Warum wir im 21. Jahrhundert mehr christozentrische, multinationale Gemeinden brauchen

Artikel von Manuel Wilde
23. März 2017 — 25 Min Lesedauer

Zusammenfassung

Mittlerweile leben in West- und Mitteleuropa immer mehr Menschen aus den unterschiedlichsten Völkern. Für Menschen, die nicht aus Österreich stammen, ist die Bildung einer Subkultur der bequemste Weg, um inmitten von Europa wie in der alten Heimat (über)leben zu können. Dadurch ist jedoch der Zusammenhalt unserer Gesellschaft zunehmend bedroht und eine politische Lösung dieser Probleme ist nicht in Sicht. Trotzdem brauchen wir nicht zu resignieren, denn jeder Einzelne kann dazu beitragen, dass wir einander auf dem Weg der Nächstenliebe näher kommen. Doch neben diesem Weg der Nächstenliebe, der allen Menschen in unserer Gesellschaft offen steht, und beispielsweise auch in liberalen multinationalen Gemeinden gelebt wird, gibt es seit Jesu Kommen in diese Welt eine noch tiefergehendere Möglichkeit inmitten von Entfremdung einander so nahe wie möglich zu kommen. Dies Vorzuleben ist die Berufung der Gemeinde Jesu. Gemeinde darf nie ethnisch verstanden werden. Jesu Gemeinde ist vom Wesen her im Gegensatz zur alttestamentlichen Ordnung multinational. In den letzten Jahrhunderten der Kirchengeschichte haben wir auf dem gesamten Erdkreis jedoch zu fast 100 % Gemeinde Jesu nur in ihrer nationalen Spielart erlebt. Dies war auch aufgrund der geschichtlichen Umstände nicht anders möglich. Für unsere Zeit  gilt dies jedoch nicht mehr. Wenn wir dabei bedenken, dass die Welt der Apostel sehr bunt war und die apostolischen Gemeinden nie national definiert waren, so lässt dies aufhorchen, denn heute sehen wir neben einigen multinationalen Gemeinden auch einen Trend   zu ethnisch definierten Minderheitsgemeinden. Traditionelle wie ethnisch definierte Minderheitsgemeinden sind sich in Bezug auf bestimmte Eigenschaften ähnlicher als angenommen. In beiden Gemeindetypen besteht die Gefahr, dass ethnische - kulturelle - sprachliche und soziologische Komponenten neben Christus die Gemeinde der Gläubigen vermeintlich zusammenhalten. Unsere Herkunft und Prägung muss im Gemeindeleben angemessen berücksichtig werden, ist aber immer nur äußere Form und gehört nie zum Wesen der Gemeinde. Selbstverständlich ist es schwieriger echte multinationale Gemeinden zu bilden. Dies sollte uns jedoch nicht davon abhalten, diesen Weg vermehrt einzuschlagen. Ist das, was uns in Christus verbindet, wirklich größer als das, was uns trennt? So wir wirklich in Christus sind, ist dies selbstverständlich der Fall. Aus diesem Grunde ist der schwierigere Weg der multinationalen christozentrischen Gemeinde ein Weg der geistlichen Erneuerung und Reformation, der uns näher zu Christus und zum Kern dessen bringt, was Gemeinde wirklich ist. Mehr als in anderen Gemeindemodellen sind wir dabei darauf angewiesen in der Kraft des Heiligen Geistes und des Evangeliums miteinander vor den Augen der Welt zu leben. Christus hat seine Gemeinde mit seinem kostbaren Blut erkauft. Wir haben heute die Chance und dementsprechend auch Christi Ruf, die daraus resultierende Einheit der Welt in multinationalen Gemeinden wie in einem Theaterstück vor Augen zu stellen und damit unserer Gesellschaft nicht nur Hoffnung sondern auch das Evangelium Jesu Christi, unseres Herrn, zu bezeugen. Wir brauchen mehr christuszentrierte multinationale Gemeinden.

Wachsende ethnische Fragmentierung des Westens

Wir leben in einer Zeit, in der immer mehr Menschen aus der ganzen Welt in West- und Mitteleuropa  ihr zu Hause haben. Ganz besonders in den Großstädten leben Menschen der verschiedensten Ethnien und Hintergründe. In der Fremde wird einem oft erst klar, was man an der Heimat hatte und so blüht der Nationalismus gerade in der Fremde auf. Der eigenen Herkunft und Identität wird man sich ja gerade in der fremden Kultur des Gastlandes immer mehr bewusst. Und so tritt immer mehr in den Hintergrund, dass man ja das Heimatland verlassen musste, weil man dort keine Perspektive und oft leider auch Schlimmeres zu erwarten hatte. Das Heimatland, das für die Zugezogenen keine Heimat mehr sein konnte, wird dann paradoxerweise im Westen idealisiert, verklärt und manchmal geradezu gefeiert.  Und so entstehen inmitten unserer Städte Oasen der jeweiligen Herkunftskultur, in denen die Lebensfreude Afrikas, die Schönheit des Orients in fast geschlossener Gesellschaft genossen wird. Man bleibt unter sich. Mancher Zugezogene hat dann auch fast ausschliesslich soziale Kontakte innerhalb seiner Subkultur. Für den sozialen Zusammenhalt der österreichischen Gesellschaft ist dies alles andere als förderlich. Es ist aber gewissermaßen der Lauf der Dinge, dass sich gleich zu gleich gesellt und Sprachbarrieren, kulturelle und religiöse Unterschiede nicht einfach zu überwinden sind. Dies wurde leider jahrelang auf die eine oder andere Art und Weise staatlich und auch gesellschaftlich ignoriert. Wirkliche Gemeinsamkeit kann ja erst dann entstehen, wenn uns eben wirklich etwas gemeinsam ist, das bedeutsamer ist als das, was uns trennt.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt durch politische Überzeugungen?

Starke politische Überzeugungen können auch heute Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen zusammenführen. Statistisch betrachtet ist dies aber eher ein Randphänomen. Unsere Unterschiede werden dann immer unwichtiger,  ja, gar bedeutungslos, wenn wir alle eine gemeinsame neue Identität bekommen. Gerade in klassischen Einwanderungsländern wie den USA ist die Integration verschiedener Ethnien erstaunlich gut gelungen. Man sieht sich als Amerikaner und träumt den amerikanischen Traum. Aber selbst in den klassischen, erfolgreichen Einwanderungsländern sehen wir, wie der gemeinsame Traum schnell Risse bekommt und schwere Rassenunruhen, wie ein Sommergewitter das Land, ganz überraschend erschüttern. Und auch eine staatlich verordnete offizielle, politische Überzeugung wie in Titos Jugoslawien hat ethnische Konflikte nur einfrieren und nicht verhindern können, wie der Krieg im ehemaligen Jugoslawien so drastisch und dramatisch der ganzen Welt veranschaulicht hat. Zu einem wirklichen Miteinander haben die ehemaligen Völker Jugoslawiens seitdem nicht mehr gefunden. Aber dem Herrn sei Dank schweigen die Waffen.
Wie werden wir es politisch schaffen in Österreich einen größeren sozialen Zusammenhalt zwischen Zugewanderten und Einheimischen herzustellen? Um Gemeinschaft zu erleben, muss Gemeinsamkeit vorhanden sein, die wir höher bewerten als alles Trennende. Doch was kann dieses Gemeinsame sein? Dies ist vielleicht eine der bedeutsamsten Fragen der Gegenwart. Klar scheint, dass in unserer Gesellschaft der Zusammenhalt derzeit nicht mittels Ideologie zu bewerkstelligen ist. Die europäische Einigung war nie ein gemeinsames Projekt der Menschen wie beispielsweise der amerikanische Traum. Auch Österreich, inklusive seiner Identität, seiner gemeinsamen Vergangenheit, gemeinsamen Sprache und  Kultur, wurde von manchen (im Zuge der 68-er Bewegung) mehr als ein Problem denn als Teil der Lösung gesehen. Und wenn im Zuge dessen schon gebürtigen Österreichern nicht mehr klar ist, was eigentlich das Gemeinsame ist, wieviel weniger kann es dann den Zugezogenen vermittelt werden! Außerhalb unserer Möglichkeiten liegt die gemeinsame Bedrohung durch gigantische Naturkatastrophen oder auch durch einen neuen Krieg. Beten und arbeiten wir dafür, dass kriegerische Konflikte an uns vor-übergehen und wir nicht erst in Schützengräben einander näher kommen.

Menschlichkeit und Nächstenliebe als Antwort

Abseits all dieser Wege haben wir schon heute, hier und jetzt etwas, bei dem wir alle ansetzen können, um den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zwischen den verschiedensten Interessengruppen zu vergrößern. Schlicht und einfach gesagt ist dies unser aller ‚Menschlichkeit‘. Die Angehörigen, welcher Gruppe auch immer, sind wie ich Menschen, waren einmal Kinder, hatten Eltern, Wünsche, Träume und Hoffnungen. Wir alle wurden auch enttäuscht und manche von uns sogar förmlich gebrochen. Andere jedoch konnten im Glück baden. Einander in diesem Lichte zu sehen, entspricht voll und ganz der menschlichen Realität unabhängig von allen Unterschieden. Den Menschen im anderen zu sehen, bringt ihn auf meine Ebene, ganz egal auf welchen unterschiedlichen Ebenen wir auch sonst stehen. Damit steht dieser Ansatz auch jeder Ideologie entgegen, die uns Menschen in einander feindlich gegenüberstehende Gruppen aufteilt, wie beispielsweise im Kommunismus oder Faschismus. Doch wie können wir alle im Bewusstsein unserer Zusammengehörigkeit als Menschen auch ganz praktisch wachsen? Beispielsweise, indem wir uns ganz bewusst für Angehörige einer anderen gesellschaftlichen Gruppe sozial engagieren und dem anderen dienen und in seiner Not begegnen. Nächstenliebe auszuüben könnte in unserer Gesellschaft der Weg sein, der uns als Menschen näher zueinander bringt, ganz unabhängig von Weltanschauung, Religion und Herkunft. Die gemeinsame Erfahrung der Nächstenliebe  wird dann  zu einem einenden Band, das uns möglicherweise auf lange Sicht vereint. Damit dies wirklich gelingt, sollten sich auch die Zugezogenen den Einheimischen gegenüber in Taten der Nächstenliebe üben, denn auch hier gibt es viele Bedürftige. Prinzipiell steht diese Möglichkeit allen Menschen, egal welche Religion und Herkunft sie haben, offen und dies ist in unserer multipolaren, pluralistischen Welt ganz klar von Vorteil. Dies ist aber ein Weg, der leider nie von allen gegangen werden wird. Dies bedeutet aber nicht, dass er deshalb falsch wäre. Nein. An dieser Stelle entspricht das humanistische Ideal Gottes Gebot der Nächstenliebe, das auch heute ein Teil des zu verkündigenden Ratschlusses Gottes und Teil von Gottes Willen für uns Menschen ist.

Multinationale theologisch liberale Gemeinden als Vorbild und Spiegelbild der Gesellschaft

Theologisch liberale Gemeinden setzten diese Grundsätze in ihrem Gemeindeleben oft relativ erfolgreich um. Aus gesellschaftlicher Sicht ist dies positiv zu bewerten.  Es gibt dann florierende soziale Dienste, die den verschiedensten Nöten der Menschen wirkungsvoll begegnen. Demonstrieren sie doch vor aller Augen, dass ein positives Miteinander der verschiedensten Ethnien in Österreich auf diese Art und Weise grundsätzlich möglich ist. Obwohl dies zweifellos für unsere Gesellschaft positiv ist, geschieht dies jedoch nicht auf dem Fundament des biblischen Evangeliums. Damit sind diese Gemeinden dann in diesem Punkt ein Spiegelbild der Gesellschaft. Selbst-verständlich sind diese liberalen Gemeinden religiös und gehen damit über die Möglichkeiten einer rein säkularen Gesellschaft hinaus. Religiöse Elemente und religiöse Symbolik erzeugen zwar ein einendes Band, sind aber nicht das, worauf die Einheit der Gemeinde in neutestamentlicher Perspektive fußt. Denn wichtige Elemente des biblischen Glaubens werden aufgegeben bzw. säkular umgedeutet. Somit bleiben diese Gemeinden trotz ihres multinationalen Wesens hinter dem neutestamentlichen Vorbild zurück. Die auf den ersten Blick erstaunliche Ähnlichkeit zu den Gemeinden der Apostel ist mehr soziologisch bedingt als geistlich. Das aus biblischer Sicht Entscheidende fehlt oder wird umgedeutet.

Einheit in Christus führt zu multinationalen Gemeinden

Seit Jesus Christus auf die Erde gekommen ist, um uns zu erlösen, ist jedoch eine viel größere Einheit, Verbundenheit und Gemeinsamkeit aller Völker und menschlichen Gruppen möglich, als sie je durch Humanismus oder Religion geschaffen werden könnte. Wie in 1Mo 1 sehr schön gesagt wird, wurden Adam und Eva in Gottes Bild geschaffen. Nicht nur unsere gemeinsamen menschlichen und auch religiösen Erfahrungen und Taten der gegenseitigen Nächstenliebe sind ein einendes Band. Auch unsere mit der Schöpfung verliehene Würde und damit einhergehende Bestimmung Gott widerzuspiegeln, ist etwas, was gemäß des Zeugnisses der Heiligen Schrift jeden Mensch auszeichnet. Neben dieser hohen Bestimmung ist auch unsere Sündhaftigkeit und Verlorenheit etwas, das wir alle gemeinsam haben, auch wenn es uns vielleicht gar nicht bewusst ist oder bewusst ausgeblendet wird. Wir alle sind vor Gott schuldig (vgl. Röm 1 - 3, 23) und können jedoch durch Christus Erlösung (vgl. Röm 3,24 - 8) finden! Ausgangspunkt der Erlösung ist unsere Schuld und Sünde Gott gegenüber. Wir alle stehen ohne Christus einander feindlich gegenüber. (vgl. Tit 3,3)  Andere Menschen zu verachten ist schlicht und einfach Sünde und entspricht nicht dem Gebot der Nächstenliebe. Dies ist nicht unsere einzige Sünde, wie ein Blick in das Gesetz Gottes beispielsweise mit Hilfe der zehn Gebote zeigt! Selbstverständlich war die Feindschaft zwischen Juden und Heiden Sünde und nicht in Gottes Sinn, wie sogar schon das Alte Testament andeutet. (vgl. 5. Mo 4, 6) Wie groß war die Verachtung der Heiden! Diese Feindschaft wurde von Seiten der Juden fälschlicherweise als von Gott gewollt angesehen und wir können uns heute kaum eine Vorstellung davon machen, wie tief dieser Graben war. Mit seinem Gebot der Feindesliebe (Mt 5, 44) und auch beispielsweise dem ‚barmherzigen Samariter‘ (Lk 10) hat Jesus deutlich gemacht, wie Gottes Wille auch auf diesem Gebiet aussieht. Wir bekommen von der eben erwähnten Feindschaft eine Vorstellung, wenn wir mitbekommen, wie strenge Muslime einer Frau nicht die Hand reichen wollen oder sich generell von den ‚Ungläubigen’ fernhalten, um sich nicht zu verunreinigen. (vgl. Gal 2,11 - 20) Genau an dieser Stelle kommt nun das Evangelium von Jesus Christus ins Spiel. Denn Christus starb am Kreuz für die ganze Welt, keine Volksgruppe ist davon ausgenommen! (vgl. Joh 3, 16; 4; Offb 7, 9) Und deshalb können auch grundsätzlich alle Arten von Menschen durch und in Jesus Christus zur Vollkommenheit gebracht werden. Er nahm unser aller  Schuld auf sich. (vgl. Jes 53) Wenn Christi Licht in unseren Herzen aufleuchtet, dann sind unsere Unterschiede überwunden. Aufgrund seiner unermesslichen Gnade finden wir Vergebung, Rechtfertigung und eine ganz neue Identität. Kein ethnischer oder kultureller Hintergrund ist davon ausgenommen. Jeglicher Unterschied, der zwischen Mann und Frau, Heide und Jude, Sklave und Herr war und ist, ist in Christi Gemeinde in IHM aufgehoben. (vgl. Gal 3, 27f.)  Wir alle sind nämlich aufgrund seiner Gnade errettet. (Eph 2,1 - 10) Dies begründet unsere Einheit und macht Christi Gemeinde äußert attraktiv und schön. Deshalb gab es zur Zeit der ersten Christen in der pulsierenden Metropole Rom keine germanischen, jüdischen, griechischen oder lateinischen Gemeinden. Denn Jesus Christus machte aus den Vielen einen Leib. (vgl. Röm 12, 5; 1.Kor 10, 17) Es gab immer nur die eine Versammlung der Jünger Jesu, z.B. die Gemeinde in Rom, oder aber die Gemeinde in Korinth oder die Gemeinde in Jerusalem, Antiochia oder sonst einer Stadt. Eine freikirchliche Gemeinde, die ganz bewusst österreichisch oder deutsch, iranisch oder arabisch sein möchte, ist  in einem ganz wichtigen Aspekt im Grunde mehr alt- als neutestamentlich. Denn in der Zeit des Alten Testamentes garantierte das Gesetz des Mose, dass die Gemeinde der Gläubigen jüdisch und damit auch national blieb. Aufgrund von Jesu Sieg am Kreuz (inklusive seiner Auferstehung und Himmelfahrt) wurden jedoch alle Aspekte des Gesetzes, die einen Juden von einem Heiden trennten, in Christus vom Prinzip her obsolet. (vgl. Eph 3,13 - 18) Wie im apostolischen Glaubensbekenntnis bekannt, glauben wir an den Heiligen Geist und dementsprechend an die allgemeine (alle Völker umfassende) christliche Kirche.

Ethnisch definierte Gemeinden und die Rolle unserer Herkunft

Genau aus diesem Grunde brauchen wir auch in den Großstädten des Westens keine neuen ethnisch definierten Gemeinden, die dann auch sehr leicht der Heimatpflege dienen.  Heimatpflege hat auch in keiner deutschsprachigen Gemeinde etwas verloren, weil Jesu Gemeinde von Grund auf multinational ist. Heimatpflege oder Nationalismus in der Gemeinde schließt immer alle die aus, die eben nicht diesen Hintergrund haben. Dies bedeutet nicht, dass ich meine durch meine Herkunft bedingte menschliche Identität unterdrücken sollte. Ich darf sie aber auch nicht verabsolutieren. Keinesfalls darf diese in der Gemeinde Jesu (im Gegensatz zu anderen Institutionen) das einende Band sein bzw. in falscher Weise im Vordergrund stehen. Selbstverständlich darf in der Gemeinde auch Mundart gesprochen werden. Es ist jedoch im öffentlichen Gottesdienst der Gemeinde immer sicherzustellen, dass alle verstehen können was gesagt wird. (vgl. 1. Kor 14,1 - 20) Selbstverständlich ist ein tiefergehendes Verständnis für unsere Herkunft und nationalen Eigenheiten positiv und hilfreich. Dies gilt für die Kommunikation des Evangeliums inklusive der biblischen Lehre wie auch für das Leben als Gemeinde ganz allgemein. Dennoch gehört dies nicht zum Wesen der Gemeinde Jesu. Selbstverständlich darf sich eine Gemeinde an der sie umgebenden Kultur orientieren und wird auch eine unausgesprochene Leitkultur haben. Dies ist jedoch nicht zu verabsolutieren, sondern dient nur als Ausgangspunkt für die bewusste Entwicklung einer biblischen Leitkultur. Sowohl unsere Herkunft als auch unsere persönlichen Vorlieben sind dabei aber geistlich gesehen immer zweitrangig. Deshalb sollte auch die Pflege eines gemeinsamen Musikstils oder irgendeines anderen gemeinsamen Interesses nicht zur Bildung einer christlichen Gemeinde führen. Denn auch ein Musikstil ist lediglich eine äußere Form, die in den Gottesdiensten einer Gemeinde verwendet wird, nicht mehr und nicht weniger.  Keinesfalls ist eine äußere Form oder Sprache heilig oder unantastbar, wie beispielsweise im Islam das Arabische oder in der katholischen Kirche lange Zeit das Lateinische. Wenn Jesu Gemeinde von ihm in eine deutschsprachige Kultur gestellt ist, wird sie selbstverständlich diese Sprache verwenden und Zugezogenen helfen, diese Sprache zu beherrschen.  Dies dient in der Regel der Verkündigung des Evangeliums und gesunder biblischer Lehre und dem Wachstum in der Gemeinschaft untereinander. Indirekt dient dies auch der Integration in unsere Gesellschaft. Natürlich ist es darüber hinaus auch möglich, dass auch wir eine Sprache der Zugewanderten lernen und uns so ein neues Tätigkeitsfeld auch in der Mission erschließen.

Ethnisch definierte Gemeinden als Spiegel- und Zerrbild

In letzter Zeit konnte beobachtet werden, wie vermehrt national definierte Gemeinden aus dem Boden schossen. Wie zu Anfang dieses Artikels dargelegt, ist dies menschlich verständlich. Falls das Evangelium verkündet wird, ist das natürlich positiv. Wir sind dankbar, wenn auf diesem Wege Menschen das ewige Heil erlangen. (vgl. Phil 1, 18) Aber in einer Gesellschaft, in der immer mehr Zugewanderte keine Heimat und keinen Anschluss finden, sind viele ethnische christliche Gemeinden auch ein Spiegelbild für die Zerrissenheit der Gesellschaft. Und dies ist zutiefst zu bedauern, da ja nur die Gemeinde Jesu vom Wesen her alle menschlichen Unterschiede in Christus überbrückt. Gerade in einer Zeit, in der die Spannungen innerhalb unserer Gesellschaft zunehmen, sollte die Gemeinde Jesu daran arbeiten, dieses Alleinstellungsmerkmal vor den Augen aller zu leben und jeden zu integrieren, der zum Glauben an Christus gekommen ist. Multinationale Gemeinden, in denen Menschen der verschiedensten Herkunft in Harmonie und Liebe zusammenleben, sind ein wunderbares Zeugnis für die Kraft unseres Erretters. Gemeinden, in denen wir nur mit denen zusammen Christus anbeten können oder wollen, die mehr oder weniger aus dem selben Stall wie wir stammen, lassen die Frage aufkommen, wie ernst es uns denn mit der Nächstenliebe, dem Missionsauftrag Jesu und dem Glauben überhaupt ist. Gerade in einer Gesellschaft, in der Menschen der verschiedensten Herkunft und Prägungen leben, wird eine ethnisch homogene westliche Gemeinde immer auch so aufgefasst, als wäre der christliche Glaube einfach nur eine kulturelle Erscheinung des Westens oder der Mittelklasse. Biblische Lehre wird dann leicht als etwas Westliches gesehen. Und Emotion in der Anbetung wird nur als ein Ausdruck südlicher Leidenschaft betrachtet. Und beides ist geistlich betrachtet nicht der Fall.

Probleme traditioneller sowie mononationaler Gemeinden

In rein traditionellen Gemeinden halten uns oft eine gemeinsame Geschichte, alte Traditionen und auch ein ähnlicher gesellschaftlicher Stand (Stichwort: Mittelstandsgemeinde) beieinander. Manche Konflikte (wie in einer multinationalen Gemeinde) kommen so gar nicht auf. Dies scheint erst einmal positiv, fördert aber auch Schläfrigkeit, Passivität und Egozentrik, wie wir in der westlichen Welt landauf und landab beobachten können. Und in Gemeinden, die sich über eine Minderheitenkultur definieren, ist es die gemeinsame Sprache und die gemeinsame Kultur, die alle auch im Hinblick auf die fremdgebliebene Mehrheitskultur miteinander verbindet. So ist es nicht verwunderlich, dass sich in beiden Arten von Gemeinden gleichermaßen, neben echten Jüngern Jesu auch eine Menge von Mitläufern befindet, denen ein ganz bestimmtes soziales ‚Zuckerle‘ so gut schmeckt, dass sie wie von ‚Zauberhand‘ am Gemeindeleben teilnehmen. Dies kann man menschlich betrachtet niemandem übelnehmen. Aus geistlicher Sicht ist es jedoch ein ernstes Problem, wenn neben oder gar anstelle von Christus verbindende Elemente die Hauptrolle spielen. Ist das Immunsystem einer Gemeinde durch Kompromisse in der Liebe und in der Lehre geschwächt, besteht die Gefahr, dass sich innerhalb kürzester Zeit  das Virus des Vereinslebens durchsetzen könnte und eine  Gemeinde mehr ein menschlicher Verein als Gemeinde Christi ist.

Argumente gegen multinationale Gemeinden

Wenn also klar ist, welche Probleme traditionelle sowie mononationale Gemeinden mit sich bringen und absolut unbestritten ist, dass die neutestamentliche Gemeinde bis in die Offenbarung hinein klar multinational ist, warum tun wir uns dann mit multinationalen Gemeinden so schwer? Ein Argument gegen multinationale Gemeinden ist die Fokussierung auf eine ganz bestimmte Zielgruppe. Zweifellos ist es richtig, sich als Missionar seiner Zielgruppe anzupassen. (vgl. 1. Kor 9) Sehr häufig wird davon ausgegangen, dass ein missionarischer Dienst an einer Zielgruppe am besten im Kontext einer Gemeinde für diese Zielgruppe durchgeführt wird bzw. in diese mündet. In der klassischen Mission in national homogenen Gesellschaften musste an dieser Stelle nicht sehr stark zwischen dem missionarischen Dienst und der Gemeinde unterschieden werden, weil die Zielgruppe der Arbeit schlicht und einfach das zu erreichende Volk war. In einem gesellschaftlichen Kontext der Zersplitterung sollte der Dienst an einer bestimmten Zielgruppe jedoch gerade nicht in eine Gemeinde genau für diese Zielgruppe münden. Dies hat auch der Apostel Paulus nie getan. Obwohl er dem Griechen ein Grieche war, gab es z.B. keine griechische Gemeinde. Nationale Eigenarten und Dünkel sollten wir selbstverständlich im Vorfeld der Bekehrung eines Menschen berücksichtigen und ihm hier auch alle Steine aus dem Weg räumen. Wenn beispielsweise ein Angehöriger einer stolzen Volksgruppe am besten dadurch erreicht wird, dass auch ich mich dieser Volksgruppe anschließe, dann habe ich die Freiheit dies zu tun, vorausgesetzt das Evangelium selbst wird dadurch nicht verleugnet. Doch was vor der Bekehrung galt, gilt dann in Bezug auf das Leben als getaufter Jünger gerade nicht mehr! Was früher ein Stolperstein war, beispielsweise extremer Rassismus oder Feindseligkeiten anderen Volksgruppen gegenüber, sollte es jetzt nicht mehr sein. So sehr uns das Evangelium und die Liebe zu Christus im Ringen um Seelen dazu treibt, dem Juden ein Jude, dem Griechge ein Grieche  zu sein, so sehr treibt uns das Evangelium und die Liebe zu Christus auch dazu, darauf zu bestehen, dass in Christus nationale Eigenarten überwunden und keinesfalls dazuführen dürfen, den Leib Christi zu zerteilen. Denn in Christus zählt meine Identität als Jude oder Angehöriger einer anderen Volksgruppe nicht mehr. Mit bestimmten Volksgruppen keinen Umgang haben zu wollen, sollte nie ein Hindernis für den kreativen liebenden Missionar sein. Und obwohl auch die extreme Anpassung an eine Zielgruppe in der Evangelisation nötig sein kann, ist sie in Hinsicht auf das neutestamentliche Gemeindeleben nicht zu akzeptieren. Gerade an dieser Stelle zeigt sich, wie bedeutsam ein biblisches Verständnis von Wiedergeburt und Bekehrung ist. Denn auch heute noch gilt, was der Apostel Paulus in 2. Kor 5, 17 gesagt hat: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung, das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ Wenn aus Gründen des Nationalstolzes oder sonstiger kultureller oder nationaler Eigenarten eine Teilnahme am Gemeindeleben abgelehnt wird, ist klar, dass der Glaube (biblisch verstanden) noch nicht zum Durchbruch gekommen ist. Eine Gemeinde auf derartige Gläubige zuzuschneiden, wäre fatal.

Ein weiteres Argument gegen multinationale Gemeinden ist, dass es sehr schwierig und unbequem ist, so viele verschiedenste Menschen mit unterschiedlichster Herkunft, Mentalität und manchmal sogar Sprache unter einen Hut zu bringen. Gerade in der Apostelgeschichte wird uns  vor Augen geführt, wie konfliktreich und anstrengend eine multinationale Gemeinde sein kann. (vgl. Apg 6) Missverständnisse können leicht entstehen und zu großen Spannungen führen. Nicht nur sprachliche Schwierigkeiten können die Kommunikation verkomplizieren. Eine multinationale Gemeinde erfordert dabei einen vermehrten Einsatz auch im Hinblick auf Geschwister, die in mancherlei Hinsicht sich von mir stark unterscheiden. In unserer westlichen Konsum- und Bequemlichkeitskultur vermeiden wir instinktiv vieles, was unseren vermehrten Einsatz erfordert. Multinationale Gemeinden sind so betrachtet eine bewußte Herausforderung des Status quo. Im Zuge des Pragmatismus wird dann jedoch weiterhin der Weg des geringsten Widerstandes gewählt, der biblisch gesprochen falsch ist. Positiv ausgedrückt, ist jedoch die Frage nach multinationalen Gemeinden, eine Einladung  in unserer heutigen Situation ganz neu über das biblische Bild von Gemeinde nachzudenken.

Multinationale christozentrische Gemeinden als von Gott geschenkte Möglichkeit der Reformation und Erneuerung

Vor 100 Jahren war es in Europa undenkbar multinationale Gemeinden zu bilden und es war deshalb auch nicht möglich, inmitten dieses herausfordernden Kontextes Gottes Kraft so zu erfahren wie wir es heute können. Es gab eine große kulturelle und zeitliche Distanz zur pluralistischen Welt der ersten Missionare, die im ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus lebten. Vor 100 Jahren waren Gemeinden aufgrund ihres Umfelds automatisch in Bezug auf den Hintergrund der Gemeindemitglieder homogen. Heute ist dies anders.  Aufgrund der Migrationsbewegungen der letzten Zeit ist es mittlerweile möglich, multinationale Gemeinden inmitten Europas zu bilden. Dies ist eine wertvolle Chance zur Erneuerung der Gemeinde in unserer Zeit, die wir ganz bewusst ergreifen sollten. Zielt nicht der Missionsbefehl ganz klar auf alle Völker ab? Mittlerweile haben wir Angehörige der verschiedensten Völker vor unserer Haustür und es ist uns aufgetragen den Menschen um uns herum die Botschaft Jesu zu verkündigen. Immer aber, wenn wir einer gottgegebenen Herausforderung ausweichen, tun wir dies zu unserem eigenen Schaden! Wir haben dann eine Möglichkeit der Heiligung, Heilung und auch Reinigung verpasst. Wir haben es verpasst, die schöpferische Kraft des Heiligen Geistes in diesem herausfordernden Umfeld zu erleben. Wir haben eine Möglichkeit verpasst, zu erfahren, wie Gott in unserer Schwachheit sein Werk tut. Wir haben die Möglichkeit verpasst, gemeinsam nach Gottes Willen, wie er uns in der Heiligen Schrift offenbart ist, zu fragen. Wir haben die Möglichkeit verpasst, gemeinsam zu überprüfen, wo unsere Gemeindepraxis unabhängig von jeder kulturellen Prägung neu an Gottes Wort ausgerichtet werden sollte. Wir haben die Möglichkeit verpasst, unserem Erbe „Sola Scriptura“  in unserer Zeit ganz neues Gewicht zu verleihen. Wir haben die Möglichkeit verpasst, mit eigenen Augen zu sehen, wie stark, wertvoll und zentral Christus Jesus für seine Gemeinde ist und wie wir mit und durch ihn alle Schwierigkeiten im Miteinander der Völker lösen können.  Denn „Christus allein“ ist die Quelle unseres Heils, egal woher wir kommen. Wir alle werden allein durch den Glauben und allein durch die Gnade gerechtfertigt.  Wenn eine Gemeinde in einem Umfeld steht, in dem viele Zugewanderte leben und sich nicht den Fremden zuwendet, verpasst sie eine wunderbare Möglichkeit die Kraft des Evangeliums in Bezug auf eine der größten Herausforderungen unserer Zeit hautnah zu erleben. Denn das Evangelium selbst hat die Kraft uns als Ortsgemeinde in unserem Erleben der Kraft Christi auf ein höheres Niveau zu bringen, ganz so wie bei einem Quantensprung. Doch sind wir dazu bereit, die reformatorischen Kernwerte wie sie in den Soli der Reformation zum Ausdruck kommen in einer multinationalen Gemeinde der Bewährungsprobe auszusetzen?

Multinationale christozentrische Gemeinden als Licht der Welt

Die multinationale christozentrische Gemeinde ist aber nicht nur eine Chance zur geistlichen Erneuerung der Gemeinde Jesu in ihrer westlichen Gestalt. Sie entspricht auch Gottes Plan für seine Welt. Jesu Gemeinde ist die Stadt auf dem Berge, die der Welt vorlebt, wie ein Leben nach Gottes Plan aussieht. Jesu Gemeinde ist dazu berufen, nach Gottes Anweisungen miteinander in den Herausforderungen zu leben, in denen wir heute stehen. Und eine der größten echten gesellschaftlichen Herausforderungen ist wie anfangs angedeutet, der gesellschaftliche Zusammenhalt einer Gesellschaft, in der neben Einheimischen auch viele Zugezogene leben. Gemeinde sollte nicht eine Insel der Seligen (egal in welcher Form) sein, sondern vielmehr ihrer Berufung folgend die Fremden, in Christus zu Freunden machen. Durch das Evangelium der Gnade ist dies möglich. Wir brauchen Gemeinden, in denen alle Menschen unabhängig von Ihrer Herkunft und Prägung tief in der biblischen Lehre von Christus unterwiesen werden und infolgedessen  Christus leidenschaftlich anbeten, unabhängig davon, ob sie eher aus einer emotionaleren Kultur kommen oder nicht. Denn an erster Stelle bestimmt Christus unsere Identität. Sein Sieg ist für Menschen aller Kulturen relevant! ER hat alle Gräben, die es zwischen den Völkern gab, in seinem Blut überwunden. SEINE Gemeinde umfasst Angehörige aller Sprachen und Völker, wie uns auch in der Offenbarung so wunderbar vor Augen geführt wird. Jesus CHRISTUS allein ist das einigende und zentrale Element der christlichen Gemeinde. Damit ER unserer Welt umso deutlicher und glaubwürdig vor Augen geführt wird, brauchen die Menschen um uns her dringend mehr multinationale und christuszentrierte Gemeinden!! So wird Christus schon in unserer Zeit verherrlicht, bevor sich deutlich vor den Augen aller Welt zeigen wird, dass er derjenige ist, der von den Angehörigen aller Völker angebetet wird und das Geheimnis ihrer tiefen und ewigen Verbundenheit ist.

Manuel Wilde ist Pastor in Lage. Er studierte Theologie an der FTH in Gießen und Wirtschaftsinformatik in Lörrach. Manuel und seine Frau haben sieben Kinder.