Christentum ohne Christus: Christus den Weg versperren

Was wäre, wenn der Teufel in einer Stadt die Macht übernehmen würde? Die ersten Szenen in unserem mentalen Film würden wahrscheinlich riesiges Chaos zeigen: weitverbreitete Gewalt, abweichende Sexualität, Pornografie an jedem Automaten, geschlossene Kirchen und Anbeter, die ins Gefängnis abgeführt werden. Vor über einem halben Jahrhundert gab Donald Grey Barnhouse, Pastor der Tenth Presbyterian Church in Philadelphia, ein Radiointerview bei CBS, bei dem er ein anderes Bild davon entwarf, wie es aussehen würde, wenn der Teufel eine Stadt in Amerika beherrschen würde. Er sagte, dass alle Kneipen und Bars geschlossen wären, Pornografie verboten wäre, saubere Straßen und Bürgersteige von ordentlich gekleideten Fußgängern benutzt würden, die sich gegenseitig anlächeln. Es gäbe keine Schimpfwörter. Die Kinder würden mit „Ja, Herr …“, „Nein, Frau …“ antworten und die Kirchen wären jeden Sonntag voll … aber Christus würde dort nicht verkündigt werden.

Ich möchte nicht Alarm schlagen, aber es sieht so aus, als ob der Teufel gerade die Macht übernommen hat. Der Feind hat einen subtilen Weg, selbst das richtige Bühnenbild zu missbrauchen, um von der Hauptfigur abzulenken. Die Kirche, Mission, kulturelle Transformation und selbst der Heilige Geist können zum Fokus werden, statt zum Mittel, „hinzuschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens“ (Hebr 12,2). Obwohl die Vorstellung von Barnhouse provokativ bleibt, ist sie doch lediglich eine Entfaltung eines Punktes, der in der Heilsgeschichte immer wieder gemacht wird. Die Geschichte hinter all den Überschriften der Bibel ist der Krieg zwischen der Schlange und dem Samen der Frau (1Mo 3,15), eine Feindschaft von der Gott verheißen hat, dass sie in der Zerstörung der Schlange und der Wegnahme des Fluchs gipfeln würde. Diese Verheißung war eine Kriegserklärung an den Teufel und sein Reich, und der Wettstreit entfaltete sich im ersten Religionskrieg zwischen Kain und Abel (1Mo 4 mit Mt 23,35), im Kampf zwischen dem Pharao und Jahwe, der zum Auszug und zur Versuchung in der Wüste führte. Selbst im Verheißenen Land verführte die Schlange Israel zum Götzendienst und zur Mischehe mit Ungläubigen und provozierte sogar Massaker an der königlichen Familie. Aber Gott bewahrte immer den „Samen der Frau“, der den Kopf der Schlange zertreten würde (siehe zum Beispiel 2Kön 11). Die Geschichte führt bis hin zum Mord an den erstgeborenen Kindern durch Herodes aus Furcht vor der Ankündigung der Weisen über die Geburt des wahren Königs von Israel.

Das Evangelium entfaltet diese Geschichte weiter und die Briefe führen ihre Bedeutung näher aus. Alles führt nach Golgata und als die Jünger – selbst Petrus – versuchen, Jesus von seiner Mission abzulenken, sind sie unfreiwillige Helfer des Teufels (Mt 16,23). „Bei den Ungläubigen, denen der Gott dieser Weltzeit die Sinne verblendet hat“, nicht nur, damit sie sich den jüdisch-christlichen Werten widersetzen, sondern, „so dass ihnen das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit des Christus nicht aufleuchtet, welcher Gottes Ebenbild ist. Denn wir verkündigen nicht uns selbst, sondern Christus Jesus, dass er der Herr ist, uns selbst aber als eure Knechte um Jesu willen“ (2Kor 4,4-5).

Der Teufel verlor den Krieg an Karfreitag und Ostern, aber er hat seine Strategie zu einem Guerillakrieg geändert, um die Welt davon abzuhalten, das Evangelium zu hören, welches das Reich der Finsternis niederreißt. Paulus redet von diesem kosmischen Kampf in Epheser 6 und verweist uns auf das äußerliche Wort, das Evangelium, Christus und seine Gerechtigkeit, Glauben und Heil als unsere einzige Bewaffnung gegen die Angriffe des Feindes. In Offenbarung 12 wird die Heilsgeschichte kurz rekapituliert, wobei der Drache ein Drittel der Sterne (Engel) aus dem Himmel fegt und danach auflauert, um das Kind der Frau bei der Geburt zu vertilgen, nur um durch die Himmelfahrt des verheißenen Nachkommens besiegt zu werden. Nichtsdestotrotz verfolgt er die Brüder und Schwestern des Kindes, weil er weiß, dass seine Zeit kurz ist. Wo immer Christus wahrhaftig verkündigt wird, ist der Teufel am aktivsten gegenwärtig. Die Kriege zwischen den Nationen und die Feindschaft innerhalb von Familien und Nachbarschaften ist nur die Heckwelle des Schwanzes der Schlange, während er versucht, die Kirche zu vertilgen, wobei er die gleichen wohlerprobten Methoden einsetzt: nicht nur Märtyrertod von außen, sondern auch Irrlehre und Spaltungen von innen. Im Rest des Artikels möchte ich einige Wege aufzeigen, wie wir routinemäßig zu etwas versucht werden, das tragischerweise nur „Christentum ohne Christus“ genannt werden kann.

Leugnung: Die Sadduzäer

Der moderne Geist ist dem Tausch der Autorität gewidmet, von außen (die Kirche oder die Bibel) nach innen (der Verstand oder die Erfahrung). Kant sagte, dass die eine Sache, der er immer vertrauen konnte, seine moralische Intuition sei, was zur unwiderlegbaren Tatsache des „bestirnten Himmels über mir und des moralischen Gesetzes in mir“ führte. Die Romantiker sagten, dass wir unserer inneren Erfahrung vertrauen sollen. War es aber nicht das Verlangen, Gottes Thron zu usurpieren, welches die Rebellion sowohl Luzifers als auch von Adam und Eva antrieb?

Wann immer wir bestimmen, was wirklich wichtig ist, indem wir in uns schauen, kommen wir immer zum Gesetz. Manche würden widersprechen: „Nicht zum Gesetz, sondern zur Liebe“. In der Bibel führt das Gesetz jedoch einfach aus, was es heißt, Gott und unseren Nächsten zu lieben. Lange bevor Jesus das Gesetz auf diese Weise zusammenfasste (Mt 22,3), wurde es durch die Hand des Mose gegeben (3Mo 19,18.34), und Paulus wiederholte den gleichen Punkt (Röm 13,8-10). Wir wurden im Bilde Gottes geschaffen, ohne Fehler, vollkommen fähig, Gottes moralischen Willen auszuführen und die ganze Schöpfung seinem Gesetz der Liebe unterzuordnen. Der Fall löschte diesen Moralsinn nicht aus, aber er wendete uns nach innen, sodass wir, statt Gott und unseren Nächsten wirklich zu lieben, die Wahrheit durch Ungerechtigkeit aufhalten.  Der Sündenfall bedeutete auch nicht, dass die Menschen zu Atheisten wurden, sondern dass sie abergläubisch wurden: Sie gebrauchen „Gott“ oder „Religiosität“ und ihren Nächsten für ihre eigenen Zwecke.

Die Philosophen der Aufklärung hatten recht, als sie Moralität als das verbindende Element der Menschheit erkannten. Aber sie schlossen daraus, dass, was immer von außen zu uns kommt – Berichte über historische Wunder und Erlösung –, das am wenigsten Wesentliche für wahre Religion sei. „Nur die Liebe zählt“ und „Nur das Gesetz zählt“ machen genau den gleichen Punkt. Pflicht, Liebe oder moralische und religiöse Erfahrung seien das Herz aller Weltreligionen – ihr innerstes – während die historische Verpackung (Geschichten, Wunder, Glaubensbekenntnisse, Rituale) die äußere Schale sei und entfernt werden könnten.

Kant unterschied zwischen den Begriffen wahre Religion und kirchlicher Glaube. Das erstere hat mit unserer moralischen Pflicht zu tun. Das letztere besteht aus den Lehren von Sünde, Menschwerdung und Sühne, Rechtfertigung, übernatürlicher Wiedergeburt, den besonderen historischen Behauptungen in Bezug auf Christus sowie den offiziellen Praktiken der Kirche (wie Taufe und Abendmahl). Die Geschichte vom Tod und der Auferstehung Christi, zum Beispiel, könnte nur insoweit angenommen werden, wie sie eine universelle moralische Wahrheit repräsentiert (wie Selbstaufopferungen für andere oder für die eigenen Prinzipien). Wenn man sie wörtlich nimmt, unterminiert man in Wirklichkeit die reine Moral. Wenn man auf das Opfer eines anderen vertraut, um gerettet zu werden, dann wird man nicht so sehr geneigt sein, seine eigene Pflicht zu erfüllen. Eine Glaubensrichtung ging mit Schuld um, indem sie Kinder in Vulkane warfen, um die Götter zu befrieden, während das Christentum sagt, dass „Gott die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen eingeborenen Sohn gab …“ (Joh 3,16). Aber sobald Religion als „Aberglaube“ definiert wird, dann ist das Überbleibsel eine reine Moral, die uns am Ende dazu führt, einen Turm zum Himmel zu bauen. Vertraue auf dein Innerstes; zweifle an allem, was außerhalb von dir ist. Das war die Lektion der Aufklärung.

Das Problem ist natürlich, dass wir einen Gott und eine Erlösung außerhalb von uns haben. Alles innerhalb von uns ist das Problem. Die gute Nachricht jedoch ist, dass der Gott, der vollkommen anders ist als wir, einer von uns wurde, jedoch ohne unseren selbstsüchtigen Stolz anzunehmen. Er erfüllte das Gesetz, trug die Strafe und stand von den Toten auf als Lösung für den Fluch der Sünde, des Todes und der Verdammnis. Darüber hinaus sandte er seinen Geist, um in uns zu wohnen, und macht uns von innen heraus neu, bis unsere Leiber eines Tages auferstehen. In gewisser Hinsicht hatte die Aufklärung natürlich recht: Das Gesetz ist von Natur aus in uns, weil wir im Bilde Gottes geschaffen sind. Das Evangelium ist etwas Überraschendes, die gute Nachricht muss von außen zu uns kommen. Jeder weiß, dass wir andere so behandeln sollen, wie wir selbst behandelt werden wollen: Die goldene Regel bewirkt von sich aus kein Märtyrertum. Sie braucht keine Zeugen oder Verkündiger. Genau genommen brauchte sie keine Menschwerdung und noch viel weniger ein Sühneopfer und eine Auferstehung.

Deshalb ist es nicht überraschend, wenn die Welt denkt, dass „nur die Liebe zählt“, und wir ohne Dogmen auskommen können, weil die Welt denkt, dass sie ohne Christus auskommen kann. Bei den Dogmen trennen sich die Wege der Religionen am deutlichsten. Bei den Dogmen werden die Dinge interessant – und gefährlich. Wie die Bühnenschriftstellerin Dorothy Sayers sagte, sind Dogmen nicht der langweilige Teil des Christentums, sondern „das Dogma ist das Drama“. Jesus war kein Revoluzzer, weil er sagte, dass wir Gott und andere Menschen lieben sollen. Mose sagte das vor ihm. Genauso wie Buddha, Konfuzius und zahllose andere Religionsführer, von denen wir niemals gehört haben. Madonna, Oprah, Dr. Phil, der Dalai-Lama und wahrscheinlich eine Menge christlicher Leiter sagen uns, dass der Zweck von Religion darin besteht, dass wir einander lieben. „Gott liebt dich“ erregt nicht den Widerstand der Welt. Wenn man jedoch anfängt, über Gottes absolute Autorität, Heiligkeit, Zorn, Rechtschaffenheit, Erbsünde, das Sühneopfer Christi, Rechtfertigung getrennt von Werken, die Notwendigkeit der Neugeburt, Buße, Taufe, Abendmahl und das zukünftige Gericht zu reden, dann ändert sich die Stimmung im Raum beträchtlich. Wenn die Postmoderne einfach das Wiederaufleben der modernen Romantik ist (Erfahrung ist König), dann ist sie gar nicht so postmodern.

Historiker verweisen oft darauf, dass trotz all ihrer Unterschiede, der Pietismus und der Rationalismus zusammenströmten und die Aufklärung erschufen. Die Erben der Moderne schauten nach innen, zum autonomen Verstand oder zur Erfahrung, statt nach außen, in Buße zu einem Gott, der richtet und rettet. Mit Friedrich Schleiermacher, dem Vater des modernen protestantischen Liberalismus, fiel die Betonung auf Jesus als das oberste Vorbild einer Art von moralischer Existenz, die wir alle besitzen können, wenn wir sein „Gottesbewusstsein“ teilen. Deshalb mag das Christentum vielleicht die reinste und vollkommenste Verwirklichung dieses Prinzips sein, aber andere Religionen sind auf ihre eigene Weise Versuche, diese universelle religiöse und moralische Erfahrung in Worte zu fassen. Wir drücken Dinge einfach anders aus, aber wir erfahren die gleiche Wirklichkeit. Wo Kant das Wesen der Religion in der praktischen Vernunft verortete (moralische Pflicht), verortete Schleiermacher es in der religiösen Erfahrung, aber bei beiden wird das Selbst zum Maß der Wahrheit gemacht und Erlösung zu etwas, das wir in uns selbst finden, selbst wenn es „Christus in meinem Herzen“ heißt. Die Erweckungsbemühungen, aus denen sowohl der protestantische Liberalismus als auch der Evangelikalismus entstanden ist, betonten „Taten über Glaubensbekenntnisse“ und „Erfahrung über Lehre“ bis zum Äußersten.

Das bedeutet natürlich, dass Christus nicht der einzigartige Gott-Mensch ist, sondern das göttlichste menschliche Wesen. Das Evangelium ist nicht, was Christus für mich getan hat, außerhalb von mir, in der Geschichte, sondern der Eindruck, den er bei mir hinterlässt, der Edelmut, den er in mir anregt, um das gleiche Gottesbewusstsein und Liebe zu erfahren. Sünde ist nicht ein Zustand, aus dem wir gerettet werden müssen, sondern Handlungen, die ich unterlassen kann, wenn ich ausreichend Motivation und Instruktion habe. Christi Tod ist nicht ein Sühneopfer, das Gottes gerechten Zorn zufriedenstellt, sondern ein Beispiel für Gottes Liebe, das uns zur Buße führt. Demnach ist die Hauptfrage: „Was würde Jesus tun?“ und nicht „Was hat Jesus getan?“. Das Innere hat Vorrang vor dem Äußeren.

Ablenkung: Die Pharisäer

Im Gegensatz zu den Sadduzäern waren die Pharisäer akribisch. Das Äußere war entscheidend, aber auf eine gesetzliche Weise. Sie glaubten an die Auferstehung, das Jüngste Gericht, die Wahrhaftigkeit der Wunder, die in den historischen Erzählungen der Bibel überliefert sind und waren so eifrig für das messianische Zeitalter, dass sie von jedem wollten, dass er sein Haus in Ordnung bringt. Nur wenn Gottes Volk das Gesetz in all seinen Feinheiten befolgen würde (selbst die rabbinischen Regeln, die dazu gedacht waren, die Menschen davor zu schützen, die eigentlichen Gebote von Mose zu übertreten), würde der Messias Israel besuchen und sein Volk im Jüngsten Gericht rechtfertigen.

Was könnte nun falsch sein mit einem Aufruf zu moralischer Erneuerung und nationaler Rechtschaffenheit? Aber die Pharisäer wurden vom wahren Ziel des Reichs abgelenkt. Indem sie einen König erwarteten, der die römische Herrschaft stürzen und die mosaische Theokratie aufs Neue etablieren würde, verpassten sie die wahre Identität des Messias und seines Reichs mitten vor ihrer Nase. Selbst die Jünger waren so abgelenkt, dass sie gewohnheitsmäßig das Thema wechselten, wenn Jesus auf dem Weg nach Jerusalem vom Kreuz sprach. Sie dachten an einen Tag der Amtseinführung, mit dem Jüngsten Gericht und der Vollendung des Reichs mit all seiner Herrlichkeit. Jesus wusste jedoch, dass der einzige Weg zur Herrlichkeit am Ende des Weges über das Kreuz führen würde. Trotz all ihrer Betonung auf äußerliche Rechtschaffenheit und richtiges Verhalten, bekräftigten auch sie eine Errettung von innen heraus: durch moralische Anstrengung.

Jesus stellte der falschen Frömmigkeit des Pharisäers den wahren Glauben und die Buße eines Bürgers seines Reichs gegenüber in dem berühmten Gleichnis in Lukas 18:

Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stellte sich hin und betete bei sich selbst so: O Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die übrigen Menschen, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner da. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme! Und der Zöllner stand von ferne, wagte nicht einmal seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug an seine Brust und sprach: O Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt in sein Haus hinab, im Gegensatz zu jenem. Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer aber sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. (Verse 10-14)

Jesus sagte den Pharisäern: „Und er sprach zu ihnen: Ihr seid es, die sich selbst rechtfertigen vor den Menschen, aber Gott kennt eure Herzen; denn was bei den Menschen hoch angesehen ist, das ist ein Gräuel vor Gott“ (Lk 16,15). Während Jesus die Sadduzäer im Wesentlichen zu ignorieren scheint, weil sie sich wahrscheinlich gegenseitig als irrelevant erachteten, warnt er wiederholt vor dem „Sauerteig der Pharisäer, welcher ist die Heuchelei“ (Lk 12,1).

Im Gleichnis, das Jesus erzählt, betet der Pharisäer sogar: „Ich danke dir, dass ich nicht wie dieser Zöllner da bin“. Das einzige, was schlimmer als seine Heuchelei und Selbstgerechtigkeit war, war, dass er vorgab, Gott dafür ein wenig Ehre zu geben. Wir haben alle Preisverleihungen gesehen, wo die Empfänger die vielen Menschen würdigten, ohne die solch ein Erfolg nicht möglich gewesen wäre. Das ist jedoch sehr anders als die Situation, wenn man Nutznießer eines Erbes ist, bei dem man den Erblasser, in dem Moment, wo er sein Testament verfasst, als Feind behandelt. Christentum ohne Christus heißt nicht Religion oder Religiosität ohne die Worte „Jesus“, „Christus“, „Herr“ oder selbst „Retter“. Was es bedeutet, ist, dass diese Namen und Titel losgelöst von ihrer spezifischen Verortung im sich entfaltenden Erzählstrang der menschlichen Rebellion und der göttlichen Rettung und von den Sakramenten Taufe und Abendmahl gebraucht werden. Jesus als Lebensberater, Therapeut, Freund, Mentor, Gründer der westlichen Zivilisation, politischer Messias, Vorbild radikaler Liebe und zahllose andere Bilder können uns vom Stolperstein und der Torheit von „Christus und zwar als Gekreuzigten“ ablenken.

Im Buch Dienstanweisung an einen Unterteufel von C.S. Lewis katechisiert der Teufel (Screwtape) seinen Protegé (Wormwood), um die Christen von Christus als Erlöser vom Zorn Gottes abzulenken. Statt seine Gegenwart durch direkte Attacken unbeholfen anzukündigen, soll Wormwood versuchen, die Kirchen für ein „Christentum und …“ zu interessieren: „Christentum und der Krieg“, „Christentum und Armut“, „Christentum und Moral“, usw. Natürlich wollte Lewis nicht andeuten, dass Christen kein Interesse für solch drängende Themen der Zeit haben sollten, aber er machte den Punkt, dass, wenn die Hauptbotschaft der Kirche weniger darum geht, wer Christus ist und was er ein für alle Mal für uns erwirkt hat und mehr darum, wer wir sind und was wir tun müssen, um seinen ganzen Einsatz für uns zu rechtfertigen, sodann die Religion, die dadurch „relevant“ gemacht wird, nicht länger das Christentum ist. Indem wir „Christus und zwar als Gekreuzigten“ nicht als so relevant wie „Christus und Familienwerte“ oder „Christus und Amerika“ oder „Christus und der Hunger der Welt“ erachten, assimilieren wir schließlich das Evangelium zum Gesetz. Nochmal, es ist nichts falsch mit dem Gesetz – die moralischen Gebote, die unser moralisches Versagen offenbaren und die Gläubigen auf dem Weg der Jüngerschaft anleiten. Aber, die gute Nachricht von dem, was ein anderer vollbracht hat zu einem Fahrplan für unsere eigenen Taten zu assimilieren, ist katastrophal. In den Worten von Theodor von Beza: „Die Vermischung von Gesetz und Evangelium ist die Hauptquelle aller Missbräuche, die die Kirche korrumpieren oder es jemals getan haben.“ Wenn Gottes Gesetz (und nicht unsere eigene innere Empfindung) uns wirklich anspricht, dann sollte unsere erste Reaktion sein: „Gott, sei mir Sünder gnädig“, und nicht die Antwort des reichen Jünglings „Das alles habe ich gehalten von meiner Jugend an“.

Ein anderer Weg, wie wir die Verkündigung von Christus im „pharisäischen“ Modus entstellen, ist, was manchmal „das unterstellte Evangelium“ genannt wird. Das ist oft der erste Schritt, unsere Augen nicht mehr auf Christus zu richten. Selbst da, wo Christus als Antwort auf Gottes gerechten Zorn erachtet wird, wird diese Betonung als ein Punkt gesehen, den man im christlichen Leben hinter sich lassen kann. Die Vorstellung ist, dass Menschen „gerettet werden“ und dann „Jünger werden“. Das Evangelium für Sünder ist Christi Tod und Auferstehung; das Evangelium für Jünger jedoch ist „Streng dich an!“. Aber das unterstellt, dass Jünger nicht auch Sünder sind. Es gibt nicht einen einzigen Bibelvers, der uns dazu aufruft, „das Evangelium zu leben“. Das Evangelium ist per Definition nicht etwas, das wir leben können. Es ist nur etwas, das wir hören und empfangen können. Es ist gute Nachricht, nicht guter Rat. Die gute Nachricht ist, dass „jetzt aber außerhalb des Gesetzes die Gerechtigkeit Gottes offenbar gemacht worden ist, die von dem Gesetz und den Propheten bezeugt wird, nämlich die Gerechtigkeit Gottes durch den Glauben an Jesus Christus, die zu allen und auf alle kommt, die glauben“, denn Sünder „werden nun ohne Verdienst gerechtfertigt durch seine Gnade aufgrund der Erlösung, die in Christus Jesus ist. Ihn hat Gott zum Sühnopfer bestimmt, das wirksam wird durch den Glauben an sein Blut“ (Röm 3,21-25).

Wenn das Evangelium – das heißt Christus als Retter – als gegeben angenommen wird, dann werden wir nicht länger beständig von unserer Heuchelei und Selbstvertrauen zu Glauben und Liebe bekehrt. Wie der Pharisäer in Jesu Gleichnis danken wir Gott, dass wir nicht wie andere sind, aber wir vertrauen in Wirklichkeit auf unsere eigene „Jüngerschaft“. Die Pharisäer waren auch Jünger, und sie hatten ihre Jünger. Aber nur in Christus ist Jüngerschaft eine Auswirkung von Christi Leben, Tod und Auferstehung, statt der eigene Beitrag zur Erlösung.

Jesus selbst sagte: „Der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele“ (Mt 20,28). Als er von seinen Jüngern zurechtgewiesen wurde, weil er ihre Begeisterung durch das Reden vom Kreuz störte, sagte Jesus: „Doch darum bin ich in diese Stunde gekommen“ (Joh 12,27). Als Philippus Jesus bat, ihm den Weg zum Vater zu zeigen, sagte Jesus, dass er der Weg ist (Joh 14,8-14). Gleichermaßen sagte Paulus den Korinthern, dass er nicht nur unbeirrbar entschlossen war, Christus allein zu predigen, sondern „Christus und zwar als Gekreuzigten“, obwohl das „den Juden ein Ärgernis, den Griechen eine Torheit“ ist, aber zugleich die einzige gute Nachricht, die beide retten kann (1Kor 1,18.22-30; 2,1-2). Mit anderen Worten, Paulus wusste (die Überapostel lieferten dazu ständig Beweise), dass Prediger den Namen von Jesus gebrauchen können, aber als etwas oder jemand anderes als das stellvertretende Sühneopfer für Sünder.

Die Griechen lieben Weisheit, also zeigt man ihnen einen Jesus, der cleverer ist, die Probleme des täglichen Lebens zu lösen, und die Kirche wird von Anhängern umdrängt werden. Juden lieben Zeichen und Wunder, also sagt man den Menschen, dass Jesus ihnen helfen kann, ihr bestes Leben im hier und jetzt zu haben, oder dass er das Reich der Herrlichkeit herbeiführt, oder die Römer vertreibt und ihre Integrität vor den Heiden verteidigt, und Jesus wird mit Lob überschüttet. Aber wenn man Christus als den leidenden Knecht verkündigt, der sein Leben lässt und es wiederaufnimmt, fragt sich jeder, wer das Thema gewechselt hat.

Die Kirche existiert, um das Thema von uns und unseren Taten auf Gott und seine Rettungstaten zu wechseln, von verschiedenen „Missionen“, um die Welt zu retten, zu Christi Mission, der die Rettung schon vollbracht hat. Wenn die Botschaft, die die Kirche verkündigt, auch ohne Bekehrung Sinn macht; wenn selbst lebenslange Gläubige nicht manchmal herausgefordert werden, sodass sie mehr für sich selbst sterben und für Christus leben müssen, dann ist es nicht das Evangelium. Wenn über Christus geredet wird, können viele Dinge geschehen, obwohl nichts davon notwendigerweise irgendetwas mit seinem Leben, Sterben, Auferstehung, Regieren und Wiederkehren zu tun hat. Wenn Christus in seinem Retteramt verkündigt wird, dann wird die Kirche zu einem Theater des Todes und der Auferstehung, was zu echtem Leben des Zeugnisses, der Liebe, der Gemeinschaft und des Dienstes führt – wobei immer Vergebung nötigt ist und deshalb immer zur guten Nachricht von Christus zurückgekehrt wird.

Heutzutage haben wir viele Beispiele für beide Tendenzen: Leugnung und Ablenkung. Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die die neutestamentliche Lehre über Christi Person und Werk ausdrücklich ablehnen. Jesus war nur ein weiterer moralischer Führer – vielleicht sogar der beste – aber nicht der göttlich-menschliche Erlöser. Evangelikale sind dagegen bekannt für ihre Ablehnung des protestantischen Liberalismus. Auf der anderen Seite scheinen viele, die in der Theorie alle richtigen Ansichten über Christus und seine Rettung halten, zu denken, dass das, was das Christentum wirklich relevant, interessant und revolutionär macht, etwas Anderes ist. Ablenkungen existieren im Überfluss. Das heißt nicht, dass Jesus nicht wichtig ist. Sein Name erscheint in zahllosen Büchern und Predigten, auf T-Shirts, Kaffeetassen und Werbetafeln. Aber er ist zu sowas wie einem Klischee oder einem Markenzeichen geworden statt zum „Namen, der über alle Namen ist“, durch den wir allein gerettet werden.

Jesus Christus als der menschgewordene Gott mit dem barmherzigen Dienst, uns Sünder zu retten und zu versöhnen, ist einfach nicht das Hauptthema in den meisten Kirchen oder christlichen Veranstaltungen dieser Tage. Und was passiert, wenn wir aufhören, daran erinnert zu werden, wer Gott ist und was er in der Geschichte für eine Welt erwirkt hat, die in Knechtschaft unter der Sünde und dem Tod ist – mit anderen Worten, wenn Lehre zweitrangig ist? Wir fallen auf unsere natürliche Religion zurück: was innen geschieht, das, was wir immer intuitiv kennen: Gesetz. „Taten, keine Glaubensbekenntnisse“ entspricht „Gesetz, kein Evangelium“. Trotz all ihrer theoretischen Unterschiede klingen Liberale und Evangelikale am Ende doch sehr ähnlich. Evangelikale, die sagen, dass sie an Christus glauben, reduzieren Christus schließlich auf ein moralisches Vorbild genauso radikal wie Liberale, nicht durch offene Leugnung, sondern durch Ablenkung. Das Ziel dieses Artikels ist nicht, zeitgenössische Christen als „Sadduzäer“ und „Pharisäer“ abzustempeln, sondern darauf hinzuweisen, dass man Christus und das Evangelium nicht leugnen muss, um ein Christentum ohne Christus zu erhalten. Man kann sich sogar auf Christus berufen und „Jesus zum Zentrum“ machen auf eine Weise, die zurück zur „wahren Religion“ (Moralität) und weg vom „kirchlichen Glauben“ (Lehre) driftet.

Zum Teil als Reaktion auf den erschreckenden Mangel echter Jüngerschaft in einem postchristlichen Zeitalter ermutigen uns viele Protestanten wie Stanley Hauerwas und Brian McLaren, das Vermächtnis der Anabaptisten wiederzuentdecken, welches, wie ich bemerkte, sich auf Jesus als moralisches Vorbild konzentrierte. Im Buch A Generous Orthodoxy erklärt Brian McLaren: „Anabaptisten sehen den christlichen Glauben primär als eine Art zu leben“, wobei Paulus durch die Linse von Jesu Bergpredigt interpretiert wird statt umgekehrt. Die Betonung fällt auf Jüngerschaft statt auf Lehre, als ob Jesu Vorbild zu folgen ein Gegensatz dazu sein könnte, seiner Lehre zu folgen. Was passiert, wenn die Bergpredigt zu einer allgemeinen Liebesethik assimiliert (d.h. reine Moral) und Lehre (kirchlicher Glauben) zweitrangig eingestuft wird? Christus selbst wird zu einem bloßen Vorbild, um den Menschen zu helfen, bessere Nichtchristen zu werden. McLaren schreibt sogar: „Ich muss jedoch hinzufügen, dass ich nicht glaube, dass zu Jüngern machen heißt, zu Anhängern der christlichen Religion zu machen. Es könnte in vielen (nicht allen!) Umständen ratsam sein, Menschen zu helfen, Nachfolger Jesu zu werden und in ihrem buddhistischen, hinduistischen oder jüdischen Kontext zu verbleiben“. „Ich hoffe nicht, dass alle Juden oder Hindus Mitglieder der christlichen Religion werden. Aber ich hoffe, dass alle, die sich so berufen fühlen, jüdische oder hinduistische Nachfolger Jesu werden“. Es ist kein Wunder, dass McLaren über liberale Protestanten sagen kann: „Ich applaudiere ihrem Verlangen, die Bedeutung der Wundergeschichten auszuleben, auch wenn sie nicht glauben, dass diese Geschichten wirklich passiert sind, so wie sie aufgezeichnet sind“. Denn schließlich kommt es auf die Taten und nicht auf die Glaubensbekenntnisse an. McLaren scheint anzudeuten, dass Jesus nachzufolgen (wahre Religion) mit oder ohne explizitem Glauben an Christus (kirchlichen Glauben) existieren kann.

Das Ganze ist natürlich nicht besonders postmodern. Es ist einfach das Vermächtnis der Aufklärung und ihrer moralistischen Vorstufen. Wenn das Evangelium darin besteht, dem Beispiel von Jesu Liebe zu folgen (unabhängig von seinen ausschließlichen Ansprüchen, spaltender Rhetorik und Warnung vor dem Gericht), dann wird es natürlich viele Buddhisten und Liberale geben, die bessere „Christen“ sind als viele von uns, die sich zum Glauben an Christus bekennen. Wie Mark Oestriecher, ein weiterer Autor der Emergent Church, schreibt: „Meine buddhistische Cousine, abgesehen von ihrer beklagenswerten Unfähigkeit, Jesus anzunehmen, ist ein besserer ‚Christ‘ (gemessen an Jesu Beschreibung von dem, was ein Christ tut) als fast jeder Christ, den ich kenne. Wenn wir Matthäus 26 als Wegweiser nehmen würden, dann wäre sie ein Schaf; und fast jeder Christ, den ich persönlich kenne, wäre eine Ziege“. Aber am Ende des Tages werden auch „radikale Jünger“ ausbrennen und erkennen, dass sie, wie der Rest von uns, Heuchler sind, die der Herrlichkeit Gottes ermangeln und jemanden außerhalb von sich brauchen, der ihnen nicht nur den Weg zeigt, sondern der Weg der Erlösung ist. Obwohl McLaren selbst nicht den Christus, der in den Glaubensbekenntnissen bekannt wird, leugnet, glaubt er, dass das, was am wichtigsten an Jesus Christus ist, sein Ruf zur Jüngerschaft ist, der uns erlaubt, bei seinem Erlösungswerk mitzuwirken, statt sein einzigartiges, unwiederholbares, vollbrachtes Werk für Sünder vor zweitausend Jahren.

In seinem Buch The Emerging Church: Vintage Christianity for New Gernations gibt Dan Kimball, Pastor der Santa Cruz Bible Church, das Ziel der Emerging Church Bewegung bekannt: „Wir kehren zu einer reinen Form des frühen Christentums zurück, welche sich unverfroren auf ein Leben gemäß dem Reich Gottes durch die Jünger Jesu konzentriert“. Wenn wir uns herauspicken und wählen können, was immer uns vom Neuen Testament gefällt (wiederum kein neuer Trend der Postmoderne – Thomas Jefferson hatte seine eigens bearbeitete Ausgabe der Bibel, der moralische Jesus der Liebe minus den Christus des „kirchlichen Glaubens“), werden wir immer zu uns selbst und unserer inneren Erfahrung oder Moralität hingezogen werden, weg von Gott: die äußerliche Autorität seines Gesetzes und seine Erlösung, die uns im Evangelium verkündigt wird. Emergente Christen erkennen die Heuchelei des evangelikalen Konsumismus mit bemerkenswerter Einsicht und schrecken zurecht von den Bildern von Christen zurück, die man in der Simpsonsfigur Ned Flanders vorfindet. Aber sie vergessen, dass es vor den Emergenten die „Jesusbewegung“ gab, die sich in die Megakirchenbewegungen verwandelte, die sie nun als mangelhaft bewerten.

Trotz all ihren Reaktionen scheinen die „postevangelikalen“ Emergenten dem wohlbetretenen Pfad der Erweckungsprediger zu folgen, indem sie Kirche primär als Gesellschaft von moralischen Transformatoren sehen, die sich selbst predigen statt Christus. Wie viele andere emergente Kirchenführer (in Fortsetzung der evangelikalen Pastoren, mit denen ich aufwuchs), beschwört Kimball Franz von Assisis berühmten Ausspruch: „Predige das Evangelium zu jeder Zeit. Falls notwendig, gebrauche Worte“. „Unsere Leben werden besser predigen als alles, was wir sagen können“. Aber heißt das nicht, uns selbst zu predigen statt Christus? Das Evangelium, das wir verkündigen, ist eine gute Nachricht, weil es nicht die Geschichte unserer Jüngerschaft ist, sondern die von Christi Gehorsam, Tod und Auferstehung an unserer statt. Die gute Nachricht ist nicht: „Schau auf mein Leben“ oder „Schau auf meine Gemeinschaft“; es ist die Bekanntgabe, dass Gott in Christus die Gottlosen rechtfertigt. Ja, es gibt Heuchelei und weil Christen immer gleichzeitig Heilige und Sünder sein werden, wird es immer Heuchelei geben, in jedem Christen und in jeder Kirche. Die gute Nachricht ist, dass Christus uns auch von Heuchelei rettet. Aber Heuchelei entsteht besonders dann, wenn die Kirche in ihren Werbematerialien auf sich selbst und ihre eigenen „veränderten Leben“ verweist. Je mehr wir über uns selbst reden, desto mehr Anlass wird die Welt haben, uns der Heuchelei zu bezichtigen. Je mehr wir unsere Sünden bekennen und Vergebung empfangen und diese gute Nachricht anderen weitergeben, desto mehr werden sich unsere Leben auf authentische Weise verändern. Mit allem gebotenen Respekt vor dem Heiligen Franz, das Evangelium ist nur etwas, das uns gesagt werden kann (d.h. in Worten), eine Geschichte, die erzählt werden kann. Wenn unser Leben im Rahmen dieser größeren Geschichte erzählt wird, statt umgekehrt, gibt es echte Errettung für Sünder und eine Mission in der Welt.

Kimball schreibt, dass das „oberste Ziel von Jüngerschaft damit gemessen werden sollte, was Jesus in Matthäus 22,37-40 lehrte: ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken.‘ Lieben wir ihn mehr? Liebe andere, wie dich selbst. Lieben wir andere mehr?“ Das ist keine revolutionäre, neue Botschaft; es ist die Predigt der Imperative, die viele von uns gehört haben, die wir im Evangelikalismus aufgewachsen sind.

Trotz all der scharfen Kritik an der Megachurch-Bewegung, wie verschieden ist die Botschaft der Emergenten von Rick Warrens Aufruf „Taten und keine Glaubensbekenntnisse“? Diese Stimmen haben recht, wenn sie uns daran erinnern, was das Gesetz verlangt und wie Jesus sowohl in seiner Lehre als auch in seinem Vorbild den hohen Anspruch, den die Liebe an uns stellt, darstellte. Aber wenn das die gute Nachricht ist, dann stecken wir alle in der Klemme. Indem ich in meiner Heiligkeit wachse – die sich in größerer Liebe für Gott und meinen Nächsten zeigt – wird mir eigentlich immer bewusster, wie weit ich fehle. Deshalb könnte ich an guten Tagen Kimballs Frage mit vorsichtigem Optimismus beantworten, aber an anderen Tagen kann sie mich zur Verzweiflung führen. Aber das Evangelium ist die gute Nachricht, die ich an jedem beliebigen Tag brauche, indem es mich weg von mir und hin zu Christus führt, „der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20).

Viele konservative Evangelikale und aufkommende „Postevangelikale“ zeigen ihr gemeinsames Erbe in einer amerikanischen Erweckungstradition, die Dietrich Bonhoeffer als „Protestantismus ohne die Reformation“ bezeichnete. In einer kürzlich erschienenen Ausgabe von TIME über Papst Benedikts kritisches Verhältnis mit dem Islam, wurde der konservative katholische Gelehrte Michael Novak zitiert, der bezüglich des Papstes sagte: „Seine Rolle ist es, die westliche Zivilisation zu repräsentieren.“ Es scheint viele evangelikale Leiter zu geben, die denken, dass das auch ihre Aufgabe sei. Die Mission der Kirche ist es, die Römer (d.h. die demokratische Partei) zu vertreiben und die Welt bereit zu machen für die Demokratie. Die Politik der emergenten Bewegung ist anders: sie neigen nach links statt nach rechts. Für viele, die im Hype um ein „christliches Amerika“ von Seiten der religiösen Rechten aufgewachsen sind, mag das wie eine große Zäsur aussehen, aber es ist nur eine Veränderung der Parteien statt eine tiefere Veränderung von Moralismus hin zu einer evangeliumsbasierten Mission. Die emergente Soziologie ist auch verschieden: Starbucks und Akustikgitarren in dunklen Räumen mit Kerzen statt Wal-Mart und Lobpreisbands in hell erleuchteten Konzertsälen. Aber in beiden Fällen drängt Moralismus „Christus und zwar als Gekreuzigten“ an den Rand.

Wir sind völlig abgelenkt auf der Rechten, Linken und in der Mitte. Kinder, die in evangelikalen Kirchen aufwachsen, wissen so wenig wie die nichtkirchlichen Jugendlichen über die Grundlagen des christlichen Glaubens. Sie bewohnen zunehmend eine Kirchenwelt, die weniger und weniger durch das Evangelium und christuszentrierte Katechese, Predigten und das Spenden der Sakramente (die Mittel, die Jesus eingesetzt hat, um Jünger zu machen) geformt ist. Die Lieder, die sie singen, sind hauptsächlich emotional anregend, statt dazu zu dienen, dass das „Wort Christi reichlich in ihnen wohnt“ (Kol 3,16), und ihre private Andacht ist weniger und weniger von gemeinschaftlichem Gebet und Bibellesen geprägt als in vergangenen Generationen. Auf dem Papier hat sich nichts verändert: Sie können immer noch „konservative Evangelikale“ sein, aber es ist eigentlich egal, weil Lehre egal ist – was bedeutet, dass der Glaube egal ist. Es sind die Werke, die nun zählen, als fang damit an!

Nun sind die Menschen berufen, die „gute Nachricht“ zu sein, um Christi Mission zum Erfolg zu verhelfen, indem sie „beziehungsorientiert“ und „authentisch“ leben. Wo das Neue Testament ein Evangelium verkündigt, das Leben verändert, so ist nun das „Evangelium“ unser verändertes Leben. „Wir verkündigen nicht uns selbst, sondern Christus“ (2Kor 4,5) wird eingetauscht für einen permanenten Verweis auf unsere persönliche und gemeinschaftliche Heiligkeit als die Hauptattraktion. Gemeindemarketing-Guru George Barna ermutigt uns, die Nichtkirchlichen auf Grundlage unseres Charakters zu erreichen: „Wonach sie suchen, ist ein besseres Leben. Kannst du sie zu einem Ort oder eine Gruppe von Menschen führen, die ihnen die Bausteine für ein besseres Leben liefern? Werbe für das Christentum nicht als ein System von Regeln, sondern als eine Beziehung mit Demjenigen, der durch sein Vorbild führt. Dann verfolge bewährte Wege, um Sinn und Erfolg zu erreichen.“ Ich möchte nicht den Eindruck vermitteln, dass wir nicht Christi Beispiel folgen sollten oder dass die Kirche keine Vorbilder und Mentoren haben sollte. Worauf ich hinweise, ist, dass Jüngerschaft bedeutet, andere zu lehren, und sie so gut zu lehren, dass selbst, wenn wir als Vorbilder versagen, die Reife ihrer eigenen Jüngerschaft nicht scheitert, weil sie auf Christus und nicht auf uns gegründet ist.

Egal, ob sie sagen, dass wir an Christi Person und sein Werk glauben, wenn wir nicht permanent darin gebadet werden, wird das Endresultat zur Beschreibung Richard Niebuhrs über den protestantischen Liberalismus führen: „Ein Gott ohne Zorn brachte Menschen ohne Sünde in ein Reich ohne Gericht durch einen Christus ohne Kreuz.“ Für den Soziologen Christian Smith von der University of North Carolina ist die praktische Religion amerikanischer Teenager – egal ob evangelikal oder liberal, kirchlich oder nichtkirchlich – „moralistischer, therapeutischer Deismus“. Die Antwort darauf ist für viele Megagemeinden und emergente Gemeinden „mehr zu tun; authentischer zu sein; transparenter zu leben.“ Das ist die gute Nachricht, die die Welt verändern wird?

Christentum ohne Christus kann in Kontexten gefördert werden, wo entweder die Predigt eine Vorlesung über zeitlose Dogmen ist oder wo Christus in all den Wortstudien und Anwendungen verloren geht. Christus geht verloren in Kirchen, wo Aktivitäten, Selbstausdruck, der Hype um „Anbetungserfahrungen“ und Programme den gewöhnlichen Dienst ersetzen, Christus zu hören und zu empfangen, so wie er uns in den Mitteln der Gnade dargereicht wird. Christus geht verloren, wenn er als Antwort auf alles außer unsere Verdammnis, Tod und Tyrannei der Sünde beworben wird, oder als Mittel für mehr Begeisterung, Unterhaltung, ein besseres Leben oder eine bessere Welt – als ob wir schon wüssten, wie diese aussehen würden, bevor uns Gott durch sein Gesetz und sein Evangelium anspricht.

Zurück zum Bild von Barnhouse. Natürlich liebt der Teufel Krieg, Gewalt, Ungerechtigkeit, Armut, Krankheit, Unterdrückung, Unmoral und andere Zurschaustellungen menschlicher Sündhaftigkeit. Und natürlich findet er es widerwärtig, wenn einem durstigen Menschen ein Becher kalten Wassers in Christi Namen gereicht wird. Aber, womit er seine meiste Zeit verbringt, ist, die Verdrängung Christi zu planen aus dem Bewusstsein, dem Dienst und der Mission der Kirche. Ungläubige verblendet und Gläubige abgelenkt zu halten ist seine Hauptstrategie. Echte Erneuerung kommt nur, wenn wir erkennen, dass die Kirche immer zu Ablenkungen hingezogen wird und erneut auf Christus ausgerichtet werden muss, dass sie immer eine Generation davon entfernt ist, zu etwas anderem zu werden als der Ort in der Welt – der einzige Ort – wo der Finger von uns weg und auf Christus zeigt, „das Lamm Gottes, dass die Sünde der Welt hinwegnimmt“ (Joh 1,29).


Die Zitate von Brian McLaren sind seinem Werk A Generous Orthodoxy (Zondervan, 2004), Seite 61, 206, 214, 260 und 264 entnommen. Das Zitat von Mark Oestreicher entstammt Dan Kimballs Buch The Emerging Church: Vintage Christianity for a New Generation (Zondervan, 2003), Seite 53. Das direkte Zitat von Kimball kommt aus dem gleichen Buch, Seite 26. Das Zitat von Franz von Assisi ist den Seiten 185 und 194 von Kimballs Buch entnommen. Der Artikel des TIME Magazins über Papst Benedikt ist von der Ausgabe vom 27. November 2006, Seite 46. George Barnas Zitat ist aus seinem Buch Grow Your Church from the Outside In (Ventura: Regal, 2002), Seite 161.

Dieser Artikel von Michael Horton erschien zuerst bei White Horse Inn / Modern Reformation. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.