Acht Dinge, die wir von Augustinus lernen können

Ist Augustinus heute noch wichtig?

Was bedeutet Augustinus für uns heute? Was gibt es aus seinem Leben und seinem Werk, das immer noch zum christlichen Leben von heute spricht, und in welchem Ausmaß sind seine Gedanken ursprünglich? Wiederholte er nur das, was vorher schon gesagt wurde, oder schlug er neue Pfade ein, die nutzbringend für die moderne Kirche sind?

1. Die Bedeutung einer wirklichen Beziehung mit Gott

Das Erste, das wir bei ihm bemerken, ist die Bedeutung, die er der Beziehung einer Person mit Gott beimaß. Er lebte in einer Welt, die rapide immer christlicher wurde, zumindest in einem formellen, öffentlichen Sinn. Es wäre einfach für ihn gewesen, mit dem Fluss mitzuschwimmen, wie es viele seiner Zeitgenossen taten. Aber Augustinus bekannte, dass er erst Christ wurde, als der Heilige Geist sein Herz anrührte, und nicht vorher.

Er wurde mit seiner Sündhaftigkeit und völligen Unfähigkeit konfrontiert, sich selbst zu retten. Er war gezwungen, einzusehen, dass er keine andere Hoffnung hatte, als sein Vertrauen in Jesus Christus zu setzen, der gestorben war, um den Preis für seine Sünde zu bezahlen. Er musste lernen, dass ein Christ zu sein heißt, mit dem Sohn Gottes Gemeinschaft zu haben, mit ihm durch eine zutiefst persönliche Einheit verbunden zu sein, die auf persönlicher Überzeugung beruhte, nicht auf äußerlichen Stützen oder Traditionen. Von Anfang bis Ende war sein Glauben ein Wandel mit Gott, der nur durch einen Dialog zwischen zwei Geistern ausgedrückt werden kann. Wenn man das wegnehmen würde, gäbe es nichts, von dem man reden könnte – keinen Glauben, den man bekennen könnte und kein Leben, das man führen könnte.

2. Die Notwendigkeit der Kirche

Als nächstes auf der Liste kommt sein Festhalten an der Kirche. Augustinus wusste, dass, obwohl jeder Christ einen persönlichen Glauben haben muss, der nicht von äußerlichen Riten und Traditionen abhängig ist, er gleichzeitig zur universellen Kirche gehört. Christen können die Kirche nicht verlassen und für sich alleine leben, als ob alle anderen nicht gut genug für sie wären. Es mag gute Gründe geben, um neue Gemeinden zu gründen, aber die Gläubigen sollten in Gemeinschaft miteinander leben und sich nicht absondern, als ob niemand anders so gut oder so rein wäre wie sie.

Es gibt keine reine oder perfekte Gemeinde, wie all diejenigen, die so etwas etablieren wollten, leidvoll erfahren mussten. An jedem Ort wachsen der Weizen und das Unkraut zusammen bis zur Erntezeit; die Schafe und die Böcke werden erst im Jüngsten Gericht voneinander getrennt. Es war Augustinus, der dies zuerst deutlich aussagte als Grund, warum man sich nicht von der Kirche abspalten sollte, und seine Logik ist heute noch genauso richtig wie damals, als er sie niederschrieb.

3. Die Hilflosigkeit der Menschheit

Augustinus lehrte uns auch, dass die Menschheit vereint ist in Sünde und Rebellion gegen Gott und sich nicht selbst retten kann. Diejenigen, die Christus begegnet sind, haben gelernt, dass sie ihm vollkommen vertrauen müssen und sich nicht auf ihre eigenen Bemühungen, Qualitäten oder geistliches Erbe für ihre Erlösung verlassen dürfen.

Die Werke, die sie als Christen tun, sind die, die ihnen von Gott aufgetragen wurden, aber sie machen nur Sinn im Kontext der Beziehung, die er schon mit seinem Volk geknüpft hat. Wenn diese Beziehung richtig ist, dann wird alles, was ein Christ tut, von Gott vergeben, egal wie schlecht oder fruchtlos es sein mag. Aber wenn diese Beziehung falsch ist, werden selbst „gute“ Werke unnütz sein, weil der Kontext und das Motiv für sie fehlerhaft sind.

4. Die oberste Autorität der Bibel

Augustinus lehrte die Kirche außerdem, dass das Wort Gottes in der Bibel und nirgendwo sonst gefunden wird. Er hatte das Problem, dass er die Ursprungssprachen der Schrift nicht gut kannte und ungenügende Textquellen zur Verfügung hatte. Als Ergebnis davon ist seine Exegese oft fehlerhaft und nicht vertrauenswürdig.

Weil er jedoch die Vorstellung von der Bibel als eine einzige, umspannende Botschaft von Gott hatte, waren diese Einzelfehler weniger ernst als sie sonst gewesen wären. Er nahm nie Bezug auf einen isolierten Vers auf eine Weise, die im Widerspruch zum gesamten Zeugnis der Schrift stand. Zum Beispiel gebrauchte er nicht die Erklärung „Gott ist Liebe“ auf eine Weise, die eine ewige Strafe in der Hölle ausschließen würde, vor der Jesus selbst seine Nachfolger warnte. „Gott ist Liebe“ musste dagegen so verstanden werden, dass es mit der Existenz einer ewigen Verdammnis zusammenpasste. Zu mehr als einem Anlass bewahrte dieser Sinn für „den ganzen Ratschluss Gottes“ Augustinus vor Irrtümern, in die er sonst vielleicht gefallen wäre.

Augustinus‘ Sinn für das größere Bild ist für die Kirche von großer Bedeutung, weil es eine konstante Versuchung gibt, Bibelverse aus dem Kontext zu reißen und sie auf Weisen zu gebrauchen, die der übergreifenden Botschaft von Gottes Wort widersprechen. Es gibt auch eine Versuchung, menschliche Traditionen einzuführen, die nicht auf der Schrift beruhen, aber zum Prüfstein der Rechtgläubigkeit werden. Augustinus‘ Interpretationsmethode war dazu gedacht, solche Verirrungen zu verhindern, und das Wunder ist, dass er – trotz der begrenzten Ressourcen, die ihm zur Verfügung standen – so erfolgreich war.

Wir sollten ihm natürlich nicht überall folgen und müssen ihn korrigieren, wenn wir aufzeigen können, dass er falschlag. Aber, und das gilt für jeden Bibelausleger: Niemand liegt immer und überall richtig! Wir dürfen Augustinus nicht verwerfen wegen seiner Begrenzungen und leugnen, dass er uns irgendetwas zu lehren hätte. Seine Schlüsse mögen nicht immer richtig gewesen sein, aber seine Methoden und Prinzipien bleiben auf überraschende Weise gültig, selbst nach so vielen Jahrhunderten.

5. Die Dreieinigkeit der Liebe

Augustinus lehrte die Kirche, dass Gott eine Dreieinigkeit der Liebe ist. Er hat die Vorstellung, dass Gott Liebe ist, gewiss nicht erfunden; das steht deutlich im Neuen Testament (1Joh 4,15). Noch hat er die Lehre der Dreieinigkeit entwickelt, die er selbst von seinen griechischen und lateinischen Vorfahren geerbt hatte.

Was Augustinus tat – und was vor ihm niemandem gelang – war, diese zwei Dinge zusammenzubringen. Liebe kann nicht für sich allein existieren, weil es nicht ein Ding oder ein Attribut eines Dings ist. Mit anderen Worten, Gott kann nicht Liebe sein, wenn es nicht etwas für ihn zu lieben gibt. Aber wenn dieses etwas nicht Teil von ihm selbst wäre, wäre er nicht vollkommen. Die Bibel lehrt uns nicht, dass Gott die Schöpfung brauchte, um etwas zu haben, dass er lieben könnte. Denn wenn das wahr wäre, könnte er ohne sie nicht ganz er selbst sein. Also schloss Augustinus, dass Gott in sich selbst Liebe sein muss. Für ihn ist der Vater derjenige, der liebt, der Sohn derjenige, der geliebt wird (der „geliebte Sohn“, der in der Taufe von Jesus offenbart wird) und der Heilige Geist ist die Liebe, die zwischen beiden fließt und sie verbindet. Es ist zudem der Geist, der die Gläubigen mit Gott verbindet und uns durch Adoption zu Teilhabern dieser Liebe macht, die dem Wesen der Dreieinigkeit zu eigen ist.

Indem er Gott auf diese Weise verstand, erklärte Augustinus nicht nur die Dreieinigkeit, sondern machte sie zu einem notwendigen Teil des göttlichen Wesens. Ohne den dreieinigen Rahmen wäre Gott nicht die Liebe, die das Neue Testament von ihm aussagt. Darüber hinaus, so Augustinus, kann die innere Notwendigkeit einer dreieinigen Göttlichkeit in der Zusammensetzung menschlicher Wesen gesehen werden, die in seinem Bild und ihm ähnlich geschaffen sind. Die Tatsache, dass unser Sinn Gedächtnis, Verstand und Willen besitzt – die jeweils voneinander unterschieden, aber nicht getrennt werden können, und die alle gleich wichtig sind, um Gott zu lieben, unsere Nächsten und uns selbst, so wie wir berufen sind – ist ein zusätzlicher Beweis für die Stimmigkeit zwischen dem Schöpfer und seiner Schöpfung.

6. Der Zweck des Universums

Augustinus lehrte ferner, dass Gott die Welt zu einem Zweck schuf. Die Tatsache, dass er sein eigenes dreieiniges Bild in Adam legte – der die krönende Herrlichkeit seiner Schöpfung sein sollte – lehrt uns, dass Gottes wundersame Handlung einen Grund hat, den wir nicht vollkommen verstehen oder wertschätzen können.

Niemand kann sagen, warum Gott die Welt geschaffen hat. Es war für ihn nicht notwendig, das zu tun, und obwohl es ein Akt der Liebe von seiner Seite war, wissen wir nicht, warum er sich dazu entschieden hat, sich auf diese besondere Weise auszudrücken. Noch wichtiger ist, dass wir nicht sagen können, warum er Geschöpfe gemacht hat, die nicht nur frei waren, seinem Willen ungehorsam zu sein, sondern die deshalb nicht ausgelöscht wurden. Der Teufel rebellierte gegen Gott und wurde aus dem Himmel gestoßen, aber er wurde nicht ausgelöscht. Stattdessen ist er immer noch der Fürst dieser Welt und die Menschheit ist versucht, sich ihm unterzuordnen. Wieso ist das geschehen? Hätte Gott es nicht verhindern können?

Von unserem menschlichen Standpunkt aus können wir viele Dinge, die wir erfahren oder in dieser Welt sehen, nicht verstehen. Aber wir können gewiss sein, dass es einen Zweck in Gottes Plan gibt, der uns eines Tages offenbart werden wird. Manchmal, wie in der Auferstehung von Jesus, sehen wir, was dieser Zweck war, weil er sich in einem Zeitfenster offenbart, das wir begreifen können. Aber zu anderen Anlässen passt Gottes Plan nicht mit unseren Zeitplänen zusammen. Für ihn ist ein Tag wie tausend Jahre und folglich wirkt sich sein Wille aus auf eine Weise, die für unsere Augen verborgen ist.

Augustinus hätte nicht wissen können, dass seine Welt verschwinden und später eine neue christliche Kultur in Westeuropa entstehen würde, die sich zu einem Großteil auf seinen Vorstellungen gründete. Er wäre wahrscheinlich verwundert gewesen, zu wissen, dass Menschen immer noch nicht nur seine Hauptwerke, sondern sogar seine Briefe und Predigten so viele Generationen später lesen würden. Aber er überblickte nicht, dass ein göttlicher Zweck in seinem Leben wirksam war und dass Gott ihn auf Weisen gebrauchte, die er nicht vollends verstehen konnte, und das war es, was ihm wichtig war.

7. Das christliche Leben als Glaubensreise

Augustinus lehrte uns auch, dass das christliche Leben eine Reise ist, die wir im Glauben gehen. Im Kontext seiner Theologie ist das ein wichtiges Gegenstück zur Lehre der Prädestination, die, wenn sie nicht personalisiert wird, leicht wie eine Art Fatalismus wirken kann.

Augustinus glaubte nicht, dass ein Christ sich einfach zurücklehnen und den Dingen ihren Lauf lassen kann. In einer Beziehung zu Gott zu sein heißt, mit ihm zu leben, seine Gedanken zu teilen, den Sinn Christi zu haben und seinen Willen in der Kraft des Heiligen Geistes jeden Tag zu tun. Von der Geburt bis zum Tod gehört jeder wache Moment Gott, selbst, wenn wir keine Gläubigen sind.

Das ist Teil der Botschaft, die er in seinen Bekenntnissen vermittelt, wo er verschiedene Aspekte seines vorchristlichen Lebens reflektiert und aufzeigt, wie Gott sie gebrauchte, um seine Ziele zu erreichen und wie Augustinus schon auf der christlichen Reise war, obwohl er sich dessen zu dem Zeitpunkt noch nicht bewusst war.

8. Das christliche Leben als Mission

Schließlich lehrte uns Augustinus, dass die christliche Mission wichtig ist, egal wo sie ausgeübt wird. Augustinus war ein Mann, der in Philosophie und Rhetorik geschult war. Um diese Interessen zu verfolgen, war es für ihn notwendig, dahin zu gehen, wo das meiste los war – nach Karthago, Rom und Mailand, dem damaligen Sitz des westlichen Imperiums. Wäre er zuhause in Tagaste geblieben, wäre solch eine Karriere undenkbar gewesen.

Nachdem er jedoch Christ geworden war, änderte sich sein Schicksal. Er verfolgte seine Schritte zurück – von Mailand nach Rom, dann zurück nach Karthago und sogar zeitweise nach Tagaste. Nach ein paar Jahren wurde er noch Hippo berufen, einer Hafenstadt mittlerer wirtschaftlicher Bedeutung und nicht bekannt für irgendwelche literarischen oder akademischen Leistungen. Er wollte kein Bischof werden und war auch nicht interessiert daran, den Rest seines Lebens in solch einem Hinterland zu verbringen.

Für über dreißig Jahre war er gezwungen, vor Versammlungen zu predigen, die sein Genie wenig wertschätzten und lieber zum Theater gegangen wären, als ihm zuzuhören. Er musste immer wieder gegen den Donatismus und den Pelagianismus schreiben, Irrtümer, die seinem scharfen Verstand auf einer Seite lächerlich erschienen sein müssen, die aber die Kirche durcheinanderbrachten, der er diente. Irgendwie fand er die Zeit, auch andere Dinge zu tun, aber es muss viele Tage gegeben haben, wo er des Kampfes müde war und sich wünschte, etwas Anderes tun zu können.

Ein sehr einflussreiches Leben

Augustinus starb in dem Wissen, dass nur ein paar Tage später die Barbaren Hippo einnehmen würden – das von ihnen zu der Zeit belagert wurde – und er muss gefürchtet haben, dass sein Lebenswerk vernichtet würde. Die Dinge entwickelten sich nicht ganz so schlimm, aber es gab kein bleibendes Vermächtnis seiner Bemühungen in Hippo. Keine große Basilika mit seinem Namen wurde errichtet. Kein akademischer Lehrstuhl wurde seinem Gedenken geweiht. Noch nicht mal eine Parkbank mit einer Plakette, die aussagt, dass er sie gestiftet hat.

Für das nackte Auge gab es nichts. Aber wie wir wissen, wurde das, was damals als ein ziemlich unbedeutender Dienst in einer Provinzstadt erschien, zum Hintergrund für das produktivste Leben irgendeines Theologen, der jemals in der westlichen Welt gelebt hat. Generationen von Christen, die sich niemals Hippo nähern würden, lasen das, was Augustinus in den heißen und staubigen Kammern schrieb, die seinen irdischen Wohnort ausmachten, und sie staunten über seine Gaben und seinen Intellekt.

Mehr noch, sie wurden gerührt – und wir sind es immer noch – von seiner Leidenschaft für Christus und lasen seine Schriften und fassten den Vorsatz, mehr als je zuvor auf dem Weg zu gehen, den Gott für sie bestimmt hat.


Gerald Bray (DLitt, Universität von Paris-Sorbonne) ist Professor an der Beeson Divinity School und Forschungsleiter für den Latimer Trust. Er ist eifriger Schreiber und hat zahlreiche Bücher verfasst, darunter God Is Love, God Has Spoken und Augustine on the Christian Life. Dieser Artikel erschien zuerst bei monergism.com. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.