Warum die Ehe kein Selbstzweck sein sollte

Echte Erfüllung erfährt Ehe in einem höheren Ziel

Artikel von Christopher Ash
20. Dezember 2017 — 11 min Lesedauer

Eine meiner Lieblingskarikaturen zeigt eine Gruppe von Höhlenbewohnern, die auf einer Klippe stehen und zusehen, wie einer von ihnen über die Klippe fällt. Aber er ist nicht gefallen – er wurde hinuntergestoßen. Während er fällt, schaut der Anführer der Gruppe die anderen zornig an. „Gibt es hier noch jemanden, dessen Bedürfnisse nicht befriedigt sind?“

Das ist eine spitzbübische, aber zeitgemäße Kritik an einer Kultur, von der wir erwarten, dass alles – einschließlich unserer Ehen – dazu da ist, unsere Bedürfnisse zu befriedigen.

Wenn wir in unserer Ehe primär erwarten, dass unsere Bedürfnisse befriedigt werden, dann verstehen wir das wahre Wesen von Liebe nicht und säen den Samen der Zerstörung. Gott hat die Ehe nicht als Mittel zur Befriedigung unserer Bedürfnisse vorgesehen. Anzunehmen, dass die Ehe dazu da sei, unsere Bedürfnisse zu befriedigen, ist aus mindestens zwei Gründen gefährlich.

1. Weil das nicht wirklich Liebe ist.

Eine nach innen gewandte Ehe ist keine wahre Liebe, weil sie uns dazu ermutigt, Sex und Ehe selbstsüchtig zu sehen. „Und wenn ihr die liebt, die euch lieben, was für einen Dank erwartet ihr dafür?“, fragte Jesus (Lk 6,32). Eine Form von Liebe, die bloß bewundernd in die Augen eines anderen schaut, der uns auch bewundert, ist in Wirklichkeit überhaupt keine Liebe.

Eines der erschreckendsten Dinge über Jesu Gleichnis von dem reichen Mann und dem armen Lazarus (Lk 16,19-21) ist, dass der reiche Mann ein guter Familienmensch gewesen zu sein scheint. Selbst am Ort der Toten sorgte er sich um seine Brüder. Aber seine sogenannte Liebe ist in Wirklichkeit überhaupt keine wahre Liebe, denn sie reicht nie bis zu Lazarus, dem armen Mann, der vor seiner Tür liegt. Er sorgte sich für seine Familie, aber seine Fürsorge floss nicht über zu den bedürftigen Menschen draußen.

Ehe und Familie können leicht zu einer respektablen Form der Selbstsucht werden. Wenn wir hauptsächlich deshalb heiraten, um unsere eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, dann werden unsere Ehen genau das sein: gutaussehende Masken der Selbstsucht.

Es ist ein kleiner Schritt von „ich liebe dich“ zu „ich liebe mich und will dich“. Und es ist zu einfach für Christen, die Ehe als eine jüngerschaftsfreie Zone anzusehen. Außerhalb der Ehe sprechen wir gerne, über Opfer, unser Kreuz auf uns zu nehmen usw. Aber innerhalb der Ehe reden wir oft nur darüber, wie wir besser kommunizieren, wie wir intimer sein und besseren Sex haben, wie wir glücklicher sein können.

Wenn sich eine Ehe nicht darum dreht, Gott zu dienen, kann keine persönliche und sexuelle Erfüllung das richtigstellen. Denn Ananias und Saphira hatten schließlich eine Ehe mit exzellenter Kommunikation und gemeinsamen Werten. Jeder verstand den anderen völlig, jedoch erlitten sie einen furchtbaren Tod unter dem gerechten Urteil Gottes (Apg 5,1-11).

2. Weil es die Ehen und die Gesellschaft zerstört.

Eine selbstsüchtige Sicht auf Sex und Ehe zerstört Ehen und die Gesellschaft. Zu einer Zeit, wo wir immer höhere Erwartungen daran haben, was die Ehe bieten soll, zerfallen Ehen wie niemals zuvor.

Wir können diese Zerstörungskraft erkennen, indem wir uns anschauen, wie Gesellschaften funktionieren. Gesellschaften, in denen Sex und Ehe als Mittel zur persönlichen Erfüllung angesehen werden, ermutigen Mann und Frau dazu, einander in die Augen zu sehen und im anderen all das zu finden, was sie brauchen, alles für den anderen zu sein. Solche Kulturen fördern das, was wir eine „Religion der Zweierbeziehung“ nennen können. In dieser ist das Ziel jedes Mannes und jeder Frau in so einer einzigartigen Beziehung zu leben. Das bloße Wort „Beziehung“, wenn es als Synonym für „sexuelle Beziehung“ gebraucht wird, offenbart diese Denkweise. Nicht in einer „Beziehung“ zu sein heißt, mutmaßlich einsam zu sein. Und wenn es wahr wäre, dass eine „Beziehung“ primär in einer sexuellen Beziehung zu finden ist, dann müssten wir um jeden Preis nach sexueller Intimität streben. Wir müssen diese Lüge nicht schlucken.

Paare als Paare überzubetonen, isoliert sie auch vom guten Einfluss der weiteren Familie und der Gesellschaft. Man geht davon aus, dass der entscheidende Moment der ist, wenn sie alleine im Schlafzimmer sind, nicht der, wenn sie zu einer neuen sozialen und familiären Einheit werden. Der Historiker Lawrence Stone schreibt:

Es ist ein ironischer Gedanke, dass gerade in dem Moment, in dem einige Denker den Einzug der perfekten Ehe ankündigen, einer Ehe gegründet auf der vollen Befriedigung sexueller, emotionaler und kreativer Bedürfnisse von sowohl Ehemann als auch Ehefrau, der Anteil der gescheiterten Ehen … rapide ansteigt.

Christopher Brooke, ein weiterer Historiker, beobachtet: „Obwohl wir dem Anblick zerbrochener Ehen ausgesetzt sind, haben wir angefangen (durch ein seltsames Paradox, das jedoch sehr tief in die Wurzeln des Themas reicht) weit mehr von einer glücklichen Ehe zu erwarten.“ Ein Theologe drückte es so aus: „Selbst die kleinste Hütte mit den glücklichsten Liebenden ist nicht bewohnbar, wenn es nicht wenigstens eine Tür und ein paar Fenster gibt, die nach außen öffnen.“

Wir sind nicht dazu geschaffen, für immer in die Augen eines anderen Menschen zu blicken und in ihnen alles zu finden, was wir brauchen. Wenn wir das denken, dann werden wir zwangsläufig enttäuscht werden. Wenn meine liebe Frau jemals dachte, dass ich ihr alles sein könnte, dann weiß sie es jetzt bestimmt besser! Und natürlich, wenn ich denke, dass Ehe dazu bestimmt ist, meine Bedürfnisse zu befriedigen, was mache ich, wenn sie das nicht tut?

Diese Ironie – dass wir so viel von der Ehe erwarten und doch so sehr enttäuscht werden – ist eine Ironie, die die Schrift vollkommen versteht. Sie nennt es Götzendienst. Wenn ich irgendein Ziel mehr als die Ehre Gottes verfolge, bete ich einen Götzen an. In dem Moment, in dem ich meine „Beziehung“ zum Ziel meines Lebens mache, verdamme ich mich zur Enttäuschung.

Überraschenderweise ist der Schlüssel für eine gute Ehe, nicht eine gute Ehe zu verfolgen, sondern die Ehre Gottes.