Die Bibel - ein Zugang zu Gott unter vielen?

Ein bibelzentrierter Zugang zu Gott wird von vielen Christen zurückgewiesen. Das Wort Gottes sei für Verstandesmenschen zwar eine gute Sache, aber nicht alle Menschen schätzten den Verstand. Deshalb seien andere Zugänge zu Gott ebenso wichtig. Ein Spaziergang in der Natur, der Genuss einer Tasse Kaffee oder das dankbare Betrachten farbiger Blätter im Herbstwald könnten uns spirituell ebenfalls mit Gott in Verbindung bringen.1

Ich begründe in diesem Beitrag, warum ich das anders sehe. Meine These lautet: Der Zugang zu Gott durch die Heilige Schrift ist erstrangig und unverzichtbar und deshalb regelmäßig zu pflegen. Das ist keine Bibliolatrie (Götzendienst an der Bibel), wie manchmal behauptet wird. Wenn das Bibelstudium eine geistliche Übung unter anderen ebenbürtigen Übungen ist, wird das im Alltag zu einer Vernachlässigung des Wortes Gottes führen.

Für die Begründung meiner drei Argumente nehme ich die gesamte biblische Heilsgeschichte in den Blick.

  1. Gottes Wort und seine Handlungen gehören untrennbar zusammen.
  2. Gottes Wort ist so eng mit seiner Person verbunden, dass es als eine seiner Eigenschaften dargestellt wird.
  3. Die Wahrheit ist Maßstab für Gottes Wort. Es ist vertrauenswürdig, weil Gott vertrauenswürdig ist.

Gottes Wort und seine Handlungen gehören zusammen

Gottes Wirken in der Heilsgeschichte folgt einem dreiteiligen Muster. Zuerst kündigt er Ereignisse durch Worte an. Den Ankündigungen folgen Handlungen. So konnten z. B. die Israeliten gemäß der Verheißung Gottes das Land Kanaan einnehmen. Nach der Eroberung wird bestätigt, dass kein Wort von allen Verheißungen Gottes sich als leer erwies (Josua 21,44).

Nach der Handlung folgen oft Gottes Erklärungen dieser Handlung. Dann werden weitere Ankündigungen gemacht. So wird z. B. das Bundesversprechen Gottes dem Bundesbruch Israels gegenübergestellt, nachdem die Zehn Stämme aus dem Land vertrieben worden waren (2Könige 17). Gott führt seine Verheißung genau aus, weshalb das Volk aus dem verheißenen Land vertrieben wurde. Auch das wichtigste Ereignis der Bibel, das Kommen und Sterben des Messias, vollzieht sich auf die gleiche Art und Weise. Es wird im Alten Testament angekündigt. Jesus Christus kam dann vor 2000 Jahren in Palästina zur Welt, lebte 33 Jahre und starb in der Umgebung Jerusalems. So wird es in den vier Evangelien dokumentiert. Matthäus weist z. B. wiederholt darauf hin, dass es sich so vollzog, „wie es geschrieben steht“ (Mt 26,24 etc.). Die restlichen Schriften des Neuen Testaments beziehen sich immer wieder auf dieses zentrale Geschehen und kündigen weitere Ereignisse an. Die Apostel beziehen sich in der Apostelgeschichte z. B. laufend auf den Tod und die Auferstehung von Jesus, wenn sie das Evangelium verkündigten. Wir stellen also fest: Worte und Handlungen sind untrennbar verknüpft. Sie bilden eine Einheit.

Ich gehe noch einen Schritt weiter.  Ich glaube, dass wir Gottes Handeln ohne seine Worte gar nicht zweifelsfrei einordnen können. Ebenso wenig könnten wir aus seinem Handeln allein genau ableiten, was wir glauben sollten, um gerettet zu werden. Denken wir dabei an die Jünger. Ihr Herr ging entschlossen seinen Weg nach Jerusalem (Lk 9,51; 13,22; 17,11; 19,28). Er nahm seine Jünger mehrmals zur Seite, um das Ziel seiner Mission bekanntzugeben (Lk 9,22; 9,44; 18,31). Nach seiner Auferstehung erinnerte sie der Engel an seine Ankündigung, worauf ihnen seine Ankündigungen wieder in den Sinn kamen (Lk 24,7-8).

Nach diesen Überlegungen betrachten wir die Heilsgeschichte aus einem „Weitwinkel“: Gott schuf die Schöpfung durch seine Worte (Psalm 33,6). Er wirkt seither in seiner Vorsehung durch sein Wort in der Schöpfung (Psalm 147,15-18). Er übt auch durch sein Wort Gericht (1Mose 3,17-19; 6,7; 11,6f), so wie er durch sein Wort rettet (Röm 1,16; 1Thess 1,5). Dies führt mich zu ersten Schlussfolgerung: Gott und sein Wort gehören zusammen. Wo Gott ist, da ist auch sein Wort (und umgekehrt). Das Verständnis, dass Worte und Taten zwei grundsätzliche verschiedene Kategorien sind und nicht notwendig aufeinander folgen, entspringt zwar menschlicher Erfahrung, kann aber nicht auf Gott bezogen werden.

Gottes Wort als Gottes Eigenschaft

Worte und Taten Gottes bilden eine Einheit. Was ihm wohlgefällt, das tut er, im Gegensatz zu den stummen Götzen (Psalm 115,3-8). So ist es nicht erstaunlich, dass die Bibel Gottes Wort als Eigenschaft Gottes offenbart. Das mag uns zuerst etwas seltsam vorkommen. Hier ist die Begründung:

  1. Gottes Wort besitzt göttliche Eigenschaften, z. B. Wahrheit (Psalm 119,142; Joh 17,17) oder Vollkommenheit (Psalm 19,7-12).
  2. Gottes Wort ist anbetungswürdig (Psalm 119,120), wie Gott angebetet wird (Offb 4,11).
  3. Johannes schreibt in seiner Einleitung zum Evangelium, dass das Wort Gott ist (Joh 1,1-3). Das Wort ist also Selbstausdruck Gottes in der höchsten Form.
  4. Das Wort Gottes ist wirksam und schärfer als ein zweischneidiges Schwert und legt das Innerste eines Menschen offen (Hebr 4,12-13). Im Griechischen besitzen beide Verse dasselbe Subjekt. Das heißt, dass die Wirksamkeit von Gottes Wort parallel zur Allwissenheit Gottes steht!

Daraus können wir schließen: Gott ist ein sprechender Gott, so wie er Liebe, allwissend und ewig ist. Er ist sein Wort. Aus diesen beiden Aspekten, der Einheit von Wort und Handlung sowie der Charakterisierung von Gottes Wort als seiner Eigenschaft, leitet sich mein erstes Hauptargument ab: Gott ist immer in seinem Wort anwesend. Wenn wir Gottes Wort hören, begegnen wir ihm selbst. Auch hier gehen wir oft zu Unrecht von einer menschlichen Vorstellung aus: Für uns enthält ein Buch hilfreiche und weniger hilfreiche Gedanken. Wir sind uns zu wenig bewusst, welche Kraft Gottes Wort beinhaltet. Gott selbst offenbart sich!

Gottes Wort ist vertrauenswürdig, weil Gott vertrauenswürdig ist

Gott offenbart sich also durch sein Wort. Dieses Reden Gottes ist Wahrheit, weil er selbst Wahrheit ist. Durch die Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts sind wir diesbezüglich in zweifacher Hinsicht verunsichert worden. Wir haben Mühe damit, Gottes Wort als wahre  Aussagen stehen zu lassen.

  1. Die liberale Theologie des 19. Jahrhunderts vertrat einen Zugang durch den Verstand zu Gott, jedoch losgelöst von Gottes Wort.
  2. Die neo-orthodoxe Theologie des 20. Jahrhunderts betonte andererseits die Offenbarung von Gott her. Sie  maß seinen Worten jedoch nicht den vollständig wahren Aussagegehalt bei.

Beide Schulen widersprechen der Selbstaussage des Wortes Gottes. Die Worte Gottes enthalten nur wahre Aussagen. Sie sind im höchsten Mass vertrauenswürdig, wie nämlich Gott vertrauenswürdig ist. Wiederum kommt uns das menschliche Verständnis in die Quere: Wir gehen von unserem Massstab aus und legen ihn auf Gottes Wort.

Was heißt das, wenn Gott durch sein Wort zu uns spricht?

Wir haben gesehen, dass wir dazu neigen, dem Wort Gottes die Bedeutung zuzumessen, die es gemäß menschlicher Beurteilung erhalten kann. Worte und Handlungen sind in unserem Denken zwei verschiedene Kategorien. Handlungen gewichten wir darum bedeutender als Worte. Wir vergessen, dass Gott sein Wort ist. Zudem dürfen wir nicht von unserem menschlichen Verständnis von Wahrheit ausgehen, sondern müssen uns Gottes Wahrheit und Vertrauenswürdigkeit unterordnen.

Ich komme zurück zu meiner These: Der Zugang zu Gott durch die Heilige Schrift ist erstrangig, unverzichtbar und deshalb regelmässig zu pflegen.

  • Gottes Wort ist erstrangig2, weil wir darin ihm begegnen.
  • Gottes Wort ist unverzichtbar, weil wir uns am wichtigsten, unfehlbaren Maßstab ausrichten.
  • Gottes Wort ist regelmässig3 zu lesen, weil wir durch dieses Wort gerichtet oder gerettet und verändert werden.

1 Einige beanspruchen einen direkten Zugang zu Gott in Form einer Stimme oder anderen Formen der Berührung. Darauf will ich hier nicht weiter eingehen.

2 Damit sage ich gleichzeitig, dass Gott sich im Gewissen, durch andere Personen oder Ereignisse offenbaren kann. Diese müssen jedoch im Licht von Gottes Wort beurteilt werden. Die Bibel interpretiert unsere Erfahrungen, nicht umgekehrt.

3 Mit „regelmäßig“ meine ich den „täglichen“ oder „beständigen“ Umgang (vgl. 5Mose 17,18 als Pflicht für den König; in Josua 1,8 als Erfolgsgeheimnis Josuas; in Psalm 1,2 als Begehren des Gerechten).