Das Opfer Jesu als Erfüllung der alttestamentlichen Opfer

Viele Menschen haben heute Schwierigkeiten mit der Sühnetheologie. Um ihnen den Zugang zu erleichtern, werden biblische Sühnevorstellungen an den Verstehenshorizont des „aufgeklärten Menschen“ angepasst. Ich halte diese Strategie für verfehlt. Stattdessen plädiere ich dafür, die im Neuen Testament vorgetragene Sühnelehre auf der Grundlage des Alten Testaments zu interpretieren. Das sorgfältige Studium der alttestamentlichen Voraussetzung zeigt, dass die Autoren des Neuen Testaments die jüdischen Kategorien konsequent aufgegriffen und entfaltet haben.

Im Denken des Alten Testaments gibt es einen unauflöslichen Zusammenhang zwischen einer Tat und dem ihr folgenden Ergehen. Da die Menschen sich aufgrund ihrer Abkehr von Gott in einen Sünde-Unheil-Zusammenhang verstrickt haben, droht ihnen folgerichtig das Gericht. Der einzige mögliche Ausweg ist eine Sühnung der Schuld. Gott sandte deshalb in seiner Liebe den Sündern einen göttlichen Priester, der sich selbst als Opfer für die Sünden dargebracht hat.

Dem Hebräerbrief zufolge stellt dieses Opfer den alttestamentlichen Opferkult in den Schatten (vgl. Hebr 10,1-18). Der göttliche Hohepriester opfert sich selbst ein für alle Mal und verschafft uns dadurch nicht nur die rituelle Reinigung und die erneuerte Bundesgemeinschaft, sondern auch die Reinigung unseres Gewissens und die Wieder-herstellung der Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott (vgl. Hebr 9,14).

Opfer wurden im Alten Testament in einer Vielzahl von Situationen dargebracht. Das Opfersystem sah tägliche, wöchentliche, monatliche, jährlich und unregelmäßige Opfer vor. Zudem beinhaltete es fünf Arten von Opfern, die in den ersten fünf Kapiteln von 3. Mose detailliert beschrieben werden, nämlich das Brandopfer, das Speiseopfer, das Friedensopfer, das Sündopfer und das Schuldopfer. Das Speiseopfer aus Lebensmitteln wurde nur in Verbindung mit einem anderen Opfer dargebracht. Die anderen vier Opfer waren Blutopfer, die trotz Verschiedenheit in einem vergleichbaren Ritual geopfert wurden. Der Gläubige brachte sein Opfer, legte seine Hand oder beide Hände auf das Tier und schlachtete es. Der Priester verwendete das Blut, verbrannte das Fleisch und kümmerte sich darum, dass die Überreste verzehrt wurden. Das Tier nahm dabei stellvertretend den Platz des Sünders ein, wodurch das Leben des Opfernden verschont wurde. Durch das Blut des geschlachteten Opfertieres, das am Alter versprengt wurde, erfolgte die Sühnung.

Der bedeutendste Text hinsichtlich der Blutopfer ist 3. Mose 17,11: „Denn des Leibes Leben ist im Blut und ich habe es euch für den Altar gegeben, dass ihr damit entsühnt werdet. Denn das Blut ist die Entsühnung, weil das Leben in ihm ist.“

Dieser Text zeigt den stellvertretenden Charakter des Opferrituals. Das Blut steht für das Leben. Das Leben des Opfers wurde für das Leben des Opfernden gegeben, das unschuldige Opfer starb für das Leben des sündigen Opfernden. Auf diese Weise setzte Gott selbst das Blut zur Sühnung ein.

Dieses Prinzip der Stellvertretung begegnet uns beispielsweise in der Passageschichte, die in 2. Mose 11-13 geschildert wird. Hintergrund der Erzählung ist die Androhung der letzten Plage für den ägyptischen Pharao. Mose sollte dem Pharao mitteilen, dass Jahwe selbst um Mitternacht durch Ägypten gehen und alle männlichen Erstgeborenen (einschließlich der Tiere) töten werde. Mit dieser Gerichtsdrohung offenbart sich Gott als Richter.

Jahwe offenbart sich aber in diesem Ereignis auch als Erlöser. Mose und Aaron teilte er mit, dass ein männliches, vollkommenes, einjähriges Passalamm vor dem Gericht retten kann. Die Versammlung soll die Lämmer am Abend schächten und das Blut an beide Türpfosten und die Oberschwellen der Häuser streichen. „Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage“ (2 Mose 12,13).

Schließlich offenbarte sich Jahwe dem Volk Israel als Bundesgott. John Stott schreibt: „Er hatte sie erlöst, um sie zu seinem eigenen Volk zu machen. Nachdem er sie also vor seinem eigenen Gericht bewahrt hatte, sollten sie sich seiner Güte erinnern und sie feiern. In der Passanacht selbst sollten sie mit dem gebratenen Lamm, mit bitteren Kräutern und ungesäuertem Brot ein Festmahl halten, und dies sollten sie mit gegürteten Lenden tun, die Schuhe an den Füßen, den Stab in der Hand, jeden Moment bereit für ihre Befreiung.“

John Stott kommt zu folgendem Schluss: „Die Botschaft muss für die Israeliten absolut klar gewesen sein; ebenso klar ist sie für uns, die wir die Erfüllung des Passas im Opfer Christi sehen. Erstens sind der Richter und der Erlöser ein und dieselbe Person. Es war Gott, der durch Ägypten zog, um die Erstgeborenen zu richten, und der die Häuser der Israeliten verschonte, um sie zu schützen. Wir dürfen niemals den Vater als Richter und den Sohn als Erlöser charakterisieren. Es ist ein und derselbe Gott, der uns durch Christus vor sich selbst rettet. Zweitens, war (und ist) das Heil Stellvertretung. Die einzigen männlichen Erstgeborenen, die verschont wurden, waren jene, in deren Familien ein erstgeborenes Lamm an ihrer Stelle gestorben war. Drittens musste das Blut des Lammes versprengt werden, nachdem es vergossen worden war. Den von Gott vorbereiteten Ausweg musste sich jeder Einzelne zu eigen machen. Gott musste ‚das Blut sehen‘, bevor er die Familie rettete. Viertens wurde jede von Gott gerettete Familie dadurch für Gott erkauft. Ihr ganzes Leben gehörte nun ihm. So auch das unsere. Und diese Weihe führt zum Feiern.“

Allein dieser Text hilft ungemein, zu verstehen, weshalb der Hebräerbrief davon sprechen kann, dass es ohne Blutvergießen keine Vergebung geben kann (Hebr 9,22). Wenn wir dann noch bedenken, dass Jesus in Joh 1,12 als Lamm, das die Sünde der Welt trägt, bezeichnet wurde und zum Passafest den Kreuzestod starb (vgl. Mt 26,2), verstehen wir, weshalb Petrus davon sprach, dass wir „nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst“ sind, „sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes“ (1Petr 1,19).


Dieser Artikel erschien ursprünglich in: Herold, 59. Jg., Nr. 9 (705), September 2015, S.-3.