf den Wolken fahren und auf dem Winde reiten; und sagen doch nicht, wie oder wenn, wo oder was, sondern sollst's erfahren selbst wie sie.

Das Resultat der Schöpfung ihres eigenen innerlichen Geistes ist, dass sie eine gesetzliche äußerliche Ordnung schaffen müssen, wobei sie biblische Worte gebrauchen.19 Dagegen argumentiert Luther: „Wo die Schrift die Grundlage des Glaubens ist, dürfen wir nicht von den Worten, so wie sie dastehen oder in der Ordnung, in der sie stehen, abweichen, außer wenn ein ausdrücklicher Glaubensartikel uns zu einer anderen Interpretation oder Ordnung zwingt.“20 Was diese Aussage unterstellt, ist, dass Glaubensartikel aus biblischen Texten abgeleitet werden und dass sie den klaren Konsens der biblischen Autoren widerspiegeln, wodurch die Interpretation einzelner Bibelstellen unterstützt wird. Dies bedeutet für Luther, dass „Glauben nicht auf Gewissheit ruhen sollte oder darf, nicht auf Satzzeichen oder Klein- und Großschreibung. Glaube muss klare, bestimmte Stellen und deutliche Worte der Schrift als Grundlage haben.“21

Sogar bevor er die Schwärmerei in Mitteldeutschland herausforderte, erkannte Luther, dass Christen auf einem eschatologischen Schlachtfeld leben, wo der Teufel alle Arten von „Schlichen und Tücken“ einsetzt, um Menschen zu verführen und einzufangen. „Selbst, wenn du an einer Stelle gut gewappnet bist, schlägt er dich an einer anderen Stelle. … Er hört nie auf, sondern geht umher und lässt dir nirgends Ruhe.“ In seiner Predigt aus dem Jahr 1523 über 1. Petrus 5,8-9 mahnt Luther:

Das wahre Schwert ist dein starker und fester Glaube. Wenn du Gottes Wort in deinem Herzen ergreifst und im Glauben festhältst, kann der Teufel nicht gewinnen, sondern muss fliehen. Wenn du sagen kannst: „Das ist, was Gott gesagt hat und darauf stehe ich“, wirst du sehen, dass der Teufel bald verschwindet. Dann wird Trotz, böse Lust, Wut, Gier, Melancholie und Zweifel allesamt verschwinden. Aber der Teufel ist tückisch und nicht willig, dass dir dies gelingt. Er versucht, das Schwert aus deiner Hand zu reißen. Wenn er dich faul macht, sodass der Leib träge wird und zur Widerspenstigkeit neigt, dann reißt er das Schwert alsbald aus deiner Hand, wie er es bei Eva tat. Sie hatte Gottes Wort. Wenn sie daran festgehalten hätte, wäre sie nicht gefallen.22

Der Teufel kommt als ein Engel des Lichts (2Kor 11,14), indem er Sinn zu machen und weise erscheint, wobei er die Gläubigen blendet als ein strahlender, schneeweißer Prediger der Wahrheit.23 Das Gegenmittel gegen solches Gift wird in der Rückkehr zum Text der Schrift gefunden. Zu Beginn seiner Predigt über das Gleichnis vom Hochzeitsmahl (Lk 14,16-24) gebraucht Luther einfache Veranschaulichungen, um seine Hörer daran zu erinnern, dass „wer gegen den Teufel ankämpfen möchte, der darf nicht zögern und hin und her wanken, sondern muss sich seiner Sache sicher und gewappnet sein mit klaren, gewissen schriftlichen Dokumenten, denn wenn der Teufel ihn mit seiner Gabel aufspießen sollte, aufgrund seiner unsicheren Meinungen, werde er ihn dann hin und her werfen wie der Wind ein trockenes Laubblatt.“24

Während er über Epheser 6 im Jahre 1531 predigte, sagte Luther seiner Wittenberger Gemeinde, dass der Teufel in die Flucht geschlagen werden kann

vor allem, wenn das Wort öffentlich von der Kanzel gepredigt wird, aber es soll auch jeder Christ einzeln oder mit anderen das Wort hören, lesen, singen, sprechen und darüber nachsinnen. Denn es hat Kraft, wenn es klar und rein verkündigt und gebraucht wird, fleißig gelernt und ernsthaft darüber nachgesinnt wird. Der Satan oder jeder Teufel können bleiben. Denn das Wort offenbart seinen Betrug und Schurkerei, wodurch er Menschen betrügt, mit der Absicht, falsches Vertrauen oder falschen Glauben, Traurigkeit oder Verzweiflung zu bewirken. Denn das Wort offenbart den Herrn Christus, den er kreuzigte, aber er stieß mit Christus zusammen und verbrannte sich, denn Christus zertrat ihm den Kopf. Deshalb hat er Angst und flieht aus seiner Gegenwart. Dadurch wird ihm großer Schaden zugefügt, ihm viele Seelen entwendet und sein Reich geschwächt und zerstört. Dieses Wort von (oder abgeleitet von) der Schrift ist „Gottes Macht und Stärke“.25

Luther erklärte nie das Geheimnis des Fortbestehens von der Sünde und dem Bösen im Leben der Getauften. Stattdessen riet er, die Wurzelsünde zu bekämpfen, die der Ursprung aller anderen Sünden ist – Zweifel und Widerstand gegen Gottes Wort – mit dem Schwert des Geistes: das wahrhaftige Wort Gottes in all seinen abgeleiteten Erscheinungsformen in den gesprochenen, geschriebenen und sakramentalen Formen. Dieser Zweifel und Widerstand gegen Gottes Wort waren schon durch den päpstlichen Anspruch auf das Recht der endgültigen Interpretation gekommen, und sie kamen jetzt in der Behauptung der Spiritualisten von einem innerlichen Wort unabhängig von Gottes erwähltem Offenbarungsweg in der Schrift. Für Luther war jede Ablehnung der alleinigen Autorität des biblischen Texts ein fundamentaler Irrtum, aus dem alle anderen Sünden entsprangen. Gegen diese Wurzel der Sünde, so glaubte Luther, hat Gottes Wort für immer Bestand.


Robert Kolb ist emeritierter Professor für systematische Theologie am Concordia Seminary, St. Louis, Missouri und Autor von Martin Luther and the Enduring Word of God: The Wittenberg School and Its Scripture-Centered Proclamation (Baker Academic, 2016). Dieser Artikel erschien zuerst bei The White Horse Inn. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.

1 Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche, hrsg. von Irene Dingel (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2014), 770/771, 24-30 (hernach zitiert als BSELK); The Book of Concord, hrsg. von Robert Kolb und Timothy J. Wengert (Minneapolis: Fortress, 2000), 297 (hernach zitiert als BC).

2 Dass dieses Dokument nicht zur öffentlichen Präsentation gedacht war, wird aus dem Fakt deutlich, dass es auf Deutsch verfasst wurde. Es war als Gesprächsgrundlage für die evangelischen Fürsten des Schmalkaldischen Bundes gedacht, wenn sie ihre Theologen, die delegiert wurden, um an dem Konzil teilzunehmen, instruieren würden.

3 BSELK 764/765, 13-33; BC 318-19. Über Agricola, siehe Timothy J. Wengert: Law and Gospel: Philip Melanchton’s Debate with Johann Agricola of Eisleben over Poenitentia (Grand Rapids / Carlisle: Baker / Paternoster, 1997); und auch Joachim Rooge: Johann Agricolas Lutherverständnis (Berlin: Evangelische Verlagsanstalt, 1960); Steffen Kjellgaard-Pedersen: Gesetz, Evangelium und Buße: Theologiegeschichtliche Studien zum Verhältnis zwischen dem jungen Johann Agricola (Eisleben) und Martin Luther (Leiden: Brill, 1983); Ernst Koch: „Johann Agricola neben Luther: Schülerschaft und theologische Eigenart“ in Lutheriana, hrsg. von Gerhard Hammer und Karl-Heinz zur Mühlen (Köln: Böhlau, 1984), 131-50.

4 BSELK 770, 24-30; BC 322.

5 „Luther and the Schwärmer“, in The Oxford Handbook of Martin Luther’s Theologie, hrsg. von Robert Kolb, Irene Dingel und Lubomir Batka (Oxford: Oxford University Press, 2014), 512.

6 Robert Kolb, Martin Luther and the Enduring Word of God: The Wittenberg School and Its Scripture-Centered Proclamation (Grand Rapids: Baker Academic, 2016), 75-97.

7 Kolb, 54-74.

8 D. Martin Luthers Werke (Weimar: Böhlau, 1883-1993), 42:110, 5-15 (hernach zitiert als WA); Luther’s Works (St. Louis / Philadelphia: Concordia / Fortress, 1958-86), 1:146 (hernach zitiert als LW); vgl. Robert Kolb, „The Lutheran Doctrine of Original Sin“, in Adam, the Fall, and Original Sin, hrsg. von Hans Madueme und Michael Reeves (Grand Rapids: Baker Academic, 2014), 109-27; und idem, “Martin Luther”, in T & T Clark Companion to the Doctrine of Sin, hrsg. von Keith L. Johnson und David Lauber (London: Bloomsbury, 2016), 217-33.

9 WA 42:110, 38-111, 35; LW 1:147.

10 BSELK 746, 17-24; BC 310.

11 Brian Gerrish, Grace and Reason: A Study in the Theology of Luther (Oxford: Clarendon, 1962); Theodor Dieter, “Luther as Late Medieval Theologian, His Positive and Negative Use of Nominalism and Realism”, in The Oxford Handbook, 31-48.

12 Steven Paulson, „Luther’s Doctrine of God“, in The Oxford Handbook, 187-200.

13 BSELK 862/863, 6-10; BC 351.

14 Notger Slenczka, „Luther’s Anthropology“, in  The Oxford Handbook, 212-17.

15 Amy Nelson Burnett, Karlstadt and the Origins of the Eucharistic Controversy: A Study in the Circulation of Ideas (New York: Oxford University Press, 2011).

16 WA 18:62, 6-7; LW 40:79.

17 WA 18:136, 9-23; LW 40:146.

18 Volker Leppin, „Luther’s Roots in Monastic-Mystical Piety”, in The Oxford Handbook, 49-61.

19 WA 18:137, 5-19; LW 40:147.

20 WA 18:147, 12-26; LW 40:157.

21 WA 18:150, 7-9; LW 40:160.

22 WA 12:395, 7-396, 20; LW 30:141-42.

23 WA 34, 2:381, 33-382, 24.

24 WA 12:598, 9-13; Sermons of Martin Luther (the Church Postil), hrsg. und übersetzt von John Nicholas Lenker (1905; Neudruck Grand Rapids: Baker, 1983), 4:33.

25 WA 34, 2:405, 4-32. Siehe Robert Kolb, „The Armor of God and the Might of His Strength. Luther’s Sermon on Ephesians 6 (1531/1533)”, Concordia Journal (2017): 59-73.