Liebe deinen Nächsten so sehr, dass du ihm die Wahrheit sagst

Jen Hatmaker, eine bekannte nordamerikanische Autorin und Rednerin mit einer eigenen TV-Show, gehört zu jenen Evangelikalen, die ein Umdenken in der christlichen Sexualethik fordern. Kürzlich warb sie für eine neue Perspektive auf die  LGBT-Gemeinschaft: „Ihr seid so lieb, so geliebt, so wertvoll und wichtig. Da ist nichts falsch mit Euch“. Rosaria Butterfield, eine ehemalige Professorin mit dem Spezialgebiet „Queer-Theorie“, hat eine Antwort an Jen Hatmaker verfasst, die wir hier in deutscher Sprache veröffentlichen.

Hätten wir jetzt 1999 – das Jahr, in dem ich meine Bekehrung erlebte und die Frau und die lesbische Community, die ich beide liebte, verließ – und nicht 2016, dann hätte ich in den Worten von Jen Hatmaker über die Heiligkeit von LGBT-Beziehungen wie in Balsam aus Gilead gebadet. Wie phantastisch wäre es gewesen, wenn jemand mit einer solchen Ausstrahlung, Klugheit, Demut, Freundlichkeit und Witz wie Jen laut ausgesprochen hätte, wonach mein Herz damals schrie: Ja, ich kann beides haben: Jesus und meine Freundin. Ja, ich kann als Professorin in meinem Fachgebiet (Queer-Theorie und Englische Literatur und Kultur) und  auch in meiner Gemeinde erfolgreich sein. Mein Gefühlskarussel hätte aufgehört, sich zu drehen und wäre zur Ruhe gekommen.

Vielleicht hätte ich dann nicht alles verlieren müssen, um Jesus zu gewinnen. Vielleicht hätte das Evangelium mich nicht zugrunde gerichtet, während ich endlos darauf wartete, dass der Herr mich wieder auf die Beine stellte, nachdem er mich von meiner Sünde überführt hatte und ich deren Folgen schmerzlich zu spüren bekam. Vielleicht wäre es mir ganz anders ergangen als Paulus, Daniel, David und Jeremia. Vielleicht hätte mich Jesus retten können, ohne mich so zu plagen. Vielleicht hätte der Herr mir akzeptable Kreuze (Mt 16,24) und weniger schmerzhafte Dornen (2.Kor 12,7) zugemutet.

Wenn ich heute Jens Worte höre – Worte, die ermutigen und nicht verurteilen sollen, die aufbauen und nicht zerstören sollen und die Ausgegrenzte und nicht unverdient Privilegierte verteidigen sollen —, dann läuft es mir kalt den Rücken herunter. Wenn ich jetzt noch mit der innewohnenden Sünde meines lesbischen Verlangens kämpfte, dann hätten sich Jens Worte wie ein Mühlstein um meinen Hals gelegt.

Dem Leben gestorben, das ich liebte

Um es deutlich zu sagen: Ich bekehrte mich nicht von der Homosexualität. Ich bekehrte mich vom Unglauben. Ich tauschte keinen Lebensstil gegen einen anderen ein. Ich starb einem Leben, das ich liebte. Meine Bekehrung zu Christus stellte mich vor eine ganz konkrete Frage: Spiegelte mein Lesbischsein wider, was ich war (das glaubte ich 1999) oder war es eine Verdrehung meines Menschseins, verursacht durch Adams Fall? Nach meiner Bekehrung erkannte ich: Wenn sich etwas gut, richtig, real und unentbehrlich anfühlt, aber gegen Gottes Willen verstößt, dann ist das ein Resultat von Adams Sünde, von der auch ich betroffen bin. Die Natur der Sünde liegt darin, uns zu betrügen. Die Sünde attackiert uns nicht „von außen“, sie liegt tief in unserem Herzen verborgen.

Meine Gefühle sagen mir nicht, wer ich bin. Nur Gott kann mir sagen, wer ich bin, denn er hat mich gemacht und kümmert sich um mich. Er sagt mir, dass wir alle als seine männlichen und weiblichen Ebenbilder mit einer unsterblichen Seele geboren sind und dass wir männliche und weibliche Körper haben, die entweder ewig in der Hölle leiden oder im Neuen Jerusalem verherrlicht werden. Genesis 1,27 zeigt mir, dass unser Mann- und Frausein ethische Konsequenzen hat und dass uns schöpfungsgemäße Grenzen gesetzt sind. Wenn ich diesen Satz vor College-Studenten sage – sogar in Colleges, die sich christlich nennen – dann protestieren jedes Mal Dutzende Studenten. Sie sagen mir, es sei Hassrede, wenn ich darauf hinweise, dass wir unser Mann- und Frausein ethisch verantworten müssen.

Wenn wir Gottes Sexualethik Hassrede nennen, dann tanzen wir nach Satans Pfeife. Das ist Orwellscher Unsinn oder Schlimmeres. Ich erfahre erst, wer ich bin, wenn ich mich im Spiegel der Bibel betrachte und wenn das Blut Christi so mächtig mein Herz erfüllt, dass ich in der Lage bin, mich selbst zu verleugnen, mein Kreuz auf mich zu nehmen und ihm nachzufolgen.  

Zwischen dem Kreuz und dem unbekehrten Menschen gibt es keinen guten Willen. Das Kreuz ist unbarmherzig. Sein Kreuz auf sich nehmen heißt zu sterben. Oder wie A. W. Tozer sagte: Wenn du ein Kreuz trägst, dann gehst du weg und kommst niemals zurück. Das Kreuz symbolisiert was es heißt, dem eigenen Selbst zu sterben. Wir sterben, damit wir in und durch Jesus wiedergeboren werden können, indem wir unsere Sünden bereuen und Buße tun (auch für die, die wir nicht bewusst gewählt haben) und indem wir Jesus glauben und vertrauen, dem Urheber und Vollender unserer Rettung. Die übernatürliche Kraft, die wir bei unserer Wiedergeburt erhalten, bedeutet: Wo ich nur einen einzigen Wunsch hatte (einer, der mir sagt: wenn es sich gut anfühlt, dann ist es Ausdruck dessen, wer ich wirklich bin), dort habe ich nun zwei unterschiedliche Wünsche, die in mir kämpfen: „Denn die menschliche Natur richtet sich mit ihrem Begehren gegen den Geist, und der Geist richtet sich mit seinem Begehren gegen die menschliche Natur. Die beiden liegen im Streit miteinander, und jede Seite will verhindern, dass ihr das tut, wozu die andere Seite euch drängt.“ (Gal 5,17). Und dieser Kampf ist erst vorbei, wenn wir in der Herrlichkeit sind.

Sieg über die Sünde heißt, dass uns Christus im Kampf zur Seite steht – wir werden nicht willenlos gemacht. Die Sünden, die ich willentlich begehe, kennen meinen Namen und wissen, wie sie mich treffen können. Für Sie gilt das Gleiche.

Das Kreuz verbündet sich niemals mit der Sünde

Vor einigen Jahren hielt ich in einer großen Gemeinde einen Vortrag. Eine ältere Dame wartete bis zum Ende der Abendveranstaltung und kam dann auf mich zu. Sie erzählte mir, dass sie 75 Jahre alt und seit 50 Jahren mit einer Frau verheiratet sei, und dass sie zusammen mit ihrer Partnerin Kinder und Enkel hätte. Und dann sagte sie etwas, das mir durch Mark und Bein ging. Mit gedämpfter Stimme flüsterte sie: „Ich habe jetzt das Evangelium gehört, und mir ist klar, dass ich alles verlieren kann. Warum hat mir das niemand früher gesagt? Warum haben mir Menschen, die ich liebe, niemals gesagt, dass ich mich eines Tages entscheiden müsste?“ Gute Frage. Warum hat niemand diesem kostbaren Ebenbild Gottes gesagt, dass sie eine verbotene Liebe und den Frieden Jesu nicht gleichzeitig haben kann? Warum hat kein Mensch in all den Jahrzehnten dieser Frau gesagt, dass Sünde und Christus keine Gemeinschaft miteinander haben können? Das Kreuz verbündet sich niemals mit der Sünde, die vernichtet werden muss, denn Christus nahm unsere Sünde auf sich und bezahlte das Lösegeld für uns, was ihn alles kostete.

Wir haben alle fürchterlich versagt in der Liebe gegenüber unseren Ebenbildern Gottes, die Teil der LGBT-Community sind. Ebenbilder Gottes, betrogen von der Sünde und einer hasserfüllten Welt, die die falsche Identität der sexuellen Orientierung wie eine Schlinge um ihren Hals zieht. Wir alle versagen immer wieder kläglich. Biblisch gesehen haben wir es oft versäumt, liebevolle Beziehungen anzubieten und unsere Häuser und Herzen zu öffnen. Wären wir so offen, dann könnten unsere Freundschaften genauso stark sein wie unsere Worte. Wir haben auch die christliche Lehre über die Sünde nicht richtig verstanden. Denn wenn wir Gesetze und eine Politik befürworten, die Beziehungen segnen, die Gott Sünde nennt, dann verhalten wir uns so, als hielten wir uns für barmherziger als Gott.

Möge Gott uns allen gnädig sein.


Rosaria Butterfield war Englisch-Professorin an der Universität Syracuse und ist Autorin der Bücher The Secret Thoughts of an Unlikely Convert (Crown & Covenant, 2012), Openness Unhindered: Further Thoughts of an Unlikely Convert on Sexual Identity und Union with Christ (Crown & Covenant, 2015). Der Artikel erschien zunächst bei The Gospel Coalition. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.