Der Wendepunkt im Leben und Dienst von Francis Schaeffer

… damit sie in allem die Lehre Gottes, unseres Heilands, schmücken. (Tit 2,10)

Im Jahr 1951 wurde das Leben und der Dienst von Francis Schaeffer von Grund auf verändert, obwohl er schon viele Jahre mit dem Herrn gewandelt war und viel Frucht in seinem Dienst gesehen hatte. Er war zu der Zeit 39.

In der Einleitung zu seinem Buch True Spirituality erzählt Schaeffer, was damals passiert war:

Ich erlebte eine geistliche Krise in meinem eigenen Leben. Ich wurde schon vor vielen Jahren von einem Agnostiker zu einem Christen. Danach wurde ich Pastor für zehn Jahre in den Vereinigten Staaten und später arbeiteten meine Frau Edith und ich in Europa. Während dieser Zeit empfand ich ein starkes Verlangen, die historisch christliche Position und die Reinheit der sichtbaren Kirche zu verteidigen. Schrittweise wurde ich jedoch mit einem Problem konfrontiert – dem Problem der Realität. Dies hatte zwei Teile: Erstens, es schien für mich, dass unter vielen, die eine rechtgläubige Position vertraten, wenig Realität in den Dingen sichtbar war, von denen die Bibel so deutlich sagt, dass sie das Resultat des Christentums sein sollten. Zweitens, wurde es mir nach und nach bewusst, dass meine eigene Realität weniger war als in den frühen Tagen, als ich Christ geworden war. Ich erkannte, dass ich ehrlicherweise zurückgehen und meine ganze Position überdenken musste.

Wir lebten zu der Zeit in Champéry (Schweiz) und ich sagte Edith, dass ich um der Ehrlichkeit willen den ganzen Weg bis zu meinem Agnostizismus zurückverfolgen und die ganze Sache nochmal durchdenken musste. Ich bin sicher, dass sie in den Tagen für mich betete. Ich wanderte in den Bergen, wenn es ein klarer Tag war, und wenn es regnete, ging ich hin und her auf dem Heuboden unserer alten Berghütte, in der wir lebten. Ich ging, betete und durchdachte, was die Schrift lehrte, und untersuchte meine eigenen Gründe, warum ich Christ war. …

Ich erforschte, was die Bibel darüber sagt, wie die Realität bei einem Christen aussehen sollte. Schritt für Schritt erkannte ich, dass das Problem darin bestand, dass ich trotz all der Lehre, die ich nach meinem Christsein empfangen hatte, wenig darüber gehört hatte, was die Bibel über die Bedeutung des vollbrachten Werkes Christi für unser gegenwärtiges Leben sagt. Allmählich kam die Sonne heraus und das Lied kam zurück. Obwohl ich seit vielen Jahren keine Gedichte mehr geschrieben hatte, fing in dieser Zeit der Freude und des Lobliedes die Poesie wieder an zu fließen.

Drei Dinge stechen hier heraus und sind es wert für uns, darüber nachzudenken.

1. Richtige Lehre ist wichtig.

Schaeffer sagt, dass er viele seiner frühen christlichen Jahre damit verbracht hatte, für „die historisch christliche Position“ zu streiten. Das bedeutet Rechtgläubigkeit. Richtiger Glaube. Und nirgendwo in seinen autobiografischen Reflektionen schmälert Schaeffer im Nachhinein die Bedeutung dieser Rechtgläubigkeit. Im Gegenteil, er sagt, dass er, nachdem er zurückgegangen war und seine fundamentalen Gründe für den Glauben neu durchdachte hatte, erkannte, dass sein Mangel an Lebendigkeit mit etwas Anderem zu tun hatte als mit seiner Theologie. Das Problem war nicht seine Lehre. Es war etwas Anderes – die Abwesenheit von „Realität“.

2. Richtige Lehre bezweckt letztendlich nicht ein richtiges Denken, sondern ein schönes Leben.

Richtige Lehre, so sagte Paulus dem Titus, sollte „schmücken“ (Tit 2,10). Ein Mangel an Gnade in unserem Leben bedeutet, Gnade in unserer Theologie zu leugnen. Wir können mit unserem Leben im Wohnzimmer leugnen, was wir mit unseren Lippen auf der Kirchbank bekennen. Die Lehren der Gnade erzeugen eine Kultur der Gnade. Wenn sie das nicht tun, dann werden die Lehren der Gnade nicht wirklich geglaubt. Wir mögen sagen, dass wir sie glauben. Wir mögen sogar denken, dass wir es tun. Aber wir tun es nicht. Nicht wirklich.

Ein Mann, der glaubt, dass sein Schatz im Himmel ist, während er einen Bentley fährt, fünf Häuser auf drei Kontinenten besitzt und sich weigert, seine Ressourcen mit der Gemeinde oder irgendjemand anderem zu teilen, glaubt nicht wirklich, was er sagt, dass er glaubt. Du kannst sehen, was er glaubt.

Und wenn ein Mensch sagt, dass er die Lehren der Gnade glaubt, aber nicht das zeigt, was Schaeffer die „Realität“ dieser Lehren nennt, dann glaubt solch ein Mensch diese Lehren nicht wirklich. Er mag den Lehren der Gnade als Glaubensbekenntnis zustimmen. Aber er hat die Lehren der Gnade nicht geschmückt.

„Tote Rechtgläubigkeit“, predigte Schaeffer einmal, „ist immer ein Widerspruch in sich.“

3. Die entscheidende Lehre, die ein schönes Leben nährt, ist das Evangelium.

„Ich hatte wenig darüber gehört, was die Bibel über die Bedeutung des vollbrachten Werkes Christi für uns gegenwärtiges Leben sagt“, so Schaeffer.

Francis Schaeffer erkannte, viele Jahre nach seiner Bekehrung, dass das vollbrachte Werk Christi von Bedeutung – von entscheidender Bedeutung – für das gegenwärtige Leben ist. Nicht nur für den Moment in der Vergangenheit, wo er sich bekehrte, und nicht nur für den zukünftigen Moment, wenn er vor Gott steht. Für heute. Wie er anderswo sagte: „Ich werde ein für alle Mal ein Christ aufgrund des vollbrachten Werkes Christi durch den Glauben; das ist Rechtfertigung. Aber das christliche Leben, Heiligung, funktioniert auf der gleichen Grundlage, Augenblick für Augenblick.“

Das Evangelium ist ein Haus, kein Hotel. Wir besuchen ein Hotel; wir bewohnen ein Haus. Und als ihm diese Erkenntnis aufging, als sein Herz wieder das vollbrachte Werk Christi bewohnte, fing seine Seele wieder an, zu leben. „Allmählich kam die Sonne heraus und das Lied kam zurück.“ Poesie begann wieder zu fließen. Die Lebendigkeit kehrte zurück. Die Rechtgläubigkeit war nie verschwunden; jedoch das Leben.

Lehre ist wichtig. Aber Lehre soll dazu dienen, etwas Anderes zu nähren – ein schönes, strahlendes Leben. Wenn wir unerschütterlich auf dem vollbrachten Werk Christi stehen, werden wir dahin kommen.


Dane Ortlund (PhD, Wheaton College) ist ausführender Vizepräsident für die Veröffentlichung von Bibeln bei Crossway in Wheaton, Illinois, wo er mit seine Frau Stacey und seinen fünf Kindern lebt. Er ist Autor mehrerer Bücher, sein jüngstes Buch ist Edwards on the Christian Life: Alive to the Beauty of God. Dane bloggt unter Strawberry-Rhubarb Theology. Man kann ihm auf Twitter folgen. Dieser Artikel erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.