Die Gefahr, Schönheit zu vernachlässigen

Artikel von Russ Ramsey
29. März 2018 — 8 Min Lesedauer

„Es gibt zu viel Schönheit um uns herum für nur zwei Augen zu sehen. Aber überall, wo ich hingehe, halte ich Ausschau.“ – Rich Mullins

Philosophen haben lange mit dieser Frage gerungen: Was macht die Menschen besonders im Vergleich zu allen anderen Lebensformen? Sie weisen oft auf unser Verlangen nach Wahrheit, Güte und Schönheit hin. Christliche Theologen haben dieses Verlangen als wesentlich erachtet, um Gott zu erkennen. Ehrlichkeit und Falschheit weisen auf die Existenz absoluter Wahrheit hin. Gut und Böse weisen auf die Wirklichkeit unverfälschter Heiligkeit hin. Schönheit und Hässlichkeit flüstern unseren Seelen zu, dass es so etwas wie Herrlichkeit gibt. Wahrheit, Güte und Schönheit wurden von dem Gott geschaffen, der durch alle drei definiert ist.

Meiner Erfahrung nach streben viele Christen am stärksten nach Wahrheit und Güte, während Schönheit erst an dritter Stelle kommt. Aber wenn wir das Interesse an Schönheit vernachlässigen, dann vernachlässigen wir das Interesse an einer der wichtigsten Eigenschaften Gottes.

„Wenn wir das Interesse an Schönheit vernachlässigen, dann vernachlässigen wir das Interesse an einer der wichtigsten Eigenschaften Gottes.“
 

Schönheit ist eine Macht, die durch die Hand Gottes ausgeübt wird. Als Gott Abraham versprach, dass er der Vater einer großen Nation werden würde, was tat der Herr dann? Er nahm Abraham mit nach draußen unter den Wüstenhimmel und sagte ihm, er solle die Sterne zählen, und so würden auch seine Nachkommen sein. Gott wollte, dass Abraham die Verheißung des Bundes mit einem Gefühl der Herrlichkeit verband (1Mose 15,1–6).

Hast du jemals den Wüstenhimmel bei Nacht gesehen? Er ist wunderschön. Die Himmel erstrecken sich von Horizont zu Horizont. Herrlichkeit, Geheimnisse und Anklänge des Göttlichen breiten sich vor unseren Augen aus. Seit Anbeginn der Zeit hat solch ein Anblick in den Seelen von Männern und Frauen eine Sehnsucht nach mehr geweckt.

Wieso ist Schönheit wichtig?

Diese Schönheit – und die Sehnsucht, die mit ihr einhergeht – ist eine mächtige, notwendige und formende Kraft für jeden, der Gott erkennen möchte. Wir haben eine theologische Verantwortung, uns bewusst und regelmäßig mit Schönheit zu beschäftigen, weil unser Gott, seine Schöpfung und sein Volk alle schön sind.

1. Gott ist in sich schön.

Moses Verlangen, Gott zu sehen, war ein Hunger, auf Herrlichkeit zu schauen (2Mose 33,12–23). König David drückte die gleiche Sehnsucht aus:

„Eines erbitte ich von dem HERRN, nach diesem will ich trachten: dass ich bleiben darf im Haus des HERRN mein ganzes Leben lang, um die Lieblichkeit des HERRN zu schauen und ihn zu suchen in seinem Tempel.“ (Ps 27,4)

Mose und David wollten nicht nur Schönheit sehen. Sie wollten Gott sehen, weil sie wussten, dass es keine größere Schönheit zu sehen gibt.

2. Gottes Schöpfung ist in sich schön.

Überall um uns herum gibt es Schönheit und sie weist auf die Herrlichkeit Gottes hin (Ps 19,2). Als Gott von seinem Schöpfungswerk ruhte, sagte er von der Welt, die er geschaffen hatte, dass sie „sehr gut“ sei. Und in Gottes Güte hat der Sündenfall des Menschen die Schönheit der Schöpfung nicht ausgelöscht. Sie ist da, um betrachtet zu werden, wenn wir nur hinsehen. Und wenn wir sie sehen, lehrt sie uns etwas über den Urheber der Schönheit.

3. Gottes Volk wird in alle Ewigkeit mit Schönheit geschmückt sein.

„Wir haben eine theologische Verantwortung, uns bewusst und regelmäßig mit Schönheit zu beschäftigen, weil unser Gott, seine Schöpfung und sein Volk alle schön sind.“
 

Die, die in Christus sind, werden eines Tages „zubereitet wie eine für ihren Mann geschmückte Braut“ (Offb 21,2). Psalm 149 beschreibt diese Schönheit als die Herrlichkeit, „mit Heil geschmückt“ zu sein (Vers 4). Wir sollten auf diese Verheißung zukünftiger Schönheit mit Lobpreis reagieren, und wir sollten mit Schönheit bewusst und regelmäßig Umgang pflegen, weil dies die Kleider sind, in denen wir in Ewigkeit wandeln werden.

Was bewirkt Schönheit?

Es gibt echte Vorteile, wenn wir uns mit Schönheit beschäftigen, obwohl wir das Ziel verfehlen, wenn es uns nur darum geht, Schönheit auf eine Nutzenliste zu reduzieren. Aber dennoch sind hier einige Beispiele dafür, wie Schönheit unser Leben bereichert:

1. Schönheit zieht an.

Das erste Mal, als ich meine Ehefrau sah, war ich überwältigt von ihrer Schönheit. Ich musste zweimal hinsehen, nur um sicherzustellen, dass mich meine Augen nicht betrügen. Ihre Schönheit bewegte mich dazu, die Frau hinter der Schönheit kennenlernen zu wollen. Meine Geschichte ist so alt wie die Zeit.

Wir werden von Schönheit angezogen. Wir nutzen Urlaubstage, um an Orte zu fahren, wo wir den Sonnenaufgang am Meer sehen können. Wir besuchen Kunstmuseen, Theater und Symphonien. Wir blicken auf den Mond und die Sterne. Wir erklimmen einen hohen Berg, um unsere Füße in einen kühlen Bergsee zu halten. Wir sind die einzigen Geschöpfe, die so etwas tun, nur um der Schönheit willen.

Wenn wir diese Dinge tun, sehnen wir uns dann nicht wie Mose oder David danach, auf eine konkrete Weise die Herrlichkeit Gottes zu sehen?

2. Schönheit inspiriert Kreativität.

Mit Schönheit umzugehen schärft unser Auge für das, was wohlgefällig ist, und es vergrößert unsere Vorstellungskraft für das, was sein könnte. Künstler beziehen Inspiration von anderen Künstlern, weil Schönheit uns nicht nur mit Erstaunen erfüllt, sondern uns dazu treibt, selbst etwas Schönes zu erschaffen. Wenn wir uns mit Kunst befassen, lernen wir über die Prinzipien von Komposition, Design, Farbe und Perspektive. Wir entwickeln unseren kreativen Instinkt. Wenn wir erschaffen, reflektieren wir die Tatsache, dass wir im Ebenbild unseres Schöpfers gemacht wurden.

3. Schönheit regt Glauben an Gott an.

Glaube und Erstaunen sind Gaben Gottes, aber Gott wirkt durch Mittel. Er gebraucht das, was schön ist, um schlafende Herzen anzurühren. Blaise Pascal schrieb: „Jeder Mensch wird fast immer nicht durch Beweise zum Glauben geführt, sondern durch etwas, das anziehend ist.“ Das ist es, was geschieht, wenn Menschen am nördlichen Rand des Grand Canyon stehen und zur Anbetung gebracht werden, selbst wenn sie gar nicht wissen, warum.

Gott gebraucht Schönheit, um unsere Herzen für sich zu gewinnen und zu erwärmen.

Schönheit um der Schönheit willen

Die Schöpfung zeugt von einem Schöpfer, der an Schönheit Gefallen hat (Ps 19,2). Matthäus berichtet uns die Geschichte einer Frau, die zu Jesus nur wenige Tage vor seiner Kreuzigung kam, um ihn mit kostbarem Ölzu salben. Die Jünger erachteten diese extravagante Zurschaustellung als eine Verschwendung. Sie dachten darüber nach, wie sie solch einen Reichtum anders hätten verwenden können. Solche Träume zu äußern erschien vulgär, weshalb sie ihren Zorn in eine Fürsorge für die Armen kleideten: „Wozu diese Verschwendung? Man hätte dieses Salböl doch teuer verkaufen und den Armen geben können!“ (Mt 26,8–9).

Das ist die Perspektive einer Welt, die auf Funktion und Ökonomie fokussiert ist. Aber wofür war das Salböl da? Das Salböl war dazu da, ausgegossen zu werden, damit ein Raum mit seinem schönen und anregenden Geruch erfüllt wird. Als der Geruch die Sinne der Anwesenden anregte, sagte Jesus: „Sie hat doch ein schönes Werk an mir getan!“ (Mt 26,10). Für Jesus war diese „Verschwendung“ schön.

„Kultiviere die Gewohnheit, nach Schönheit zu streben.“
 

So viele Dinge in unsere Welt sind schön, die nicht unbedingt schön sein müssten. Gott machte es so, damit er sein Volk bei ihren Sinnen fesselt, um uns aus dem Pragmatismus aufzuwecken. Dieses Erwachen ist meines Erachtens eine wesentliche Funktion von Schönheit.

In seinen Bekenntnissen schrieb Augustinus: „Ich habe spät gelernt, dich zu lieben, du Schönheit, die so alt und doch so neu ist! Ich habe spät gelernt, dich zu lieben! Du warst in mir und ich war in der Welt außerhalb von mir.“ Es gibt keine Beschränkung dafür, unsere Augen zu trainieren, um Schönheit zu sehen. Schau dich an deinem jetzigen Ort um und du wirst mit Sicherheit etwas Schönes finden. Kultiviere die Gewohnheit, nach Schönheit zu streben, denn, wie Annie Dillard schrieb: „Schönheit und Gnade treten zusammen auf, ob wir das wollen und wahrnehmen oder nicht. Das Mindeste, was wir tun können, ist zu versuchen, da zu sein.“

Schönheit ist ein Relikt des Garten Edens – ein Überbleibsel dessen, was gut ist. Sie kommt aus einem tieferen Reich. Sie tröpfelt in unser Leben wie Wasser aus einem Riss in einem Damm, und was auf der anderen Seite liegt, erfüllt uns mit Erstaunen und mit Furcht. Was auf der anderen Seite liegt, ist Herrlichkeit. Und wir wurden für Herrlichkeit geschaffen.