Die Reformation fortführen

Artikel von Robert Godfrey
21. Oktober 2017

Dieses Jahr, 2017, ist das Jahr Martin Luthers. Wir gedenken der Reformation und feiern sie. Aber wir müssen die Reformation auch fortführen. Die Reformation ist kein Museum, das wir ab und zu mit einem Touristenbus besuchen. Sie war und ist eine lebendige Bewegung für Wahrheit und Leben in der Kirche Jesu. Wie sollten wir die Sache der Reformation aufrechterhalten und weiterführen? Manche glauben, dass die Antwort auf diese Frage in dem Slogan reformiert und immer reformierend steckt. Wir führen die Reformation fort, indem wir uns immer reformieren. Dieser Slogan ist in der Tat nützlich, wenn wir ihn richtig verstehen. Das Problem ist, dass der Slogan manchmal benutzt wird, um das Gegenteil von dem zu rechtfertigen, was ursprünglich gemeint war.

Diejenigen, die den Slogan missbrauchen, sagen am Ende etwa folgendes: Die Reformation musste Dinge verändern, die in der Kirche falsch liefen, und wir müssen weiterhin Dinge verändern, die in der Kirche falsch laufen. Wir müssen das Christentum für heute verstehbarer und relevanter machen. Wir müssen es von Formalismus und Gesetzlichkeit befreien, damit wir mit dem großen Werk der Evangelisation weiterkommen. Wir müssen uns immer reformieren.

Auf den ersten Blick scheint dieser Gebrauch des Slogans gut zu sein. Jeder von uns möchte, dass das Christentum vital, verstehbar und evangelistisch ist. Aber zu oft bewegen sich die, die immer reformieren wollen, in Wirklichkeit weg von der Reformation und ihrem großen Anliegen für die Bibel, Rechtfertigung, Anbetung, Predigt und die Sakramente. Sie vereinfachen oder minimalisieren das Christentum auf Weisen, die viele Anliegen biblischer Wahrheit auslassen. Immer reformierend bedeutet dann, sich immer mehr den Anforderungen und Normen der Welt anzupassen.

Solch eine Interpretation des Slogans entspricht in keiner Weise der ursprünglichen Bedeutung – oder was er für uns heute heißen sollte. Die genauen Ursprünge des Slogans sind nicht klar, aber seine Bedeutung ist es wohl. Er hatte das Ziel, zwei kritische Punkte darüber zu verdeutlichen, wer wir als reformierte Christen sind.

Reformiert

Der erste Punkt ist, dass wir reformiert sind. Wir müssen bedenken, dass die Selbstbezeichnung reformiert eigentlich eine Abkürzung ist. Die vollständige Aussage lautet: Wir sind Christen, die durch das Wort Gottes reformiert wurden. Reformiert bedeutet, dass das Wort Gottes uns verändert und gereinigt hat. Wir sind immer noch katholische Christen, was bedeutet, dass wir den Kanon des Neuen Testaments so wie die alte Kirche annehmen und die altkirchlichen Definitionen zur Dreieinigkeit und zur Christologie. Wir sind augustinisch in unserer Soteriologie. Aber wir stimmen den Reformatoren zu, dass verschiedene Traditionen der Kirche, in der Antike und im Mittelalter, vom Wort Gottes abgedriftet sind und deshalb durch die Bibel reformiert oder korrigiert werden mussten.

Wenn wir reformiert sagen, dann meinen wir, dass die Reformation, und insbesondere der calvinistische Flügel der Reformation, die Bibel auf richtige Weise verstand und einsetzte, um die christliche Lehre, die Kirche und einzelne Christen zu reinigen. Die großen Einsichten der Reformatoren in das Wort Gottes wurden durch die Bekenntnisse und Katechismen der reformierten Kirchen zusammengefasst und konserviert. Diese Lehren waren wahr und sind es immer noch. Sie sind ein großer, beständiger Erfolg der Reformation. Wir halten sie immer noch und sind in diesem Sinn reformiert. Reformiert ist etwas, das durch die Bekenntnisse der reformierten Kirche definiert wird, die von reformierten Christen immer noch zurecht angenommen werden.

Immer reformierend

Wir erkennen aber auch, dass jede Generation nicht nur von Neuem lernen muss, was es heißt, reformiert zu sein, sondern jede Generation muss sich auch damit beschäftigen, wie sie sich fortwährend reformiert. Wir müssen uns immer reformieren, weil wir Sünder sind. Wir verstehen und befolgen die Wahrheit Gottes nicht so, wie wir sollten. Wir erkennen an, dass die Reformatoren auch Sünder waren und nicht alles vollkommen verstanden. Deshalb wollen wir uns immer reformieren und das Leben unserer Kirchen, indem wir uns immer und immer wieder zum Wort Gottes wenden und es ihm gestatten, uns zu reformieren. Immer reformierend heißt nicht, unseren cleveren Einsichten über die Bedürfnisse der gegenwärtigen Welt zu gestatten, das biblische Erbe zu verändern, welches wir von der Reformation empfangen haben. Es heißt, dass wir uns wie die Reformation zum Wort Gottes wenden und es ihm gestatten, uns zu verändern.

Ein Weg, auf dem wir die Notwendigkeit erkennen können, dass wir uns reformieren, ist das Gebiet von Christentum und Kultur. Johannes Calvin war davon überzeugt, dass die Kirche die Kultur beeinflussen sollte, indem sie auf rechtmäßige Weise vom Staat etabliert war und indem der Staat falsche Religion verbietet. Heute glauben die meisten reformierten Christen, dass die Bibel etwas gänzlich Anderes über die Kirche und den Staat lehrt, über Christus und die Kultur. Viele amerikanische Christen sind verständlicherweise besorgt über die großen moralischen und intellektuellen Veränderungen, die in unserer Kultur stattfinden. Jahrzehnte säkularer Bildung, liberaler Medien und unmoralischer Unterhaltungsindustrien haben sich mit anderen Mächten verbündet, um viele Amerikaner zu einer postchristlichen Denk- und Lebensweise zu führen. Als Bürger begreifen viele amerikanische Christen zurecht die Gefahren in diesen Entwicklungen und suchen nach kulturellen Alternativen.

Wir müssen jedoch achtsam sein, dass wir diese kulturellen Anliegen nicht mit dem Evangelium verwechseln. Das Evangelium selbst ist kein Kulturprogramm. Das Evangelium hat sicherlich kulturelle Bedeutung und Auswirkungen. Aber das christliche Evangelium kann in jeder Kultur gedeihen, vom heidnischen Rom über islamische Theokratie bis zur kommunistischen Tyrannei. Das Evangelium ist die gute Nachricht, dass Jesus alle Gerechtigkeit erfüllt, die Sünde und den Tod für sein Volk überwunden hat und nun eine neue Menschheit erschafft aus denen, die Buße tun und glauben.

Wir lernen über das Evangelium und das Leben dieser neuen Menschen, die durch das Evangelium geschaffen werden, in der Bibel. Immer reformierend heißt, zur Schrift zurückzukehren, um verändert und verbessert zu werden. Es bedeutet eine Leidenschaft, das Wort Gottes zu kennen, zu lieben und daraus zu leben.

Eine sorgfältige Untersuchung des großen Auftrags in Matthäus 28,16-20 verdeutlicht uns diesen Punkt. Diese wichtige Stelle wurde oft von denen beansprucht, die den Slogan immer reformierend missbrauchen, um ihre innovativen und reduktionistischen Ansätze für das moderne Gemeindeleben zu rechtfertigen. Aber wenn wir uns die Worte Jesu hier wirklich anschauen, sehen wir deutlich, dass er nicht sagte: „Tu, was immer die Sache der Evangelisation voranbringt“. Sondern, was sagte er stattdessen?

Erstens sehen wir, dass Jesus im großen Auftrag diejenigen instruiert, die seine Jünger und seine Apostel waren, die ihn anbeteten, obwohl sie manchen Zweifel hatten. Er bezweckt, sie auf das Werk vorzubereiten, zu dem er sie beruft. Er gibt ihnen in der Tat das Programm für die Kirche, dem sie folgen sollen.

Zweitens macht er eine klare Aussage über sich selbst. Die Jünger werden Jesus nur dann in richtiger und treuer Weise dienen, wenn sie wissen, wer er ist. Er ist nicht nur ihr Lehrer, der starb und von den Toten auferstand. Er ist vornehmlich der Herr. Seine Auferstehung bedeutet nicht nur, dass er wieder am Leben ist, sondern dass er verherrlicht ist als „Fürst über die Könige der Erde“ (Offb 1,5). Alle Macht ist ihm gegeben, damit er wahrhaftig seine Kirche bauen kann, und damit keine Mächte, weder zeitliche noch geistliche, gegen ihn bestehen können (Mt 16,18). Seine Macht garantiert den Erfolg, den er für seine Kirche bezweckt.

Drittens ist den Jüngern aufgetragen, Jünger zu machen. Ihre Mission ist es, alle Völker zu Jüngern zu machen. Sie sind nicht auf Israel oder die Juden begrenzt, sondern sie sollen die gute Nachricht zu den Nationen tragen. Aber was heißt es, Jünger zu machen, oder anders gefragt, was heißt es, das Evangelium richtig zu verkünden? Jesu Auftrag hat zwei Teile, nämlich lehren und taufen. Die Apostel müssen die Wahrheit über Jesus lehren, um Jünger zu machen. Das Werk des Predigens und Lehrens der Kirche und besonders ihrer offiziellen Leiter ist notwendig, um jesusgemäß Jünger zu machen. Die beauftragten Jünger müssen auch taufen. Der große Auftrag bedingt den sakramentalen Dienst der Kirche genauso wie den Lehrdienst. Taufe ist Zeichen und Siegel des neuen Lebens und der neuen Identität eines Jüngers in Christus.

Viertens bestimmt Jesus, was die Jünger lehren sollen. Dieser Punkt ist besonders wichtig. Jesus autorisiert keine minimalistische Zusammenfassung seines Dienstes. Neue Jünger werden nicht durch ausgewählte Teile seiner Lehre gemacht. Wahre Jünger verlangen, verdienen und müssen seine ganze Lehre haben. Wahre Jünger sind begierig auf die Fülle der Offenbarung Jesu.

Fünftens versichert Jesus den Jüngern, dass er immer bei ihnen sein wird, während sie seinen Auftrag ausführen. Seine Macht und Herrschaft wird sie nicht verlassen. Erfolg muss nicht herbeimanipuliert werden, weil er durch die Gegenwart und den Segen Jesu gesichert ist.

Der große Auftrag ist in der Tat das Programm, nach dem die Kirche funktionieren muss. Aber wir dürfen den großen Auftrag nicht als Wahlspruch verwenden, um jeden Evangelisationsansatz zu rechtfertigen. Jesus beauftrage seine Kirche nicht, gemäß ihrer Weisheit zu evangelisieren, sondern gemäß seiner Lehre. Der große Auftrag ist Teil seines Wortes, und er muss uns immer reformieren.

Manchmal in der Geschichte gerät die Kirche in ernsten Verfall der Lehre oder des Lebens und muss gründlich reformiert werden. Zu anderen Zeiten mögen Christen frustriert sein über die Wachstumsrate der Kirche und annehmen, dass eine drastische Reform notwendig sei. Nur eine genaue Untersuchung des Wortes kann uns helfen, zu bestimmen, was davon zutrifft. Wo Reform durch das Wort Gottes – durch das ganze Wort – notwendig ist, müssen wir sie energisch verfolgen. Auf der anderen Seite, da wo die Kirche treu ist, muss sie geduldig ausharren und auf Zeiten ausgiebigerer Gnade von ihrem Herrn warten. Luther sagte von seiner Reform: „Das Wort tat alles“. Daher müssen wir über jede gute Fortführung der Reformation sagen: „Das Wort muss alles tun“.


Dr. W. Robert Godfrey ist ein Dozent bei Ligonier Ministries und emeritierter Präsident und Professor für Kirchengeschichte beim Westminster Seminary in Kalifornien. Er hat die sechsteilige Reihe A Survey of Church History bei Ligonier unterrichtet. Seine vielen Bücher umfassen die Bücher Reformation Sketches und Learning to Love the Psalms. Dieser Artikel erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.