Eine Geschichte von zwei Reichen

Es gibt keine bessere Zeit, uns an die Zwei-Reiche-Lehre zu erinnern, als in Wahlperioden, wenn Protestanten oft mehr durch ihre politische Meinung als durch ihren Glauben und ihre Praktiken getrennt werden.

In den Nachwehen der Plünderung Roms durch die Germanen im Jahr 410 schrieb der große Kirchenvater Augustinus, Bischof von Hippo, sein berühmtes Werk Vom Gottesstaat. Hieronymus, ein weiterer bekannter Kirchenvater, war in Verzweiflung zusammengebrochen: „Was wird aus der Kirche werden, jetzt wo Rom gefallen ist?“ Als Patriot fühlte Augustinus ohne Zweifel die gleiche Verletzung, aber als christlicher Pastor begrüßte er das Ereignis als eine Gelegenheit, die durch Gottes Vorsehung herbeigeführt wurde: Gott hatte das Missionsfeld zu den Missionaren gebracht. Die Frage war nur, ob noch viele „Missionare“ in einem Reich übriggeblieben waren, das den Glauben genau in dem Maße geschwächt hat, wie es ihn mit einer bürgerlichen Religion verschmolzen hat.

Egal ob wir vor einer gleichen Gefahr in unserer Zivilisation stehen, wir brauchen auf jeden Fall die Weisheit, mit der Augustinus dieser Krise begegnet ist. Wie alle großen Bücher wird sein Gottesstaat von verschiedenen Schulen ziemlich unterschiedlich interpretiert. Aber es ist unbestreitbar, dass das Buch dabei geholfen hat, das zu schaffen, was später als die Lehre von den zwei Reichen bekannt wurde.

Nach Augustinus begründet sich die Unterscheidung zwischen den zwei Staaten – dem Gottesstaat und dem irdischen Staat – durch zwei Arten der Liebe: die Liebe zu Gott und die Liebe zum Selbst. Die Erste führt zu echter Gemeinschaft und gegenseitigem Geben und Nehmen, während die Zweite zu Streit, Krieg und dem Verlangen nach Herrschaft über andere führt.

Letztendlich liegen für Augustinus beide Arten der Liebe und beide Staaten in Gottes ewiger Vorherbestimmung begründet. Obwohl der Staat der Menschen dazu bestimmt ist, zugrunde zu gehen, schafft Gott sowohl einen neuen Staat (die Kirche) aus den Ruinen und er erhält den alten Staat durch seine allgemeine Gnade bis Frieden und Gerechtigkeit durch Christi Wiederkunft eintreffen. In dieser Epoche der allgemeinen Gnade, „lässt Gott es regnen über Gerechte und Ungerechte“ und ruft uns auf, seine Milde nachzuahmen (Mt 5,43-48). Deshalb haben Christen zwei Berufungen: die hohe Berufung in Christus, zu seinem Leib zu gehören, und die Berufung in der Welt als Bürger, Eltern, Kinder, Freunde, Mitarbeiter und Nachbarn. Weil Gott immer noch treu zu seiner Schöpfung steht, gibt es die Möglichkeit für einen irdischen Staat mit relativem Frieden und Gerechtigkeit; weil Gott treu zu seinem Erwählungsratschluss steht, gibt es eine Kirche zu allen Zeiten und an allen Orten, die wahren Frieden und Gerechtigkeit bringt. Dies tut Gott zuallererst, indem er Sünder mit Christus vereint und dann eines Tages allen Streit von der Erde verbannt, wenn Christus wiederkehrt.

Deshalb hat jeder der beiden Staaten seine eigene Verfassung und dient eigenen Zielen mittels eigener Methoden. Obwohl manche seiner Bürger zur Staatsbürgerschaft im Gottessstaat bekehrt werden, ist der irdische Staat immer Babylon. So wie Daniel beten Gläubige für den Staat, arbeiten im Staat, tragen zu seiner allgemeinen Wohlfahrt bei und kämpfen sogar in seinen Armeen. Jedoch vergessen sie niemals, dass sie Gäste und Fremdlinge sind. Babylon ist niemals das verheißene Land.

Das Reich Gottes breitet sich durch die Verkündigung des Evangeliums aus, nicht durch die angemessene Erzwingungsmacht des Staates, obwohl die Kirche den relativen Frieden, der im irdischen Staat möglich ist, nutzen darf (Vom Gottesstaat, 19.26-27). Diese zwei Staaten sind „ineinander verwoben in dieser gegenwärtigen, vergänglichen Welt und miteinander vermischt“ (11.2). Die guten Dinge, die wir mit nichtchristlichen Bürgern tun, um die Gesellschaft zu bewahren und zu erweitern, sind wirklich gut, aber sie sind keine letzten Güter. Der irdische Staat wird diesseits der Rückkehr Christi in Herrlichkeit niemals in den Gottesstaat verwandelt werden. Ein Christ sollte an die Politik nicht die Frage stellen, wie die Welt am besten gerettet werden kann, sondern wie ihr am besten in dieser Zwischenzeit gedient werden kann.

Im Laufe des Mittelalters wurde der nationale Bund, den Israel am Sinai mit Gott einging, regelmäßig als Bild für das Christentum beschworen. Kreuzzüge gegen „die Ungläubigen“ (oft Muslime) wurden von Päpsten erlassen mit dem Versprechen sofortigen Eintritts ins Paradies für die Märtyrer. Könige wähnten sich in der Nachfolge des Königs David, indem sie die Armeen des Herrn anführten und das Heilige Land säuberten. Die ganze Vorstellung eines christlichen Imperiums oder einer christlichen Nation war eine ernste Verwechslung dieser beiden Staaten. Es war gegen diese Verwechslung des Reiches Christi mit der Theokratie Israels, dass Luther und Calvin ihre Rückbesinnung auf die „zwei Reiche“ von Augustinus richteten.

Wie Augustinus vor ihm betonte Luther die Unterscheidung zwischen „himmlischen Dingen“ und „irdischen Dingen“, Gerechtigkeit vor Gott und Gerechtigkeit vor den Mitmenschen. Auf der einen Seiten lehnten die Reformatoren Roms Verwechslung des Reiches Christi, welches sich durch die Verkündigung des Wortes ausbreitet, mit irdischen Reichen ab. Auf der anderen Seite wendeten sie sich auch gegen die Täuferbewegung, welche den irdischen Staat bloß als böse und der christlichen Mitwirkung für unwürdig erachtete.

Indem er sich gegen das sogenannte „künstliche Reich“ des Christentums wandte, sagte Calvin, dass wir erkennen müssen, dass wir „unter einer zweifältigen Regierung stehen…damit wir nicht (was oft geschieht) unweise beide miteinander vermischen, die doch ein völlig anderes Wesen haben.“ Genauso wie Körper und Geist voneinander verschieden sind, und doch an sich nicht gegeneinanderstehen, „so ist das geistliche Reich Christi und die zivile Regierung vollkommen verschieden. … Aber diese Verschiedenheit führt uns nicht dazu, das ganze Wesen dieser Regierung als etwas Verdorbenes anzusehen, das nichts mit Christen zu tun hat.“ Diese zwei Reiche sind „verschieden“, aber „sie stehen sich nicht entgegen“ (Unterricht in der christlichen Religion, 4.20.1-2).

Wie schon Augustinus bekräftigt Calvin sowohl die natürliche Ordnung als auch ihre Unfähigkeit, aufgrund der Sünde eine vollkommene Gesellschaft zu schaffen. Weil sie durch den Schöpfungsbund mit Gott dem Schöpfer verpflichtet sind, sind alle Menschen Erben des Kulturauftrags, den sie übertreten haben. Aber, der Kulturauftrag unterscheidet sich vom großen Missionsbefehl, der zum Bund der Gnade gehört. Das Ziel der allgemeinen Gnade ist nicht, die Welt zu vervollkommnen, sondern Sünde zurückzuhalten und zivile Tugenden und Künste anzuregen, damit Kultur ihr eigenes, aber begrenztes, zeitliches und säkulares Ziel erfüllen kann, während Gott gleichzeitig die erlösenden Ziele seines ewigen Staates verfolgt.

Calvin antwortete auf das Bestehen der radikalen Reformatoren, dass ein Gemeinwesen nur legitim sei, wenn es durch biblische Gesetze geordnet werde, indem er erklärte: „Wie bösartig und hasserfüllt gegenüber der allgemeinen Wohlfahrt muss ein Mensch sein, der sich durch solche Vielfalt angegriffen fühlt, die vollkommen dazu geeignet ist, die Bewahrung von Gottes Gesetz aufrecht zu erhalten! Denn die Behauptung einiger, dass das Gesetz Gottes, das uns durch Mose gegeben wurde, entehrt wird, wenn es aufgelöst wird und neue Gesetze vorgezogen werden, ist vollkommen nichtig (Unterricht in der christlichen Religion, 4.20.8, 14). Denn, so Calvin: „Es ist eine Tatsache, dass das Gesetz Gottes, welches wir das moralische Gesetz nennen, nichts anderes als das Zeugnis des Naturrechts und des Gewissens ist, das Gott in die Herzen der Menschen geschrieben hat“ (Unterricht in der christlichen Religion, 4.20.8, 14). Selbst Ungläubige können gerecht und umsichtig herrschen, worauf Paulus inmitten der heidnischen Umstände seiner Zeit hinweist (Röm 13,1-7).

Als Jesus Christus kam, hat er nicht die Theokratie des Sinai wiederbelebt, wie es seine Zeitgenossen wünschten. Statt die Römer zu vertreiben, befahl er, unsere Feinde zu lieben. Indem er ein neues Israel – aus Juden und Heiden – um sich scharte, durch seinen Geist, durch Wort und Sakrament, hat Jesus das Reich der Gnade eingeführt, das sich eines Tages als ein Reich der Herrlichkeit zeigen wird. In dieser Zeit zwischen seinen zwei Ankünften wächst der Weizen zusammen mit dem Unkraut und die Donnersöhne werden zurechtgewiesen dafür, dass sie das Gericht im hier und jetzt herbeiführen wollten gegenüber denen, die ihre Botschaft ablehnten; während die Getreuen sich regelmäßig für die Lehre der Apostel, Gemeinschaft, Brotbrechen und die Gebete versammeln (Apg 2,42). Durch die Darreichung der Evangeliumsverkündigung, Taufe, Abendmahl, Gebet und Gemeindezucht, ist die Gemeinde Gottes neue Gesellschaft, die in das Herz des säkularen Staates eingeführt wird als Zeugnis für Christus und das kommende Zeitalter, wenn er alles in allem sein wird.

In unseren christlichen Kreisen finden wir manchmal die Sicht eines „Christentums“, bei der manche von einer christlichen Nation träumen, die einen göttlichen Auftrag in dieser Welt ausführt. Natürlich haben Christen die Pflicht, sowohl die himmlische und ewigwährende Freiheit des Evangeliums zu verkünden als auch die irdische und zeitliche Freiheit von Ungerechtigkeit. Aber sie sind voneinander verschieden. Wenn wir sie vermischen, dann nehmen wir das Reich in die eigenen Hände und verwandeln es von einem Reich der Gnade in ein Reich der Herrlichkeit und Macht.

Wir nehmen auch eine entgegengesetzte Sichtweise wahr, die eher der Täuferbewegung ähnlich ist, wenn D.L. Moody erklärte: „Ich sehe auf diese Welt wie auf ein schiffbrüchiges Schiff. Gott hat mir ein Rettungsboot gegeben und zu mir gesagt: „Moody, rette so viel du kannst.“ Von dieser Perspektive aus ist der Beitrag, das Leben anderer Menschen in dieser Welt zu verbessen, wie das Polieren von Messing auf einem sinkenden Schiff. Christen werden oft dazu ermutigt, sich fast ausschließlich auf persönliche Errettung zu konzentrieren (ihre eigene und der der anderen), und sind sich unsicher, welchen Wert weltliche Berufungen haben.

Aber wir müssen uns nicht zwischen den zwei Reichen entscheiden. Wir sind Bürger von beiden und führen unsere Berufung in der Kirche und in der Welt auf unterschiedlichen Wegen und durch unterschiedliche Mittel aus. Wir müssen die Kultur nicht „christianisieren“, um sie schätzen und daran Anteil nehmen zu können mit den Gaben, die Gott sowohl uns als auch unserem nichtchristlichen Nächsten gegeben hat. Trotz unseres Auftrags, treu in unseren Berufungen zu sein bis Christus wiederkommt, schauen wir mit Abraham „auf die Stadt, welche die Grundfesten hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist“ (Hebr 11,10).


Dr. Michael S. Horton ist J. Gresham Machen Professor für Systematische Theologie und Apologetik am Westminster Seminary Kalifornien, Herausgeber der Zeitschrift Modern Reformation und Autor des Buches Ordinary. Dieser Artikel erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.