Ein historischer Überblick über Gemeindezucht

Im Laufe der ganzen Kirchengeschichte wurde die Praxis der Gemeindezucht weitestgehend befürwortet, wenngleich zu bestimmten Zeiten nur sporadisch angewendet.1 Wenn man sich die geschichtlichen Entwicklungen anschaut, kann man die Wege sehen, wie die Kirche der biblischen Lehre in Bezug auf das Thema treu geblieben oder scharf davon abgewichen ist. Während Geschichte nicht auf höchster Ebene maßgeblich dafür ist, wie wir Gemeindezucht verstehen und anwenden – die Heilige Schrift hat diese Position inne – bietet die Kirchengeschichte sowohl hilfreiche als auch schädliche Modelle, von denen wir lernen können.

Die Ära der Kirchenväter (100–500)

Bild: 9Marks

Während Disziplinarmaßnahmen innerhalb der Kirche ihre kontroversen und umstrittenen Momente hatten, scheint es, dass für die ersten paar Jahrhunderte die Kirche Gemeindezucht konsequent entsprechend der biblischen Vorgaben anzuwenden versucht hat. Die frühe Kirche disziplinierte ihre Mitglieder sowohl für das Verbreiten falscher Lehre als auch für den Mangel an moralischer Reinheit. Es war in den frühen Tagen der Kirche übliche Praxis, Disziplinarmaßnahmen am Sonntag im Rahmen des Gottesdienstes bekanntzugeben. Tertullian beschreibt dieses Ereignis und erklärt: „Das Urteil ist gesprochen und trägt großes Gewicht, wie es auch sein muss unter Menschen, die gewiss sind, dass Gott sie sieht; und es ist ein bemerkenswerter Vorgeschmack des kommenden Gerichts, wenn ein Mensch so gesündigt hat, dass er aus all unseren Gebeten, Versammlungen und der heiligen Gemeinschaft ausgeschlossen wird.“2 Tertullian sah zusammen mit den anderen Kirchenvätern3 die Ernsthaftigkeit des Züchtigungsprozesses.

Die meisten Kirchen erkannten zwei Arten von Buße an: eine einmalige Buße in Verbindung mit Glauben an Jesus Christus zur Errettung und eine beständige Buße über Sünde im Laufe des ganzen Lebens.4 Christen, die gesündigt hatten, mussten ihre Sünden vor der Kirche bekennen, wenn sie zur Gemeinschaft wiederhergestellt werden wollten. Diese Wiederherstellung wurde schließlich im dritten und vierten Jahrhundert sehr schwierig gemacht. Diejenigen, die eine sogenannte „Bußzüchtigung“ durchliefen, mussten, während sie nach Buße suchten, zu dem Ort kommen, wo sie sich für den Gottesdienst zu versammeln pflegten, aber sie durften die Räumlichkeiten nicht betreten. Sie mussten um die Gebete derer bitten, die hineingingen, und nach einer gewissen Zeit durften auch sie hineinkommen, um dem Gottesdienst von einem bestimmten Ort aus zuzuhören. Die Büßer durften schließlich den ganzen Gottesdienst über dabei bleiben, aber nicht am Abendmahl teilnehmen. Nur nachdem diese Schritte durchlaufen waren, durfte eine Person zur vollen Mitgliedschaft wiederhergestellt werden. Diese Art von Bußhandlung, in Verbindung mit dem Frieden, den die Kirche nach der Herrschaft von Kaiser Konstantin erfuhr, trug zu einem wesentlichen Wandel der Gemeindezucht bei.

Die Ära des Mittelalters (500–1500)

Gemeindezucht war eine schwierig aufrechtzuerhaltende Praxis aufgrund der vielen Herausforderungen, vor denen die Kirche stand, aber die Bereitschaft zu ihrer Umsetzung war zunächst stark. Nach Greg Wills ging die Praxis der Gemeindezucht jedoch in den frühen Jahrhunderten der Kirche schließlich zurück. Er behauptet:

Nach dem vierten Jahrhundert wurde das System des öffentlichen Bekenntnisses, Ausschlusses und der Bußpraxis immer weniger umgesetzt. Nektarius, Bischof von Konstantinopel von 381 bis 398, spielte in diesem Wandel offenbar eine wichtige Rolle. Seit dem dritten Jahrhundert hatten Konstantinopel und andere Kirchen die Praxis angenommen, einen besonderen Presbyter einzusetzen, der für die Umsetzung der kirchlichen Disziplinarmaßnahmen verantwortlich war. Als die öffentliche Züchtigung eines Diakons von Konstantinopel für sexuale Unmoral beachtlichen öffentlichen Skandal auf die Kirche zog, schaffte Nektarius das Amt des Bußpresbyters ab und vernachlässigte weitestgehend die Bemühungen, Gemeindezucht unter den Laien zu praktizieren. Nektarius lehnte strenge Gemeindezucht im Prinzip nicht ab, aber er vernachlässigte ihre Praxis. … Der Prozess strenger Gemeindezucht verkümmerte in den lateinischsprachigen Kirchen des Westens genauso wie in den Kirchen des griechischsprachigen Ostens. An ihrer Stelle entwickelte sich ein System privater Sündenbekenntnis und individueller Buße.5

Diese Betonung auf individuelle Buße transformierte die Gemeindezucht größtenteils in eine private Angelegenheit zwischen dem Priester und einem Laien, und die gemeinschaftliche Rolle der Gemeindezucht verschwand. Daher war Gemeindezucht weitestgehend abgeschafft und stattdessen persönliches Sündenbekenntnis und Bußwerke an ihre Stelle getreten in den Tagen, die zur Reformation führten.

Die Ära der Reformation (1500–1750)

Martin Luther, eine Schlüsselfigur der Reformation, ist bekannt als jemand, der früh in seinem Leben die Last des Bußsystems erfahren hatte und deshalb seine Berechtigung hinterfragte, insbesondere das Ausstellen von Ablässen. Seine Kritik an diesen Praktiken, die für wahre Buße und Reue einstanden, war ein Katalysator, der die Reformation herbeiführte. Dies erlaubte auch ein biblischeres Verständnis und Anwendung von Gemeindezucht durch Luther und andere wie Johannes Calvin, die Wiedertäufer und spätere Figuren wie Jonathan Edwards.

Luther schrieb drei Schlüsseltexte über das Wesen und die Praxis von Gemeindezucht.6 Bei diesen drei Texten kann man seine Verpflichtung gegenüber Kirchenzucht nachvollziehen. Anders als die katholische Kirche vertrat Luther, dass die Schlüsselgewalt des Reichs der Himmel von der ganzen Kirche ausgeübt werden sollte, statt von dem Papst allein. Während er das, was er als Irrtümer der katholischen Kirche erachtete, korrigieren wollte, erkannte Luther die Ernsthaftigkeit des Kirchenbanns an und betonte, dass diejenigen, die unter Kirchenzucht kommen, vor dem möglichen eschatologischen Gericht gewarnt werden, wenn sie nicht umkehren sollten. Es ging Luther um Buße, wobei er Kirchenzucht als einen wiederherstellenden Prozess sah. Er bezweckte auch, dass diese Disziplinarmaßnahmen als Abschreckung vor Sünde bei anderen dienen sollten, in der Hoffnung, dass sie in ihrem Glauben ausharren würden.

Johannes Calvin verfocht auch Kirchenzucht in Genf. Er erklärte drei Ziele für Gemeindezucht in seinen Institutio.7 Erstens, Gemeindezucht sei in Ortsgemeinden notwendig, damit die hohe Ehre von Gottes heiligem Namen nicht gelästert würde, besonders beim Abendmahl. Zweitens, Calvin verfocht Kirchenzucht, um Reinheit und Heiligkeit unter Gottes Volk zu bewahren. Und schließlich sah Calvin Kirchenzucht als Korrektiv, damit diejenigen, die unter sie kommen, zur Buße geführt werden. Während noch viele weitere Einzelheiten von Calvins Sicht aufgeführt werden könnten, sind dies die Hauptziele der Gemeindezucht, die er vertrat.

Die Wiedertäufer, Zeitgenossen von Luther und Calvin, protestierten auch gegen die Korruption der römisch-katholischen Kirche, insbesondere gegen ihre Buß- und Ablasspraxis, aber sie gingen weiter in der Umsetzung von dem, was sie als biblische Reformen erachteten. Sie glaubten, dass die Kirche, nicht der Staat, alle Angelegenheiten von Gemeindezucht behandeln sollte, und sie verbanden ihre Sicht auf Gemeindezucht eng mit ihren Überzeugungen über die Sakramente und eine wiedergeborene Gemeindemitgliedschaft. Aufgrund ihrer klaren Ekklesiologie kann argumentiert werden, dass die Wiedertäufer am erfolgreichsten und konsistentesten Gemeindezucht vertraten und ihre größte Umsetzung sahen. Baltasar Hubmaier, ein bekannter Wiedertäufer, verfasste mehrere Schlüsselwerke zu dem Thema.8

Eine letzte Person aus diese Ära, über die es sich lohnt, nachzudenken, ist Jonathan Edwards, ein Pastor aus dem 18. Jahrhundert in Northampton, Massachusetts. Während er sich mit einem besonderen Fall in seiner eigenen Kirche befasste, schrieb Edwards ausführlich über die Ziele von Gemeindezucht.

Erstens. Damit die Kirche rein bleibt und Gottes Sakramente nicht verunreinigt werden. Dieses Ziel wird in dem Kontext genannt: damit andere Mitglieder nicht verunreinigt werden. Dies ist notwendig, damit sie auf diese Weise gegen Sünde zeugen. Zweitens. Damit andere von Boshaftigkeit abgeschreckt werden. Damit andere sich fürchten. Drittens. Damit sie zurückgewonnen werden, [damit ihre] Seelen gerettet werden. [Nachdem] andere, sanftere Mittel vergeblich eingesetzt wurden, sollen dann ernstere Mittel genutzt werden, um sie zu Überführung, Scham und Demütigung zu bringen, indem sie von der Kirche abgelehnt und gemieden werden, mit Missachtung behandelt werden, von Gott verstoßen, dem Satan übergeben werden, wodurch er zum Mittel ihrer Züchtigung gemacht wird. Dies ist das letzte Mittel, mit begleitender Ermahnung, welches die Kirche gebrauchen soll, um die Mitglieder der Kirche zurückzugewinnen, die offensichtlich böse geworden sind; und wenn dies nicht wirksam ist, dann ist als nächstes die unabwendbare Zerstörung zu erwarten.9

Demnach hat Edwards das Wohl der Kirche als auch das Wohl dessen, der unter Zucht steht, im Sinn, wenn er über Exkommunizierung nachdenkt und sie ausübt. Er nennt die Themen Reinheit, Warnung und Wiedergewinnung des irrenden Menschen. Edwards Hoffnung in dieser schwierigen Praxis der Gemeindezucht ist, dass Sünder von dem Irrtum ihrer Wege abkehren, während sie unter dem Gericht stehen, und Buße tun, und dass andere von Sünde abgehalten werden und in ihrem Glauben ausharren.

Die moderne Ära (1750–heute)

Man kann eine Entwicklung bemerken von einer starken Bereitschaft zur Gemeindezucht während der Ära der Kirchenväter, die einer laxeren Sicht Raum machte, die sich mehr mit persönlicher Buße befasste. Die Reformation brachte die biblische Lehre über Gemeindezucht wieder zu ihrem rechten Platz zurück. In der frühmodernen Ära setzte sich eine starke Betonung auf Gemeindezucht fort. Jedoch, indem sich in vielen Konfessionen Überzeugungen der Aufklärung durchsetzten, einschließlich eines starken Sinns für Individualismus und für die inhärente Güte des Menschen, ging die Praxis der Gemeindezucht im Allgemeinen zurück.10 Ein Rückgang der Praxis der Gemeindezucht kann auch direkt zurückgeführt werden auf eine laxe Einstellung in Bezug auf eine wiedergeborene Gemeindemitgliedschaft. Ohne das Verlangen oder den Prozess, Gemeindemitglieder zu identifizieren, Mitgliederlisten zu unterhalten und die Sakramente von Taufe und Abendmahl zu schützen, ist es keine Überraschung, dass dieser Rückgang stattfand. Obwohl ziemlich banal erscheinend, haben diese Anstrengungen eine direkte Verbindung mit Gemeindemitgliedschaft und Gemeindezucht und sind deshalb wesentlich für die Gesundheit der Kirche. Es gibt keine Ausnahmen zu diesem allgemeinen Trend des Rückgangs der Gemeindezucht, aber im Vergleich zur restlichen Kirchengeschichte zeigten die letzten zwei Jahrhunderte einen dramatischen Rückgang.

Dieser Trend des Rückgangs von Gemeindezucht hat sich jedoch in den letzten Jahren signifikant umgekehrt. Eine Anzahl von Faktoren haben damit zu tun, aber es gibt definitiv eine Renaissance in der Lehre über und der Praxis von Gemeindezucht (gemeinsam mit wiedergeborener Gemeindemitgliedschaft). Es muss erwähnt werden, dass der Dienst von Capitol Hill Baptist Church und 9Marks eine wichtige Rolle in dieser Erneuerung gespielt haben.11 Es sind auch eine Anzahl von guten Büchern über Ekklesiologie in den letzten Jahren veröffentlicht worden, die die Gläubigen wieder auf die Wichtigkeit von Lehre für das christliche Leben hinweisen.12 Wegen dieser Wiederentdeckung können wir hoffnungsvoll sein, wenn wir auf die Zukunft der Kirche blicken. Kirchengeschichte hat uns viel zu lehren, und wir tun wohl, dem Muster des Neuen Testaments zu folgen und Gemeindezucht ernst zu nehmen, für die Gesundheit der Ortsgemeinde und für die Herrlichkeit Gottes in unserer Mitte.


Jeremy Kimble ist Assistenzprofessor für Theologische Studien an der Cedarville Universität in Cedarville, Ohio und ein Mitglied der Grace Baptist Church. Dieser Artikel erschien zuerst bei 9Marks Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.


1 Teile dieses Artikels entstammen dem Buch von Jeremy M. Kimble, 40 Questions About Church Membership and Discipline (Grand Rapids: Kregel Academic, 2017), 167–72.

2 Tertullian, Apology, 39.4, herausgegeben von Gerald Henry Rendall und Walter Charles Alan Kerr, übersetzt von T.R. Glover, Loeb Classical Library 250 (Cambridge: Harvard University Press, 1966), 175.

3 Siehe zum Beispiel Augustinus, „Letter 185.3.13, The Correction of the Donatists“, in Augustinus, The Works of Saint Augustine: A Translation for the 21st Century, herausgegeben von John E. Rotelle, übersetzt von Edmund Hill (Brooklyn: New City, 1990), 187; Clemens von Rom, First Epistle to the Corinthians, in The Ante-Nicene Fathers, herausgegeben von Alexander Roberts und James Donaldson (Grand Rapids: Eerdmans, 1950), 1:20; Justin der Märtyrer, The First Apology, in ibid., 1:185.

4 Siehe Gregory A. Wills, „A Historical Analysis of Church Discipline“, in Those Who Must Give an Account: A Study of Church Membership and Church Discipline, herausgegeben von John S. Hammett und Benjamin L. Merkle (Nashville: B&H Academic, 2012), 132–39.

5 Wills, „A Historical Analysis of Church Discipline“, 140. Siehe auch Socrates, Ecclesiastical History, 5.19, in Nicene and Post-Nicene Fathers, herausgegeben von Philip Schaff und Henry Wace, zweite Ausgabe, Band 2 (New York: Christian Publishing Company, 1886), 128; Sozomen, Ecclesiastical History, 7.16, in ibid., 386–87.

6 Martin Luther, „A Sermon on the Ban“, in Church and Ministry I, LW 39, herausgegeben von Eric W. Gritsch (Philadelphia: Fortress, 1970), 3–22; idem, “The Keys” in Church and Ministry II, LW 40, herausgegeben von Helmut H. Lehman (Philadelphia: Fortress, 1958), 321–77; idem, “On the Councils and the Church”, in Church and Ministry III, LW 41, herausgegeben von Eric W. Gritsch (Philadelphia:Fortress, 1966), 3–178.

7 Für einen Überblick über die Einzelheiten von Calvins Sicht über Gemeindezucht, siehe besonders John Calvin, Institutes of the Christian Religion, herausgegeben von John T. McNeill, übersetzt von Ford Lewis Battles (Philadelphia: Westminster, 1960), 4.12.1–28.

8 Siehe zum Beispiel Balthasar Hubmaier, „On Fraternal Admonition“, in Balthasar Hubmaier: Theologian of Anabaptism, herausgegeben von H. Wayne Pipkin und John Howard Yoder, Classics of the Radical Reformation 5 (Scottdale, PA: Herald Press, 1989), 372–85; idem, „On the Christian Ban“, in ibid., 409–25.

9 Jonathan Edwards, „The Means and Ends of Excommunication“, in Sermons and Discourses, 1739-1742, herausgegeben von Harry S. Stout und Nathan O. Hatch, WJE 22 (New Haven: Yale University Press, 2003), 78–79.

10 Für eine spezifische Darstellung des Rückgangs von Gemeindezucht unter Southern Baptist Gemeinden, siehe zum Beispiel Stephen M. Haines, „Southern Baptist Church Discipline, 1880–1939“, Baptist History and Heritage 20, Nummer 2 (1985): 14–27; Gregory A. Wills, Democratic Religion: Freedom, Authority, and Church Discipline in the Baptist South, 1785–1900 (New York: Oxford University Press, 1997).

11 Siehe besonders Mark Dever, 9 Merkmale einer gesunden Gemeinde (Waldems: 3L Verlag, 2004).

12 Viele könnten hier aufgezählt werden, aber siehe zum Beispiel Greg R. Allison, Sojourners and Strangers: The Doctrine of the Church, Foundation in Evangelical Theology (Wheaton: Crossway, 2012); John S. Hammett, Biblical Foundations for Baptist Churches: A Contemporary Ecclesiology (Grand Rapids: Kregel, 2005).