Augustinus und der buchstäbliche Adam

Im Laufe seines Lebens (354-430) reflektierte Augustinus immer wieder über die Genesis. Neben Kommentaren und Predigten über den biblischen Text befand sich das Thema der Schöpfung oft an der Wurzel einer theologischen Debatte.

Die Glaubensüberzeugungen des Augustinus sind nicht normativ für die christliche Kirche. Kein Mensch sollte die oberste Autorität der Schrift usurpieren. Aber Augustinus‘ Theologie hat die Agenda für fast jede lehrmäßige Diskussion der Kirche im Laufe von 1.500 Jahren bestimmt. Seine Reflektionen zu erforschen ist ein ausgezeichneter Weg, um eine frische Perspektive zu gewinnen, unbelastet von den Neurosen und Vorurteilen, die die Spätmoderne belasten. Eine Reise in den Verstand eines der profundesten Theologen der Christenheit vermittelt frische Perspektiven, die uns zu neuen Einsichten aus der Schrift stimulieren.

In jeder Phase ein buchstäblicher Adam

Im Laufe von über vierzig Jahren entwickelte Augustinus seine Ansichten über die Genesis. Sein Ansatz zum Lesen der Schrift veränderte sich. Die Rolle und Bedeutung, die er Adam zuschreibt, reifte. Es ist erstaunlich, dass Augustinus in jeder Phase dieser wechselnden Ansichten an die Existenz eines buchstäblichen Adams glaubte.

Wir werden uns die Entwicklung von Augustinus’ Ansichten über Adam in vier Etappen anschauen, die in der untenstehenden Tabelle zusammengefasst werden.

Ein buchstäblicher Adam im Hintergrund einer geistlichen Lesart

Die Neuschöpfung der Bekehrung im Zentrum einer buchstäblichen Lesart

Ein buchstäblicher Adam im Hintergrund einer heilsgeschichtlichen Lesart

Ein buchstäblicher Adam im Vordergrund einer heilsgeschichtlichen Lesart

Über die Genesis gegen die Manichäer

Unvollendeter buchstäblicher Kommentar über die Genesis

 

Bekenntnisse

 

Über den Wortlaut der Genesis

Gottesstaat

 

Gegen einen Feind des Gesetzes und der Propheten

Gegen Julian

389

393-416

417-420

422-430


1. Ein buchstäblicher Adam im Hintergrund einer geistlichen Lesart

Der erste Kommentar von Augustinus über die Genesis war eine Widerlegung der Manichäer. Bevor er Christ wurde, war Augustinus einstweilen selbst Manichäer. Die Manichäer vertraten eine dualistische Sicht des Universums und gebrauchten eine buchstäbliche Lesart der Schrift. Sie ließen Gott lächerlich aussehen, indem sie Methapern und Anthropomorphismen ablehnten. Augustinus bemerkte, dass „die Manichäer uns verhöhnen, weil wir glauben, dass der Mensch im Ebenbild Gottes geschaffen wurde. Sie denken an die Form unserer Körper und sind fehlgeleitet genug, zu fragen, ob Gott Nasenlöcher, Zähne und einen Bart hat“.1

Solche eine übermäßig buchstäbliche Lesart der Genesis veranlasste Augustinus dazu, eine geistliche Lesart anzunehmen. Dies erlaubte ihm, den Manichäern grundlegende christliche Lehre zu vermitteln und gleichzeitig ihre Lesart der Genesis in Frage zu stellen. Diese geistliche Lesart des Augustinus führte dazu, dass er vorschlug, dass die sechs Schöpfungstage als Etappen in der christlichen Jüngerschaft gelesen werden können oder als zukünftige Etappen der Heilsgeschichte. Die Flüsse in Eden spiegelten Tugenden wieder.2 Diese geistliche Lesart führte auch dazu, dass Augustinus die Versuchung in Eden als paradigmatisch für alle Versuchung ansah. „Selbst heute, wenn jemand von uns in Sünde gleitet, geschieht nichts anderes, als was zwischen der Schlange, der Frau und dem Mann geschah.“3 Diese Art der Einsicht hat sich als nützlich und problematisch erwiesen.

Es ist erstaunlich, dass Augustinus – trotz dieser Bevorzugung einer nicht-buchstäblichen, geistlichen Lesart der Genesis – dennoch davon ausging, dass Adam und Eva buchstäbliche Menschen gewesen waren, die von Gott geschaffen wurden. Die geistliche, metaphorische Lesart der Schrift löschte nicht die Existenz buchstäblicher Wirklichkeiten aus. So dachte Augustinus, dass die Schaffung der Frau aus Adams Rippe die Sakramente symbolisierte. Er glaubte aber trotzdem, dass Eva tatsächlich in der buchstäblichen Weise geschaffen wurde, wie sie in der Genesis beschrieben wird. „Es war gewiss nicht ohne Grund, dass sie so geschaffen wurde – es muss geschehen sein, um auf eine verborgene Wahrheit hinzuweisen. Gab es etwa einen Mangel an Erde, aus der der Herr sie hätte erschaffen können?“4

In dieser frühen Phase seiner Reflektionen über die Genesis ging Augustinus davon aus, dass Adam von Gott als ein buchstäblicher, physischer Mann geschaffen worden war. Aber diese Realität hatte keine großen Auswirkungen auf sein breiteres theologisches System. Die Lektionen, die er aus der Genesis zog, waren bestimmt von seiner geistlichen, metaphorischen Lesart. Manche dieser metaphorischen Interpretationen würden heute als abstrus erachtet werden; andere waren einsichtsreiche Interpretationen, denen moderne Leser zustimmen würden.5

2. Die Neuschöpfung der Bekehrung im Zentrum einer buchstäblichen Lesart

Augustinus war mit seiner geistlichen Lesart der Genesis nicht zufrieden. Am Ende seines Lebens erstellte er die Retractationes, einen Katalog seiner ganzen Schriften, wobei er auf seine Fehler und Unzulänglichkeiten hinwies, von denen er hoffte, dass die Kirche nicht durch sie fehlgeleitet würde. Über sein erstes Buch über die Genesis schrieb er: „Mein Werk über die Genesis gegen die Manichäer behandelte die Worte der Schrift in einem allegorischen Sinn, weil ich mich nicht traute, solch große Geheimnisse der natürlichen Ordnung gemäß der buchstäblichen, d.h. rein historischen Bedeutung, auszulegen.“6 Augustinus merkte an, dass es Stellen in diesem Buch gibt, wo „ich den Apostel nicht auf die Weise verstand, wie er es gemeint hat, als er den Text der Genesis zitierte.“7

Daraufhin begann Augustinus einen Kommentar, der das Ziel hatte, eine buchstäbliche, historische Interpretation der Genesis zu liefern. So wie die geistliche Lesart nicht buchstäbliche Ergebnisse ausschloss, so würde der buchstäbliche Ansatz nicht die metaphorischen Implikationen ausschließen. Aber der Fokus der Interpretation ging auf das Buchstäbliche über. Statt einfach anzunehmen, dass Adam ein buchstäblicher Mensch war, bekräftige Augustinus ausdrücklich seine Menschlichkeit. „Wir müssen sowohl eine Verbindung als auch eine Unterscheidung zu den Tieren konstatieren. Einerseits wurde der Mensch am gleichen Tag wie die Tiere geschaffen – sie sind ja alle miteinander Landtiere. Aber andererseits ist der Mensch im Ebenbild Gottes geschaffen.“8

Augustinus empfand die Herausforderung, diesen buchstäblichen Kommentar zu schreiben, als zu groß und gab auf. Deshalb ist er als Unvollendeter buchstäblicher Kommentar über die Genesis bekannt.

Nach ein paar Jahren fing Augustinus das Projekt von neuem an und schloss diesmal Über den Wortlaut der Genesis ab. Er brauchte dazu fünfzehn Jahre.

Dieses gewaltige Werk legte großen Wert auf eine buchstäbliche Lesart. Es gab für Augustinus keinen Zweifel, dass Gott tatsächlich das Universum aus dem nichts und einen buchstäblichen Adam geschaffen hatte. Das einzigartige Wesen der Schöpfung, und die Tatsache, dass Genesis auf eine sich entwickelnde Erzählung vorausschaut, bedeutete, dass „kein Christ die Dreistigkeit hätte, zu leugnen, dass es einen symbolischen Sinn gibt.“9 Dennoch führte sein erneuertes Interesse an der buchstäblichen Interpretation dazu, dass Augustinus über die Beziehung zwischen Wissenschaft und biblischer Interpretation nachsann. Indem er moderne Debatte antizipierte, bemerkte Augustinus:

„Oft haben Nichtchristen Wissen, das sie mit wissenschaftlichen Argumenten oder Experimenten belegen können. Man sollte sich auf jeden Fall davor hüten, dass Christen Unsinn von sich geben, worüber sie nur lachen können. … Zum Schaden derer, um deren Heil wir uns sorgen, werden unsere Autoren abgeschrieben und als Müll eingestuft.“10

Trotz der zunehmenden Betonung einer buchstäblichen Interpretation und der klaren Bekräftigung eines buchstäblichen Adams, unterstütze Augustinus weiterhin die Berechtigung vieler metaphorischer Lesarten. Zum Beispiel akzeptierte er nie die Vorstellung, dass die Tage in Genesis 1 buchstäbliche Tage waren. Und er wies dem buchstäblichen Adam keine besondere Rolle in seinem theologischen System zu.

Im Mittelpunkt von Augustinus‘ Lesart der Genesis war nicht ein buchstäblicher Adam, sondern Bekehrung im Allgemeinen.

Die Bekenntnisse begannen mit zehn Kapiteln über seine Bekehrung zum Christentum. Danach folgten drei Kapitel des Nachsinnens über die Schöpfung. Der literarische Einfluss dieser Besonderheit der allerersten Autobiographie deutet an, dass Augustinus an diesem Punkt seiner Entwicklung die Zentralität der Bekehrung betonte. Wenn eine Person Christ wird, ist er oder sie eine neue Schöpfung (2Kor 5,17; Gal 6,15). Die Reise, die Augustinus so wunderbar in seinem eigenen Leben beschreibt, ist die Reise, die die ganze Schöpfung unternehmen wird. Während viele gedacht haben, dass die letzen Kapitel der Bekenntnisse willkürlich oder größenwahnsinnig seien, sind sie in Wahrheit ein sinnträchtiger und passender Weg, ein Buch abzuschließen, das mit der Bekanntgabe anfing: „Wir Menschen sind Teil deiner Schöpfung … du hast uns für dich selbst gemacht.“11

3. Ein buchstäblicher Adam im Hintergrund einer heilsgeschichtlichen Lesart

Zwei sehr verschiedene Herausforderungen veranlassten Augustinus dazu, sich auf eine heilsgeschichtliche Lesart der Schrift zu konzentrieren. Es waren heidnische Anschuldigungen, dass das Christentum das Römische Reich unterminiert hätte sowie die markionitische Auftrennung der biblischen Testamente.

Im Gottesstaat verwob Augustinus eine Erzählung des Volkes Gottes mit der Welt, die Gott ablehnte. Dabei behandelte er in großen Teilen den biblischen Handlungsstrang, angefangen von der Genesis bis zum Himmel. Der Blickwinkel des Augustinus war weit und bot einen Aussichtspunkt, von dem man die irrationalen Anschuldigungen gegen das Christentum erspähen konnte. Im Prozess, die biblische Geschichte nachzuerzählen, bekräftigte Augustinus einen buchstäblichen Adam als Ursprung der ganzen Menschheit:

„Gott entschied sich, eine einzelne Person als Ausgangspunkt für die Menschheit zu schaffen. Sein Ziel dabei war, dass die Menschheit als eine Gesellschaft von natürlicher Ähnlichkeit und harmonischer Einheit vereint werden sollte.“12

Obwohl ein buchstäblicher Adam Teil dieser Erzählung war, war er in dieser Phase von Augustinus‘ theologischer Entwicklung im Hintergrund der Heilsgeschichte. Adam war bedeutend, weil er der Vater des Menschengeschlechts war, aber er wurde noch nicht als ein zentraler theologischer Punkt analysiert. Der Fokus des Gottesstaats war die Heilsgeschichte im Allgemeinen, statt Adam im Besonderen.

Als Augustinus eine anonyme markionitische Schrift widerlegte, bekräftige er die Gutheit der physischen Körper von Adam und Eva:

„Gott sah, dass sie gut sind insoweit sie menschliche Wesen sind, insoweit sie aus einem Körper und einer rationalen Seele bestehen und insoweit die Glieder ihrer Körper bestimmte Funktionen haben und in wunderbarer Einheit zusammenwirken.“13

Wiederum bekräftigt Augustinus die Gutheit eines buchstäblichen Adams, den er aber im Hintergrund seiner heilsgeschichtlichen Lesart behält. Die Herausforderung des Markionismus verlangte einen allgemeineren Fokus auf den Handlungsstrang der Bibel, um die Validität des Alten und Neuen Testaments zu verteidigen.

Der Adam, der sich zu dem Zeitpunkt seines Wirkens im Hintergrund von Augustinus‘ theologischem System befand, war der reale, physische und buchstäbliche Ursprung der ganzen Menschheit. Erst im letzten Jahrzehnt seines Lebens wurde Augustinus dazu veranlasst, den buchstäblichen Adam, an den er über dreißig Jahre geglaubt hatte, in den Vordergrund zu bringen.

4. Ein buchstäblicher Adam im Vordergrund einer heilsgeschichtlichen Lesart

Das letzte Jahrzehnt des Dienstes von Augustinus war geprägt von den Auseinandersetzungen mit den Pelagianern und Semipelagianern. Darin antwortete er auf die Entrüstung, die seine früheren Lehren über Gnade bei Pelagius und seinen Anhängern ausgelöst hatten. Pelagius glaubte, dass Augustinus‘ Überzeugung, dass Gott in der Errettung die Initiative ergreifen muss, und dass alle Menschen in Knechtschaft zur Sünde geboren werden, Unmoral fördern würde. Pelagius dachte, dass Menschen die Gewohnheiten der Sünde erlernten, wenn sie das Alter der Rechenschaft erreichten, aber er konnte sich keine tiefere Lehre der Sünde vorstellen.

Dieser theologische Disput hatte solche pastoralen Implikationen, dass Augustinus gezwungen war, darauf zu antworten. Indem er das tat, entwickelte er seine Lehre der Prädestination, der Erbsünde und der Gnade zu den reifen augustinischen Positionen, die tausend Jahre später die Kirche in der Reformation erneuern würden.

Die theologischen Entwicklungen, die Augustinus in diesem Prozess durchmachte, entstanden daraus, dass er den buchstäblichen Adam in den Vordergrund der Heilsgeschichte brachte.

Auf Grundlage von Bibelstellen wie Römer 5 und 1. Korinther 15 stellte Augustinus Adam nicht nur als den Ursprung der Menschheit vor, sondern als Vorläufer Christi, den zweiten Adam. Auf der Realität eines buchstäblichen Adams beruhte nicht nur die Gutheit der Schöpfung (gegen die Manichäer) oder die Einheit der Bibel (gegen die Markioniten). Mit Adam im Vordergrund der Heilsgeschichte bildete ein buchstäblicher Adam die Fundamente, auf denen die Gewissheit ruhte, dass Gottes Zorn getilgt und Gnade ausgegossen war:

„Du wirst sehen, dass der Zorn Gottes auf die Menschheit durch einen Menschen kam und dass Versöhnung mit Gott durch einen Menschen kommt. Das gilt denen, die gnädiglich befreit werden von der Verdammnis des ganzen Menschengeschlechts. Der erste Adam wurde aus der Erde geschaffen; der zweite Adam wurde aus einer Frau geschaffen. Im ersteren wurde Fleisch durch ein Wort geschaffen, im letzteren wurde das Wort Fleisch gemacht.“14

In diesem Abschnitt zitiert Augustinus im Folgenden Römer 5 und unterstreicht seine Anlehnung an diese Bibelstelle.

Augustinus hatte lange einen buchstäblichen Adam bekräftigt. Im Angesicht der pelagianischen Herausforderung zur Gnade und Erbsünde erkannte Augustinus, dass er in den Vordergrund bringen musste, was bis zu dem Zeitpunkt im Hintergrund geblieben war. Dies befähigte ihn, das Wesen von Adams Sünde und dessen Einfluss auf all seine Nachkommen sorgfältiger zu erforschen.

Perspektive gewinnen

Man würde nicht erwarten, dass ein Theologe, der aus einem platonischen und manichäischen Hintergrund kommt, sich so sehr um einen buchstäblichen Adam kümmert. Es wäre wahrscheinlicher gewesen, dass er sich auf Schlüssellektionen und praktische Verhaltensregeln konzentriert, die aus Ideen gelernt werden konnten. Dass Augustinus einen buchstäblichen Adam im Laufe seines ganzen Dienstes bekräftigte, zeigt, wie wichtig es ihm war und wie sehr er seinem Lesen der Bibel gestattete, die vorherrschenden Annahmen seiner Zeit zu hinterfragen.

Die volle theologische Frucht dieser langgehaltenen Überzeugungen über einen buchstäblichen Adam wurde im letzten Jahrzehnt seines Lebens getragen. Die Einsichten, die daraus entsprangen, dass er den buchstäblichen Adam in den Vordergrund der Heilsgeschichte brachte, verleihten den Lehren der Gnade und Sünde den Ausdruck, der so markant für Augustinus ist und der seither im Herzen einer treuen Evangeliumsverkündigung liegt.


Peter Sanlon erwarb einen Doktortitel an der Cambridge Universität über das Predigen von Augustinus. Er unterrichtet biblische Lehre am Oak Hill College und ist Mitpastor einer Kirche in der Innenstadt Londons. Er ist verheiratet und hat ein Kind. Dieser Artikel erschien zuerst bei The Gospel Coaltion. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.

1 Gn. adv. Man. 1, 27.

2 Gn. adv. Man. 2, 13.

3 Gn. adv. Man. 2, 21.

4 Gn. adv. Man. 2, 17.

5 Die Schlage repräsentiert den Teufel; Adams Nacktheit seine Unschuld (Gn. adv. Man. 2, 20).

6 Ret. 1, 18.

7 Ret. 1, 10.

8 Gn. litt. Imp. 55.

9 Gn. lit. 1, 1.

10 Gn. lit. 1, 39.

11 Conf. 1,1.

12 Civ. Die. 14, 1. (Dieses Kapitel wurde wahrscheinlich im Jahr 418 geschrieben.)

13 c. adv. leg. 1, 9.

14 c. Jul. 6, 77.