Evangelisation und Gemeinde miteinander verbinden

Ist Evangelisation ein Einzel- oder ein Teamsport? Es ist beides.

Lasst uns ans Fischen denken. Manchmal geht man vielleicht ganz alleine ans Ufer, lässt seine Füße im Wasser baumeln und wirft seine Angel aus. Doch frag mal die Männer auf einem Fischdampfer, was man braucht, um eine Tonne zappelnder Makrelen aus dem tosenden Meer zu ziehen. Sie brauchen einander so dringend.

Die Angelanalogie fasst nicht alles zusammen, was wir über die Beziehung von Evangelisation und Ortsgemeinde wissen sollten, doch sie ist biblisch und ein guter Anfang. Jesu Jünger sollten ihm nachfolgen, damit er sie zu Menschenfischern macht und sie jeweils zu zweit aussandte, das Evangelium zu predigen, damit Menschen umkehren (Mk 1,17; 6,7.13). Wie Fischer auf einem Dampfer, brauchen wir die Gemeinde, um die Evangelisationsarbeit zu tun.

Doch es gibt ein größeres Bild, was wir im Blick behalten müssen, um Evangelisation und Gemeinde miteinander zu verbinden: Wenn wir an die ersten Kapitel der Apostelgeschichte denken, in denen die Apostel die Auferstehung verkündigten und hinter ihnen stand die Gemeinde, die ihr Leben und alles miteinander teilten, „lobten Gott und hatten Gunst bei den Leuten“ (Apg 2,47; 5,13). Das Gemeindeleben als Hintergrund für die Verkündigung des Evangeliums dient als Zeugnis für das Evangelium. Es brachte viele in Jerusalem dazu, die Heiligen mit Wohlwollen zu sehen und das führte zu mehr Bekehrungen.

Hatte Petrus diesen Anfang der Gemeinde in Jerusalem im Blick, als er später die Gemeinde als ein Volk, eine Priesterschaft und eine Nation beschrieb, „ die die Tugenden dessen verkündigt, der euch aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht berufen hat (…) und ihren Wandel unter den Nationen gut führt, damit sie, aus den guten Werken, die sie anschauen, Gott verherrlichen“ (1Petr 2,9.12)?

Sowohl in den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte als auch in 1.Petrus 2 bekommt man den Eindruck, dass die Gemeinde ein Bienenstock ist, ein Haufen von honigmachender Süße, in dem es nur so von fleißigen Arbeiterbienen wimmelt, die kommen und gehen. Der Bienenstock ist wichtig für die einzelne Arbeit der Biene und Teil der Arbeit. Was hat das alles mit der Beziehung von Evangelisation und der Gemeinde zu tun?

Es gibt keine Analogie, die alles erfassen kann. Ich versuche, die Beziehung der Gemeinde und Evangelisation in der Bibel in vier systematischen Aussagen zusammenzufassen und dann frage ich, welche praktischen Lektionen daraus für die Gemeinde folgen.

1. Evangelisation weist auf Gott hin, nicht auf die Gemeinde.

Wenn man versucht, jemanden davon zu überzeugen einem Verein beizutreten, weist man auf alle Vorzüge des Vereins hin: den Spaß, den die Mitglieder miteinander haben, das jährliche Tischtennisturnier, usw. So funktioniert es aber nicht mit Evangelisation und der Gemeinde. Evangelisation weist auf Gott hin, nicht auf die Gemeinde. Das ist die erste Aussage.

Paulus erklärt den Korinthern, dass Christus ihm (und ihnen) einen „Dienst der Versöhnung“ anvertraut hat und „eine Botschaft der Versöhnung“. Er (und sie) waren „Christi Botschafter, denn Gott ermahnt durch uns.“ Seine Botschaft der Versöhnung ist einfach: „Lasst euch versöhnen mit Gott“ (2Kor 5,18-21).

Die gute Botschaft eines Evangelisten ist nicht: „Lass dich versöhnen mit anderen Leuten“, auch wenn die gute Botschaft dazu führen soll. Vielmehr ist die gute Botschaft eines Evangelisten, wie eine Person mit Gott versöhnt werden kann. Alles andere fließt daraus.

2. Die Gemeinde ist das Ergebnis von Evangelisation.

Aus diesem Grund ist das erste erhoffte Ergebnis von Evangelisation die Versöhnung mit Gott. Doch es gibt noch ein zweites erhofftes Ergebnis: Versöhnung mit Gottes Volk, der Gemeinde.

Wenn die Lehre der Bekehrung kein gemeinschaftliches Element hat, fehlt ein wichtiger Teil des gesamten Bildes. Das Haupt muss auch ein Bundesvolk haben. Unsere gemeinsame Einheit mit Christus ist nicht nur eine Implikation der Bekehrung, sondern Teil von ihr. Mit Gottes Volk versöhnt zu sein ist zu unterscheiden von der Versöhnung mit Gott, aber ist untrennbar von ihr.   

All das wird wunderbar in Epheser 2 gezeigt. Verse 1 bis 10 erklären Vergebung und unsere vertikale Versöhnung mit Gott: „Denn aus Gnade seid ihr gerettet“. Verse 11 bis 22 stellen das horizontale Element dar: „Denn er ist unser Friede. Er hat aus beiden eins gemacht und die Zwischenwand der Umzäunung, die Feindschaft, in seinem Fleisch abgebrochen“ (V. 14). Die Handlung in Vers 14 steht in der Vergangenheit. Christus hat bereits Juden und Heiden eins gemacht. Das ist, was sie sind, weil Gott es getan hat und Gott hat dies auf dieselbe Weise gemacht, wie er auch die vertikale Versöhnung bewirkt hat ­– im Kreuz Christi (vgl. auch Eph 4,1-6).

Kurz gesagt, wurden wir in ein Volk hinein gerettet.

Die ersten Kapitel der Apostelgeschichte zeigen, wie das in der Praxis aussehen kann:

„Die nun sein Wort aufnahmen, ließen sich taufen; und es wurden an jenem Tag etwa dreitausend Seelen hinzugetan“ (Apg 2,41; vgl. auch 2,47; 4,4; 6,7).

Menschen vertrauen Christus und werden zur Zahl der Gemeinde in Jerusalem hinzugetan. Sie sind gezählt. Ihre Namen werden ergänzt. Wenn sie Kameras gehabt hätten, wäre wahrscheinlich ein Foto von ihnen für die Gemeindeliste aufgenommen worden.

Das Leben eines Bekehrten wird von der Gemeinde geprägt. Christen gehören in Gemeinden und in sie sollte ein Evangelist sie schicken.

3. Evangelisation ist die Aufgabe der Gemeinde.

Drittens, ist Evangelisation die Aufgabe der Gemeinde. Nachdem jemand mit Gott versöhnt ist und (deswegen) auch mit Gottes Volk, bekommt er oder sie eine neue Aufgabe: das Evangelium mit anderen zu teilen. „Folge mir, und ich will euch zu Menschenfischern machen“, sagte Jesus (Mk 1,17; vgl. Mt 28,19). Jeder Christ und – mit anderen Worten – jedes Gemeindemitglied, ist beauftragt, das Evangelium mit anderen zu teilen.

Die ersten Kapitel der Apostelgeschichte betonen die Predigt der Apostel, doch als die Verfolgung in Jerusalem ausgebrochen ist und die Gemeinde zerstreut wurde, passierte Folgendes: „Die Zerstreuten nun gingen umher und verkündigten das Wort“ (Apg 8,4).

Ortsgemeinden existieren, um Gott anzubeten und die gute Botschaft Jesu Christi weiterzugeben. Das ist der Grund, warum die Lehrer unterweisen und die Mitglieder lernen. Jesus gibt der Gemeinde Evangelisten, Pastoren und Lehrer, um sie für den Dienst zuzurüsten (Eph 4,11f); ein Dienst, der ganz sicher Evangelisation beinhaltet.

Wir arbeiten gemeinsam, um die Fische einzuziehen.

4. Die Gemeinde ist eine Verteidigung in der Evangelisation.

Das Leben eines bekehrten Volkes, das in Gemeinden zusammenkommt, sollte das Evangelium loben, das sie gerettet hat. „Die Lehre des Evangeliums“, hat Ray Ortlund geschrieben, „schafft eine Evangeliumskultur.“ Diese Kultur, die in unseren Gemeinden verkörpert wird, sollte anziehend sein für Außenstehende, zumindest für Einige (vgl. 2Kor 2,15-16).

Das führt uns zurück zu dem Bild der Gemeinde als ein brummender Bienenstock, voll mit Honig. Wir sehen das in der Apostelgeschichte und in 1.Petrus 2. Auch in Matthäus 5 sehen wir das, wenn Jesus über die Gemeinde als Salz und Licht spricht (Vers 13-16). Das wird bemerkenswert in Johannes 13 beschrieben:

„Wie ich euch geliebt habe, habt auch ihr einander lieb. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“ (Vers 34-35).

Unsere guten Taten für Außenstehende und unsere Liebe zu den anderen Gemeindemitgliedern soll unsere Nachbarn und Kollegen auf Jesus hinweisen. All das zeigt, dass die Ortsgemeinde eine Verteidigung des Evangeliums ist.

Das Leben der Gemeinde spricht für das Evangelium. Gläubige, die gemeinsam ihr Leben gestalten, bezeugen die Kraft Gottes in der Rettung. Während wir Woche für Woche unter der Predigt des Wortes Gottes sitzen und der Geist uns immer mehr in das Bild des Sohnes gestaltet, bilden wir ab, was das Evangelium im Leben des Einzelnen und im Leben des Gottesvolkes tun kann.

Langsam werden wir die neue Menschheit, die dem Erstgebornen der neuen Schöpfung folgt (Kol 1,15). Diese neue Menschheit dient als wunderbarer Hintergrund und Werbetafel in unserer Evangelisation. Sie bietet eine Kontrastkultur zu der Kultur dieser Welt an.

Praktische Lektionen

Was sind einige praktische Lektionen, die wir von diesen systematischen Prinzipien lernen können? Häufig versuchen Pastoren, die evangelistischen Bemühungen einer Gemeinde zu stärken, indem sie Menschen ermahnen, das Evangelium weiterzugeben. Sicherlich ist da ein wichtiger Aspekt. Doch es ist auch wichtig, dass die Gemeinde als eine Kontrastkultur wächst, die als ein anziehender Hintergrund für die Evangelisation dient.

1) Evangelisation sollte zur Taufe und Gemeindemitgliedschaft führen.

Gemeinden sollten nicht evangelisieren und dann Neubekehrte sich selbst überlassen. Noch sollten sie evangelisieren, taufen und dann irgendwann später erst Leute einladen, Mitglieder zu werden. Außer in Sonderfällen (z.B. Kämmerer aus Äthiopien), sollte die Gemeinde tun, was auch die Gemeinde in Jerusalem getan hat: Sie soll Leute in ihre Anzahl hineintaufen (Apg 2,41). Taufe ist das gemeinsame und öffentliche Zeichen, durch das eine Gemeinde formal bestätigt, dass eine Person gläubig ist. Diese Bestätigung sollte dann gesichert und gepflegt werden durch eine ständige Aufsicht durch Mitgliedschaft und das Abendmahl. Wir kämen nie auf die Idee, Küken außerhalb des Nests zu lassen, sondern bringen sie in das Nest.

2) Lehre Mitglieder, ihr Leben miteinander zu teilen.

Um die apologetische Kraft der Gemeinde zu stärken, sollten Mitglieder ständig daran erinnert werden, durch die Unterweisung im Wort und die Feier des Abendmahls, dass wir ein Leib sind (z.B. 1Kor 10,16-17; 1Kor 12). Es sollte kaum ein Sonntag verstreichen, an dem die Mitglieder nicht erinnert werden, untereinander Beziehungen zu bauen, damit sie einander ermutigen, aufbauen, stärken, die Wahrheit ins Leben sprechen, warnen und lieben (z.B. Röm 12,9-13; Eph 4,11-32). Sie sollten ermutigt werden gastfreundlich zu sein (Röm 12,13; 1Petr 4,9). All das schafft ein anziehendes Zeugnis für das Evangelium.

3) Lehre Mitglieder, sich füreinander aufzuopfern.

Noch konkreter sollten Christen darüber nachdenken, wie sie sich füreinander aufopfern können, in finanzieller Hinsicht, aber auch auf andere Weise (z.B. Apg 2,42-46; 2Kor 8-9; 1Petr 4,10). In einer Konsumkultur setzt vor allem Großzügigkeit unter den Gläubigen einen starken Kontrapunkt. Denkt daran, dass Jesus seine Jünger gelehrt hat einander zu lieben, so wie er sie geliebt hat (Joh 13,34) – das ist eine aufopferungsvolle Liebe.

4) Praktiziere Gemeindezucht.

Heuchler und Irrlehrer in unserer Mitte untergraben das Zeugnis der Gemeinde. Wenn die Mitglieder in einer Gemeinschaft bekannt sind als Lügner, Verleumder und Ehebrecher, wird die evangelistische Arbeit der Gemeinde nicht so gut laufen. Das bedeutet nicht, dass die Gemeinde jeden Heiligen, der mit Sünde zu kämpfen hat, unter Gemeindezucht stellen soll. Am Ende gäbe es keine Gemeinde mehr. Vielmehr sollte die Gemeinde nicht bereute Sünde konfrontieren und unter Gemeindezucht stellen. Das hilft ironischerweise sowohl bei der Evangelisation von Nichtchristen (vgl. 1Kor 5,4), als auch im weiteren Sinn der gesamten Stadt (1Kor 5,1-2).

5) Rüste Mitglieder aus, das Evangelium weiterzugeben.

Gemeindeleiter sollten nach verschiedenen Wegen suchen, um sicherzustellen, dass jedes Mitglied die Grundlagen des Glaubens erklären kann. Das kann in der Predigt geschehen, in dem biblischen Unterricht für Erwachsene, im Mitgliedschaftsgespräch und in einem anderen Rahmen.

6) Ermutige Mitglieder, ein Leben zu führen, dass Außenstehende segnet. 

Hoffentlich sind die Gemeindemitglieder bekannt für ihre Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Güte. Wir sollten gerne dem Nachbar mit einer Harke zur Hilfe kommen, um das Laub wegzuräumen, gerne dem Arbeitskollegen Hilfe anbieten, gerne ein Missbrauchsopfer verteidigen, gerne hart arbeiten, um Arbeitsplätze in schwierigen Zeiten zu wahren, gerne Menschen auf verschiedene Weise segnen. Gute Taten sollten unsere evangelistischen Worte verzieren.

7) Lade Leute zu formalen und informellen Treffen der Gemeinde ein. 

Es gibt unzählige Geschichten zu erzählen von Nichtchristen, die das Evangelium hörten und dann den Gemeindealltag in formalen und informellen Treffen beobachtet haben und dann anschließend zum Glauben gekommen sind. Das Gemeindeleben hat sie überzeugt. Es hat auf etwas hingewiesen, das sie noch nie in ihrer Familie, in der Schule oder auf dem Arbeitsplatz erlebt haben. Mit anderen Worten, sollte es ein Teil der Evangelisation sein, Außenstehende in das Gemeindeleben einzuladen.

8) Sei ein Vorbild in Evangelisation.

Die Gemeinde, in der Älteste für ihre Evangelisation bekannt sind, ist sehr wahrscheinlich auch evangelistisch. Wenn die Ältesten es nicht sind, dann sehr wahrscheinlich nicht.

9) Erzähle Evangelisations- und Bekehrungsgeschichten.

Gemeindeleiter sollten evangelistische Begegnungen in ihre Predigten streuen. Mitglieder sollten Gebetsanliegen zu evangelistischen Möglichkeiten teilen. Taufkandidaten sollten die Möglichkeit haben, ihre Bekehrungsgeschichte zu erzählen. Diese Dinge helfen, Evangelisation zu einem „normalen“ Teil des christlichen Lebens und des Gemeindelebens zu machen.

10) Prahle mit deiner Gemeinde.

Der Apostel Paulus prahlte manchmal mit seinen Gemeinden als eine Art, auf Christus stolz zu sein (2Kor 9,2; 2Thess 1,4; Phil 2,16). Genauso sollten Christen nach Möglichkeiten suchen, positiv und dankbar – nicht anstößig oder arrogant – über ihre Gemeinden in der Gegenwart von nichtchristlichen Freunden zu reden. Wenn ein Arbeitskollege nach dem Wochenende fragt, erwähne, wie deine Gemeinde für deine Frau eine tolle Babyparty geschmissen hat. Erwähne irgendetwas, was der Prediger am Sonntag gesagt hat und dich ermutigt hat. Erwähne die Arbeit deiner Gemeinde unter Obdachlosen, wenn das Thema von Obdachlosen aufkommt. Um das angemessen zu tun, braucht man ohne Frage ein bisschen Übung.

Abschluss

Gemeinde und Evangelisation in der Theorie und Praxis in die richtige Beziehung zu setzen, verlangt mehr als einfach nur die Leute zur Evangelisation zu ermahnen. Es bedarf Struktur und Leitung, Verbindlichkeit und Klarheit. Es bedarf des Baus einer gesunden Gemeinde, die unter Gottes gepredigtem Wort sitzt und weiß, womit Gott die Gemeinde beauftragt hat.

Es bedarf gottesfürchtiger Leiter, die lehren und ein Vorbild sind. Es bedarf Mitglieder, die Jesus lieben und es nicht lassen können, ihn zu preisen, der sie aus dem Tod zum Leben gebracht hat – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Gemeindewände.


Jonathan Leeman ist der Redaktionsleiter von 9Marks und ein Ältester in Cheverly Baptist Church in Cheverly, Maryland. Der Artikel erschien zuerst bei 9Marks. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.