Ein göttliches und übernatürliches Licht

Eine Predigt von Jonathan Edwards

Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Glückselig bist du, Simon, Sohn des Jona; denn Fleisch und Blut hat dir das nicht geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel! (Mt 16,17)

Christus sprach diese Worte zu Petrus, als dieser seinen Glauben an Jesus als den Sohn Gottes bekannte. Unser Herr fragte seine Jünger, für wen die Menschen ihn halten würden; nicht, dass er darüber informiert werden müsste, sondern nur um das einzuleiten, was folgen würde. Sie antworteten, dass manche sagen, er wäre Johannes der Täufer, andere hielten ihn für Elia und noch andere für Jeremia oder einen der Propheten. Als sie ihren Bericht gegeben hatten, für wen die Menschen Jesus hielten, fragte Christus sie, für wen sie ihn hielten. Simon Petrus, den wir allezeit eifrig und kess finden, antwortete zuerst: Er erwiderte auf die Frage bereitwillig: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!

Die Seligpreisung von Petrus

Zu diesem Anlass sagt Christus etwas zu ihm und über ihn in dem Text, woraus wir Folgendes erkennen können:

1. Dass er erkannt hatte, dass Jesus der Christus war

Petrus wird aus diesem Grund seliggepriesen. Glückselig bist du – „Du bist ein glücklicher Mensch, weil du das erkannt hast, dass ich der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes bin. Du bist dadurch besonders glücklich. Andere sind verblendet und haben dunkle und irrige Vorstellungen, wie du ja gerade berichtet hast, indem manche denken, dass ich Elia bin, und andere, dass ich Jeremia bin, und manche dies und manche das; aber keiner von ihnen denkt recht, sie sind alle verführt. Glückselig bist du, dass du so ausgesondert wurdest, die Wahrheit in dieser Sache zu erkennen“.

2. Dass Gott es ihm geoffenbart hatte

Der Beleg für diese Glückseligkeit wird dargelegt; nämlich, dass Gott, und er allein, es ihm geoffenbart hatte. Das ist ein Beleg dafür, dass er glückselig ist.

Erstens, es zeigt, wie besonders er von Gott anderen gegenüber bevorzugt wurde: „Wie hoch begünstigt bist du, dass andere, die weise und große Männer sind, die Schriftgelehrten, Pharisäer, die Obersten und die Nation im Allgemeinen, in Finsternis gelassen werden, um ihren eigenen fehlgeleiteten Vorstellungen zu folgen; und dass du ausgesondert werden solltest; gewissermaßen namentlich, dass mein himmlischer Vater seine Liebe auf dich setzen sollte, auf dich, Simon, Sohn des Jona. Dadurch bist du glückselig, dass du auf diese Weise das Objekt von Gottes besonderer Liebe sein solltest“.

Zweitens, es belegt seine Glückseligkeit auch, indem es zu verstehen gibt, dass diese Erkenntnis über dem steht, was irgendein Fleisch und Blut geben kann: Sie ist zu hoch und zu ausgezeichnet, um durch solche Mittel kommuniziert zu werden wie andere Erkenntnis. Du bist glückselig, dass du das erkannt hast, was nur Gott dich lehren kann“.

Gott ist der Urheber aller Erkenntnis

Der Ursprung dieser Erkenntnis wird hier sowohl negativ als auch positiv erklärt. Positiv, dass Gott hier zum Urheber erklärt wird. Negativ, dass erklärt wird, dass Fleisch und Blut es nicht geoffenbart haben.

Alle moralische Erkenntnis und Fertigkeit im Beruf kommt von Gott

Gott ist der Urheber aller Erkenntnis und allen Wissens überhaupt. Er ist der Urheber der Erkenntnis, die durch menschliches Lernen erworben wird: Er ist der Urheber von moralischer Vernunft sowie der Erkenntnis und den Fertigkeiten, die Menschen in ihrem säkularen Beruf haben. So wird von allen in Israel gesagt, die ein weises Herz hatten und fähig waren Kleider zu fertigen, dass Gott sie mit dem Geist der Weisheit erfüllt hatte (2. Mose 28,3).

Aber sie wird von Fleisch und Blut geoffenbart

Gott ist der Urheber solcher Erkenntnis; aber nur so, dass Fleisch und Blut sie offenbaren. Sterbliche Menschen sind fähig, Erkenntnisse über die menschlichen Künste und Wissenschaften sowie Fertigkeiten in zeitlichen Angelegenheiten an andere weiterzugeben. Gott ist der Urheber solcher Erkenntnis durch solche Mittel: Fleisch und Blut werden als mittelbare oder zweite Ursache gebraucht; er verleiht diese Erkenntnis durch die Kraft und den Einfluss natürlicher Mittel.

Gott allein ist der Urheber von geistlicher Erkenntnis

Aber diese geistliche Erkenntnis, von der im Text gesprochen wird, ist jene, von der Gott der Urheber ist, und niemand sonst: Er offenbart sie und Fleisch und Blut offenbaren sie nicht. Er vermittelt diese Erkenntnis unmittelbar, nicht indem er irgendwelche mittelbaren natürlichen Ursachen gebraucht, wie er es bei anderer Erkenntnis tut.

These und Vorschau

Was in der vorausgehenden Unterredung geschah, gab Christus auf natürliche Weise Anlass, dies anzumerken; weil die Jünger ihm davon erzählten, wie andere nicht erkannt hatten, sondern sich im Allgemeinen über ihn irrten und in ihrer Meinung über ihn gespalten und verwirrt waren: Aber Petrus hatte seinen festen Glauben ausgedrückt, dass er der Sohn Gottes war. Jetzt war es nur natürlich anzumerken, dass Fleisch und Blut ihm das nicht geoffenbart hatten, sondern Gott: Denn wenn die Erkenntnis von natürlichen Ursachen oder Mitteln abhängen würde, wie ist es dann geschehen, dass sie, eine Gruppe armer Fischer und ungelehrter Männer mit geringer Ausbildung, die Erkenntnis der Wahrheit erlangten; während die Schriftgelehrten und Pharisäer, Männer mit weitaus größeren Vorteilen und größerem Wissen und Schlauheit in anderen Fragen, in Unwissenheit blieben? Dass kann nur dem gnädigen, besonderen Einfluss und der Offenbarung des Geistes Gottes zu verdanken sein. Deshalb will ich aus diesen Worten Folgendes zum Thema meiner gegenwärtigen Abhandlung machen:

Lehre

Es gibt so etwas, wie ein geistliches und göttliches Licht, das der Seele unmittelbar von Gott vermittelt wird und sich seinem Wesen nach gänzlich von allem unterscheidet, was durch natürliche Mittel erlangt wird. Und zu diesem Thema möchte ich

I. Zeigen, was dieses göttliche Licht ist.

II. Wie es unmittelbar von Gott gegeben und nicht durch natürliche Mittel erlangt wird.

III. Die Wahrheit dieser Lehre aufzeigen und mit einer kurzen Anwendung abschließen.

 

Zu I.) Ich möchte zeigen, was dieses geistliche und göttliche Licht ist:
Um das zu tun, möchte ich erstens, an ein paar Dingen zeigen, was es nicht ist:

Nicht bloß eine Überzeugung von Sünde und Elend

1. Die Überzeugungen, die natürliche Menschen über ihre Sünde und ihr Elend haben, sind nicht dieses geistliche und göttliche Licht. Menschen können in einem natürlichen Zustand Überzeugungen über die Schuld haben, die auf ihnen liegt, und über den Zorn Gottes und die Gefahr göttlicher Vergeltung. Solche Überzeugungen kommen vom Licht oder der Vernünftigkeit der Wahrheit. Dass manche Sünder eine größere Überzeugung ihrer Schuld und ihres Elends haben als andere kommt daher, dass manche mehr Licht haben oder eine größere Auffassung der Wahrheit als andere. Und dieses Licht und diese Überzeugung kann vom Geist Gottes sein; der Geist überführt Menschen von Sünde: Aber doch hat die Natur damit wesentlich mehr zu tun als bei der Vermittlung dieses geistlichen und göttlichen Lichts, von dem in der Lehre gesprochen wird; diese Überzeugungen sind vom Geist Gottes nur insoweit, als dass er natürliche Prinzipien unterstützt, aber nicht irgendwelche neuen Prinzipien einpflanzt. Die allgemeine Gnade unterscheidet sich von der besonderen darin, dass sie nur durch Unterstützung der Natur beeinflusst; und nicht Gnade vermittelt oder etwas über die Natur hinaus. Das Licht, das erlangt wird, ist vollkommen natürlich und von keiner höheren Art, als die reine Natur erlangen kann, wenngleich mehr von dieser Art als die Menschen erlangen würden, wenn sie vollkommen sich selbst überlassen wären. Oder, mit anderen Worten, die allgemeine Gnade assistiert nur den Fähigkeiten der Seele, das vollkommener zu tun, was sie von Natur aus schon tut, so wie das natürliche Gewissen oder der Verstand einen Menschen, rein von Natur aus, seiner Sünde bewusst machen und ihn beschuldigen und verdammen, wenn er etwas Falsches getan hat. Das Gewissen ist ein Prinzip, was für die Menschen natürlich ist; und das Werk, welches es natürlicherweise tut oder von sich selbst aus, ist, ein Bewusstsein für Richtig und Falsch zu geben und dem Verstand die Beziehung nahezubringen, die zwischen Richtig und Falsch besteht sowie dass es eine Vergeltung gibt. In den Überzeugungen, die Menschen manchmal haben, die noch nicht neugeboren wurden, unterstützt der Geist Gottes das Gewissen dabei, sein Werk in einem höheren Maß zu tun, als wenn es sich selbst überlassen wäre: Er hilft gegen die Dinge, die dazu neigen, es zu betäuben und seine Ausübung zu behindern. Aber in dem erneuernden und heiligenden Werk des Heiligen Geistes werden die Dinge in der Seele bewirkt, die über die Natur hinausgehen, und von deren Art es nichts von Natur aus in der Seele gibt; und sie werden permanent in die Seele eingepflanzt, und das entsprechend solch eines Zustandes oder einer Gesetzmäßigkeit, die die Grundlage für fortgesetzte Ausübung legt, sodass es ein Prinzip der Natur genannt wird. Nicht nur, dass die verbliebenen Prinzipien unterstützt werden, um ihre Arbeit frei und voller zu verrichten, sondern es werden diejenigen Prinzipien wiederhergestellt, die beim Sündenfall vollkommen zerstört wurden; und der Verstand übt fortan gewohnheitsmäßig diejenigen Akte aus, die die Herrschaft der Sünde vollkommen entzogen hatte, so wie ein toter Körper keine lebendigen Handlungen vollführt.

Der Geist Gottes handelt auf sehr verschiedene Weise in dem einen und in dem anderen Fall. Er mag auf den Verstand des natürlichen Menschen einwirken, aber er wirkt im Verstand eines Christen als ein innwohnendes lebendiges Prinzip. Er wirkt auf den Verstand eines unerneuerten Menschen als ein äußerlicher, gelegentlicher Akteur; denn indem er auf ihn einwirkt, verbindet er sich nicht mit ihm; denn trotz all seines Einflusses, den er genießen mag, ist er immer noch ein natürlicher Mensch, der den Geist nicht hat, Judas 19. Aber er verbindet sich mit dem Verstand eines Christen und macht ihn zu seinem Tempel und lenkt und beeinflusst ihn als ein neues übernatürliches Prinzip des Lebens und der Wirksamkeit. Es gibt hier diesen Unterschied, dass der Geist Gottes, wenn er auf die Seele eines gottesfürchtigen Menschen einwirkt, sich in seiner eigenen wahren Natur vermittelt und einsetzt. Heiligkeit ist die wahre Natur des Geistes Gottes. Der Heilige Geist wirkt in dem Verstand der Gottesfürchtigen, indem er sich mit ihnen verbindet, in ihnen lebt und seine eigene Natur in den Arbeitsbereichen ihrer Seele zum Einsatz bringt. Der Geist Gottes kann auf ein Geschöpf einwirken und doch dabei sich selbst nicht vermitteln. Der Geist Gottes kann auf unbeseelte Geschöpfe einwirken. Wie als der Geist Gottes über den Wassern schwebte, zu Beginn der Schöpfung, so kann der Geistes Gottes auf viele Weisen den Verstand der Menschen beeinflussen und sich selbst nicht mehr mitteilen, als wenn er auf unbeseelte Geschöpfe Einfluss nimmt. Zum Beispiel kann er Gedanken in ihnen anregen, ihren natürlichen Verstand und ihre Auffassungsgabe unterstützen oder andere natürliche Prinzipien, und das ohne eine Vereinigung mit der Seele, sondern handelt so , wie bei einem externen Objekt. Aber wenn er in seinen heiligen Einflüssen und geistlichen Wirkungen handelt, dann handelt er so, dass er sich auf besondere Weise mitteilt; sodass das Subjekt von da an geistlich genannt wird.

Nicht bloße Eindrücke auf die Vorstellung

2. Dieses geistliche und göttliche Licht besteht nicht in irgendeinem Eindruck, der auf die Vorstellung gemacht wird. Es ist kein Eindruck auf den Verstand, als ob man irgendetwas mit den leiblichen Augen sehen würde: Es ist keine Vorstellung oder ein Begriff von einem äußerlichen Licht oder einer Herrlichkeit, oder einer Schönheit der Form oder des Aussehens, oder eines sichtbaren Glanzes oder Strahlens von irgendeinem Objekt. Die Vorstellung mag durch solche Dinge stark beeindruckt werden; aber dies ist kein geistliches Licht. Es ist in der Tat so, dass wenn der Verstand eine lebendige Entdeckung geistlicher Dinge hat und durch die Kraft des göttlichen Lichtes stark beeindruckt ist, dass es die Vorstellung beeinflussen kann, und wahrscheinlich sehr oft auch tut; sodass Eindrücke einer äußerlichen Schönheit oder Strahlens diese geistlichen Entdeckungen begleiten mögen. Aber geistliches Licht ist nicht dieser Eindruck auf die Vorstellung, sondern etwas gänzlich Anderes. Natürliche Menschen können lebendige Eindrücke auf ihre Vorstellung haben; und wir können nicht ausschließen, dass der Teufel, der sich in einen Engel des Lichts verwandelt, solche Vorstellungen von äußerlicher Schönheit hervorrufen kann, oder von sichtbarer Herrlichkeit und von Klängen und Worten und andere solche Dinge; aber diese Dinge sind von weitaus geringerem Wesen als geistliches Licht.

Keine „neuen Offenbarungen“ getrennt von der Schrift

3. Dieses geistliche Licht ist nicht das Andeuten irgendeiner neuen Wahrheit oder Aussagen, die nicht im Wort Gottes enthalten sind. Dieses Andeuten neuer Wahrheiten oder Lehren zum Verstand, unabhängig von einer vorhergehenden Offenbarung dieser Aussagen, ob in Wort oder in Schrift, ist Eingebung; wie es die Propheten und Apostel hatten und wie es manche Enthusiasten vorgeben zu haben. Aber dieses geistliche Licht, von dem ich rede, ist etwas ganz Anderes als Eingebung: Es offenbart keine neue Lehre, es deutet dem Verstand keine neue Aussage an, es lehrt nichts Neues über Gott oder Christus oder eine andere Welt, das nicht in der Bibel gelehrt wird, sondern gibt nur eine angemessene Auffassung der Dinge, die im Wort Gottes gelehrt werden.

Nicht bloß eine religiöse Einsicht oder ein religiöses Gefühl

4. Es ist nicht jede rührende Ansicht, die Menschen über die Dinge der Religion haben, was dieses geistliche und göttliche Licht ist. Menschen, rein durch Prinzipien der Natur, sind fähig, von Dingen, die eine besondere Beziehung zur Religion haben, gerührt zu sein, wie von anderen Dingen. Eine Person kann zum Beispiel rein von Natur aus durch die Geschichte von Jesus Christus gerührt sein, und den Leiden, die er durchmachte, genauso wie bei einer anderen tragischen Geschichte: Sie mag sogar mehr berührt sein angesichts der Auswirkungen auf die Menschheit, die sie damit verbindet; ja, sie mag von ihr gerührt sein ohne an sie zu glauben; genauso wie ein Mensch gerührt ist von Dingen, die er in einem Roman liest oder im Theater sieht. Er kann von einer lebendigen und eloquenten Beschreibung der vielen annehmlichen Dinge, die mit dem Zustand der Gesegneten im Himmel verbunden sind, gerührt sein, genauso wie die Fantasie angesprochen werden kann von einer Beschreibung in einem Roman über die Annehmlichkeiten eines Märchenlands oder etwas Ähnlichem. Und der allgemeine Glaube an die Wahrheit der Dinge der Religion, die Menschen aus ihrer Bildung oder Ähnlichem mitbekommen, kann ihre Empfänglichkeit unterstützen. Wir lesen in der Schrift, dass viele Menschen sehr von Dingen einer religiösen Natur berührt waren, die doch als vollkommen ohne Gnade dargestellt werden, und vielen von ihnen als sehr böse Menschen auftraten. Ein Mensch kann demnach sehr rührende Ansichten über die Dinge der Religion haben und dennoch des geistlichen Lichts vollkommen ermangeln. Fleisch und Blut mögen davon der Urheber sein: Ein Mensch kann einem anderen eine rührende Ansicht göttlicher Dinge geben, rein durch allgemeine Unterstützung; aber allein Gott kann eine geistliche Entdeckung dieser Dinge schenken.

 – Aber ich fahre fort, zu zeigen, zweitens, im Positiven, was dieses geistliche und göttliche Licht ist:

Göttliches Licht definiert

Es kann folgendermaßen beschrieben werden: eine echte Wahrnehmung der göttlichen Vortrefflichkeit der Dinge, die im Wort Gottes offenbart sind, und eine Überzeugung ihrer Wahrheit und Realität, die daraus entsteht. Dieses geistliche Licht besteht primär aus dem Erstgenannten, d.h. einer wirklichen Wahrnehmung und einem Bewusstsein für die göttliche Vortrefflichkeit der Dinge, die im Wort Gottes offenbart sind. Eine geistliche und rettende Überzeugung der Wahrheit und Realität dieser Dinge entsteht aus solch einem Anblick ihrer göttlichen Vortrefflichkeit und Herrlichkeit; sodass diese Überzeugung von ihrer Wahrheit eine Wirkung und natürliche Folge dieses Anblicks ihrer göttlichen Herrlichkeit ist. Deshalb geschieht Folgendes in diesem geistlichen Licht:

Eine Wahrnehmung der Göttlichkeit und Vortrefflichkeit der Glaubensdinge

1. Es erfolgt eine echte Wahrnehmung der göttlichen und übergroßen Vortrefflichkeit der Dinge der Religion; eine reale Wahrnehmung der Vortrefflichkeit Gottes und Jesu Christi und des Werks der Erlösung sowie der Wege und Werke Gottes, die im Evangelium offenbart sind. Es gibt eine göttliche und übernatürliche Herrlichkeit in diesen Dingen; eine Vortrefflichkeit, die von viel größerer Art und erhabenerem Wesen ist als in anderen Dingen; eine Herrlichkeit, die sie sehr vor allem, was irdisch und zeitlich ist, auszeichnet. Der, der geistlich erleuchtet ist, nimmt dies wirklich wahr und sieht es oder hat ein Sinn dafür. Er glaubt nicht bloß rational, dass Gott herrlich ist, sondern hat eine Wahrnehmung seiner Herrlichkeit in seinem Herzen. Er hat nicht nur einen rationalen Glauben, dass Gott heilig ist, und dass Heiligkeit etwas Gutes ist, sondern er hat eine Wahrnehmung der Lieblichkeit von Gottes Heiligkeit. Er urteilt nicht nur spekulativ, dass Gott gnädig ist, sondern hat eine Wahrnehmung davon, wie liebenswürdig Gott aufgrund dessen ist, oder einen Sinn für die Schönheit dieser göttlichen Eigenschaft.

Es gibt ein zweifältiges Verstehen oder Erkennen des Guten, zu dem Gott den Verstand des Menschen befähigt hat. Das erste ist das rein Spekulative und Abstrakte; wie wenn ein Mensch nur spekulativ urteilt, dass eine Sache gut oder vortrefflich genannt wird, der auch andere Menschen zustimmen, indem sie den größten allgemeinen Vorteil bringt und zwischen der und einer Belohnung eine gewisse Angemessenheit besteht, und so weiter. Und das andere besteht in einer Wahrnehmung des Herzens: wie man eine Wahrnehmung der Schönheit, Lieblichkeit und Süße einer Sache hat; sodass das Herz Vergnügen und Wohlgefallen in der Gegenwart der Vorstellung von dieser Sache empfindet. Im Ersteren wird nur der spekulative Bereich des Denkens eingesetzt, oder das Verstehen, was von dem Willen oder der Neigung der Seele unterschieden wird. Im Letzteren ist der Wille, die Neigung oder das Herz am meisten beteiligt.

Folglich gibt es einen Unterschied dazwischen, eine Meinung davon zu haben, dass Gott heilig und gnädig ist, und eine Wahrnehmung der Lieblichkeit und Schönheit dieser Heiligkeit und Gnade zu haben. Es gibt einen Unterschied zwischen einem rationalen Urteil, dass Honig süß ist, und einer Wahrnehmung seiner Süße. Ein Mensch kann das Erstere haben, der aber doch nicht weiß, wie Honig schmeckt; aber ein Mensch kann nicht das Letztere haben, ohne eine Vorstellung des Honiggeschmacks in seinem Verstand zu verspüren. Gleichermaßen gibt es einen Unterschied zu glauben, dass eine Person schön ist, und eine Wahrnehmung ihrer Schönheit zu haben. Das Erstere kann man vom Hörensagen bekommen, aber das Zweite nur, wenn man das Angesicht selbst sieht. Es gibt einen großen Unterschied, bloß spekulativ und rational zu urteilen, dass eine Sache vortrefflich ist, und eine Wahrnehmung ihrer Süße und Schönheit zu haben. Das Erstere passiert nur im Kopf und nur die Spekulation ist daran beteiligt; aber beim Zweiten ist das Herz beteiligt. Wenn das Herz die Schönheit und Liebenswürdigkeit einer Sache wahrnimmt, fühlt es notwendigerweise Vergnügen bei dieser Wahrnehmung. Es ist impliziert darin, dass die Vorstellung davon süß und angenehm für die Seele einer Person ist, wenn sie von Herzen die Lieblichkeit einer Sache wahrnimmt; was eine ganz andere Sache ist, als nur eine rationale Meinung zu haben, dass diese Sache vortrefflich ist.

Eine Überzeugung der Wahrheit göttlicher Dinge

2. Es entsteht von dieser Wahrnehmung der göttlichen Vortrefflichkeit der Dinge, die im Wort Gottes enthalten sind, eine Überzeugung ihrer Wahrheit und Realität, und das entweder direkt oder indirekt.

Erstens, indirekt, und zwar auf zwei Wegen:

1. Indem die Vorurteile, die im Herzen gegen die Wahrheit der göttlichen Dinge sind, dadurch weggenommen werden; sodass der Verstand empfänglich wird für die Kraft rationaler Argumente hinsichtlich ihrer Wahrheit. Der Verstand des Menschen ist natürlicherweise voller Vorurteile gegen die Wahrheit göttlicher Dinge: Er ist voller Feindschaft gegen die Lehren des Evangeliums; was ein Nachteil für die Argumente ist, die ihre Wahrheit beweisen, was dazu führt, dass sie auf den Verstand keine Kraft ausüben. Aber wenn einem Menschen die göttliche Vortrefflichkeit der christlichen Lehren eröffnet wird, zerstört das die Feindschaft, nimmt die Vorurteile weg und heiligt den Verstand, wodurch er offen wird für die Argumente, die ihre Wahrheit untermauern.

Daher kam die unterschiedliche Wirkung, die die Wunder Christi hatten, um die Jünger zu überzeugen, im Vergleich zu den Schriftgelehrten und Pharisäern. Nicht dass die Jünger einen stärkeren Verstand hatten oder ihr Verstand mehr entwickelt war; sondern ihr Verstand war geheiligt und die verblendenden Vorurteile, die die Schriftgelehrten und Pharisäer beherrschten, waren durch die Wahrnehmung, die sie von der Vortrefflichkeit Christi und seiner Lehre hatten, weggenommen.

2. Es nimmt nicht nur die Behinderungen des Verstandes weg, sondern hilft auch ihm positiv. Es macht sogar die spekulativen Vorstellungen lebendiger. Es regt die Aufmerksamkeit des Verstandes an mit einer Festigkeit und Intensität für Dinge dieser Art; was dazu führt, dass der Verstand eine klarere Sicht von ihnen hat, und es befähigt ihn, ihre gegenseitigen Beziehungen klarer zu erkennen, und regt ihn an, diese mehr zu bemerken. Die Vorstellungen, die sonst dunkel und unklar sind, werden auf diese Weise mit größerer Kraft ausgestattet und Licht wird auf sie geworfen; sodass der Verstand sie besser beurteilen kann. Wie der, der die Objekte auf der Erdoberfläche ansieht, und wenn Sonnenlicht darauf scheint, besser dazu in der Lage ist, ihre wahre Gestalt und gegenseitigen Beziehungen zu unterscheiden, als der, der sie in schummrigem Sternenlicht oder in der Abenddämmerung sieht.

Wenn der Verstand ein Bewusstsein für die Vortrefflichkeit göttlicher Objekte hat, beschäftigt er sich mit ihnen mit Vergnügen; und die Kräfte der Seele werden mehr erweckt und belebt, um sich im Nachsinnen über sie einzusetzen und sich zu diesem Zweck vollständiger und intensiver zu beschäftigen. Die Schönheit und Süße der Objekte regt die Seelenkräfte an und bringt sie zum Einsatz: sodass der Verstand selbst viel größere Hilfe hat, sich gebührend und frei zu betätigen, und so sein gebührendes Ziel zu erreichen, frei von Dunkelheit und Täuschung.

– Aber,

zweitens, ein wahrer Sinn für die göttliche Vortrefflichkeit der Dinge im Wort Gottes überzeugt direkt und unmittelbarer von ihrer Wahrheit; und das kommt daher, weil die Vortrefflichkeit dieser Dinge so überaus groß ist. Es gibt eine Schönheit in ihnen, die so göttlich ist und sie so überaus und offenkundig von rein menschlichen Dingen unterscheidet, oder von dem, was Menschen erfunden oder erdacht haben; eine Herrlichkeit so hoch und groß, dass, wenn sie deutlich gesehen wird, sie Zustimmung ihrer Göttlichkeit und Realität gebietet. Wenn es eine wirkliche und lebendige Entdeckung dieser Schönheit und Vortrefflichkeit gibt, wird dies keinen Gedanken zulassen, dass die Dinge im Wort Gottes ein menschliches Werk wären oder die Frucht menschlicher Erfindung. Der Beweis, den die, die geistlich erleuchtet sind, von der Wahrheit der Dinge der Religion haben, ist eine Art intuitiver und unmittelbarer Beweis. Sie glauben, dass die Lehren von Gottes Wort göttlich sind, weil sie Göttlichkeit in ihnen sehen. D.h. sie sehen eine göttliche, transzendente und offensichtlich hervortretende Herrlichkeit in ihnen; solch eine Herrlichkeit, die, wenn sie deutlich gesehen wird, keinen Raum zum Zweifel lässt, dass sie von Gott ist und nicht von den Menschen.

Solch eine Überzeugung von der Wahrheit der Religion, wie die, die auf diese Weise von einer Wahrnehmung ihrer göttlichen Vortrefflichkeit entsteht, ist diese wahre geistliche Überzeugung, die im rettenden Glauben ist. Und das ist das Besondere, durch welches sie im Wesentlichen von allgemeiner Zustimmung verschieden ist, zu der auch nicht erneuerte Menschen fähig sind.

Wie dieses Licht von Gott gegeben wird

Zum II. Punkt der Lehre fahre ich nun fort, zu zeigen, wie dieses Licht unmittelbar von Gott gegeben und nicht durch natürliche Mittel erlangt wird.

Die natürlichen Fakultäten sind involviert

1. Es soll damit nicht ausgesagt werden, dass die natürlichen innermenschlichen Bereiche nicht gebraucht würden. Die natürlichen Fakultäten sind das Subjekt dieses Lichts. Und sie sind das Subjekt auf solche Weise, dass sie nicht nur passiv, sondern aktiv darin sind; die Handlungen und der Gebrauch des Verstandes eines Menschen sind daran beteiligt und werden darin benutzt. Gott, wenn er dieses Licht in die Seele lässt, handelt an einem Menschen entsprechend seiner Natur oder als ein rationales Wesen; und er gebraucht seine menschlichen Fakultäten. Aber doch ist dieses Licht deshalb nicht weniger unmittelbar von Gott. Wenn die Fakultäten gebraucht werden, dann geschieht das als Subjekt und nicht als Ursache; und das Handeln der Fakultäten darin ist nicht die Ursache, sondern in der Sache selbst einbezogen (im Licht, das verliehen wird) oder die Folge davon. Wie der Gebrauch, den wir von unseren Augen machen, wenn wir verschiedene Objekte ansehen, sobald die Sonne aufgeht, nicht die Ursache des Lichtes ist, welches uns diese Objekte eröffnet.

Äußerliche Mittel sind auch involviert

2. Es soll damit nicht ausgesagt werden, dass äußerliche Mittel bei dieser Sache nicht beteiligt sind. Wie ich schon angemerkt habe, ist es bei dieser Sache nicht wie bei der Eingebung der Heiligen Schrift, wo neue Wahrheiten eingegeben werden. Denn hier wird durch dieses Licht nur eine angemessene Wahrnehmung dieser Wahrheiten, die im Wort Gottes offenbart sind, gegeben; und deshalb wird es nicht ohne das Wort gegeben. Das Evangelium wird in dieser Sache gebraucht: Dieses Licht ist das „Licht des herrlichen Evangeliums von Christus“ (2Kor 4,4). Das Evangelium ist wie ein Spiegel, durch den dieses Licht zu uns kommt (1Kor 13,12). „Denn wir sehen jetzt mittels eines Spiegels“.

– Aber:

Nur Gottes Geist gibt göttliches Licht.

3. Wenn gesagt wird, dass dieses Licht unmittelbar von Gott gegeben wird, und nicht durch natürliche Mittel erlangt werden kann, ist damit gemeint, dass es von Gott gegeben wird, ohne Einsatz von Mitteln, die durch ihre eigene Kraft wirken, oder durch eine natürliche Kraft, die Gott als Mittel gebraucht; es gibt keine mittelbaren Ursachen, die diese Wirkung hervorrufen. Es gibt nicht wirklich irgendwelche Zweit-Ursachen davon, sondern es wird unmittelbar von Gott hervorgerufen. Das Wort Gottes ist nicht die echte Ursache dieser Wirkung: Es wirkt nicht durch irgendeine natürliche Kraft in sich selbst. Das Wort Gottes wird nur gebraucht, um dem Verstand den Inhalt dieser rettenden Lehre zu vermitteln. Und das übermittelt es uns in der Tat durch eine natürliche Kraft oder entsprechenden Einfluss. Es vermittelt unserem Verstand diese und jene Lehren. Es ist die Ursache der Begriffe davon in unseren Köpfen, aber nicht die Ursache der Wahrnehmung der göttlichen Vortrefflichkeit von ihnen in unserem Herzen. Es kann zwar kein Mensch geistliches Licht ohne das Wort haben. Aber das sagt nicht aus, dass das Wort dieses Licht hervorbringt. Der Verstand kann nicht die Vortrefflichkeit irgendeiner Lehre sehen, wenn diese Lehre nicht zuerst im Verstand ist. Aber das Sehen der Vortrefflichkeit der Lehre kann unmittelbar vom Geist Gottes kommen; auch wenn die Vermittlung der Lehre oder der Aussage selbst vom Wort kommt. Sodass die Vorstellungen, die der Gegenstand dieses Lichts sind, dem Verstand durch das Wort Gottes übermittelt werden; aber der gebührende Sinn des Herzens, worin dieses Licht formal besteht, unmittelbar vom Geist Gottes kommt. Wie zum Beispiel die Auffassung, dass es einen Christus gibt und dass dieser Christus heilig und gnädig ist, dem Verstand durch das Wort Gottes vermittelt wird. Aber die Wahrnehmung der Vortrefflichkeit Christi aufgrund dieser Heiligkeit und Gnade ist nichtsdestotrotz das Werk des Heiligen Geistes.

– Ich komme nun im III. Punkt der Lehre dazu, die Wahrheit dieser Lehre aufzuzeigen:

Die Beweise und der Nutzen dieses göttlichen Lichts

Das heißt, ich möchte zeigen, dass es so etwas wie dieses geistliche Licht gibt, welches ich beschrieben habe, welches Gott unmittelbar in den Verstand lässt. Und hier möchte ich kurz zeigen, dass diese Lehre sowohl biblisch als auch vernunftgemäß ist.

Die biblischen Beweise für diese Lehre

Die Heiligen besitzen dieses Wissen und dieses Sehen Gottes

Erstens, sie ist biblisch. Nicht nur mein Bibeltext spricht dieses Thema an, sondern diese Lehre kommt reichlich in der Schrift vor. Wir werden dort reichlich gelehrt, dass die Heiligen sich von den Gottlosen darin unterscheiden, dass sie die Erkenntnis Gottes haben und ein Sehen von Gott und von Jesus Christus. Ich werde nur ein paar wenige Bibelstellen von vielen anführen. 1. Johannes 3,6: „Wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt“. 3. Johannes 11: „Wer Gutes tut, der ist aus Gott; wer aber Böses tut, der hat Gott nicht gesehen“. Johannes 14,19: „Die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich“. Johannes 17,3: „Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen“. Diese Erkenntnis oder das Sehen von Gott und Christus kann nicht eine rein spekulative Erkenntnis sein; weil sie hier als Sehen und Erkennen beschrieben wird, wodurch die Heiligen sich von den Gottlosen unterscheiden. Und durch diese Bibelstellen wird nicht nur eine andere Erkenntnis an Grad und Umständen angesprochen sowie an Wirkungen, sondern sie muss gänzlich anders sein an Wesen und Art.

Diese Erkenntnis und dieses Sehen von Gott wird unmittelbar von Gott gegeben

Und dieses Licht und diese Erkenntnis wird immer so dargestellt, dass sie unmittelbar von Gott gegeben werden, Matthäus 11,25-27: „Zu jener Zeit begann Jesus und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen geoffenbart hast! Ja, Vater, denn so ist es wohlgefällig gewesen vor dir. Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden, und niemand erkennt den Sohn als nur der Vater; und niemand erkennt den Vater als nur der Sohn und der, welchem der Sohn es offenbaren will“. Hier wird diese Wirkung allein dem Wirken und der Gabe Gottes zugeschrieben, der diese Erkenntnis schenkt, wem er will, und diejenigen dadurch auszeichnet, die den geringsten natürlichen Vorteil oder Mittel zur Erkenntnis haben, sogar Unmündige, während er es den Weisen und Klugen vorenthalten wird. Und die Mitteilung dieser Erkenntnis Gottes wird hier dem Sohn Gottes zugeschrieben, als sein alleiniges Vorrecht. Und wiederum sagt 2. Korinther 4,6: „Denn Gott, der dem Licht gebot, aus der Finsternis hervorzuleuchten, er hat es auch in unseren Herzen licht werden lassen, damit wir erleuchtet werden mit der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi“. Das zeigt deutlich, dass es so etwas wie die Offenbarung der göttlichen, höchsten Herrlichkeit und Vortrefflichkeit Gottes und Christus gibt, die nur die Heiligen haben. Und auch, dass sie unmittelbar von Gott kommt, wie Licht von der Sonne. Und dass sie die unmittelbare Wirkung seiner Macht und seines Willens ist, denn sie wird damit verglichen, dass Gott zu Beginn der Schöpfung Licht durch sein mächtiges Wort schuf, und es wird gesagt, dass sie vom Geist des Herrn kommt, im Vers 18 das vorhergehenden Kapitels. Von Gott wird gesagt, dass er in der Bekehrung die Erkenntnis Christi schenkt als etwas, das zuvor verborgen und unsichtbar war. Galater 1,15-16 bezeugt: „Als es aber Gott, der mich vom Mutterleib an ausgesondert und durch seine Gnade berufen hat, wohlgefiel, seinen Sohn in mir zu offenbaren“. Die Schrift spricht auch deutlich von solch einer Erkenntnis des Wortes Gottes, wie sie beschrieben wurde, als ein unmittelbares Geschenk Gottes, in Psalm 119,18: „Öffne mir die Augen, damit ich sehe die Wunder in deinem Gesetz!“ Was konnte der Psalmist gemeint haben, als er Gott bat, seine Augen zu öffnen? War er jemals blind? Hätte er nicht das Gesetz aufschlagen können und nach Belieben jedes Wort und jeden Satz darin ansehen können? Und was könnte er mit den Wundern gemeint haben? Waren es die wunderbaren Geschichten der Schöpfung, der Sintflut, der Teilung des Roten Meeres und ähnliches? Waren seine Augen nicht offen, um diese Dinge zu lesen, wann immer er wollte? Zweifellos meinte er mit den Wundern in Gottes Gesetz die besonderen und wunderbaren Vortrefflichkeiten und die erstaunlichen Manifestationen der göttlichen Vollkommenheit und Herrlichkeit, die in den Geboten und Lehren des Wortes steckt sowie die Werke und Ratschlüsse Gottes, die darin offenbart waren. Auf diese Weise spricht die Schrift von einer Erkenntnis der Herrschaft, dem Bund der Barmherzigkeit und dem Gnadenweg Gottes mit seinem Volk als etwas, das für die Heiligen besonders ist, und ihnen von Gott geschenkt wird, etwa in Psalm 25,14: „Das Geheimnis des HERRN ist für die, welche ihn fürchten, und seinen Bund lässt er sie erkennen“.

Was entsteht durch dieses göttliche Licht

Und die Schrift lehrt auch, dass ein wahrer und rettender Glaube an die Wahrheit der Religion von solch einer Offenbarung entsteht. Wie Johannes 6,40 ausdrückt: „Das ist aber der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, ewiges Leben hat“; wo deutlich wird, dass ein wahrer Glaube aus einer geistlichen Sicht von Christus entsteht. Und Johannes 17,6-8 besagt: „Ich habe deinen Namen den Menschen offenbar gemacht, die du mir aus der Welt gegeben hast. Nun erkennen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt; denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und haben wahrhaft erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und glauben, dass du mich gesandt hast“ – Wo Christus den Jüngern den Namen Gottes offenbar macht oder ihnen die Erkenntnis Gottes schenkt, wodurch sie wussten, dass die Lehre Christi von Gott war und dass Christus selbst von ihm kam und von ihm gesandt wurde. Nochmals, Johannes 12,44-46 bekräftigt: „Jesus aber rief und sprach: Wer an mich glaubt, der glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat. Und wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat. Ich bin als ein Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibt“. Ihr Glaube an Christus und ihr geistliches Sehen wird als parallel verlaufend beschrieben.

Die, die ohne dieses Licht sind, werden verurteilt

Christus verurteilt in Lukas 12,56-57 die Juden dafür, dass sie nicht wussten, dass er der Messias war, und dass seine Lehre wahr war, aus einem inneren besonderen Geschmack und Genuss an dem Göttlichen heraus. Er hatte hier die Juden beschuldigt, dass sie, obwohl sie das Aussehen der Erde und des Himmels und die Zeichen des Wetters beurteilen konnten, nicht imstande waren, diese Zeit zu beurteilen – oder wie es in Matthäus ausgedrückt wird, die Zeichen dieser Zeit. Er fügt hinzu: „Warum entscheidet ihr nicht von euch selbst aus, was Recht ist?“ – d.h. ohne äußerliche Zeichen. Warum habt ihr nicht eine Wahrnehmung der wahren Vortrefflichkeit, wodurch ihr das unterscheiden könnt, was heilig und göttlich ist? Wieso habt ihr nicht diesen Geschmack an den Dingen Gottes, durch den ihr die besondere Herrlichkeit und die offenkundige Göttlichkeit von mir und meiner Lehre sehen könnt?

Die, die dieses Licht besitzen, werden vergewissert

Der Apostel Petrus nennt dieses Licht das, was ihnen (den Aposteln) gute und wohlbegründete Gewissheit über die Wahrheit des Evangeliums gab, nämlich, dass sie die göttliche Herrlichkeit Christi gesehen haben. 2. Petrus 1,16 bekundet: „Denn wir sind nicht klug ersonnenen Legenden gefolgt, als wir euch die Macht und Wiederkunft unseres Herrn Jesus Christus wissen ließen, sondern wir sind Augenzeugen seiner herrlichen Majestät gewesen“. Der Apostel bezieht sich auf diese sichtbare Herrlichkeit Christi, die sie bei der Verklärung sahen. Diese Herrlichkeit war so göttlich und hatte solch ein unbeschreibliches Erscheinungsbild und Ähnlichkeit mit göttlicher Heiligkeit, Majestät und Gnade, dass sie ihn offenkundig als eine göttliche Person ausmachten. Aber wenn das Sehen der äußerlichen Herrlichkeit Christi eine rationale Gewissheit seiner Göttlichkeit geben kann, wieso könnte das nicht auch eine Wahrnehmung seiner geistlichen Herrlichkeit? Zweifellos ist die geistliche Herrlichkeit Christi in sich selbst so kennzeichnend und zeigt offenkundig seine Herrlichkeit auf, genauso wie seine äußerliche Herrlichkeit und sogar noch viel mehr. Denn seine geistliche Herrlichkeit ist das, worin seine Göttlichkeit besteht; und die äußerliche Herrlichkeit bei seiner Verklärung wies ihn als göttlich aus, nur insoweit sie ein erstaunliches Abbild oder eine Repräsentation dieser geistlichen Herrlichkeit war. Zweifellos kann demnach der, der ein deutliches Sehen der geistlichen Herrlichkeit Christi hat, etwas sagen wie der Apostel als er sich auf die äußerliche Herrlichkeit Christi bezog, die er gesehen hatte – „ich bin nicht klug ersonnen Legenden gefolgt, sondern war Augenzeuge seiner herrlichen Majestät – und zwar auf genauso guter Grundlage.
– Das bringt mich zu dem, was als nächstes gezeigt werden sollte, nämlich zweitens, diese Lehre ist rational.

Die rationalen Beweise für diese Lehre

Göttliche Dinge sollten vortrefflich sein

1. Es ist rational, anzunehmen, dass es wirklich solch eine Vortrefflichkeit in den göttlichen Dingen gibt, die so transzendent und so außerordentlich anders ist als das, was in anderen Dingen ist, sodass, wenn sie gesehen würde, sie sich offenkundig dadurch auszeichnet. Wir können nicht rational bezweifeln, dass die Dinge, die göttlich sind und  die daher mit dem höchsten Wesen zu tun haben, überaus anders sind als Dinge, die menschlich sind; dass es eine gottähnliche, hohe und herrliche Vortrefflichkeit in ihnen gibt, welche sie auf erstaunlichste Weise von den Dingen unterscheidet, die von Menschen sind; insoweit als dass, wenn dieser Unterschied gesehen werden würde, er einen überzeugenden, befriedigenden Einfluss auf jeden Menschen hätte, dass diese Dinge das sind, was sie wirklich sind, nämlich göttlich. Welche Einwände können dagegen aufgebracht werden? Nur einer, wenn wir argumentieren wollen, dass Gott nicht auf erstaunliche Weise in seiner Herrlichkeit verschieden ist von den Menschen.

Wenn Christus jetzt irgendeinem Menschen so erscheinen würde, wie auf dem Berg der Verklärung; oder wenn er der Welt in der Herrlichkeit erscheinen würde, die er nun ausstrahlt, wie er es am Tag des Gerichts tun wird; würden ohne Zweifel, die Herrlichkeit und Majestät, in der er scheinen würde, jeden zufriedenstellen, dass er eine göttliche Person und dass Religion wahr ist: Und es wäre auch eine sehr vernünftige und gut begründete Überzeugung. Und wieso kann es nicht einen Stempel der Göttlichkeit oder der göttlichen Herrlichkeit auf dem Wort Gottes geben, auf dem System und den Lehren des Evangeliums, das auf gleiche Weise kennzeichnend und rational überzeugend sein kann, wenn es nur gesehen wird? Es ist rational, anzunehmen, dass, wenn Gott zu der Welt spricht, es in seinem Wort oder seiner Rede etwas gibt, das erheblich anders ist als bei den Worten der Menschen. Angenommen, Gott hätte niemals zu der Welt gesprochen, aber wir hätten bemerkt, dass er es bald tun werde; dass er sich bald vom Himmel her offenbaren würde und zu uns unmittelbar selbst sprechen wöllte, in göttlichen Reden und Abhandlungen, wie aus seinem eigenen Mund, oder dass er uns ein Buch geben würde, das er selbst geschrieben hat: Auf welche Weise würden wir erwarten, dass er reden würde? Wäre es nicht rational, anzunehmen, dass seine Rede außerordentlich verschieden von der menschlichen Rede wäre; dass er wie ein Gott reden würde; das heißt, dass es solch eine Vortrefflichkeit und Erhabenheit in seiner Rede oder seinem Wort geben würde, solch einen Stempel der Weisheit, Heiligkeit, Majestät und der anderen göttlichen Vollkommenheiten, dass das Wort des Menschen, ja der weisesten Menschen, im Vergleich dazu einfach und flach erscheinen würde? Zweifellos wäre es rational, dies zu erwarten, und unvernünftig, anders darüber zu denken. Wenn ein weiser Mensch in Ausübung seiner Weisheit redet, dann ist etwas in allem, was er sagt, das sehr verschieden ist von der Rede eines kleinen Kindes. Genauso, und viel mehr, ist zweifellos die Rede Gottes (wenn es so etwas wie die Rede Gottes gibt) verschieden von der Rede der weisesten Menschen; entsprechend Jeremia 23,28-29. Gott, der dort die falschen Propheten zurechtweist, die in seinem Namen weissagten und vorgaben, dass das, was sie sagten, sein Wort wäre, während es eigentlich ihr eigenes Wort war, sagt: „Der Prophet, der einen Traum hat, der erzähle den Traum; wer aber mein Wort hat, der verkündige mein Wort in Wahrheit! Was hat das Stroh mit dem Weizen gemeinsam? spricht der HERR. Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert?“

Wir sollten erwarten, solche vortrefflichen göttlichen Dinge zu sehen

2. Wenn es solch eine kennzeichnende Vortrefflichkeit in göttlichen Dingen gibt, ist es rational, anzunehmen, dass es gewöhnlich sein sollte, sie zu bemerken. Was sollte uns daran hindern, sie zu sehen? Es ist kein Argument, dass es solch eine kennzeichnende Vortrefflichkeit nicht gibt, oder wenn, dass sie nicht gesehen werden kann, dass manche sie nicht sehen, obwohl sie in temporalen Angelegenheiten sehr verständig sein mögen. Es ist (ebenso) nicht rational, anzunehmen, dass gottlose Menschen sie sehen sollten, wenn es irgend solch eine Vortrefflichkeit in göttlichen Dingen gibt. Es ist nicht rational, anzunehmen, dass die, deren Verstand voll von geistlicher Verunreinigung ist und die unter der Macht dreckiger Lüste stehen, irgendeinen Geschmack oder Sinn für göttliche Schönheit oder Vortrefflichkeit haben; oder dass ihr Verstand empfänglich für das Licht sein sollte, das seinem Wesen nach so rein und himmlisch ist. Es braucht überhaupt nicht befremdlich erscheinen, dass Sünde den Verstand der Ungläubigen verblendet, wenn man sieht, dass das natürliche Gemüt und die Neigungen eines Menschen sie so sehr in säkularen Angelegenheiten verblenden – wie wenn das natürliche Gemüt eines Menschen melancholisch, eifersüchtig, furchtsam, stolz oder ähnliches ist.

Diese Erkenntnis sollte von Gott allein gegeben werden

3. Es ist rational, anzunehmen, dass diese Erkenntnis unmittelbar von Gott gegeben werden und nicht durch natürliche Mittel erlangt werden sollte. Aus welchem Grund sollte es unvernünftig erscheinen, dass es irgendeine unmittelbare Kommunikation zwischen Gott und dem Geschöpf geben sollte? Es ist eigenartig, dass Menschen daraus irgendein Problem machen. Wieso sollte nicht der, der alles geschaffen hat, immer noch manches unmittelbar mit den Dingen zu tun haben, die er geschaffen hat? Worin liegt die große Schwierigkeit, wenn wir das Wesen Gottes anerkennen und die Tatsache dass er alle Dinge aus dem Nichts geschaffen hat, dass wir einen unmittelbaren Einfluss Gottes auf die Schöpfung zulassen? Und wenn es vernünftig ist, das in Bezug auf irgendeinen Teil der Schöpfung zuzulassen, dann besonders in Bezug auf die vernünftigen, intelligenten Geschöpfe, deren Angelegenheiten am unmittelbarsten mit Gott zu tun haben; die dazu geschaffen wurden, unmittelbar mit Gott zu tun zu haben: Denn der Verstand lehrt, dass der Mensch dazu geschaffen wurde, seinem Schöpfer zu dienen und ihn zu verherrlichen. Und wenn es rational ist, anzunehmen, dass Gott unmittelbar in irgendeiner Angelegenheit mit dem Menschen kommuniziert, dann besonders in dieser. Es ist rational, anzunehmen, dass Gott es sich vorbehalten würde, diese Erkenntnis und Weisheit, die von solch einer göttlichen und vortrefflichen Natur ist, unmittelbar weiterzugeben und es nicht der Macht zweiter Ursachen überlassen würde. Geistliche Weisheit und Gnade ist das höchste und vortrefflichste Geschenk, welches Gott jemals einem Geschöpf vermacht: Darin besteht die höchste Vortrefflichkeit und Vollkommenheit eines rationalen Geschöpfs. Es ist auch überaus das wichtigste aller göttlichen Gaben. Es ist das, worin die Freude eines Menschen besteht und wovon sein ewiges Wohl abhängt. Wie rational ist es, anzunehmen, dass Gott – wie sehr er auch niedrigere Güter und Gaben zweiten Ursachen überlassen hat, und auf gewisse Weise in ihrer Macht – sich doch diese höchst vortreffliche, göttliche und wichtigste aller göttlichen Einsichten in seinen eigenen Händen behalten haben sollte, damit er selbst es unmittelbar schenkt, als eine Sache, die zu großartig ist, als dass man sie zweiten Ursachen überlassen sollte!

Diese Erkenntnis wird direkt von Gott gegeben und nicht durch den natürlichen Verstand

4. Es ist rational, anzunehmen, dass diese Segnung unmittelbar von Gott kommt, denn es gibt keine Gabe oder Segnung, die in sich selbst so eng mit der göttlichen Natur verbunden ist; denn es gibt nichts, was das Geschöpf empfängt, das so viel von Gott in sich trägt, von seiner Natur, ja, das eine Anteilnahme an seiner Göttlichkeit wäre: Es ist eine Art Ausstrahlung von Gottes Schönheit und ist mit Gott verbunden wie das Licht mit der Sonne. Es ist deshalb angemessen, dass, wenn es von Gott gegeben wird, er es direkt gibt, durch sich selbst, nach seinem souveränen Willen.

Es ist rational, anzunehmen, dass es jenseits der Macht eines Menschen liegen sollte, diese Erkenntnis und dieses Licht durch bloßen Gebrauch des natürlichen Verstandes zu erlangen, denn es ist keine Sache, die zum Verstand gehört, die Schönheit und Lieblichkeit geistlicher Dinge zu sehen; es ist keine spekulative Sache, sondern hängt von einer Wahrnehmung des Herzens ab. Der Verstand ist in der Tat dazu notwendig, denn nur durch den Verstand wirken die Mittel dazu auf uns ein; die Mittel, die dazu notwendig sind – wie ich schon gezeigt habe – obwohl sie keine wirkliche Verursachung in dieser Angelegenheit sind. Es ist durch den Verstand, dass wir das Wissen über jene Lehren erlangen, die der Gegenstand dieses göttlichen Lichts sind; und der Verstand kann auf viele Weisen indirekt und auf zweiter Ebene von Vorteil dazu sein. Und der Verstand hat auch mit den Handlungen zu tun, die unmittelbar auf diese Entdeckung folgen: Das Sehen der Wahrheit der Religion geschieht von da an durch den Verstand, wenngleich nur durch einen einzigen Schritt und die Schlussfolgerung geschieht dabei unmittelbar. Genauso hat der Verstand auch damit zu tun, Christus anzunehmen und ihm zu vertrauen, was auch darauf folgt. Aber wenn wir den Verstand eng betrachten – nicht als Fakultät mentaler Wahrnehmung im allgemeinen, sondern als Reflexion oder als Macht, aus Argumenten Schlüsse zu ziehen – dann gehört das Wahrnehmen geistlicher Schönheit und Vortrefflichkeit nicht zum Verstand, genauso wenig wie es zum Fühlen gehört, Farben wahrzunehmen oder zur Sehkraft, die Süße von Nahrung wahrzunehmen. Es ist außerhalb des Bereichs des Verstandes, die Schönheit oder Lieblichkeit irgendeiner Sache wahrzunehmen: Solch eine Wahrnehmung gehört nicht zu dieser Fakultät. Das Werk des Verstandes ist es, Wahrheit wahrzunehmen und nicht Vortrefflichkeit. Es ist nicht Reflexion, die den Menschen die Wahrnehmung von Schönheit und Lieblichkeit eines Gesichts verleiht, obwohl es auf viele Weisen indirekt ein Nutzen dazu sein kann. Aber es ist genauso wenig der Verstand, der es unmittelbar wahrnimmt, wie es der Verstand ist, der die Süße von Honig wahrnimmt. Es hängt von einer Wahrnehmung des Herzens ab. – Der Verstand kann schließen, dass ein Gesicht für andere schön ist oder dass Honig für andere süß ist, aber er wird mir niemals eine Wahrnehmung dieser Süße geben.

Abschließende Anwendung

Ich werde mit einer kurzen Anwendung des Gesagten schließen.

Diese Lehre führt uns dazu, über Gottes Güte zu reflektieren

Erstens, diese Lehre kann uns dazu führen, über Gottes Güte zu reflektieren, die es so eingerichtet hat, dass ein rettender Beweis für die Wahrheit des Evangeliums von solcher Gestalt ist, dass er von Personen von sehr geringen Fähigkeiten und Mitteln erlangt werden kann, genauso wie von denen, die sehr gelehrt sind und weitreichende Vorteile haben. Wenn der Beweis für das Evangelium nur von der Geschichte abhängen würde und von solchen Begründungen, zu denen nur gelehrte Menschen fähig sind, dann wäre er außerhalb der Reichweite des größten Teils der Menschheit. Aber Personen von einem gewöhnlichen Grad an Wissen sind fähig, ohne eine lange und subtile Argumentationskette, die göttliche Vortrefflichkeit der Dinge der Religion zu erkennen: Sie sind fähig, vom Geist Gottes gelehrt zu werden, genauso wie gelehrte Menschen. Der Beweis, der auf diese Weise erlangt wird, ist weit besser und befriedigender als alles, was durch die Argumentationen der Gelehrtesten und größten Verstandesmeister erreicht werden kann. Und Unmündige sind genauso fähig, diese Dinge zu erkennen, wie die Weisen und Klugen; und sie werden oft vor jenen verborgen, während sie diesen offenbart werden. 1. Korinther 1,26-27 bezeugt: „Seht doch eure Berufung an, ihr Brüder! Da sind nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme; sondern das Törichte der Welt hat Gott erwählt“.

Diese Lehre ruft uns auf, uns selbst zu prüfen

Zweitens, diese Lehre kann uns dazu führen, uns selbst zu prüfen, ob wir jemals dieses göttliche Licht, das beschrieben wurde, in unserer Seele empfangen haben. Wenn es wirklich so etwas gibt, und es nicht nur eine Meinung oder Laune von Personen ist, die einen schwachen und unruhigen Geist haben, dann ist es zweifellos eine Sache von äußerster Wichtigkeit, ob wir auf diese Weise durch den Geist Gottes gelehrt worden sind; ob das Licht des herrlichen Evangeliums von Christus, welcher Gottes Ebenbild ist, in unsere Herzen geschienen hat, um uns das Licht der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes am Angesicht Jesu Christi zu geben; ob wir den Sohn gesehen haben und an ihn geglaubt haben, oder den Glauben an die Wahrheiten des Evangeliums besitzen, der aus einem geistlichen Sehen Christi entsteht.

Alle sollten dieses göttliche und übernatürliche Licht erstreben

Drittens, alle mögen demnach ermahnt werden, dieses geistliche Licht ernsthaft zu erstreben. Um dazu anzuregen, mögen die folgenden Dinge bedacht werden:

1. Dies ist die vortrefflichste und göttlichste Weisheit, zu der irgendein Geschöpf fähig ist. Es ist vortrefflicher als irgendein menschliches Wissen; es ist weit vortrefflicher als alles Wissen der größten Philosophen oder Staatsmänner. Ja, der kleinste Blick auf die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Christi erhebt und veredelt die Seele mehr als alle Erkenntnis derer, die das größte spekulativste Verständnis der Theologie haben, jedoch ohne Gnade. Diese Erkenntnis hat das edelste Objekt zum Gegenstand, welches ist oder jemals sein kann, nämlich die göttliche Herrlichkeit oder Vortrefflichkeit von Gott und Christus. Die Erkenntnis dieser Objekte ist das, worin die vortrefflichste Erkenntnis der Engel und von Gott selbst besteht.

2. Diese Erkenntnis ist das, was über alles süß und freudebringend ist. Menschen haben ein großes Vergnügen an menschlicher Erkenntnis, im Studium natürlicher Dinge. Aber das ist nichts im Vergleich zu der Freude, die daraus entsteht, dass dieses göttliche Licht in die Seele scheint. Dieses Licht schenkt ein Sehen der Dinge, die bei Weitem die exquisit schönsten sind, und fähig, die Augen des Verständnisses zu entzücken. Dieses göttliche Licht ist der Anbruch des Lichtes der Herrlichkeit im Herzen. Es gibt nichts, was so mächtig ist, um Menschen im Leid zu tragen und dem Verstand Frieden und Heiterkeit in dieser stürmischen und dunklen Welt zu geben.

3. Dieses Licht beeinflusst wirksam die Neigung und verändert das Wesen der Seele. Es gleicht das Wesen dem göttlichen Wesen an und verändert die Seele in das Bild der gleichen Herrlichkeit, die geschaut wird. 2. Korinther 3,18 sagt uns: „Wir alle aber, indem wir mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen wie in einem Spiegel, werden verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, nämlich vom Geist des Herrn“. Diese Erkenntnis wird von der Welt entwöhnen und die Neigung zu himmlischen Dingen emporheben. Sie wird das Herz zu Gott als der Quelle des Guten wenden und ihn als einziges Teil erwählen. Dieses Licht, und nur dieses, wird die Seele dazu bringen, sich rettend mit Christus zu verbinden. Es gestaltet das Herz dem Evangelium gleich, tötet die Feindschaft und den Widerstand gegen den Rettungsplan, der darin offenbart ist. Es bewirkt, dass das Herz die frohe Botschaft aufnimmt, sich ihr ganz hingibt und sich der Offenbarung Christi als unserem Retter fügt. Es bewirkt, dass die ganze Seele damit übereinstimmt, es mit Wertschätzung und Respekt behandelt und mit voller Hingabe und Leidenschaft daran hängt; und es neigt die Seele wirksam dazu, sich ganz Christus hinzugeben.

4. Dieses Licht, und nur dieses, hat als Frucht eine universelle Heiligkeit des Lebens. Kein bloß theoretisches oder spekulatives Verständnis der Lehren der Religion wird jemals dazu führen. Aber dieses Licht, indem es den Herzensgrund erreicht, und das Wesen verändert, wird wirksam zu einem universellen Gehorsam neigen. Es zeigt Gottes Würdigkeit auf, ihm zu gehorchen und zu dienen. Es bewirkt im Herzen eine aufrichtige Liebe zu Gott, was das einzige Prinzip eines echten, gnädigen und universellen Gehorsams ist. Und es überzeugt von der Realität der herrlichen Belohnungen, die Gott denen verheißen hat, die ihm gehorchen.


Diese Predigt von Jonathan Edwards wurde im englischen Original auf monergism.com veröffentlicht. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.