Das Gericht Gottes im Alten Testament

Vielen Zeitgenossen fällt es schwer, Sympathie für den christlichen Glauben aufzubringen, weil ihrer Meinung nach die Bibel ein grausames Gottesbild zeichnet. Der bekannteste Stein des Anstoßes ist vermutlich die göttliche Anweisung an die Israeliten, die Kanaaniter im Zuge der Landnahme auszurotten. Selbst viele Christen haben ihre Mühe mit derlei Passagen oder kommen in Erklärungsnot, wenn sie herausgefordert werden, solch anstößige Bibelstellen mit dem Evangelium in Einklang zu bringen.

Der Stein des Anstoßes

Zunächst einmal sollten wir uns die betreffenden Bibelstellen genau anschauen. Wir finden in der Bibel sowohl den göttlichen Befehl als auch die Ausführung des Befehls. „Jedoch von den Städten dieser Völker, die der HERR, dein Gott, dir als Erbteil gibt, sollst du nichts leben lassen, was Odem hat. Sondern du sollst an ihnen unbedingt den Bann vollstrecken: An den Hetitern und an den Amoritern, den Kanaanitern und den Perisitern, den Hewitern und den Jebusitern, wie der HERR, dein Gott, dir befohlen hat“ (5Mose 20,16–17). Im Zuge der Einnahme von Jericho lesen wir: „Und sie vollstreckten den Bann an allem, was in der Stadt war, an Mann und Frau, an Alt und Jung, an Rind, Schaf und Esel, mit der Schärfe des Schwertes“ (Jos 6,21). Schauen wir uns nun die Stellen einmal aus verschiedenen Blickwinkeln an. Ich möchte mit der Perspektive beginnen, die wohl die meisten Skeptiker des christlichen Glaubens (unbewusst) einnehmen.

Die bibelkritische Betrachtungsweise

Wenn jemand eine bibelkritische Haltung vertritt, also davon ausgeht, dass die Bibel nicht das unfehlbare inspirierte Wort Gottes ist, dann hat sich für ihn das Problem eigentlich bereits erledigt. Denn dann geht er davon aus, dass diese Ereignisse nie stattgefunden haben. Im Standardwerk der bibelkritischen Theologie heißt es: „Das Josuabuch ist keine historische Quelle über die sog. Landnahme und darf deshalb auch nicht als solche gelesen werden.  ‚Eine kriegerische Landnahme als Feldzug eines Zwölfstämmevolks Israels mit der Vernichtung aller Landbewohner hat es nie gegeben‘“ (Erich Zenger u.a., Einleitung in das Alte Testament, Kohlhammer, Stuttgart, 2006, S. 209).

Demnach gab Gott keinen Befehl an Mose oder Josua, deren Existenz ohnehin bezweifelt wird. Es gab demnach keinen Exodus, denn nach der bibelkritischen Auffassung war Israel niemals ein millionenstarkes Volk, dass sich in der ägyptischen Sklaverei befand. Gemäß der bibelkritischen Auffassung war Israel ein wild zusammengewürfelter Haufen, der nach und nach zu einer Einheit fand und vereinzelt nomadische Kriege führte. Kurz: Die biblische Schilderung von der Vernichtung der Kanaaniter durch die Israeliten hat sich historisch überhaupt nicht ereignet. Damit hätte sich unser Problem eigentlich erledigt.

Was ist nun mit der bibeltreuen Auslegung? Tatsächlich haben wir mit der Vertreibung der Kanaaniter nur dann ein Problem, wenn wir dieser Sichtweise folgen. Denn nur die bibeltreue Auslegung besteht darauf, dass die geschilderten Ereignisse sich auch tatsächlich so zugetragen haben.

Die bibeltreue Betrachtungsweise

Wenn wir jedoch davon ausgehen, dass das Alte Testament uns historische Tatsachen vermittelt, dann müssen wir das gesamtbiblische Zeugnis heranziehen, um diese Problemstellen angemessen zu interpretieren. Wenn wir das tun, dann gibt die Bibel selbst uns Lösungsansätze, die in den Diskussionen selten zur Sprache kommen.

1. Gott, der gute Schöpfer

Prinzipiell hat Gott als Schöpfer jedes Recht mit seiner Schöpfung umzugehen, wie es ihm gefällt, ob es uns passt oder nicht. Die Bibel gebraucht das Bild vom Töpfer und Ton, um das zu verdeutlichen: „Kann ich mit euch nicht ebenso verfahren wie dieser Töpfer, Haus Israel?, spricht der HERR. Siehe, wie der Ton in der Hand des Töpfers, so seid ihr in meiner Hand, Haus Israel“ (Jer 18,6). Bekanntermaßen beginnt die Bibel jedoch nicht mit den Worten: Rottet die Kanaaniter aus!, sondern wir lesen: „Im Anfang schuf Gott, den Himmel und die Erde“ (1Mose 1,1). Direkt zu Anfang lernen wir Gott als Schöpfer dieser Welt kennen, mitsamt dem Menschen. Wenn wir nur den Schöpfungsbericht für sich nehmen, dann präsentiert uns die Bibel einen liebevollen Gott, der den Menschen die höchste Stellung in der Schöpfung gibt, der eine fertige Welt erschuf, ja, ihn sogar in ein Paradies stellte, wo es ihm an nichts fehlte. Darüber hinaus stattete Gott den Menschen mit einer großen Verantwortung aus, nämlich die restliche Schöpfung zu verwalten und zu pflegen.

2. Gott hielt Gericht über sündige Nationen

Die göttliche Anweisung zur Vernichtung der Kanaaniter ist Gottes Handeln mit einer sündigen Menschheit. Dem biblischen Zeugnis gemäß waren die Kanaaniter, moralisch betrachtet, keine neutralen Menschen, sondern Sünder – wie alle Menschen. So lesen wir in 3. Mose 18,24, nachdem die Sünden der Völker aufgezählt wurden: „Macht euch nicht unrein durch all dieses! Denn durch all dieses Haben die Nationen sich unrein gemacht, dich ich vor euch vertreibe. Und das Land wurde unrein gemacht, und ich suchte seine Schuld an ihm heim, und das Land spie seine Bewohner aus.“

3. Gott gab den Kanaanitern reichlich Zeit zur Umkehr

Lange bevor Gott den Israeliten den Befehl gab, die Kanaaniter mit dem Bann zu belegen, gab er ihnen eine Gnadenfrist. Zu Abraham sagte Gott: „Und in der vierten Generation werden sie [die Nachkommen Abrahams] hierher zurückkehren; denn das Maß der Schuld des Amoriters ist bis jetzt noch nicht voll“ (1Mose 15,16). Anstatt also die Menschen sofort für ihre Sünden zu strafen, übte Gott sich in Geduld, bevor er beschloss als Weltenrichter einzugreifen.

4. Gott schenkte Gnade im Gericht

Auch wenn Gott es mit der Vertreibung der Kanaaniter ernst meinte, so bedeutete das nicht, dass es keine Gnade gab. Denn im Zuge der Eroberung Jerichos lesen wir von der Prostitutierten Rahab, die sich auf die Seite der Israeliten stellte und damit nicht nur ihr Leben, sondern das ihrer gesamten Familie rettete: „Da gingen die jungen Männer, die Kundschafter, hinein und führten Rahab und ihren Vater und ihre Mutter und ihre Brüder und alles, was zu ihr gehörte, hinaus: Alle ihre Verwandten führten sie hinaus; sie brachten sie außerhalb des Lagers Israels unter.“ (Jos 6,23). Wir können davon ausgehen, dass Rahab kein Einzelfall war. Jeder, der wie sie gehandelt und die Herrschaft des Gottes Israels anerkannt hätte, wäre verschont geblieben.

5. Gott begrenzte das Gericht

Bereits vor der Landnahme legte Gott klare Grenzen fest (2Mose 23,31). Gott betonte, wie sich Israel gegenüber anderen Völkern zu verhalten hatte. So verbot Gott Israel unmissverständlich, dass sie ihr Brudervolk Edom nicht angreifen durften: Lasst euch nicht in Streit mit ihnen ein, denn ich werde euch von ihrem Land auch nicht die Breite einer Fußsohle geben! Denn das Gebirge Seïr habe ich dem Esau zum Besitz gegeben (5Mose 2,5). Ebenso durften Israel nicht gegen Moab und Ammon vorgehen (5Mose 2,8–19). Bezüglich zukünftiger Kriege sollte Israel erst nach gescheiterten Friedensverhandlungen zu den Waffen greifen (5. Mose 20,10–15). Gottes Gericht war ganz klar zielgerichtet.

6. Israel wurde nicht bevorzugt behandelt

Im Laufe der Jahrhunderte häufte sich Israel mehr und mehr Schuld an, bis es selber fällig zum Gericht war. Gott persönlich stellte ihnen ein trauriges Zeugnis aus: Und es war widerspenstig gegen meine Rechtsbestimmungen, gottloser als die Nationen, und gegen meine Ordnungen, mehr als die Länder, die rings um es her sind. Denn meine Rechtsbestimmungen haben sie verworfen, und in meinen Ordnungen haben sie nicht gelebt. Darum, so spricht der Herr, HERR: Weil ihr getobt habt mehr als die Nationen, die rings um euch her sind, in meinen Ordnungen nicht gelebt und meine Rechtsbestimmungen nicht gehalten habt, ja, selbst nach den Rechtsbestimmungen der Nationen, die rings um euch her sind, nicht gehandelt habt, darum, so spricht der Herr, HERR: Siehe, jetzt will auch ich gegen dich sein und will Strafgerichte in deiner Mitte üben vor den Augen der Nationen (Hes 5,6–8). Israel war schlimmer als die Nachbarvölker geworden und hätte sich noch an ihnen ein gutes Beispiel nehmen können. Doch sie taten es nicht und mussten die Konsequenzen tragen.

Ein Fazit

Wenn wir das Gericht Gottes aus der Bibel streichen wollten, dann hätte das zur Folge, dass Sünde ungestraft bleiben würde – und das will niemand. Zumindest dann nicht, wenn er selber Opfer von Sünde geworden ist. Jeder von uns möchte gerecht behandelt werden. Der Gott der Bibel garantiert uns, dass es eines Tages volle Gerechtigkeit im Universum geben wird. Er wird dafür sorgen. Wenn Gott richtet, dann bedeutet das im Umkehrschluss, dass er gegen Leid und Zerstörung in dieser Welt aktiv vorgeht. Als Christen wissen wir, dass wir ebenfalls Gottes Zorn verdient haben, weil auch wir Sünder sind. Keiner von uns kann mit ehrlichem Gewissen von sich behaupten, dass er eine reine Weste hat, die ihn vor Gottes Zorn bewahrt. Wir sind keine besseren Menschen als die Kanaaniter oder die Israeliten. Nein, sondern wir haben unseren Frieden mit Gott, weil wir auf Jesus Christus vertrauen, von dem Paulus schreibt: „Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden ihn ihm“ (2Kor 5,21).


Patterson

Andreas Münch arbeitet beim Herold-Verlag und studiert nebenberuflich Theologie am Martin Bucer Seminar. Ausserdem arbeitet er freiberuflicher als Autor. Im Jahr 2016 erschien sein Andachtsbuch Leben als Gottes Volk – Tägliche Andachten aus den fünf Büchern Mose (Herold-Verlag). Andreas ist mit Miriam verheiratet. Gemeinsam haben sie zwei Kinder.