Luther über die Freiheit und Knechtschaft des Willens

Als Luther die Santa Scala 1510 in Rom auf seinen Knien erklomm, war die wichtigste Sache in seinem Denken die Möglichkeit der Errettung. Die entfernteste Sache in seinem Denken war die Gewissheit der Errettung, und das deshalb, weil bis dato die einzige Theologie der Errettung, die er kannte, ihm lehrte, auf zwei Dinge zu bauen: die Freiheit des menschlichen Willens und die Notwendigkeit menschlicher Kooperation mit der Gnade, um die Errettung zu erlangen. Fünfzehn Jahre später, im Jahr 1522, hatte sich Luthers Verständnis der Errettung vollkommen gewandelt und er veröffentlichte ein Buch, welches die Landschaft des westlichen Christentums veränderte: Vom unfreien Willen.

Der Hintergrund

Luther war nicht der erste, der die freie, souveräne Gnade Gottes entdeckte. Im Afrika des fünften Jahrhunderts rang Augustinus mit den Lehren von Pelagius und erkannte, dass Sünde zum Tod und menschlicher Unfähigkeit führt und dass Gnade frei und souverän ist. In den dazwischenliegenden Jahrhunderten gab es Stimmen, die diese Botschaft lebendig hielten, aber sie waren in der Minderheit.

Als Student erlernte Luther eine Theologie, welche die Auswirkungen der Sünde auf Wegen herunterspielte, die Pelagius Freude gemacht hätten. Seine Lehrer vertraten die Ansicht, dass Gott verheißen hat, Vollkommenheit denen zuzurechnen, die ihr Bestes geben und dass die Menschen, selbst nach dem Sündenfall, die Fähigkeit in sich tragen, zu tun, was Gottes Gesetz verlangt.

Im folgenden Jahrhundert gab es eine bedeutende und vehemente Reaktion auf das, was als Wiederaufleben des Pelagianismus wahrgenommen wurde. Der junge Luther hörte in seinem Kloster sogar regelmäßig einen Vertreter der augustinischen Lehren von Sünde und Gnade, aber erst als er die Lehren selbst in der Schrift erkannte, drangen sie in sein Herz. Auf diese Weise saugte Luther auf der Universität eine niedrige Sicht über Sünde und Gnade auf und nahm diese Sicht mit sich, als er seine eigene Lehrlaufbahn begann.

Im Jahr 1513/14 führte ihn seine erste Vorlesung als Professor durch die Psalmen und die Homilien des Augustinus über die Psalmen. Er erkannte, dass die Schrift der Theologie widersprach, die er in der Universität gelernt hatte, und er fing an zu verstehen, dass Sünde den Tod und eine Unfähigkeit mit sich brachte, mit der Gnade zu kooperieren. Er schrieb über Psalm 51: „Es ist in der Tat wahr. Denn wir sind immer noch ungerecht und unwürdig vor Gott, so dass alles, was wir tun, nichts vor ihm ist“ (Luther’s Works, American ed. [St. Louis: Concordia Publishing House, 1958], 10.236; hiernach LW). Luther bewegte sich in eine paulinisch-augustinische Richtung. Jahre später bemerkte er: „Ich lernte meine Theologie nicht mit einem Mal, sondern musste tiefer nach ihr suchen, wo immer mich meine Versuchungen hinführten“ (LW 54.50).

Nach seinen Vorlesungen über die Psalmen, den Römer- und Galaterbrief veröffentlichte Luther seine Wiederentdeckung der paulinischen und augustinischen Lehren über Sünde, Gnade und die göttliche Freiheit. In der Heidelberger Disputation (1518), drückte Luther eines seiner zentralen Argumente des späteren Werkes Vom unfreien Willen aus: „Der freie Wille nach dem Sündenfall ist nur noch eine Bezeichnung, und wenn er tut, soviel ihm möglich ist, tut er Todsünde“ (LW 31.40). Als Erasmus jedoch die protestantischen Ansichten von Luther las, mochte er nicht den Nachgeschmack, den sie in seinem humanistischen Mund hinterließen. In seiner Abhandlung Vom freien Willen (1524) gab Erasmus die führende mittelalterliche Ansicht wieder, welche die Auswirkungen des Sündenfalls herunterspielte und auf die Fähigkeit des Menschen und die Notwendigkeit der Kooperation mit der Gnade zur letztendlichen Rechtfertigung bestand (Roland H. Bainton, Erasmus of Christendom [New York: Scribner’s Sons, 1969], 158).

Im Jahr 1525 antwortete Luther und führte die Reformation zu einem neuen Grad an Klarheit über ihre grundlegendsten Überzeugungen: Errettung geschieht durch Gnade allein (sola gratia), durch Glauben allein (sola fide), in Christus allein (solo Christo), und die Schrift allein (sola scriptura) ist die einzig normative Autorität für den Glauben und das christliche Leben.

Gottes Freiheit und unsere Knechtschaft

Der Gott, den Luther in Vom unfreien Willen verkündigte, ist souverän, frei und hat von Ewigkeit her diejenigen bestimmt, denen er ewiges Leben durch das verkündigte Evangelium geben würde und diejenigen, die er in Sünde und Tod belassen würde. Für Luther war die Tatsache von Gottes ewigem Ratschluss über die Menschheit in der Schrift offenbart, aber die Einzelheiten nicht; viele von Gottes Wegen und Entscheidungen sind uns verborgen. Der Gott, mit dem wir es zu tun haben, ist der Gott, der uns sein Wort in der Schrift, seinem Gesetz und im Evangelium offenbart und der uns alles offenbart, was wir über ihn und die Errettung wissen müssen (LW 33.138-147).

Das Buch ist in zwei Teile aufgeteilt. Die ersten zwei Drittel des Vom unfreien Willen antworten Erasmus Punkt für Punkt. Auf dem Weg artikuliert Luther die grundlegendsten biblischen Wahrheiten der Reformation. Erasmus hatte argumentiert, dass wenn die Schrift uns etwas befiehlt, wir auch die Fähigkeit haben müssen, es zu tun, andernfalls wäre Gott ungerecht. Solch eine Argumentation demonstrierte, dass Erasmus nicht zwischen den Prinzipien Gesetz und Evangelium in der Schrift unterscheiden konnte.

Jetzt frage ich dich, welches Gute wird jemand in Dingen der Theologie oder der Heiligen Schrift tun, der noch nicht so weit gekommen ist, zu wissen, was das Gesetz und das Evangelium ist, oder wenn er es weiß, die Unterscheidung zwischen den beiden nicht beachten will? Solch eine Person muss alles verwechseln im Himmel und der Hölle, in Leben und Tod und er wird gar nichts über Christus wissen wollen. (LW 33.132)

Nach Luthers Kritik hat es Erasmus geschafft, die gute Nachricht in eine schlechte Nachricht zu verwandeln!

Erasmus machte sich einer Art Rationalismus schuldig, die über die Schrift zu Gericht sitzt, weil er sich nicht vollkommen der Lehre der Schrift hingab, selbst wenn die Schrift harte Wahrheiten lehrte. Zum Beispiel schrieb Luther über Exodus 4,21 und die Verhärtung von Pharaos Herz: „Der göttliche Autor sagt: ‚Ich werde Pharaos Herz verhärten‘, und die Bedeutung des Verbes ‚verhärten‘ ist klar und wohlbekannt… Durch welche Autorität, aus welchem Grund, mit welcher Notwendigkeit wird die natürliche Bedeutung des Wortes verdreht?“ (LW 33.165). Luther beteuerte und verteidigte wiederholt die grundlegende Klarheit von Gottes Wort bezüglich Fragen, die notwendig für den Glauben und das Leben sind.

Luther fand dieselbe Klarheit der Schrift in Römer 9. Es ist nicht möglich, Gottes Willen „zu widerstehen“. Die Menschen mögen die Dinge anders fühlen oder wünschen, aber Luther wusste, dass die Schrift „klar und deutlich“ über diese Punkte spricht. Gott verhärtet, wen er will. Er erbarmt sich, wem er will (LW 33.187). Gottes ewiges Vorherwissen und Allmacht sind „unserer freien Entscheidung diametral entgegengesetzt“ und das so sehr, dass sie „die Lehre vom freien Willen vollkommen auflösen“ (LW 33.189).

Es war nicht Luther, der leugnete, dass die Menschen irgendeine Art von Freiheit ausüben; er erkannte nur den Unterschied zwischen Notwendigkeit und Zwang (LW 33.192-212). Was immer Gott will, dass es geschieht, geschieht notwendig, aber die Menschen werden nicht zu Tun oder Nichttun gezwungen. Gefallene Menschen werden frei entscheiden gemäß ihrem Wesen, ohne Zwang aber innerhalb der Grenzen von Gottes weisem, beherrschendem Ratschluss.

Fazit

Luther war ein Pastor und erkannte, wie schwierig diese Worte damals (wie heute) zu hören waren. Es war nicht so, dass er nicht selbst mit ihnen gerungen hätte: „Ich selbst habe mehr als einmal an dieser Lehre Anstoß genommen, fast bis zum Punkt der Verzweiflung, sodass ich wünschte, ich wäre nie als Mensch geschaffen worden, bis ich erkannte, wie heilsam diese Verzweiflung war und wie nahe der Gnade“ (LW 18.719).

Er bestand auf Gottes Freiheit und unserer natürlichen, gefallenen Unfähigkeit, irgendetwas außer Sünde zu tun, weil er verstanden hatte, wie verwoben Gottes freie, ewige Wahl ist mit seiner Gnade. Es gehört zum Wesen der Gnade (göttlicher Gunst), dass Gott frei ist. Wenn es wahr wäre, dass Gott eine bestimmte Person retten muss, dann ist Gnade nicht länger Gnade. Wenn Gnade von unserer Kooperation abhängt, dann ist Gnade nicht länger Gnade (LW 33.241-44).

Er bestand auf diese Lehre auch, weil zu sagen, wie es die mittelalterliche Kirche tat, dass ein gefallener Sünder immer noch die Fähigkeit hat, mit der göttlichen Gnade zu kooperieren, bedeutet, die Notwendigkeit des Werkes Christi zu leugnen. Für Luther war es vollkommen verkehrt zu sagen, dass die Lehre der bedingungslosen Erwählung zu Zweifel führt. Stattdessen ist sie die Grundlage unserer Gewissheit. Das ist so, weil es zwei geistliche Reiche in der Welt gibt: das von Christus und das andere des Teufels. Von Natur aus sind wir Bürger des Reiches des Teufels. Wir können Bürger des Reiches Christi nur durch die souveräne, freie, gnädige Wahl und das Werk Gottes werden (LW 33.288). Wenn wir glauben, dann nur aufgrund von Gottes freier, gnädiger Entscheidung, nicht aufgrund unserer. Wenn es meine Entscheidung wäre, „wäre es mir unmöglich, inmitten so vieler Trübsale und Leiden und so vieler Angriffe der Teufel festzustehen und festzuhalten“ (LW 33.288). Ohne diese Lehre vom göttlichen freien Willen könnten die Gläubigen nie der göttlichen Gunst gewiss sein, weil wir sie immer verlieren könnten; aber, wenn wir zum Glauben kommen, können wir eine feste Gewissheit haben, die daher kommt, dass Gott uns erwählt, lebendig gemacht, uns Glauben gegeben und mit Christus vereint hat. Er kann uns nicht verlieren, und das ist etwas, das wir nie in Zweifel ziehen sollten.


Scott Clark ist Professor für Kirchengeschichte und Historische Theologie am Westminster Seminary California (Escondido, California). Er ist Autor des Buches Recovering the Reformed Confession. Dieser Artikel erschien zuerst bei White Horse Inn / Modern Reformation. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.