Rezension: What is the Meaning of Sex? (Denny Burk)

Denny Burk. What Is The Meaning of Sex? Crossway: Wheaton, 2013. 272 Seiten. Euro 7,81 (Kindle-Edition).

Noch ein Buch zum Thema Sex?

What is the Meaning of Sex?Das Buch ist im reformierten Umfeld der USA mit Vorschusslorbeeren bedacht worden. Einerseits sind die Erwartungen durch den Titel hochgeschraubt. Der zweite Gedanke relativiert diese Erwartungen: Ist nicht schon alles zu diesem Thema gesagt worden? Der US-amerikanische Denny Burk, Professor für Biblische Studien und Ethik, legt mit diesem Buch seinen Erstling vor. (Ich folge seinem Blog sporadisch. Er betätigt sich auch als eifriger Twitterer. Jedenfalls scheut er die Kontroversen nicht. Das gefällt mir besonders.)

In der Einleitung bespricht er mehrere wichtige Dinge.

Zuerst lässt er sich in die Karten blicken und nennt seinen geistlichen Vater John Piper als wesentlichen Impulsgeber. (“God is most glorified in us when we are most satisfied in him. That theocentric perspective shaped my thinking through years of listening to Piper’s Bible-saturated messages.”) Die einzelnen Kapitel sind denn mit dem Aufruf „Glorify God with…“ (verherrliche Gott mit…) eingeleitet.

Zweitens kommentiert er die Art und Weise des Buches. Es ist nicht in erster Linie mit apologetischem, sondern mit biblischem Fokus geschrieben worden („this book is biblical, not philosophical“). Den exegetischen und biblisch-theologischen Fragestellungen wird Vorrang eingeräumt. (Man blicke nur einmal in das Fußnotenverzeichnis; es widerspiegelt diese Absicht.)

Drittens erklärt er den Umfang des Buches. Es enthält nicht nur Kapitel zur Sexualität im engeren Sinne, sondern greift eine breite Palette von Fragen aus der Sexualethik auf: Körper, Ehe, Geschlechtsakt, Familienplanung, Gender, Homosexualität, Singlesein.

Viertens stellt Burk eine leitende These für das Buch vor. Er unterscheidet zwischen vier unmittelbaren Zielen der Sexualität (er nennt insbesondere: Sexuelle Vereinigung, Vermehrung, Liebe, Vergnügen) und dem übergeordneten Ziel: Alles soll zur Ehre Gottes geschehen. Diese Leitlinie hilft an manchen kritischen Stellen beim Einnehmen einer Metaperspektive. Vielleicht wird gerade darin der Einfluss Pipers am deutlichsten spürbar. (Abgesehen davon ist es interessant zu verfolgen, wie eine Generation nach Piper dessen Theologie aufgreift und weiter entwickelt.)

Fünftens benennt er einen klaren Aufhänger für das Buch: In der Debatte nach einem Vortrag, bei der ihm der Fall von „Intersex“ (Geschlecht des Kindes nicht bestimmbar) vorgestellt wurde, realisierte er, dass ihm zu einer angemessenen Beantwortung das nötige Rüstzeug fehlte. Das Buch ist in diesem Sinn das Resultat erledigter Hausaufgaben.

Sechstens warnt er seine Leser: Dieses Buch ist an Sünder geschrieben – nicht an solche, die meinen, aus eigener Kraft ein heiliges Leben anstreben zu können.

Siebtens gibt Burke seinen meta-ethischen Ansatz bekannt: Die Entwicklung des Charakters (Charakterethik) unter Beachtung der göttlichen Anordnungen (deotologische Ethik) mit dem Ziel der Verherrlichung Gottes (teleologische Ethik).

Standpunkte

Es dürfte den potenziellen Leser des Buches interessieren zu erfahren, auf welche Standpunkte sich Burk stellt. Natürlich verrate ich nicht alles!

Gott mit dem Körper verherrlichen (1Kor 6,12-20)

Paulus identifiziert die sündige Tat wie auch die dahinterliegende Theologie bzw. Weltsicht.

Er stellt nicht in Frage, dass der Körper für den Sex gemacht ist (ein unmittelbares Ziel), aber er stellt dies in den weiteren Zusammenhang: Der Körper besteht für den Herrn (das ultimative Ziel).

Paulus gründet seine Sexualethik auf Gen 2,24. Er bezieht sich nie auf Könige wie David oder Abraham oder die Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob, die alle mehrere Frauen hatten.

Die Beobachtung der Natur genügte nicht, sondern musste durch die biblische Sicht des Evangeliums ergänzt werden.

Gott mit der Hermeneutik verherrlichen

Schon gehört? Jesus hat die Homosexualität nirgends ausdrücklich verboten. Auf diese Art wird Paulus gegen Jesus ausgespielt.

Burk hält dagegen: Jesus bestätigte den Ehebund eines Mannes mit einer Frau als den einzigen normativen Ausdruck menschlicher Sexualität.

Das hermeneutische Problem: “Red letters” (einzelne Aussagen) werden gegen “black letters” (den Rest des Bibeltextes) ausgespielt. Doch auch die „black letters“ sind vom Geist Christi inspiriert!

Gott mit der Ehe verherrlichen

Jesus und Paulus blicken ohne Ausnahme auf das vor dem Sündenfall gültige Modell der Einehe als Norm der menschlichen Sexualität und der Ehe zurück.

Der eheliche Verkehr kann nicht nur den momentanen Akt meinen, der das flüchtige menschliche Begehren erfüllt, sondern weist auf die geheimnisvolle, dauernde Einheit zwischen Mann und Frau hin. Zudem symbolisiert er die exklusive Verbindung von Christus zu seiner Braut.

Gott mit der ehelichen Vereinigung verherrlichen

Paulus lehrt nicht nur, dass Paare regelmässig zur ehelichen Vereinigung zusammentreffen können, sondern dass sie es müssen. Sexuelle Intimität ist nicht nur Vorrecht, sondern auch Pflicht der Ehe. Sie ist ein Grundstein für geistliche und emotionale Vitalität in der Ehe.

Gott mit der Familienplanung verherrlichen

Christen müssen die Verhütungs-Mentalität zurückweisen, welche Schwangerschaft und Kinder als zu vermeidende Übel stigmatisiert.

Sexuelles Vergnügen ohne Offenheit für Kinder zu praktizieren bedeutet ein heiliges Vermächtnis zu gefährden. (Albert Mohler)

Nur vorbeugende Methoden der Verhütung können für Christen in Frage kommen.

Gott mit dem Geschlecht verherrlichen

Die Familie ist in der Krise, weil die westliche Welt vergessen hat, dass der Mensch in Gottes Bild als Mann und Frau geschaffen worden ist.

Männlich und weiblich sind nicht länger Schöpfungskategorien, sondern kulturell anerzogene Identitäten.

Mann und Frau sind gleichermaßen Bildträger Gottes, sondern sie sind ungleich in ihrer sozialen Rolle. (Burk ist ein Vertreter des Complementarianism.)

Gott mit deiner Sexualität verherrlichen

Weil „Gay = gut“, kann die Gesellschaft die nicht länger tolerieren, die das in Abrede stellen. Die Haltung in dieser Frage wird zum Litmustest für die Teilnahme am öffentlichen Leben.

Argument der progressiven Evangelikalen: Traditionelle Evangelikale brauchen ein gemeinsames Feindbild, gegen das sie sich einschießen können.

Das Neue Testament trägt eine normative, universell bindende Ethik vor. Deshalb können Christen zu diesem Thema nicht schweigen.

Gott als Single verherrlichen

Paulus zog das Single-Dasein der Heirat vor. Aber er sagte auch, dass dieses Leben nicht für alle ist.

Die neuen Generationen verzögern Heirat und Kinder-bekommen, und sie ziehen die Sexualität vor.

Wir sind berufen reine Hände und ein reines Herz zu haben (Ps 24,4).

Bedenkenswert

Neben den konkreten inhaltlichen Stellungnahmen führe ich einige weitere Gedankenanstöße auf.

  • Burk nennt die Ehe seiner Eltern als wichtigen und prägenden Orientierungspunkt seiner eigenen Sexualethik. Das ließ mich meiner eigenen Verantwortung gegenüber meinen Söhnen bewusst werden.
  • Leider schweigen viele Pastoren und Lehrer still, wenn es um die Demarkationslinien der kulturellen Auseinandersetzung geht. Sexualethische Themen werden ausgeblendet und übergangen.
  • Weil Sünder oft alleine sexuelles Vergnügen (also ein unmittelbares Ziel) verfolgen, entstand im Gegenzug die Schlussfolgerung, dass Vergnügen an sich ein fleischliches, ungöttliches Anliegen darstellt.
  • Zu rationalisieren heißt in den Gedanken Gründe zuzulassen, von denen das Gewissen weiß, dass sie falsch sind.
  • Leider haben die Kirchen sehr wenig gesagt, als die Scheidung ohne triftigen Grund (no-fault divorce) gesetzlich eingeführt wurde (USA, 1969). Sie hatten auch wenig entgegen zu setzen, als diese Form der Scheidung zur Normalität in unseren eigenen Reihen wurde.
  • Kein Ereignis seit dem Sündenfall war so prägend für das Verhältnis zwischen den Geschlechtern wie der Siegeszug der modernen Verhütung.
  • Pornografie degradiert Frauen; regt sündige Lust an; bringt Perversionen hervor; macht abhängig; erschwert eheliche Intimität.

Fazit

Das Buch berührt alle wesentlichen Fragen. Burk hütet sich vor billigen Ratschlägen, stattdessen entwickelt er anhand der Bibel Prinzipien. Das Buch ist ausführlich genug, aber es ist nicht zu lang. Es ist unabdingbar, über diese Fragen nachzudenken, wenn wir eine vom Evangelium geprägte Gegenkultur leben wollen. Mein Wunsch: Dieses Buch müsste übersetzt werden.

Hanniel Strebel