Weltbild und Kultur

Die Karriere einer Kategorie

Rezension von Daniel Dangendorf
5. November 2026 — 10 Min Lesedauer

Worum geht es in diesem Buch?

Geschlechtsidentität ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten zunehmend zu einem gesellschaftlich brisanten Thema geworden, das im politischen, philosophischen, theologischen Diskurs wie auch ganz alltäglich zunehmend für breite Diskussionen sorgt. Rogers Brubaker, Professor für Soziologie an der University of California in Los Angeles, widmet sich diesem heißen Eisen in seinem aktuellen Buch Geschlechtsidentität: Die Karriere einer Kategorie. Darin geht es Brubaker nicht um eine inhaltliche philosophische oder theologische Bewertung von Geschlechtsidentität oder die Frage, wie viele empfundene Geschlechter es tatsächlich gibt. Als Soziologe klammert er diese grundlegende Fragestellung nach dem Wesen oder der Legitimität von Geschlechtsidentitäten weitgehend aus. Ihn interessiert hingegen aus soziologischer Perspektive, wie die Kategorie der Geschlechtsidentität durch gesellschaftliche und soziale Prozesse in den letzten Jahrzehnten so stark an Bedeutung gewonnen hat, dass sie zunehmend für grundlegender als das biologische Geschlecht erachtet wird. Damit unterscheidet sich sein Ansatz grundsätzlich von etwa der schwerpunktmäßig philosophiegeschichtlichen und theologischen Perspektive, die Carl Trueman in seinem Grundlagenwerk Der Siegeszug des modernen Selbst[1] einnimmt. Auch eine kritische medizinische und psychologische Fachdiskussion und Bewertung von Ausdrucksformen abweichender Geschlechtsidentität, wie sie in jüngerer Zeit im deutschsprachigen Raum etwa von Alexander Korte vorgenommen wurde,[2] ist nicht im Interesse von Brubaker.

Brubaker geht es darum, die sozialen Dynamiken zu beschreiben, die durch den praktischen Gebrauch von Geschlechtsidentität als „aktionable[r] Praxiskategorie“ (S. 18) entstehen. Dabei zeigt er auf, dass diese Perspektive zum alltäglichen Sprachgebrauch in Spannung steht. Identität werde herkömmlicherweise verstanden als etwas, „das man privat ,besitzt‘“. Aus soziologischer Perspektive sei Identität hingegen ein „soziale[s] Phänomen, das im Zusammenspiel zwischen Selbstidentifikation und Kategorisierung durch andere entsteht und aufrechterhalten wird“ (S. 21).

Begriff der „Geschlechtsidentität“ ist umstritten

Teil dieser sozialen Aushandlungsprozesse ist natürlich auch die Definition von Geschlechtsidentität, deren Spannweite Brubaker im ersten Kapitel nachzeichnet. Ursprünglich bezeichnete nach Brubaker der Begriff der Geschlechtsidentität im Unterschied zum biologisch vorgegebenen Geschlecht das sogenannte „sex of rearing“, die individuelle Perspektive auf das eigene Geschlecht, die durch Erziehung und Interaktion erlernt wird. Geschlechtsidentität wird je nach Perspektive als unveränderlich oder als instabil und veränderlich angesehen. Wenn man Geschlechtsidentität als nach erfolgter Ausprägung im Kindes- oder Jugendalter unveränderlich ansieht, kann sie als Argument für irreversible medizinische Eingriffe zur Angleichung an die persönliche Geschlechtsidentität herangezogen werden. Andererseits betont nach Brubaker gerade die Queer-Theorie, dass Identitäten instabil, fluide und veränderlich sind. Diese Annahme steht jedoch in Spannung zur Vornahme irreversibler körperlicher Eingriffe auf Basis der Kategorie der Geschlechtsidentität. Es ist also im sozialen Diskurs offen, ob jeder Mensch eine bewusst empfundene Geschlechtsidentität hat oder nicht. Sollte ein Mensch eine Geschlechtsidentität empfinden, stellt sich zudem die Frage, ob diese dem Inneren des Menschen entspringt oder eine soziale Zuschreibung von außen ist. Der Begriff der Geschlechtsidentität ist also äußerst umstritten.

Geschlechtsidentität als „Identitätsimperativ“

Trotz aller definitorischen Unklarheit wirkt die Kategorie der Geschlechtsidentität nach Brubaker in vierfacher Weise: performativ, produktiv, interaktiv und regulativ. Menschen gebrauchen die Kategorie der Geschlechtsidentität (performativer Aspekt) und konstituieren dadurch auch neue Realitäten (produktiver Aspekt). So wird es etwa durch den produktiven Einbezug von Daten zur Geschlechtsidentität in Zensusdaten überhaupt erst möglich, Menschen anhand ihrer Geschlechtsidentität zu klassifizieren, Mehr- oder Minderheiten auszumachen und politische Ziele für marginalisierte Bevölkerungsgruppen durchzusetzen. Menschen interagieren mit der Kategorie der Geschlechtsidentität (interaktiver Aspekt), wenn sie ihre Lebenswelt durch die Brille der Geschlechtsidentität deuten und diese Interpretationen wiederum einfließen in die Definition von Geschlechtsidentität. Sodann entfaltet die Kategorie der Geschlechtsidentität eine regulative Kraft, die Brubaker als „Identitätsimperativ“ kennzeichnet, „die soziale und kulturelle Verpflichtung für Menschen, eine Identität zu ,haben‘“ (S. 39).

Eine „stille Revolution“

In Kapitel 2 skizziert Brubaker im historischen Rückblick die Geschichte der Kategorie der Geschlechtsidentität seit ihrem Aufkommen nach dem zweiten Weltkrieg und wirft dabei einen Blick auf die Bereiche der Medizin, des Rechts und der Bildung. Dabei vertritt er die These, dass die Kategorie der Geschlechtsidentiät „nicht nur ohne öffentliche Debatte, sondern auch ohne nennenswerte öffentliche Beachtung in Medizin, Recht, Datenerfassung und Bildung verankert [wurde]“ (S. 68) und charakterisiert diesen Prozess im Kern als „stille Revolution“. Der Begriff der Geschlechtsidentität erscheint in der Medizin ursprünglich als pathologischer Begriff, der zunächst exklusiv Teil des innermedizinischen Fachdiskurses ist, um in diesen Rahmen seltene Störungen in der Wahrnehmung der eigenen Geschlechtlichkeit zu beschreiben. Erst später geht er ins Repertoire von Patientinnen und Patienten über, die ihn anwenden, um eine geschlechtsangleichende Behandlung von Ärzten einzufordern.

Im Bereich des Rechts vollzieht sich nach Brubaker in den Vereinigten Staaten, aber auch in England, die Übernahme der Kategorie schleichend und still im Hintergrund durch Lobbyarbeit und Kommissionen in zweiter Reihe, die Gesetzentwürfe weitgehend unbeachtet vom öffentlichen Diskurs ausarbeiten. So wird neben dem Geschlecht auch die Geschlechtsidentität als Kategorie in bestehende Antidiskriminierungsgesetze eingearbeitet und oftmals sogar als die gegenüber dem Geschlecht bedeutsamere Kategorie gedeutet.

In der Bildung wird durch Erarbeitung von Lehrmaterialien und Lehrplänen die Reflexion über die eigene Geschlechtsidentität bei den Schülern zum Bildungsziel. Dabei wird stillschweigend im Sinne des Identitätsimperativs vorausgesetzt, dass Geschlechtsidentität eine für alle Schülerinnen und Schüler relevante Kategorie ist und jede Person eine Geschlechtsidentität hat. Die Kategorie wird entgegen ihrer ursprünglichen Anfänge in der Medizin also universalisiert. Neben die Universalisierung treten drei weitere soziale Dynamiken, die die Kategorie der Geschlechtsidentität prägen. Im Gebrauch von Laien kommt es nach Brubaker zur Vernakulisierung, dem Entzug der Begriffshoheit aus der Kontrolle von Fachleuten. Verrechtlichung und Formalisierung durch Gesetze und Zensusmaßnahmen ist ein zweiter wichtiger Faktor. Abschließend kommt es zu einer Beförderung über die Kategorie des biologischen Geschlechts. Das biologische Geschlecht wird als veränderlich, die Geschlechtsidentität als unveränderlich angenommen.

Hohes Konfliktpotenzial der Kategorie

Spannungen entstehen nach Brubaker dort, wo durch die zunächst als Privatangelegenheit empfundene Kategorie der Geschlechtsidentität Interessen von Dritten berührt werden: Interessen von Eltern, die Kinder vor irreversiblen medizinischen Eingriffen und damit verbundenen Schäden schützen wollen, Interessen von Sportlerinnen, die aus Gründen der Fairness nicht gegen Transpersonen antreten möchten und ganz allgemein die Interessen von Frauen, die in ihnen zugestandenen Schutzräumen ihre Intimsphäre schützen möchten (S. 83). Das hohe Konfliktpotenzial der Kategorie der Geschlechtsidentität zeigt sich zudem im spannungsgeladenen Nebeneinander von starken und schwachen Definitionen von Geschlechtsidentität. Starke Definitionen gehen davon aus, dass jede Person eine unveränderliche Identifikation mit dem eigenen Geburtsgeschlecht oder einer anderen Geschlechterkategorie vornimmt, die für sie grundlegende Bedeutung hat. Zur rechtlichen Legitimation von geschlechtsangleichenden Maßnahmen etwa bedarf es einer allgemeingültigen starken Definition. Brubaker setzt nicht voraus, dass jeder Mensch eine Geschlechtsidentität im starken Sinne hat. Schwache Definitionen charakterisiert hingegen, dass Geschlechtsidentität weder grundlegend noch unveränderlich sein muss und eher eine fluide Kategorie ist. Starke Definitionen sind nach Brubaker „zu stark, um universell anwendbar zu sein, während schwache Definitionen zu schwach sind, um die ihnen zugedachte Aufgaben zu erfüllen“ (S. 142).

Eine lohnenswerte, aber nicht gerade leicht Lektüre.

Brubakers Buch bietet neben einem gehaltvollen Überblick über den gesellschaftlichen Diskurs der letzten Jahrzehnte einen wichtigen Denkanstoß für den gesellschaftlich Umgang mit der Kategorie der Geschlechtsidentität. Er zeigt auf, dass die Kategorie aufgrund des Nebeneinanders von starken und schwachen Verständnissen rechtlich nicht belastbar genug ist, um universelle normative Wirkung zu entfalten. Auch der Theologe Carl Trueman erinnerte kürzlich daran, dass man streng zwischen dem deskriptiven und dem normativen Gebrauch der Kategorie Geschlechtsidentität unterscheiden muss. Er warnt vor einer impliziten Diskurseinengung, die mit dem normativen Gebrauch einhergeht.[3] Brubaker erklärt ausgehend von dem Spannungsverhältnis von starken und schwachen Definitionen schlüssig die soziologischen Mechanismen, die zu solchen Diskurseinengungen führen können.

Der konzise historische Überblick über die Geschichte der Kategorie der Geschlechtsidentität macht Brubakers Buch zu einer lohnenswerten Lektüre. Zuweilen fragt man sich als Leser, ob die skizzierte Geschichte der Übernahme der Geschlechtsidentität als politisch-gesellschaftliche Kategorie so stringent erzählbar ist wie der Autor es macht. Sind die von Brubaker gemachten Beobachtungen universalisierbar, die er historisch vorrangig anhand der Geschichte in den USA und England nachzeichnet? Hier darf man gespannt die weitere soziologische Diskussion seiner Thesen abwarten. Gerade vor dem Hintergrund, dass Brubaker die Universalisierbarkeit der Kategorie der Geschlechtsidentität in Frage stellt, erscheint es als Desiderat, der Geschichte der Kategorie außerhalb des englischen Sprachraums in ebenbürtiger Intensität nachzugehen, um die Universalisierbarkeit seiner Thesen zu prüfen.

Während sich Theologen naturgemäß stärker mit der Frage nach dem Wesen und der ethischen Bewertung der Kategorie der Geschlechtsidentität auseinandersetzen, weitet die Lektüre von Brubakers Buch ergänzend den Blick für soziale Dynamiken, denen jede Kategorie, durch die eine Gesellschaft sich definiert und differenziert, ebenfalls unterworfen ist. Wenn man Brubakers Thesen dabei apologetisch gebrauchen möchte, sollte man sich bewusst sein, dass ein soziologischer Blick auf Identitätskategorien auch vor theologischen Geschlechterbildern nicht Halt macht. Wer eine soziologische Perspektive auf die Kategorie der Geschlechtsidentität einnimmt, wird auch selbstkritisch hinterfragen müssen, inwiefern sich theologische Geschlechterbilder in sozialen Aushandlungsprozessen verändern können und aus diesem Grund relativierbar sind. Umgekehrt hat aber auch die jeweilige theologische Grundposition Auswirkungen auf die normative Gewichtung der von Brubaker beobachteten sozialen Aushandlungsprozesse. So grenzt die normative Voraussetzung der in der Bibel schöpfungstheologisch verankerten Zweigeschlechtlichkeit des Menschen als Mann und Frau den sozialen Aushandlungsspielraum der Kategorie der Geschlechtsidentität ein. Ist man sich dieser interdisziplinären Dynamiken und der jeweiligen Voraussetzungen, Möglichkeiten und Grenzen einer theologischen und soziologischen Perspektive bewusst, kann Brubakers Buch aus theologischer Sicht mit Gewinn gelesen werden.

Buch

Rogers Brubaker, Geschlechtsidentität: Die Karriere einer Kategorie, Wien: Mandelbaum 2026, 208 Seiten, 20,00 €.


1 Carl R. Trueman, Der Siegeszug des modernen Selbst, Bad Oeynhausen: Verbum Medien, 2022.

2 Alexander Korte, Hinter dem Regenbogen. Entwicklungspsychiatrische, sexual- und kulturwissenschaftliche Überlegungen zur Genderdebatte und zum Phänomen der Geschlechtsdysphorie bei Minderjährigen, Stuttgart: Kohlhammer, 2024.

3 Carl R. Trueman, „Berlin and the Contradictions of Identity Politics”, First Things, 30.7.2026, online unter: https://firstthings.com/berlin-and-the-contradictions-of-identity-politics/ (Stand: 10.09.2026).