Jonathan Edwards und die erste große Erweckung

Bild: Ligonier

Am 10. Mai 1716 schrieb Jonathan Edwards einen Brief an eine seiner zehn Schwestern, Mary. Er wurde geschrieben als Edwards 12 Jahre alt war und ist der erste Brief, der uns von ihm bekannt ist. Der allererste Absatz dreht sich um Erweckung. Das heißt, der erste bekannte Satz, den wir von Jonathan Edwards haben, handelt von Erweckung. Er schreibt:

Liebe Mary,

durch die wunderbare Barmherzigkeit und Güte Gottes gab es an diesem Ort ein beachtenswertes Anrühren und Ausgießen des Geistes Gottes, und es hält bis heute an, jedoch habe ich Grund zu denken, dass es in einem gewissen Maß abgenommen hat, aber ich hoffe, nicht viel. Ungefähr 13 haben sich der Gemeinde angeschlossen und nehmen am Abendmahl teil. … Ich denke, es kommen jeden Montag gewöhnlich über 30 Menschen, die mit unserem Vater über den Zustand ihrer Seelen reden wollen.

Er lässt sie im Folgenden wissen, dass Abigail, Hannah und Lucy, drei andere Schwestern, alle Windpocken haben und er selbst Zahnschmerzen. Aber diese Zeit der Erweckung beherrscht Edwards‘ Bericht aus der Gemeinde seines Vaters in East Windsor, Connecticut.

Nachdem er sein Studium bei Yale abgeschlossen hatte, nahm Edwards die Stelle eines Assistenzpastors in Northampton, Massachusetts, an. Sein Großvater mütterlicherseits, Solomon Stoddard, war der Hauptpastor. Zwei Jahre später verstarb Stoddard und Edwards wurde plötzlich der Haupt- und einzige Pastor der zweitgrößten Gemeinde in den Kolonien Neuenglands. Im Jahr 1731 wurde Edwards dazu berufen, die Predigt zur Abschlussfeier bei Harvard zu halten. Für die Pastoren Neuenglands waren die Abschlussfeiern von Harvard wie der Super Bowl. Jeder kam, um zuzuschauen. Edwards predigte zu einem vollen Haus von Pastoren, von denen viele länger im Dienst waren als er selbst am Leben. Edwards hielt die Predigt „Gott ist verherrlicht im Werk der Erlösung“. Es war seine erste Predigt, die veröffentlicht wurde, und er erklärte darin: „Gott ist im Werk der Erlösung verherrlicht, weil darin eine so absolute und universelle Abhängigkeit der Erlösten von Gott erscheint“. Das heißt, die Errettung ist ein Werk Gottes von Anfang bis Ende. „Lasst uns Gott allein erhöhen“, schloss Edwards, „und ihm alle Ehre für die Erlösung zuschreiben“.

Für die nächsten drei Jahre predigte Edwards die Lehren der Gnade in seiner Gemeinde in Northampton. Im Jahr 1734 hielt er eine Predigt mit dem Titel „Ein göttliches und übernatürliches Licht“. Wenn tote Seelen zu neuem Leben auferstehen, wenn blinde Augen die Schönheit des Evangeliums sehen und wenn tote Ohren die transformierende Wahrheit des erlösenden Werkes Christi hören – all dies kommt von dem göttlichen und übernatürlichen Licht. Es ist nicht ein menschliches oder natürliches Licht. Geistliche Erweckung kommt vom Himmel droben.

Wie Jesaja 55,10-11 verheißt, kam die Predigt des Wortes Gottes nicht leer zurück. Sie richtete aus, was Gott gefiel. Von 1734 bis 1736 gab es Erweckungen in den Städten und Gemeinden rund um das Connecticut River Valley. Edwards berichtet davon in seinem ersten Buch, Ein treuer Bericht über das überraschende Werk Gottes in der Bekehrung vieler hunderter Seelen in Northampton und den angrenzenden Städten (1737).

Jonathan Edwards‘ erster Brief war ein Bericht über das Ausgießen des Geistes Gottes. Seine erste veröffentlichte Predigt war eine klare Verkündigung der Souveränität Gottes in dem Werk der Erlösung. Sein erstes Buch erzählte die Geschichte einer Erweckung. Erweckung war das beherrschende Thema des Lebens und des Dienstes von Jonathan Edwards.

Die Erweckung im Connecticut River Valley war jedoch nur der Anfang. In den Jahren 1740-1742 brachte Gott eine weitere Periode des Ausgießens des Heiligen Geistes herbei, indem Erweckung nicht nur zu den Gemeinden überall in den Kolonien kam, sondern auch in die Gebiete des alten Englands. Im alten England predigten George Whitefield und die Gebrüder John und Charles Wesley zu Zehntausenden – vielfach im Freien. Bald darauf überquerte Whitefield den Atlantik und predigte zu Menschenmassen ähnlicher Größe in den Kolonien. Als unermüdlicher Evangelist reiste Whitefield immer wieder über den Atlantik und tausende von Meilen zu Pferd.

In der Zwischenzeit setzte Edwards sein fesselndes Predigen des Evangeliums fort. Am 8. Juli 1741 war Edwards in Enfield, Connecticut, für einen Gottesdienst unter der Woche. Er war gar nicht der vorgesehene Prediger für diesen Abend. Der vorgesehene Prediger war krank geworden und konnte nicht predigen. Eleazer Wheelock, der später das Dartmouth College gründete, spornte Edwards dazu an, sich auf die Kanzel zu begeben. Edwards hielt die wahrscheinlich berühmteste und meistgelesene Predigt, die jemals auf amerikanischem Boden gehalten wurde, „Sünder in den Händen eines zornigen Gottes“. Die Dramatik überwältigte die Zuhörer. Sie kreischten und schrien. Aber die Dramatik kam nicht von Edwards‘ Technik. Statt die Versammlung in einen Rausch zu versetzen, wartete Edwards, bis sich die Gemeinde wieder beruhigt hatte, bevor er seine Predigt fortsetzte. Die Dramatik kam nicht von der Technik, sondern von der Wahrheit; der Wahrheit ewiger Verdammnis, der Wahrheit, dass alle von uns am Abgrund des ewigen Gerichts stehen. Der Bogen von Gottes Zorn ist gespannt und der Pfeil direkt auf uns gerichtet. Wir sind wie Spinnen, die über dem Schlund der Hölle baumeln, und bloß durch einen Faden vorerst vor den Flammen bewahrt werden. Gott gebrauchte Edwards‘ Worte, um Herzen zu berühren.

Edwards legte gleichen Wert auf die bildliche Beschreibung des Gerichts wie auf die bildliche Beschreibung der Erlösung. Christus hat „die Tür der Barmherzigkeit weit aufgesperrt und steht in der Tür und ruft mit einer lauten Stimme zu armen Sündern“. Das war seine Leidenschaft für das Evangelium.

Historiker nennen es die erste große Erweckung. Sie bleibt eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Sie hatte Fürsprecher, Gegner und Eiferer. Zu den Eiferern gehörten Männer wie James Davenport. Er beschrieb für gewöhnlich Pastoren als „Wölfe im Schafspelz“, leitete öffentliche Bücherverbrennungen und zeigte jede Art von extremem Verhalten. Obwohl er später vieles zurücknahm und zu verbessern suchte, fügte er der Erweckung großen Schaden zu. Seine Possen kamen den Kritikern der Erweckung enorm zunutze, einschließlich Männern wie Charles Chauncy. Chauncy blickte herab auf den Mangel an Anstand und Etikette, den er in der Erweckung wahrnahm. Er vertrat Ordnung und einen sehr viel privateren Ausdruck von Religion. Viel problematischer, jedoch, war die Theologie von Chauncy. Er war ein Universalist. Weil er sich der Stimmung seiner Zeit bewusst war, hielt er die Veröffentlichung des Manuskripts zurück, in dem er seine häretischen Ansichten verteidigte. Aber seine Kritik der Erweckung und ihrer Prediger hielt er nie zurück.

Zwischen diesen Eiferern und Gegner stehen die Pastoren, die Gott gebrauchte, um eine Zeit der Erweckung zu den Kolonien zu bringen. Edwards war der große Theologe der Erweckung und Whitefield war der große Evangelist der Erweckung. Ihnen stand eine ganze Gruppe weiterer Pastoren bei. Gilbert Tennent war ein irischer Einwanderer und berühmter presbyterianischer Pfarrer. Er hielt eine Predigt mit dem Titel: „Die Gefahr eines unbekehrten Predigers“. Die Predigt, wie man sich vorstellen kann, trug zu einer Spaltung der Presbyterianer bei in die Neue Seite und die Alte Seite. (In den kongregationalistischen Gemeinden, in denen Edwards wirkte, gab es eine Spaltung zwischen den Neuen Lichtern und den Alten Lichtern.) Ein weiterer Faktor bei der Spaltung war Uneinigkeit über die Ausbildung zum Pastorendienst, besonders in Bezug auf die Ausbildung, die am Log College in Neshaminy, Pennsylvania, angeboten wurde, welches von Gilbert Tennents Vater William gegründet und geführt wurde. Das College zog nach Osten über die Delaware River um und wurde in das College von New Jersey umbenannt, bevor es den Namen Princeton erhielt. Für zwei Generationen bildete die Princeton University wohlgeschulte und bekenntnistreue presbyterianische Pfarrer aus sowie Rechtsanwälte und Ärzte. Im Jahr 1812 wurde das Princeton Theological Seminary gegründet, um die Aufgabe der Pfarrausbildung zu übernehmen. Das große Vermächtnis von Princeton, welches bis in die Zeit von J. Gresham Machen in den 1920ern reichte, begann in der ersten großen Erweckung.

In den frühen Tagen der ersten großen Erweckung predigte Whitefield in einem Eichenhain in Chester County, Pennsylvania. Mehr als zehntausend Menschen kamen, um ihn predigen zu hören, was bedeutet, dass fast jeder einzelne Mensch aus dem Landkreis und den umgebenden Städten zu der Predigt kam. Während dieser Zeit und in der Nähe dieses Eichenhains gründete Samuel Blair eine presbyterianische Gemeinde sowie seine eigene Version des Log College. Blair hatte einen herausstechenden Schüler, Samuel Davies. Aus walisisch-baptistischer Abstammung wurde Davies ein presbyterianischer Missionar im anglikanischen Virginia. Er leitete seine eigenen Erweckungen und sein Erfolg machte ihn schließlich zur Zielscheibe der etablierten anglikanischen Kirche. Sie sahen ihn als einen „ungebetenen Eindringling in diese Teile des Landes“. Er kämpfte zurück und gewann die Freiheit, in Virginia zu predigen, wodurch Davies zu einer der frühesten Stimmen gegen das Landeskirchentum wurde. Davies schrieb auch Kirchenlieder, wie „Great God of Wonders!“ Er wurde Nachfolger von Jonathan Edwards als Präsident von Princeton im Jahr 1759. Seine Amtszeit dauerte 18 Monate, da er am 4. Februar 1761 verstarb.

Die erste große Erweckung hat ihre Exzesse und Fehler, aber sie hatte auch einen großen Einfluss auf ihre Zeit, das Jahrzehnt der 1740er, und einen andauernden Einfluss auf sowohl die amerikanische Kirche als auch auf die amerikanische Kultur. Es würde noch weitere große Erweckungen geben. Ungefähr 1825 begann die zweite große Erweckung mit Charles Grandison Finney im Zentrum. Dwight L. Moody war die führende Gestalt der dritten großen Erweckung am Ende des 19. Jahrhunderts. Es ist richtiger zu sagen, dass das 19. Jahrhundert eine Welle von Erweckungen erlebte, die sich in ihrem Wesen, ihrer Dauer und ihrem Ort unterschieden. Das 20. Jahrhundert knüpfte daran an, mit den zwei herausstechenden Figuren Billy Sunday in der ersten Hälfte und Billy Graham in der zweiten.

All dies führt zu einigen wichtigen Fragen. Was sollen wir von Erweckungen halten? Sind sie gut? Sollten wir für sie beten?

Es besteht kein Zweifel darüber, dass es Exzesse gegeben hat und viele Beispiele für schlechte Theologie in der Erweckungsgeschichte Amerikas. Leider ist daraus viel Schaden entstanden. Nichtsdestotrotz können wir sichten und viel Hilfreiches finden, besonders, wenn wir nach Northampton in den Jahren 1731-1734 zurückkehren. Edwards war einfach ein treuer Pastor, der seine Aufgabe, das Evangelium Gottes treu zu verkünden, ausführte. Er predigte mit der Überzeugung, dass Menschenleben davon abhingen – weil es stimmte. Er predigte mit Leidenschaft, weil er die Dringlichkeit des Augenblicks erkannte.

Man könnte sagen, dass Erweckungen in zwei Formen kommen. Es gibt die Erweckung, bei der neues Leben aus dem Tod erweckt wird. Das ist der Ruf zu armen Sündern. Aber selbst die, die schon erweckt wurden, brauchen neue Erweckungen. Wir schlummern in unserer geistlichen Faulheit und werden zum Aufwachen gerufen. Das ist der Ruf an erlöste Sünder. Und es geschieht nicht durch menschliche Leistung oder natürliche Mittel. Wir werden nur und ausschließlich durch ein göttliches und übernatürliches Licht erweckt – nur durch Gottes Gnade und immer zu Gottes Ehre.


Dr. Stephen J. Nichols (@DrSteveNichols) ist Präsident des Reformation Bible College, akademischer Leiter von Ligonier Ministries und ein Dozent bei Ligonier. Er hat zahlreiche Bücher verfasst und veröffentlicht einen Podcast namens 5 Minutes in Church History. Dieser Artikel erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.