Ein genialer Einstieg für das Gespräch mit jüdischen Freunden

Rezension von Bernard N. Howard
16. November 2016

Randy Newman. Engaging With Jewish People: Understanding Their World, Sharing Good News. Purcellville, VA: The Good Book Company, 2016. 128 S., $ 11.99.

Beim Lesen von Randy Newmans Buch Engaging with Jewish People: Understanding Their World, Sharing Good News (dt. etwa: Mit Juden ins Gespräch kommen: Ihre Welt verstehen, ihnen die Gute Nachricht bringen) erinnerte ich mich an meine bisher einzige Erfahrung als Prophet. Eine Freundin sollte an einer Mädchenschule in Hampstead (London, GB) einen Vortrag über Jesus halten. Sie hatte gehört, dass eine der jüdischen Schülerinnen teilnehmen wollte. So rief sie mich – einen Juden, der an Jesus glaubt – an, um herauszufinden, wie dieses Mädchen wohl auf den Vortrag reagieren würde. Ich sagte ihr: „Sie wird gleich im Anschluss zu dir kommen und sagen: ‚Jesus hat nicht das getan, was der Messias tun soll.‘“ Noch am Vortragstag rief ich abends meine Freundin an, da ich wissen wollte, wie es gelaufen ist. In ihrer Stimme vernahm ich eine Mischung von Respekt und Hochachtung. Das Mädchen war tatsächlich direkt im Anschluss an den Vortrag zu ihr gekommen. Und sie sagte exakt die Worte, die ich vorausgesagt hatte.

Diese Geschichte zeigt, wie sehr wir ein Buch wie das von Newman brauchen, das auf die speziellen Herausforderungen bei der Weitergabe des Evangeliums an Juden eingeht. Newman selbst ist ein jüdischer Jesujünger. Gleich zu Beginn erzählt er die fesselnde Geschichte, wie er zum Glauben an Jesus Christus gekommen ist. Sein Zeugnis ist die erste von fünf Geschichten in dem Buch, bei denen es um Juden geht, die ihr Vertrauen auf Jesus setzen. In vier von den fünf Geschichte spielten Christen ohne jüdischen Hintergrund eine entscheidende Rolle. Das zeigt die Bedeutung dessen, was Newman am Herzen liegt: Um die unglaubliche Anzahl der nicht erretteten Juden zu erreichen, müssen alle Gläubigen an einem Strang ziehen. Und sie müssen gut vorbereitet sein.

Überraschungsmomente

Einige Hintergrundinformationen, die das Buch über das Judentum liefert, sind für den nichtjüdischen Leser wahrscheinlich überraschend. Zum Beispiel weist Newman – Leiter für Evangelisation und Apologetik am C.S.-Lewis-Institut – darauf hin, dass manche Juden Religionsausübung ernst nehmen, obwohl sie gar nicht an Gott glauben. Die folgende Unterhaltung zwischen Newman und seinem Großvater ähnelt sehr einem Gespräch, das ich einmal mit einem Familienmitglied geführt hatte:

Mein Großvater ging ganz treu jeden Freitagabend und jeden Samstagmorgen zum Gottesdienst in die orthodoxe Synagoge nebenan. Einmal sagte er mir, dass er allerdings nicht an Gott glaube. „Wie könnte irgendjemand an einen Gott glauben, der den Holocaust zugelassen hat?“, sagte er mir. Als ich ihn fragte, warum er denn trotzdem zur Synagoge ginge, schaute er mich verwundert an, zuckte mit den Schultern und sagte: „Weil ich ein Jude bin.“

Der Leser wird sich vielleicht darüber wundern, dass Juden gegenüber Christen ganz schön feindselig werden können. Newman sagt: „Deine Bitte an sie, dem Christentum beizutreten, kann ihnen so fremd oder geschmacklos erscheinen, als ob du sie darum bitten würdest, der örtlichen neonazistischen Parteizentrale beizutreten.“ Die Gründe für so eine Antwort reichen weit in die Geschichte zurück. Manches davon mag ungerecht sein (die Juden schlagen den Holocaust oft irrtümlicherweise dem Christentum zu), manches davon beruht auf Fakten. Martin Luther zum Beispiel, war am Ende seines Lebens grauenhaft antisemitisch. Er verkündete in seinem Buch Von den Juden und ihren Lügen, dass die Synagogen verbrannt und die Häuser der Juden zerstört werden sollten. Durch solche Ereignisse ist es unglaublich schwierig, zu erklären, dass die Judenverfolgungen im Namen Jesu niemals im Einklang mit dem Willen Jesu standen.

Es kann durchaus sein, dass ein Jude anerkennt, dass Jesus der jüdische Messias ist, sich aber dennoch weigert, ihm zu folgen. Zu diesem Dilemma schreibt Newman:

Egal, wie sehr manche Juden davon überzeugt sind, dass Jesus wirklich der Messias ist und sie ihm vertrauen müssen, um erlöst zu sein; sie können sich trotzdem weigern, diesen Schritt im Glauben zu tun … Ihr Kopf sagt ihnen etwas anderes als ihr Herz. Ihr individueller Verstand kann nicht leugnen, dass Jesus derjenige ist, als der er sich ausgibt. Aber die Loyalität gegenüber ihrem Volk gibt ihnen das Gefühl, ein Verräter zu sein.

Die Herausforderungen sind so groß, dass dies entmutigen kann. Aber Newman erinnert uns daran, dass wir nicht allein unterwegs sind: „Steige ein in das Gespräch mit Juden, verstehe ihre Welt und bringe ihnen das Evangelium. Und schau zu, wie Gott das Unmögliche macht.“

Strategiemomente

Mit dem Betreten dieses Neulands der Evangelisation unter Juden gibt uns Newman Tipps, wie wir vorankommen. Einer davon wird den Lesern des allseits beliebten Buches Questioning Evangelism: The Strategic Use of Questions (dt. Mit Fragen evangelisieren: der strategische Einsatz von Fragen) bekannt sein. „Überlege mal, eine Frage anstelle einer Antwort mit einer Gegenfrage zu beantworten. Das ist auch die jüdische Art.“ schreibt er. „Du wirst gefragt: ‚Sind nicht alle Religionen im Grunde gleich?‘. Da könntest du antworten: ‚Meinst du? Wie bist du auf die Idee gekommen?‘“ Diese Herangehensweise ist uralt und geht bis zu Jesus selbst zurück (Mt 21,23–27; 22,41–46). Der Vorteil ist, dass die Leute dazu genötigt werden, darüber nachzudenken, was sie gesagt haben. Das wiederum könnte sie dazu bringen, zuzugeben, dass sie einfach nur die Meinungen anderer wiedergegeben haben, ohne diese selbst zu durchdenken.

Newman betont auch die gewichtige Bedeutung des Gebets und den Stellenwert, jüdische Leute zum Lesen des Evangeliums zu bringen, insbesondere zum lesen des Matthäusevangeliums:

Wir wollen, dass sie schwarz auf weiß sehen, was Jesus über sich selbst gesagt hat, dass seine Lehre mit der Geschichte Israels und dem Wort der Propheten übereinstimmt. Lass sie darauf stoßen, wie großartig, wie unvorhersehbar, wie gnädig, wie mutig und wie schön Jesus war und ist.

Mich beeindruckt Newmans Beharren darauf, die Auferstehung in unserem Gespräch über Jesus zum Thema zu machen: „Irgendwann müssen wir diese Wahrheit so deutlichen machen, dass jede vorangegangene Diskussion auf dem Gebiet von Meinung, Theorie oder Philosophie in den Bereich der Geschichte, der Fakten und festen Wirklichkeit verschoben wird.“

Eine Strategie für Fortgeschrittene, die Newman erwähnt, ist es, Juden zu zeigen, wie Rabbiner oftmals die messianischen Abschnitte im Alten Testament (oder besser gesagt, in der „hebräischen Bibel“) so verstanden haben, dass sie gut zur christlichen Lehre über Jesus passen. Jesaja 53, zum Beispiel, wurde einmal in rabbinischen Schriften als eine Prophezeiung über den Messias interpretiert. Das war, bevor die Rabbiner auf den Anspruch reagierten, dass dieser Abschnitt in Jesus erfüllt sei und zu nicht-messianischen Interpretationen übergingen. Eine Quelle, die Newman empfiehlt – Michael L. Browns mehrbändige Arbeit Answering Jewish Objections to Jesus (dt: Antworten auf jüdische Einwände zu Jesus) – zitiert immer wieder rabbinische Lehren, die christlichen Interpretationen und Schlüssen Kraft verleihen. Nachdem in diesen Schriften kulturell akzeptierter Obrigkeiten Zustimmung gefunden wurde, folgt er der Methode, die Paulus in Athen demonstriert hat (Apg 17,28–29). Das hat eine besondere Überzeugungskraft.

Newman nennt uns diese und andere Anregungen in exzellenter Ausdrucksweise. Hier ein paar Zeilen, die mir besonders gut gefallen haben:

  • Ist der Eine, auf den sie das Gesetz vorbereitet, der Eine, auf den ihre Propheten zeigen und der Eine, der in ihren Festen gefeiert wird?
  • Jesus ist die Quelle jeder Freude und mein Trost.
  • Evangelisation geschieht in der geheimnisvollen und wunderschönen Schnittmenge von menschlicher Aktivität und göttlicher Kraft. Wir sagen Worte, laden zu Treffen ein, schlagen vor, Sachen zu lesen, stellen Fragen und drücken Anliegen aus. Und während wir diese Dinge tun, tut Gott, was nur er tun kann – erweckt die Toten, öffnet blinde Augen und überführt von Sünde.
  • Wir sollten alle darüber nachdenken, wie wir kommunizieren, ebenso wie wir darüber nachdenken sollten, was wir kommunizieren.
  • Gottes Wort ist ein zweischneidiges Schwert. Lass es nicht gesichert in der Schwertscheide stecken.
  • Der wichtigste Aspekt bei der Evangelisation ist das Beten. Leider evangelisieren wir oft, ohne zu beten.

Kein besserer Moment zum Anfangen

Für mich ist das Buch Engaging With Jewish People der optimale Einstieg dafür, um mit jüdischen Freunden über Jesus ins Gespräch zu kommen. Das Buch ist in jeder Hinsicht weise und nützlich. Nichts hat mich in den letzten Jahren mehr in dem Verlangen gestärkt, mit Juden über Jesus zu sprechen, als dieses Buch. Es ist ja eigentlich nur ein dünnes Heft (vielleicht ein bisschen zu dünn – ich wünschte, die Liste der messianischen Prophezeiungen wäre länger), aber dafür ist sein Wert gewaltig.

Wenn du mit dem Dienst unter Juden keine Erfahrung hast, hole dir dieses Buch und lies es. Vielleicht findest du eine neue Truhe voller Schätze, die sich vor dir öffnet. Solltest du schon langjährige Erfahrungen im Dienst unter Juden haben, hol dir dieses Buch ebenfalls und lies es. Es wird dich in deinem Dienst erquicken.


Bernard N. Howard ist ein jüdischer Nachfolger von Jesus Christus. Er und seine Frau, Betsy, bereiten sich auf eine Gemeindearbeit in Manhattan (New York, USA) vor. Er beitreibt das Blog: sixtyguilders.org. Der Beitrag erschien zuerst unter: www.thegospelcoalition.org. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von The Gospel Coalition.