Ist biblische Lehre in armen Bevölkerungsschichten wichtig?

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Vor ein paar Jahren habe ich (Mike) mich auf einen Kaffee mit einem Freund aus der Studienzeit getroffen und hörte ihm zu, während er mir davon erzählte, wie sich seine Sicht auf den Dienst über all die Jahre verändert hat. Er war nun Leiter einer christlichen Studentenarbeit an verschiedenen Universitäten und erklärte mir ihre Entscheidung, nicht länger so stark „Kreuz-zentriert“ – das war sein Wort – zu sein, wie wir beide es vor 15 Jahren gewesen sind: „Weißt du, Mike, wir halten es für besser, nicht so… dogmatisch zu sein. Das Kreuz ist ganz sicher wichtig. Doch wir wollen nicht in Kontroversen über Sühne aus dem 16. Jahrhundert stecken bleiben. Letzten Endes hat Jesus eine ganze Reihe verschiedener Bilder gebraucht, um seine Rettung zu beschreiben, wie etwa ein wachsendes Senfkorn. Wir wollen das Reich Gottes ausbreiten, indem wir den Armen die gute Botschaft und den Gefangenen Freiheit verkündigen. Es gibt so viel wichtige Arbeit zu tun – wir dürfen uns nicht in Theologie festfahren.“ 

Wenn wir für einen Moment beiseitelegen, ob der Apostel Paulus mit den Prioritäten meines Freundes übereinstimmen würde (schließlich erklärte er den Korinthern, dass er unter ihnen nichts anders wissen wollte als das Wachstum des Reiches Gottes wie ein Senfkorn… oh ich glaube, ich habe mich vertan), was ist mit seinem größerem Argument? Seine Position ist nicht unbegründet.

Stellen wir uns als Illustration vor, dass du in einem Boot sitzt, das zu einem weitentfernten Ort segelt, um die Menschen vor einer drohenden Gefahr zu warnen. Wenn du es nicht rechtzeitig schaffst, werden alle sterben. Man muss nicht erwähnen, dass du möglichst schnell segeln willst. Du vermeidest überschüssige Fracht, die dich verlangsamen könnte. Du verlierst keine Zeit damit, dich um ein sauberes Deck oder poliertes Metall zu kümmern. Die Dringlichkeit der Aufgabe erfordert von dir Effizienz und Konzentration auf das Wichtigste. 

Leute wie mein Freund argumentieren, dass die Dinglichkeit der christlichen Mission von uns erfordert, unsere theologischen Segel und die schwere Fracht von lehrmäßiger Genauigkeit über Bord zu werfen. Solche Fracht bringt nur Zank und Streit unter Leute, die gemeinsam arbeiten sollten. Wenn Menschen leiden, die Armen unterdrückt werden und die Gefangenen gebunden sind, warum sollte man theologische Bücher schreiben, Konferenzen abhalten und über die Bedeutung von einzelnen Worten diskutieren?

Das ist ein berechtigter Einwand. Der Kirche ginge es besser, wenn Christen weniger Zeit damit verbrächten, im Internet über Infralapsarianismus zu diskutieren und stattdessen mehr Zeit im Gespräch mit ihren Nachbarn über Jesus verbrächten. Doch das bedeutet nicht, dass die Gemeinden, die Arme und Bedürftige erreichen wollen, ihre Überzeugungen und Gespräche über Theologie über Bord werfen sollten. 

Lehre ist nicht die Fracht auf dem Boot. Sie ist der Rumpf und der Mast des Bootes. 

Die Lehre der Gemeinde bestimmt das Wesen und die Qualität des Zeugnisses. Ihre Theologie formt ihre Ziele und die Art und Weise, wie sie versucht, diese Ziele zu erreichen.

Die Frage ist also: Erfordert das Jüngermachen von Gemeinden, biblische Lehre zu kennen und zu lehren? Können wir diese beiden Ziele einfach nur dadurch erreichen, dass wir die Liebe Christi zeigen und daran arbeiten, unsere Gesellschaft durch Taten der Liebe zu erneuern? Es scheint offensichtlich unwahrscheinlich.

Stattdessen sehen wir im Neuen Testament, dass Theologie für jeden Aspekt des Gemeindelebens unentbehrlich ist. Lasst uns über zwei davon nachdenken: Rettung und Heiligung. 

Rettung erfordert Lehre

Kritiker der Notwendigkeit von Lehre merken manchmal abfällig an, dass Gott am letzten Tag ganz sicher nicht den Kopf von Menschen öffnen wird, um sicherzugehen, dass die richtigen Lehrsätze enthalten sind. Nein, wahrscheinlich nicht. Doch er wird sie so etwas fragen wie: „Hast du mir vertraut? Der echten und wahren Version von mir und nicht einer selbst erdachten Version von mir?“ Mit anderen Worten: Gott ist es nicht egal, ob wir bestimmten Wahrheiten vertrauen, da Gottes lehrmäßige Wahrheit persönliche Wahrheit ist.

Um Christi Rettung zu erleben, muss man echten Wahrheiten über den echten Gott glauben und vertrauen. Wenn jemand sich nicht mit seinem ganzen Herzen zu Gott gekehrt und ihm vertraut hat, kann er nicht gerettet werden (Röm 10,13-17). Rettung erfordert Lehre!

Das ist der Grund, warum die Apostel sich nicht scheuten, Botschaften voll von Lehre zu predigen, als sie Jünger machten. Schau dir die lehrmäßigen Themen an, die sie und andere für ungläubige Zuhörer in der Apostelgeschichte angesprochen haben:

  • Der Heilige Geist (2,14–21)
  • Die souveräne Vorsehung Gottes (2,23; 17,26)
  • Die Auferstehung Christi (2,24–32; 3,15)
  • Die Kreuzigung Christi (8,32–35; 13,28–29)
  • Wie das Alte Testament auf Jesus hinweist (3,22–24; 7,2–53; 28,23)
  • Die Realität des kommenden Gerichts (10,42; 17,31; 24,25)
  • Die Exklusivität Christi (4,12; 19,26)
  • Gott der Schöpfer (14,15–17; 17,24)
  • Gottes Allgenügsamkeit (17,24–25)
  • Das Königreich Gottes (19,8; 28,23)

Die Apostel sahen es als notwendig an für Ungläubige, die zur Umkehr und Glauben an Christus kommen sollten, bestimmte Wahrheiten über Gott und seine Rettung durch Christus zu verstehen.

Als Jesus einem entmutigten und niedergeschlagenen Paulus im Traum erschienen ist, sagte er ihm: „Sei guten Mutes! Denn wie du meine Sache in Jerusalem bezeugt hast, so musst du sie auch in Rom bezeugen“ (Apg 23,11). Jesus fasst Paulus ganzen evangelistischen Dienst zusammen, sowohl für Juden als auch Heiden, mit dem Bezeugen von Tatsachen über ihn. Das ist, was Paulus tat; er ging von Stadt zu Stadt, um Tatsachen darüber zu vermitteln, wer Jesus war und was er getan hat. 

Es ist schwierig, dieses Bild der evangelistischen Aufgabe der Kirche in Einklang mit der Behauptung zu bringen, dass unser Zeugnis hauptsächlich Taten der Liebe und der Barmherzigkeit gegenüber den Bedürftigen beinhalte.

Tatsache ist, dass die Welt für tausend Jahre beobachten könnte, wie Christen Suppe oder Farbe über Graffiti verteilen, ohne jemals zu dem Schluss zu kommen, dass Jesus für ihre Sünden gestorben und auferstanden ist. Wir müssen unseren Mund aufmachen und den Inhalt des Evangeliums der Welt verkündigen, ansonsten könnte niemand gerettet werden.

Heiligung erfordert Lehre

Einige mögen versucht sein zu glauben, dass man ein gewisses Maß an grundlegenden Lehren glauben muss, um Christ zu werden, doch dass die meiste „Lehre“ unwesentlich für das Wachstum als Christ ist. Stattdessen geht vielmehr einfach nur darum, so wie Jesus, in unserer Gesellschaft leben. 

Doch es stellt sich heraus, dass die Autoren der Schrift diesen Standpunkt nicht teilen. Immer wieder verwurzelt die Bibel richtiges Handeln, Verhalten und die richtige Haltung des Volkes Gottes in der richtigen Lehre.

Dazu wollen wir uns einige Beispiele ansehen:

  • Die Zehn Gebote. Das ist der Großvater von allen – die große Liste der Lebensführung. Doch was geht den Anweisungen einer gottesfürchtigen Lebensführung voran? Ein Stück Theologie: „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus, herausgeführt habe“ (2Mo 20,2). Warum sollen die Israeliten keine anderen Götter haben? Weil der HERR sie aus der Sklaverei befreit hat.
  • Liebe deine Feinde. Dies ist eine Anweisung, die den Saft der Veränderung durch das Evangelium zum Überfließen bringt! Doch achte darauf, dass Jesus diese aktive Liebe in Theologie gründet: „Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters seid, der in den Himmeln ist! Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,44–45). Warum sollten wir unsere Feinde lieben? Weil Gott, unser Vater, ein Gott ist, der Feinde liebt! 
  • Seid heilig. Christen sollen heilig sein. Warum? Wiederum führt einer der Apostel uns zur Lehre: „Als Kinder des Gehorsams passt euch nicht den Begierden an, die früher in eurer Unwissenheit herrschten, sondern wie der, welcher euch berufen hat, heilig ist, seid auch ihr im ganzen Wandel heilig“ (1Petr 1,14–15). Wir folgen nicht den Begierden, die uns einst beherrscht haben, weil wir um Gottes Heiligkeit wissen.
  • Die Briefe des Paulus. Letztlich gründet die Struktur der Paulusbriefe Gebote in Wahrheiten. Paulus will, dass die Leser seiner Briefe ihre Leiber als lebendige Opfer hingeben (Röm 12,1), das neue Ich anziehen (Eph 4,24) und in Jesus Christus wandeln (Kol 2,6). Doch solche Gebote kommen erst nach einer langen Abhandlung von Lehre. Paulus schult diese Gemeinden in Themen wie Rechtfertigung und Verherrlichung, Typologie undStellvertretung (Röm 5,12–17; 8,30), Erwählung und Prädestination (Eph 1,4–6), Verdorbenheit des Menschen (Eph 2,1–3) und Christologie (Kol 1,15–20).

Der Gehorsam eines Christen, auch sein aufopferungsvoller Dienst an den Bedürftigen, muss in dem Wesen und dem Handeln Gottes verankert sein und davon motiviert werden. Wenn man den Anker wegnimmt, bleibt man vielleicht an derselben Stelle für eine Zeit lang stehen, doch schon bald werden der Wind und die Wellen einen zu Fall bringen. Dieses aufopferungsvolle Handeln wird bald aufhören. 

Je mehr wir über Gott wissen, desto mehr werden wir zum Gehorsam bewegt werden. Wie viele Menschen haben in einer Gemeinde oder auf einer Konferenz ein Gebet gesprochen, doch haben keine Fortschritte im Glauben machen können, weil niemand ihnen wirkliches lehrmäßiges Fleisch des Glaubens gegeben hat? Wie viele Christen sind in selbstsüchtigen und faulen sündigen Mustern gefangen, weil niemand sie herausgefordert hat, das Wesen Gottes und seine Auswirkungen auf ihr Leben zu bedenken?

Einen Moment mal…

Ein Einwand, den ich immer wieder höre, ist, dass arme Bevölkerungsschichten weniger Zugang zu guter Bildung haben. Das bedeutet für sie, dass sie nicht das notwendige Werkzeug haben, um Lehre aufnehmen zu können. Wenn Menschen nicht in einer Umgebung leben, in der Lesen und Studieren normal oder sogar Analphabetismus weitverbreitet ist, kann man ihnen nicht komplizierte theologische Konzepte beibringen. Wenn man es versucht, wird man über ihre Köpfe hinweg reden und ihr Interesse verlieren. 

Ehrlich gesagt, kommt mir diese Haltung patriarchalisch und herablassend vor. Arme Leute sind arm, aber sie sind nicht dumm. Sie sind genauso fähig, das Wesen und Handeln Gottes zu verstehen wie jeder andere. Paulus schrieb seine Briefe nicht an die Dozenten eines theologischen Seminars. Die meisten seiner Leser waren nicht reich, privilegiert oder gut ausgebildet. Auch die Israeliten, die aus Ägypten flohen, hatten keine höheren Abschlüsse in Theologie, doch Gott zögerte nicht, ihnen alle möglichen tiefgehenden und komplizierten Dinge über sich selbst mitzuteilen.

Arme Leute können tiefe Wahrheiten verstehen. Ich habe es in der Gemeinde in den USA, in der ich Pastor bin, sehen können und ich konnte dasselbe in Mezs Kontext in Edinburgh beobachten.

Ich muss an Gordon denken. Er ist Anfang vierzig. Er beendete nie die Highschool und hat vor seiner Bekehrung noch nie ein Buch gelesen. Er hatte keine Erfahrung mit einer Kirche oder dem Christentum. Er konnte zwar lesen, doch nur zu einem Level, das reichte, um eine Zeitung durchzugehen. Als Gordon das erste Mal in Mezs Gemeinde kam, sagte er, dass die Lehre über seinen Kopf hinwegginge. Ich lasse ihn das in seinen eigenen Worten erklären:

„Bevor ich gerettet wurde, konnte ich nicht verstehen, was in der Bibel steht. Nun ist es so, als ob sie meinen Namen ruft und mich zu ihr zieht. Ich denke, dass es der Heilige Geist ist. Ich finde mich dabei, über tiefe Fragen des Lebens nachzudenken auf eine Weise, in der ich es nie zuvor getan habe. Ich will die ganze Zeit lesen. Auch wenn ich mich in den großen theologischen Worten verloren gefühlt habe, war ich entschlossen, sie zu lernen. Ich will Gott mehr lieben. Ich will ihn mehr kennen lernen. Was geholfen hat, war, dass ich gute Leute um mich herum hatte, die mir alles erklärten ohne mich herablassend zu behandeln. In der Schule gab ich einfach auf, wenn etwas zu schwierig war. Nun, auch wenn einiges von dem, was ich lerne, mir Kopfschmerzen bereitet, habe ich gelernt, durchzuhalten und geduldig mit mir selbst zu sein.“ 

Bevor Gordon an Christus glaubte, konnte er keinem Vollzeitjob nachgehen. Er nahm harte Drogen und lebte ein chaotisches Leben. Er sagt, dass er nicht länger als zwei Minuten stillsitzen konnte. Nun sitzt er und hört einer 45-Minuten-Predigt ohne Probleme zu und er liebt es, die Bibel bei jeder Gelegenheit zu studieren. 

Wir sollten Leute nicht unterschätzen nur, weil sie  ungebildet und unbelesen sind. Natürlich muss man seine didaktischen Methoden etwas anpassen, wenn man mit Leuten arbeitet, die nicht lesen können oder mental eingeschränkt sind. Doch alle guten Lehrer passen ihr Lehrmaterial auf das Niveau ihrer Hörer an. In unserer Erfahrung jedoch sind wir bisher auf keine Lehre gestoßen, die einfach zu kompliziert für bedürftige Leute war. Wenn man Lehre klar und gut in der Abhängigkeit vom Heiligen Geist lehrt, wird Gottes Volk lernen wollen und dadurch wachsen.

Schluss

Verhindert die Hingabe, biblische Lehre zu lehren und zu glauben, die Ausbreitung des Evangeliums an schwierigen Orten? Nein. Tatsächlich kann unser Auftrag, Jünger zu machen und sie zu lehren, dem Herrn Jesus zu gehorchen, nicht erreicht werden ohne diese Hingabe. Es reicht nicht aus, die Liebe Jesu einer bedürftigen Nachbarschaft zu zeigen. Es ist nicht genug, hart daran zu arbeiten, dass soziale Strukturen erneuert und repariert werden. Wir müssen die Wahrheit des Evangeliums weitergeben, ansonsten bringen wir nur uns selbst Ehre und überlassen Menschen ihrer Schuld und Sünde.


Mez McConnell ist leitender Pastor der Niddrie Community Church in Edinburgh, Schottland. Er ist der Gründer von 20Schemes, einem Werk, das Gemeinden in den ärmsten Nachbarschaften in Schottland gründen will. Mike McKinley ist Autor und Pastor der Sterling Park Baptist Church in Sterling, Virginia.

Der Artikel ist ein bearbeiteter Auszug aus dem Buch von Mike and Mezs Church in Hard PlacesDer Artikel erschien zuerst bei 9Marks. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.