Jonathan Edwards und zehn Eigenschaften guten Predigens

In seinem Buch Ihn verkündigen wir (Betanien, 2006) fasst John Piper im siebten Kapitel zehn Merkmale guten Predigens zusammen, die eine Herausforderung und ein Ansporn für jeden Prediger darstellen. Piper hat sich diese Merkmale nicht selbst ausgedacht oder sie an seinem eigenen Predigen festgemacht, sondern hat sie von dem Predigtstil des großen Erweckungspredigers, Theologen und Philosophen Jonathan Edwards abgeleitet, der auch in seinen Reflexionen über die Erweckungen, die er erleben durfte, einiges zum Thema Predigen sagt.

In dem was folgt, habe ich einmal diese zehn Eigenschaften in Fragen umformuliert, die mir einen hilfreichen Maßstab in der Reflexion meiner eigenen Predigten und die anderer bieten. Weil diese Merkmale seine Predigten auszeichneten, hat Gott Edwards und seine Predigten als einen Funken gebraucht, der ein riesiges Feuer der Erweckung entfachte. Ist das nicht der Wunsch eines jeden Predigers? Das macht diese Merkmale so wertvoll.

1) Erweckt diese Predigt ‚heilige Emotionen’ (engl. affections) und Gemütsregungen in meinen Zuhörern – wie z. B. Hass auf die Sünde, Freude an Gott, Vertrauen auf seine Verheißungen, Dankbarkeit für seine Barmherzigkeit, Sehnsucht nach Heiligkeit und liebevolles Mitgefühl etc.? 

Piper nennt diesen Punkt „Heilige Gemütsregungen wecken“ (engl. Stir up Holy Affections) und erklärt dann dazu: „Eine gute Predigt zielt darauf ab, ‚heilige Emotionen‘ (engl. affections) zu wecken — wie z. B. Hass auf die Sünde, Freude an Gott, Vertrauen auf seine Verheißungen, Dankbarkeit für seine Barmherzigkeit, Sehnsucht nach Heiligkeit und liebevolles Mitgefühl. Der Grund ist, dass das Fehlen von ‚heiligen Emotionen’ in Christen abscheulich ist” (Ihn verkündigen wir, S. 88).

2) Erleuchtet diese Predigt den Verstand meiner Zuhörer und gibt ihnen guten, festen und theologisch standhaften Grund für diese heiligen Emotionen? Spendet diese Predigt also nicht nur Wärme sondern auch Licht?

Piper nennt diesen Punkt einfach „Den Verstand erleuchten“ und führt dann dazu aus: „Wärme und Licht; brennen und scheinen! Es ist entscheidend wichtig, den Verstand mit Licht zu erhellen, weil Emotionen, die nicht dem Verstand und der von ihm erfassten Wahrheit entspringen, keine heiligen Emotionen sind“ (S. 91). Weiter sagt er dazu: „Somit wird ein guter Prediger darauf abzielen, seinen Zuhörern einen guten, festen Grund für die Emotionen zu geben, die er in ihnen wecken will“ (S. 92).

3) Trieft diese Predigt nur so von Bibelworten und biblischem Denken oder basiert sie eher auf meinen eigenen Gedanken und einigen wenigen Beweistexten?

Piper nennt diesen dritten Punkt „Mit der Bibel durchtränkt“. Dieser Punkt beruht auf der Überzeugung, dass es letztendlich Gottes Wort ist, das echte Veränderung und Leben in meinen Zuhörern bewirkt. Piper führt diesen Punkt weiter aus: „Ich sage, dass eine gute Predigt ‚mit der Bibel durchtränkt‘ ist und nicht nur ‚auf der Bibel basiert‘, weil es sich bei der Bibel um mehr (und nicht weniger) als nur die Basis für eine gute Predigt handelt. Eine gute Predigt ruht nicht auf der Bibel als Basis und geht dann zu anderen Dingen über. Sie trieft von Bibelworten“ (S. 93).

4) Ist diese Predigt von lebhaften und erstaunlich realen Bildern gefüllt, die das Herz der Zuhörer ansprechen und treffen, oder kommuniziert sie lediglich abstrakte Vorstellungen?

Pipers vierter Punkt lautet: „Vergleiche und Bilder gebrauchen“. Er erklärt dazu: „Die Erfahrung und die Schrift lehren uns, dass das Herz am stärksten getroffen wird, nicht wenn der Verstand abstrakte Vorstellungen erwägt, sondern wenn er mit lebhaften und erstaunlich realen Bildern gefüllt wird” (S. 95). Wohl Jonathan Edwards’ bekannteste Predigt war „Sünder in den Händen eines zornigen Gottes“, in der er beschreibt, wie Gott die Menschen über dem Abgrund der Hölle hält „wie eine Spinne . . . über einem Feuer“. Auch erklärt er, dass der Mensch unabhängig von der Gnade Gottes genauso wenig eine Chance hat, nicht in die Hölle zu kommen, wie „ein Spinnweben eine hat, einen fallenden Stein aufzuhalten.“ Gewaltige und eindrückliche Bilder! Und so kommt Piper zu dem Schluss: „Wir täten gute daran, wie Edwards Bilder und und Vergleiche zu finden, die in unseren Zuhörern Eindrücke erwecken, die der Realität entsprechen“ (S. 97).

5) Schweige ich in dieser Predigt, wo der Text drastisch warnt? Zeigt diese Predigt wirklich die ernsthafte Lage auf, in der sich meine Zuhörer befinden?

Zu diesem Punkt sagt Piper unter der Überschrift „Drohungen und Warnungen gebrauchen“: „Edwards konnte nicht schweigen, wo Jesus so drastisch warnte. Jeden unbekehrten Menschen erwartet die Hölle. Aus Liebe müssen wir sie mit den Drohungen des Herrn warnen“ (S. 98). Gleichzeitig hält Piper daran fest wie auch schon Edwards vor fast 300 Jahren: „Das Predigen über die Hölle ist nie ein Selbstzweck. Man kann niemanden in den Himmel hineindrohen. Der Himmel ist nicht für solche, die einfach Angst vor Schmerzen haben, sondern für solche, die Reinheit lieben“ (S. 99).

6) Fordert diese Predigt meine Zuhörer inständig auf, auch auf das gepredigte Wort Gottes zu reagieren? Oder schrecke ich davor zurück, meine Zuhörer zum klaren Handeln aufzufordern?

Piper geht unter dem Punkt diesem Punkt „Zu einer Reaktion auffordern (engl. Plead for a Response) auf Vorbehalte ein, die vielleicht auch uns theologisch davon abhalten würden, wirklich innigst zu einer Reaktion aufzufordern: „Edwards lernte seinen Calvinismus aus der Bibel und ersparte sich somit viele Irrtümer, denen einige andere Prediger seiner Zeit unterlagen. Er schlussfolgerte nicht, dass die bedingungslose Erwählung oder die unwiderstehliche Gnade oder die übernatürliche Wiedergeburt oder die Unfähigkeit des natürlichen Menschen dazu führen, dass ein Appellieren unangebracht wäre. Er sagte ‚Sünder sollten ernsthaft eingeladen werden, zu kommen und den Retter anzunehmen und ihre Herzen ihm zu unterwerfen. Dazu sollten all die ermunternden Argumente aufgeboten werden … die das Evangelium zu bieten hat‘“ (S. 100). Und so kommt Piper zu dem Schluss: „Gutes Predigen appelliert an die Zuhörer, auf das Wort Gottes zu reagieren“ (S. 102).

7.) Ergründet diese Predigt das Herz meiner Zuhörer und lokalisiert, behandelt und entfernt sie den Infektionsherd der Sünde in ihren Herzen?

Piper spricht hier von „Das Herz erforschen“ (engl. Probe the Workings of the Heart) und erklärt dann „Eine vollmächtige Predigt ist wie eine Operation. Unter der Salbung des Heiligen Geistes wird durch sie der Infektionsherd der Sünde lokalisiert, behandelt und entfernt“ (S. 103).

8) Ist diese Predigt im Gebet geboren und steht sie unter dem durch Gebet errungenen mächtigen Wirken Gottes, der durch seinen Heiligen Geist mein Herz zuerst einmal mit heiligen Emotionen erfüllen muss, auf dass mir der Herz in der Predigt übergeht?

Piper drückt es wie folgt aus: „Im Gebet das Wirken des Geistes suchen“ (engl. Yield to the Holy Spirit in Prayer). Er erklärt dazu: „Deshalb muss der Prediger daran arbeiten, seine Predigt durch Gebet unter die Wirkmacht Gottes zu stellen“ (S. 105f.). Und weiter: „Der Heilige Geist erfüllt das Herz mit heiligen Emotionen, und das Herz füllt den Mund. ‚Wenn jemand in heiliger und lebendiger Verfassung im Verborgenen betet, wird ihn das auf wunderbare Weise mit Inhalten und Formulierungen für die Predigt ausstatten‘“ (S. 106). Des Weiteren betont Piper: „Eine gute Predigt wird durch gutes Gebet geboren. Und sie wird mit derselben Kraft aufwarten, die zur Großen Erweckung führte, wenn sie unter dem mächtigen, durch Gebet errungenen Wirken des Heiligen Geistes gepredigt wird“ (S. 107).

9) Ist diese Predigt aus einer Gesinnung der persönlichen Zerbrochenheit und Sanftmut entstanden, die auch Jesus Christus ausgezeichnet hat? Ist die Predigt von einer zärtlichen Zuneigung geprägt, die jede Verheißung versüßt und jede Warnung und Zurechtweisung mit Tränen mildert, weil ich mir meiner eigenen Leere, Hilflosigkeit und schrecklichen Sündhaftigkeit aber auch der Herrlichkeit und Zusagen meines Erlösers bewusst bin?

Piper spricht her von „Zerbrochen und weichherzig sein“ (engl. be broken and tenderhearted). Die Formulierung der Frage leitet sich von Pipers Erklärung ab: „Eine gute Predigt entsteht aus einer Gesinnung der Zerbrochenheit und Sanftmut. Bei all seiner Autorität und Macht zog Jesus die Menschen vor allem deshalb an, weil er ‚sanftmütig und von Herzen demütig’ und somit eine Ruheort war (Mt 11,28.29)“ (S. 107). Weiter erklärt Piper: „In einem geisterfüllten Prediger gibt es eine zärtliche Zuneigung, die jede Verheißung versüßt und jede Warnung und Zurechtweisung mit Tränen mildert“ (S. 107; vgl. 1Thess. 2, 7-8). Aber diese „Versüßung“ und „Milderung“ geschieht nur, wenn wir als Prediger selbst wirklich die Notwendigkeit für die Verheißungen und die Ernste der Zurechtweisungen erkannt haben. Dessen war sich auch Edwards bewusst: „Die Gesinnung, die wir so gern in anderen sehen möchten, müssen wir zuerst selber haben. Das wird jedoch erst dann sein, wenn wir — wie Edwards sagt — unsere eigene Leere, Hilflosigkeit und schreckliche Sündhaftigkeit erkannt haben. Edwards lebte ständig im Spannungsfeld zwischen Beschämung über seine Sünde und Jubel über seinen Retter“ (S. 109).

10) Ist diese Predigt von der Ernsthaftigkeit, Wichtigkeit und Schwere der Realität von Himmel und Hölle geprägt?

Piper schliesst seine Liste mit „Intensiv predigen“ (engl. be intense) ab. Er erklärt dazu: „Eine fesselnde Predigt vermittelt den Eindruck, dass es um etwas sehr Großes und Wichtiges geht. Mit Edwards’ Sicht von der Realität von Himmel und Hölle und von der Notwendigkeit, in heiligen Emotionen und Gottesfurcht zu beharren, würde es jeden Sonntag um die Ewigkeit gehen” (S. 110). Und weiter erklärt er: „Zu wenig Intensität in der Predigt wird lediglich den Eindruck vermitteln, dass der Prediger die Realität, von der er spricht, entweder gar nicht glaubt oder niemals ernsthaft von ihr ergriffen wurde – oder dass es sich dabei um ein unwichtiges Thema handle“ (S. 111).