Drei Dinge, die viele über die Bergpredigt nicht wissen

Artikel von Jonathan Pennington
23. November 2017 — 7 Min Lesedauer

Ich habe das Vergnügen, einen großen Teil meiner mentalen Energie dem Studium, Lehren und Schreiben über die Bergpredigt zu widmen. Auch wenn ich mein neues Buch über die Bergpredigt fertiggestellt habe, so lehrt mich dieser bekannte biblische Text jeden Tag neue Dinge.

Hier sind drei Dinge, die ich über die Predigt gelernt habe, die wahrscheinlich viele noch nicht wissen:

1. Jesu Predigt ist radikal, aber nicht völlig neu.

Aus Respekt gegenüber Jesus gehen wir oft davon aus, dass seine Botschaft wie ein Blitzschlag von neuartigen und wunderbaren Dingen einschlug, die niemals zuvor von der Menschheit gehört wurden.

Die Bergpredigt ist wie ein Blitzschlag. Sie ist eine direkte Offenbarung von Gott, die aus dem Mund des menschgewordenen Wortes Gottes selbst kommt. Doch dies bedeutet nicht, dass Jesu Lehre völlig neu war.

Wenn wir die Predigt in ihrem kulturellen Kontext des ersten Jahrhunderts im Mittelmeerraum verstehen wollen, können wir genauso viel Kontinuität wie Unterschiede ausmachen. Das ist eine positive Beobachtung. Jesus sprach also nicht irgendein unverständliches Kauderwelsch als käme er vom Mars, sondern offenbarte Gottes Reich realen Leuten in realen Kulturen. Jesus war in zwei kulturellen Kontexten zu Hause, die Licht auf seine Reden werfen und zugleich zeigen, dass Jesu Predigt nicht völlig neu war.

„Es gibt eine innige Kontinuität zwischen Jesu Worten und dem Rest der Bibel.“
 

Im jüdischen Kontext wird Jesus als ein Prophet vorgestellt, wie die Propheten des Alten Testaments. Jesus ruft Menschen dazu auf, zu überdenken, wer Gott ist und was er von seinen Geschöpfen erwartet. Jesu Botschaft in der Predigt ist, dass Gott unser Vater ist, der unsere Herzen sieht und sich um sie sorgt; der nicht an äußerlichen gerechten Werken oder Religion interessiert ist.

Die Tradition der Propheten ist die Grundlage dieser Lehre, insbesondere bei Jesaja und Jeremia, mit einer gesunden Prise von Daniel und den kleinen Propheten beigemischt. Es gibt eine innige Kontinuität zwischen Jesu Worten und dem Rest der Bibel.

Der andere wirkungsvolle Kontext in der Predigt ist die Welt der griechischen und römischen Philosophie. Jesus ist nicht nur ein Prophet, sondern auch ein Weiser, ein kluger Philosoph, der Menschen dazu aufruft, ihr Leben gemäß einer tugendhaften Vorstellung der Welt neu auszurichten.

Als Philosoph lädt Jesus Menschen zu einer Lebensweise ein, die das wahre, gute Leben (oder die Lebensfülle) verheißt. Er ist ein Lehrer, der seine Jünger um sich schart und sie unterweist, seine Lehren sind in einprägsamen Sprüchen zusammengefasst, er hat eine Reihe von Makarismen (Seligpreisungen) anzubieten, die wahres Leben verheißen, und er betont die Vollkommenheit der Tugend (vgl. vor allem Mt 5,48). Sicherlich gibt es Unterschiede zwischen dem Inhalt dessen, was Jesus gesagt hat und dem, was andere Philosophen gelehrt haben, doch die Form der Predigt und wie sie sich angefühlt haben muss, dürfte den Hörern im ersten Jahrhundert bekannt gewesen sein.

Am Ende der Predigt war die Menge erstaunt, aber nicht so sehr wegen neuer Inhalte, sondern vielmehr wegen der Klarheit, Kraft und Autorität, mit der Jesus lehrte. Seine Lehren sind radikal, aber nicht aus heiterem Himmel.

2. Jesu Predigt ist kein unmögliches Ideal, das uns lediglich zeigen soll, dass wir Gnade brauchen.

Eine weitverbreitete Lesart der Predigt, insbesondere innerhalb des Protestantismus, ist, dass die hohen ethischen Forderungen beabsichtigten, uns die Unmöglichkeit einer guten Lebensführung zu zeigen, sodass wir in eine Krise stürzen, die uns zu Christus treibt, um seine Gnade und seine Gerechtigkeit geschenkt zu bekommen. Jesu Aufruf, niemals zu begehren oder zu hassen, die andere Wange hinzuhalten, wenn wir angegriffen werden, fromme Taten mit vollkommenen, gottzentrierten Motiven zu tun, nicht um die Zukunft besorgt zu sein und niemals andere zu richten ­– all diese Dinge in vollkommener Weise zu leisten, ist schlichtweg unmöglich. Dies zeigt uns, dass wir Christi rettendes Werk in unserem Leben so dringend brauchen, so heißt es oft.

„Die Bergpredigt ist Weisheit von Gott, die uns einlädt, durch Glauben unsere Wertvorstellungen, Ansichten und Gewohnheiten neu auszurichten.“
 

Obwohl die Unmöglichkeit, die Rettung zu erlangen, und unser Bedürfnis auf tiefgreifende Gnade aus einer gesamtbiblischen Perspektive wahr sind, verfehlt dieses Verständnis die Gattung, den Sinn und das Ziel der Predigt. Die Predigt ist nicht – um Luthers allzu reduktionistische Kategorien zu verwenden – „Gesetz“, das uns offenbart, dass wir das „Evangelium“ brauchen. Vielmehr ist es Weisheit von Gott, die uns einlädt, durch Glauben unsere Wertvorstellungen, Ansichten und Gewohnheiten neu auszurichten, weg von dem Weg einer äußerlichen Gerechtigkeit hin zu Gott von ganzem Herzen. Es ist nicht „Gesetz“, sondern „Evangelium“. Jesus lädt uns zu einem Leben in Gottes Reich ein, sowohl jetzt, als auch in dem kommenden Zeitalter. Das ist Gnade.

Niemand kann die Vision der Predigt vollkommen umsetzen (außer Jesus), doch das heißt nicht, dass sie irrelevant für unser Leben ist. Durch Glauben und Gnade lädt Jesus zu einem Leben der Nachfolge ein. Wir haben an Jesu Lebensweise teil und ahmen (in unvollkommener Weise) nach, wie er seinem Vater vertraut und das Reich Gottes erwartet hat.

Die Predigt ist nicht alles, was wir wissen müssen oder das ganze Evangelium. Das Endspiel der Geschichte des Evangeliums ist der Tod und die Auferstehung des Messias Jesus. Durch seine Treue führt er einen neuen Bund zwischen Gott und Menschen herbei. Auf dieser Grundlage allein, bevollmächtigt vom Geist, sind wir lebendig gemacht worden. All dies geschieht aus Gnade. Das ist unentbehrlich. In dieser Sache haben Luther und viele andere recht.

Wenn Gläubige nun in dieser Gnade stehen, reagieren sie auf Jesu Einladung in der Predigt. Unsere Gewohnheiten und Lebensweisen werden durch seine Lehren und sein Vorbild auseinandergenommen und neu geordnet. Ein Jünger zu sein, ist die angemessene und notwendige Antwort auf Gottes wunderbare Gnade und die Bergpredigt spielt dabei eine wesentliche Rolle.

3. Jesu Predigt soll eingeprägt werden und als Quelle unseres ständigen Nachdenkens dienen.

In unserer modernen westlichen Welt werden wir mit Bibeln überflutet. Die Alphabetisierungsrate ist bemerkenswert hoch. Das bedeutet, dass die meisten Amerikaner und Europäer, die interessiert sind an Jesus und seiner Predigt, sehr einfach eine Kopie finden und sie lesen können. Wenn man „Bergpredigt“ googelt, findet man sehr leicht unzählige Übersetzungen und Erklärungen. Das ist gut.

„Unsere Gewohnheiten und Lebensweisen werden durch Jesu Lehren und sein Vorbild auseinandergenommen und neu geordnet.“
 

Aber das ist nicht die Art, wie die Bergpredigt ursprünglich rezipiert wurde, und auch nicht die Art von pädagogischem Kontext, in dem sie entstanden ist. Vielmehr kommt die Predigt aus einer Zeit und Kultur, die mehr auf die Ohren als auf die Augen konzentriert war. Die Predigt (sowohl Jesu Rede als auch die Niederschrift durch Matthäus) ist als ein auditives, einprägsames Mittel zum Nachdenken gedacht.

Die Bergpredigt ist eine von fünf Lehrblöcken im Matthäusevangelium, die Jesu Lehre zu verschiedenen Themen zusammenfasst und sie in einer einprägsamen thematischen Struktur (normalerweise in Dreier-Gruppen) verbindet, mit eindringlichen Bildern und poetischer Sprache, sodass die angehenden Jünger sehr einfach hören, behalten und dadurch darüber nachdenken können, was ihr Meister gesagt hat. Ein Jünger zu sein bedeutet, sich die Lehren seines Lehrers einzuprägen und sein Leben nach seinem Vorbild zu gestalten.

Ich habe noch nicht die gesamte Predigt auswendig gelernt (sehr zu meinem Bedauern), doch immer wieder mache ich lange Spaziergänge, rufe die Abschnitte ab, die ich auswendig kann und sage sie auf. Ich bin immer erstaunt über die frische Kraft, die neuen Einsichten und die Verbindungen zwischen Altem und Neuem Testament, die meinen Geist überfluten ­– Dinge, die ich niemals bemerkt habe, trotz mehrfachen Lesens und gründlichen literaturwissenschaftlichen Untersuchungen. Aus diesem Grund wurde die Predigt geschrieben. Probiere es aus!

Jonathan Pennington ist Professor für Neues Testament und Leiter des Doktorandenprogramms am The Southern Baptist Theological Seminary in Louisville, Kyoto, und stellvertretender Prediger an der Sojourn East Church. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter The Sermon on the Mount und Human Flourishing.