10 Dinge, die man über Systematische Theologie wissen sollte

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1. Systematische Theologie existiert, weil der Gott, der sich selbst in der vollkommen glücklichen Beziehung der Dreieinigkeit kennt und liebt, Gefallen daran hat, sich selbst durch die Schrift zum Objekt geschöpflicher Erkenntnis und Liebe zu machen.

Theologie ist im Kern „Weisheit“ – ein Wissen, das zur Liebe auffordert (praktische Weisheit) und eine Liebe, die auf Wissen basiert (theoretische Weisheit). Genauer gesagt, ist Theologie die Weisheit über Gott und über alles in Beziehung zu ihm.

Diese Weisheit existiert in erster Linie in Gott selbst: Gott kennt sich selbst und liebt sich selbst in der vollkommen glücklichen Beziehung der Dreieinigkeit des Vaters, Sohnes und Heiligen Geistes (Mt 11,27; 1Kor 2,10—11). Diese Weisheit existiert untergeordnet und davon abgeleitet in den Geschöpfen, da Gott Gefallen daran hat, uns an dieser Erkenntnis und an dieser Liebe teilhaben zu lassen, um uns dadurch glücklich zu machen (Joh 19,14.15; 15,15; 17,3; 1Kor 2,12).

Auch wenn die Heilige Schrift nicht die einzige Quelle der Erkenntnis und der Liebe Gottes ist (vgl. Ps 19; Röm 1,2), ist sie in diesem Leben die höchste Quelle der Erkenntnis und der Liebe Gottes (vgl. 2Petr 1,16—21). Deswegen ist die Heilige Schrift die höchste Quelle und der höchste Maßstab für das „systematische“ Studieren der Theologie.­

2. Systematische Theologie ist eine Art des Bibelstudiums, die den vollen Umfang der biblischen Lehre behandelt.

Als Disziplin, die dem Studieren und Lehren der heiligen Schrift verpflichtet ist, versucht Systematische Theologie den vollen Umfang der biblischen Lehre zu behandeln. Systematische Theologie gibt sich nicht damit zufrieden, sich nur auf einen einzigen biblischen Autor zu konzentrieren – wie Jesaja oder Paulus – oder ein einziges Thema der Bibel – wie der Rechtfertigungslehre. Systematische Theologie ist eine Disziplin, die sich dem „ganzen Ratschluss Gottes“ (Apg 20,27) widmet.  

Der einzige Weg, wie die Kirche sich wirklich den dogmatischen und moralischen Lehren der Bibel unterordnen kann, ist, sich ihrem vollen Umfang der dogmatischen und moralischen Lehren auszusetzen. Das Versagen, den ganzen Ratschluss Gottes zu beachten, „führt zu Einseitigkeit und Irrtum in der Theologie und einem geistlich kranken Leben“ (Herman Bavinck).

3. Systematische Theologie ist eine Art des Bibelstudiums, die die biblische Lehre als Einheit behandelt.

Da Gott der Hauptautor der Heiligen Schrift ist (2Tim 3,1) und da er ein Gott der Wahrheit ist (Titus 1,2), will Systematische Theologie die Einheit, Harmonie und Schönheit der biblischen Lehre betonen. Systematische Theologie strebt danach, die Lehre der unterschiedlichen biblischen Autoren aus unterschiedlichen heilsgeschichtlichen Epochen, Literaturgattungen und aus den beiden Testamenten der Bibel so darzustellen, dass die Unterschiedlichkeit der biblischen Lehre nicht gedimmt oder abgeschwächt wird, sondern sie im vollen Glanz ihrer Mehrdimensionalität erstrahlt.

Außerdem strebt Systematische Theologie danach, die Lehre der Heiligen Schrift harmonisch mit dem darzustellen, was durch die allgemeine Offenbarung gelernt werden kann; mit dem Bewusstsein, dass die Bibel – als höchste Quelle der Weisheit über Gott – über alle geringeren Quellen der Weisheit über Gott urteilt.

4. Systematische Theologie ist eine Art des Bibelstudiums, die Schwerpunkte der biblischen Lehre angemessen behandelt.

Auch wenn Systematische Theologie eine „umfassende Wissenschaft“ ist, die Gott und alles andere in Beziehung zu Gott behandelt, erinnert uns John Webster daran, dass Systematische Theologie keine „Wissenschaft von allem über alles“ ist. Die Bibel betont bestimmte Dinge und sagt weniger über anderes. Die Bibel unterscheidet zwischen Fragen „von höchster Wichtigkeit“ (1Kor 15,3) und Fragen von sekundärer Wichtigkeit (Mt 23,23). Systematische Theologie muss danach streben, die Schwerpunkte und Prioritäten der Bibel in ihrer eigenen Schwerpunktsetzung und Darstellung der biblischen Lehre zu reflektieren.

5. Systematische Theologie ist eine Art des Bibelstudiums, die die Verbindungen der biblischen Lehre behandelt.

Das Anliegen der Systematischen Theologie an den dogmatischen und moralischen Lehren der Bibel schließt das Anliegen mit ein, die Zusammenhänge und Verbindungen zwischen verschiedenen dogmatischen und moralischen Lehren  zu erfassen. Systematische Theologie bemüht sich nicht nur darum, zu verstehen, was die Bibel über „Rettung“ und „gute Werke“ lehrt. Sie bemüht sich auch darum, die Beziehung zwischen „Rettung“ und „guten Werken“ zu verstehen (Eph 2,8-10). Die Verwirrung über die Beziehung von verschiedenen Lehren führt zwangsläufig zu einer Verwirrung über die Lehren selbst. Die hauptsächliche Beziehung, die Systematische Theologie berücksichtigt, ist die Beziehung zwischen Gott zu allem anderen.

6. Ein gutes theologisches Ordnungssystem wird hauptsächlich von einem theozentrischen Prinzip bestimmt.

Die Gotteslehre ist die wichtigste Lehre, auf die Systematische Theologie ihr Augenmerk richtet und mit der Systematische Theologie versucht, alle anderen Lehren in Beziehung zu setzen. Systematische Theologie ist eine theozentrische Auslegung der Bibel.

Sie folgt in dieser Hinsicht einem Muster, das mit der Realität übereinstimmt: „Alles“, erklärt der Apostel Paulus, ist „von ihm und durch ihn und zu ihm hin“ (Röm 11,36). Systematische Theologie gibt nicht vor, etwas verstanden zu haben, es sei denn, sie kann es in Beziehung zu Gott setzen, dem Alpha und Omega.

Die Gotteslehre ist deshalb nicht einfach nur die erste Lehre in einer Reihe von Lehren in der Systematischen Theologie. Die Gotteslehre durchdringt jedes Thema innerhalb eines theologischen Ordnungssystems. In gewisser Hinsicht ist jede Lehre in der Systematischen Theologie Teil der Gotteslehre. In der Systematischen Theologie geht es nicht so sehr um die Schöpfung, Vorsehung, Rettung und Vollendung, sondern um den Gott, der erschafft, den Gott, der alles lenkt, den Gott, der rettet und den Gott, der die Schöpfung vollendet, damit sie der Tempel des dreieinigen Gottes ist. Systematische Theologie „beschreibt Gott für uns, immer Gott, von Anfang bis zum Ende – Gott in seinem Sein, Gott in seiner Schöpfung, Gott gegen Sünde, Gott in Christus, Gott, der allen Widerstand mittels des Heiligen Geistes zerbrechen wird und wie er die ganze Schöpfung zu seinen Zielvorstellungen für sie zurückführt: zur Ehre seines Namens“ (Herman Bavinck).

7. Ein theologisches Ordnungssystem wird zweitrangig von einem historischen oder dramatischen Ordnungsprinzip bestimmt.

Weil Systematische Theologie sich mit Gott beschäftigt, beschäftigt sie sich auch mit Gottes Werken. „Groß sind die Werke des HERRN; wer sie erforscht, der hat Freude daran“ (Ps 111,2). Systematische Theologie verfolgt den Verlauf der Werke Gottes von der Schöpfung aus dem Nichts, über seine lenkende Herrschaft und Fürsorge für alles, bis hin zur Erlösung und Vollendung der Schöpfung durch die Menschwerdung des Sohnes und der Ausgießung des Geistes.

In ihrer Aufgabe, den Verlauf der Werke Gottes in der Natur, in seiner Gnade und in seiner Herrlichkeit zu verfolgen, folgt Systematische Theologie einem historischen oder dramatischen Ordnungsprinzip. Jede Lehre geht nicht nur auf Gott als den Anfang und das Ende zurück. Jede Lehre ist auch abgestimmt mit anderen Lehren auf einer dramatisch-historischen Achse von der Schöpfung bis zur Vollendung des Reiches Gottes. Systematische Theologie ist eine auf Gott ausgerichtete, heilsgeschichtliche Auslegung der Bibel.

8. Das notwendige Interesse Systematischer Theologie an historischer Theologie ist mehr als nur ein rein historisches Interesse.

Gottes Theologie – seine Weisheit in Bezug auf sich selbst und alle Dinge in Beziehung zu ihm selbst – ist schlicht und ewig. Unsere Theologie – unsere Weisheit in Bezug auf Gott und alle Dinge in Beziehung zu Gott – ist sozial und historisch bedingt. „Eine Generation wird der andern rühmen deine Werke, deine Machttaten werden sie verkünden“ (Ps 145,4).

Aus diesem Grund hat Systematische Theologie ein notwendiges Interesse an historischer Theologie, also an dem Studium der Theologie, wie sie im Laufe der Zeit gelehrt und überliefert wurde. Systematische Theologie ist interessiert an den frühen Kirchenvätern und den Bekenntnissen, die Frucht ihres Dienstes für die Kirche waren. Systematische Theologie ist interessiert an den Kirchenlehrern aus dem Mittelalter und den verschiedenen Weisen, wie sie durch Glauben danach gestrebt haben, die Geheimnisse zu verstehen, die Gott in seinem Wort offenbart hat. Systematische Theologie ist interessiert an der protestantischen Reformation und  ihren Bekenntnisschriften und an der protestantischen Orthodoxie und an ihrem großartigen dogmatischen und moralischen Lehrsystem. Systematische Theologie ist interessiert an der Aufklärung und an der Folgezeit, die noch immer um sich greift.

In jedem Fall ist das Interesse der Systematischen Theologie an historischer Theologie kein rein geschichtliches Interesse. Die Hauptaufgabe der Systematischen Theologie ist präskriptiv und nicht etwa deskriptiv. Sie beschäftigt sich mit der Lehre, was die Kirche glauben und tun muss, nicht einfach mit dem, was sie geglaubt und getan hat. Trotzdem – da die Kirche eine soziale und historische Größe ist und da historische Theologie auch die Geschichte der Auslegung der Bibel ist (vgl. Gerhard Ebeling) – kann Systematische Theologie nicht lehren, was die Kirche glauben und tun muss, wenn sie sich nicht damit beschäftigt, was die Kirche geglaubt und getan hat. Die Kirche kann nicht wissen, was sie in der heutigen Zeit auf der Grundlage der Heiligen Schrift bekennen muss, wenn sie nicht weiß, was die Kirche zu anderen Zeiten auf der Grundlage der Heiligen Schrift bekannt hat.

9. Systematische Theologie dient praktischen Zielen.

Das systematische Studium von Gott und seinen Werken, wie sie in der Heiligen Schrift offenbart sind, dient einer Reihe von praktischen Zielen. Dadurch, dass Systematische Theologie eine Zusammenfassung der biblischen Lehre liefert, macht sie uns zu besseren Lesern der Heiligen Schrift (vgl. Johannes Calvins erklärtes Schreibziel seiner Institutio).

Darüber hinaus stattet sie Christen – dadurch, dass sie uns lehrt, über Gott und alle Dinge in Beziehung zu ihm nachzudenken – mit Handlungsprinzipien aus. Systematische Theologie unterrichtet uns im Glauben, lehrt uns, Gott und alle Dinge, wie sie wirklich sind besser zu verstehen und alles als Geschenk aus Gottes väterlicher Hand zu empfangen. Systematische Theologie unterrichtet uns im Hoffen: Sie lehrt uns die Erfüllung von Gottes ewigem Reich in Übereinstimmung mit Gottes Verheißungen zu erwarten. Systematische Theologie unterrichtet uns in Liebe: Sie lenkt unseren Glauben und unsere Hoffnung zu ihrem Objekt, zu Gott selbst. Auf diese Weise finden wir ein Licht, das uns den Weg aus dem Elend Adams und der ganzen Menschheit weist, hin zu dem Glück des ewiges Reiches Jesu, und sie weckt angemessene Formen der Hingabe, Anbetung und Bewunderung gegenüber Gott ­– aber auch gegenüber unseren Nächsten und der Welt.

10. Systematische Theologie dient dem Ziel des Nachdenkens und richtet uns auf unser höchstes Ziel aus, Gott zu verherrlichen und uns für immer an ihm zu erfreuen.

Auch wenn Systematische Theologie einer Reihe von praktischen Zielen dient, sind die Ziele der Systematischen Theologie nicht ausschließlich praktischer Art. Systematische Theologie dient vor allem dem Ziel des Nachdenkens.

Als eine Art der praktischen Weisheit führt Systematische Theologie unsere Liebe zu überlegtem Handeln in der Welt. Als eine Art der Weisheit des Nachdenkens führt Systematische Theologie unsere Liebe zu ihrem höchsten und finalen Ziel – der Erkenntnis Gottes: „Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen“ (Joh 17,3). Indem Systematische Theologie uns lehrt, über Gott und über alles in Beziehung zu ihm nachzudenken, lehrt sie uns, alles von, durch und für Gott zu sehen und hilft uns dadurch, ihm alle Ehre zu geben (Röm 11,36). Und damit führt sie uns zu dem einen hin, in dem unser Durst nach Glück gestillt wird (Ps 42,1-2; Joh 6,35). Systematische Theologie hilft uns auf diese Weise, das höchste Ziel des Menschen zu begreifen, nämlich, Gott zu verherrlichen und sich für immer an ihm zu erfreuen.


Scott R. Swain (PhD, Trinity Evangelical Divinity School) ist Rektor und James Woodrow Hassell Professor der Systematischen Theologie am Reformed Theological Seminary in Orlando, Florida.

Der Artikel erschien zuerst auf der Internetseite von Crossway unter "10 Things You Should Know about Systematic Theology"  von Scott R. Swain © 2012. Evangelium21 hat den Beitrag mit freundlicher Genehmigung des Verlagsdienstes Good News Publishers, Wheaton, IL 60187, www.crossway.org, übersetzt und hier publiziert. Alle Rechte vorbehalten.