Bibel und Theologie

Harter Boden, blinde Herzen

Artikel von Tanja Bittner
4. November 2026 — 10 Min Lesedauer

Der barmherzige Samariter, der verlorene Sohn, das vierfache Ackerfeld – Jesus vermittelte seine Lehre oft anhand von Gleichnissen. Warum eigentlich? „Na, das ist doch offensichtlich“, könnte man denken. „Diese Geschichten aus dem täglichen Leben veranschaulichen geistliche Wahrheiten und helfen uns, sie besser zu verstehen.“

Das klingt einleuchtend – bis man auf eine irritierende Aussage Jesu stößt. In Lukas 8,10 sagt Jesus zu seinen Jüngern:

„Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu erkennen, den anderen aber in Gleichnissen, damit sie sehen und doch nicht sehen und hören und doch nicht verstehen.“

Jesus verwendet also Gleichnisse, damit Menschen geistliche Wahrheiten nicht verstehen?

Mag das nun in unser Bild passen, das wir uns von Jesus gemacht haben, oder nicht: Wir müssen Jesu eigene Worte ernst nehmen (vgl. auch die ausführlicheren Parallelstellen in Mt 13,10–17 und Mk 4,10–12). In gewissem Sinne lautet die kurze Antwort daher: „Ja.“

Wie immer ist es aber wichtig, die Aussage in ihrem Kontext zu lesen.

Das vierfache Ackerfeld

Unmittelbar zuvor hatte Jesus einer großen Volksmenge das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld erzählt: Ein Sämann streut seine Saat aus. Manches davon fällt auf den Weg, manches auf felsigen Boden, manches unter die Dornen und manches auf gutes Land. Nur auf dem guten Land wachsen die Pflanzen heran und bringen Frucht. Alle anderen Samenkörner werden zertreten, gefressen oder die Pflänzchen gehen schnell zugrunde.

Uns wird nicht berichtet, wie die Menschen auf dieses Gleichnis reagierten. Da aber nicht einmal die Jünger das Gleichnis verstanden, dürfte es den anderen Leuten ebenso gegangen sein. Uns, denen das Gleichnis wohlvertraut ist, kommt dieses Unverständnis vielleicht seltsam vor, aber wir müssen uns in die Situation der damaligen Hörer versetzen. Sie kannten die Auslegung noch nicht. Wenn man nur Lukas 8,5–8 liest, schildert Jesus dort einfach einen (für damalige Verhältnisse) alltäglichen Vorgang, und zwar ohne irgendeine Pointe anzudeuten.[1] In den Ohren der Menschen klangen seine Worte ziemlich belanglos. Aus dieser Perspektive ist es also nicht verwunderlich, dass die Leute wahrscheinlich kopfschüttelnd weggingen.

Anders war es bei den Jüngern (nicht nur die Zwölf, sondern eine größere Gruppe, vgl. Mk 4,10). Sie hakten nach und erhielten von Jesus eine Erklärung des Gleichnisses. Der Schlüssel ist die Frage: Was passiert im Leben eines Menschen, nachdem er Gottes Wort gehört hat? Schlägt es Wurzeln und wächst zu einer Pflanze heran, die viel Frucht bringt? Oder wird es durch den Teufel, Versuchungen und weltliche Angelegenheiten zunichte gemacht?

Gleichnis und Erfüllung in einem

Interessanterweise vollzieht sich im gleichen Moment das, was Jesus anhand des vierfachen Ackerfelds beschreibt: Er verdeutlicht im Gleichnis, was passiert, wenn Menschen Gottes Wort hören. Und zugleich hören die Menschen Gottes Wort aus Jesu Mund. Im Herzen jedes einzelnen Zuhörers wird dadurch eines der vier Acker-Szenarien in Gang gesetzt. Reißt der Teufel Gottes Wort sogleich wieder aus dem Herzen? Geht ein Pflänzchen auf, das aber wenig später erstickt oder vertrocknet? Oder beginnt etwas zu keimen, das eines Tages reiche Frucht bringen wird?

Dabei besteht der Unterschied zwischen den Jüngern und der Menschenmenge nicht darin, dass die einen das Gleichnis sofort verstanden haben und die anderen nicht. Auch die Jünger werden nicht schlau daraus. Statt aber mit einem Schulterzucken wegzugehen, fragen sie nach. Wohl spätestens bei Jesu Ausruf: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ (V. 8) war ihnen klar, dass in diesem Gleichnis eine wichtige Botschaft steckt, die sie verstehen sollten. Sie können es nicht einfach beiseite wischen und sich (vermeintlich) wichtigeren Dingen zuwenden.

Sie fragen, und Jesus antwortet (vgl. V. 11–18). Ihnen wird mehr Einblick in „die Geheimnisse des Reiches Gottes“ „gegeben“ (V. 10). Ein Pflänzchen wächst heran.

Wir sind nun also bei dem sperrigen Vers 10 angekommen. Im Kontext ist klar, dass Jesus damit auf den Punkt bringt, was gerade passiert – und so eigentlich schon mit der Erklärung des Gleichnisses beginnt. Vom Ergebnis her gesehen gibt es keine vier, sondern nur zwei Gruppen. Die einen wachsen in der Erkenntnis und werden reichlich Frucht bringen, den anderen bleibt Gottes Wort verschlossen.

„Damit“?

Hat Jesus das Gleichnis aber wirklich erzählt, „damit“ Menschen nicht verstehen? Unter Auslegern wird diskutiert, ob ἵνα (hina: „damit“) an dieser Stelle nicht eher konsekutiv (um eine Folge anzuzeigen: „sodass“) verwendet wird statt final (um ein Ziel anzuzeigen: „damit“).[2] Beide Verständnisse kommen auch sonst im NT vor.[3] Dann wäre gesagt: „… den anderen aber in Gleichnissen, sodass sie sehen und doch nicht sehen und hören und doch nicht verstehen“.

Diese Überlegung hat einiges für sich. Aber auch „sodass“ kann den Anstoß nicht beseitigen, dass Jesus hier wohl vorsätzlich handelt. So oder so lehrt er durch ein Gleichnis, obwohl ihm klar ist, dass er damit viele Menschen nicht erreichen wird.[4] Er könnte sicherlich auch auf andere Weise lehren. Warum gibt er der Volksmenge zum Beispiel nicht wenigstens einen klaren Anhaltspunkt, worum es in dem Gleichnis geht? Warum spart er sich die Erklärung für die Jünger auf? Zumindest in dieser Situation belässt er es anscheinend bewusst dabei, vor der großen Masse in Rätseln zu sprechen, obwohl er weiß, dass viele ihn so nicht verstehen werden. Kann Jesus das wollen?

Geistliche Blindheit und Taubheit

Diese Menschen sehen zwar mit ihren physischen Augen, sind aber blind für die geistliche Wahrheit, um die es eigentlich geht. Sie hören zwar mit ihren physischen Ohren, verstehen die Botschaft aber nicht. Genau das geschieht, wenn jemand ein Gleichnis nur als nette – oder seltsame – Geschichte hört. Jesus diagnostiziert hier aber nicht nur den Zustand der Menschen, sondern knüpft mit dieser Beschreibung an Jesaja 6,9–10 an (vgl. Mt 13,13–15, wo der Bezug ausdrücklich hergestellt wird).

Die ersten Kapitel des Jesaja-Buches enthalten eine flammende Anklage Gottes gegen sein Volk. Gott hat die Nase voll von ihrer Sünde: Sie sind von ihm abgefallen, sie dienen ihm nur äußerlich und hängen ihr Herz an Götzen; Schwache werden unterdrückt, die Mächtigen sind stolz und bereichern sich. In Kapitel 6,9–10 erhält der Prophet dann einen schrecklichen Auftrag:

„Geh und sprich zu diesem Volk: Hört immerfort und versteht nicht, seht immerzu und erkennt nicht! Mache das Herz dieses Volkes unempfänglich, und mache seine Ohren schwer und verklebe seine Augen, damit es mit seinen Augen nicht sieht und mit seinen Ohren nicht hört, und damit sein Herz nicht zur Einsicht kommt und es sich nicht bekehrt und für sich Heilung findet!“

Gott übt Gericht. Dieses Gericht manifestiert sich in geistlicher Blindheit und Taubheit: Das heilbringende Wort ist immer noch zu hören, aber die Menschen verstehen es nicht – es ergibt für sie keinen Sinn, es erreicht ihr Herz nicht.

Letztlich befinden wir uns seit 1. Mose 3 von Natur aus alle in diesem Zustand. Wir stehen unter Gottes Gericht und haben keine „Antenne“ für ihn (vgl. 1Kor 2,14). Geistliches Erkennen muss uns „gegeben“ werden (Lk 8,10), Gott selbst muss unsere Augen und Ohren für seine Wahrheit öffnen (vgl. Spr 20,12). Und tatsächlich beschreibt Jesus das als seinen eigentlichen Auftrag …

Jesus und die Blindheit

Zu Beginn seines öffentlichen Wirkens hatte Jesus in der Synagoge von Nazareth erklärt, dass sich in ihm erfüllt, was in Jesaja 61,1–2 angekündigt wurde:

„Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, den Armen frohe Botschaft zu verkünden; er hat mich gesandt, zu heilen, die zerbrochenen Herzens sind, Gefangenen Befreiung zu verkünden und den Blinden, dass sie wieder sehend werden, Zerschlagene in Freiheit zu setzen, um zu verkündigen das angenehme Jahr des Herrn.“ (Lk 4,18–19)

In den folgenden Kapiteln des Lukasevangeliums lesen wir, wie genau das durch Jesu Dienst Gestalt annimmt. Er verkündet die frohe Botschaft und er heilt physisch Kranke als Vorgeschmack auf das noch viel umfassendere Heil, das er bringen wird. Gleichzeitig baut sich jedoch zunehmend Widerstand gegen ihn auf.

Grundsätzlich ist Jesus gekommen, um Heil zu bringen – er soll das Ende der Blindheit ankündigen (Lk 4,18), er zündet ein Licht an, „damit“ die Hereinkommenden es sehen (8,16). Doch nicht jeder kommt herein. An ihm scheiden sich die Geister. Dementsprechend kann er an anderer Stelle auch sagen:

„Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit die, welche nicht sehen, sehend werden und die, welche sehen, blind werden.“ (Joh 9,39)[5]

Jesus ist gekommen, um zu retten (vgl. Lk 19,10). Aber wo das Licht aufleuchtet, zeigt sich unweigerlich auch, wer die Finsternis mehr liebt als das Licht (vgl. Joh 3,19–20). Gottes Wort – der ausgestreute Same – ist „ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und es dringt durch“ (Hebr 4,12). Die Gedanken der Herzen werden offenbar (vgl. Lk 2,35; 8,17).

Nun wird sichtbar, wer nur „zu haben meint“, aber „nicht hat“ (8,18). Wer sich dagegen sein Nicht-Haben eingesteht (wie die Jünger, die das Gleichnis nicht verstanden), „hat“ damit schon genug, um zu denen zu zählen, denen „gegeben“ wird.

Demzufolge spricht Jesus hier bewusst im Gleichnis, weil es gerade durch seinen verhüllenden Charakter die Herzen der Zuhörer offenbart.

Natürlich wird – um es mit Luther zu sagen – an dieser Stelle auch „der hohe Artikel von der göttlichen Vorherbestimmung“ berührt, „daß Gott verbirgt und offenbart, welchem er will und welchen er von Ewigkeit her bedacht hat“.[6] Damit ist aber der Punkt erreicht, an dem wir schlicht anerkennen müssen, dass Gott der Schöpfer ist und wir nur das Geschöpf (vgl. Röm 9,20–21). Wichtig für uns ist, dass Gottes Vorherbestimmung unsere eigene Verantwortlichkeit nicht aushebelt[7] – wie auch die eigentliche Stoßrichtung des Textes zeigt.

Wie steht es um deine Ohren?

Es ist eindeutig, worauf Jesus mit diesem Gleichnis und den dazugehörenden Erläuterungen hinauswill. Er will nicht unsere theologische Neugier befriedigen – es geht um etwas viel Wichtigeres. Gleich zweimal wendet er sich mit einer direkten Aufforderung an seine Zuhörer:

„Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ (Lk 8,8)
„So habt nun acht, wie ihr hört!“ (Lk 8,18)

Was geschieht bei dir, wenn Gottes Wort dein Ohr trifft? Prallt es an dir ab, lässt es dich kalt? Findet es in deinen Gedanken kaum Raum, weil du so sehr damit beschäftigt bist, welchen materiellen Wunsch du dir als Nächstes erfüllen willst? Erstickt deine Stille Zeit in den Sorgen des Alltags? Oder wurzelt Gottes Wort immer tiefer in deinem Herzen ein, um reiche Frucht zu bringen?

Mehr als alles andere lesen wir hier den dringenden Appell: Setze alles daran, gut zuzuhören! Es ist nicht schlimm, wenn du nicht auf Anhieb alles verstehst. Forsche wie die Jünger hartnäckig nach, aber vor allem: Lass dich nicht davon abbringen, Gottes Wort in deinem Herzen reichlich Raum zu geben. Sei dir bewusst:

„Denn es ist nicht ein leeres Wort an euch, sondern es ist euer Leben“ (5Mose 32,47 LU).

1 Sonst gibt Jesus häufig Hinweise, wie ein Gleichnis zu verstehen ist, z.B. Lk 6,47 oder 12,21. Im Grunde verbirgt sich in der Aufforderung: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ (8,8) auch ein Hinweis, dass es in dem Gleichnis ums Hören geht. Wer aber die Auslegung nicht kennt, versteht diese Worte wohl eher als Aufforderung, auf das Gleichnis zu hören (vgl. Z.B. Mt 11,15; Lk 14,35) – was nicht umsetzbar ist, so lange man es nicht versteht.

2 Vgl. z.B. Robert H. Stein, Luke, The New American Commentary, Bd. 24, Nashville: Broadman & Holman, 1992, S. 245.

3 Das konsekutive Verständnis ist allerdings weniger häufig, vgl. Heinrich von Siebenthal, Griechische Grammatik zum Neuen Testament, Gießen: Brunnen, 2011, S. 437.

4 Wobei sich das nicht pauschal auf alle Gleichnisse zu beziehen scheint. Manche Gleichnisse wurden sehr wohl verstanden, sogar von Jesu Gegnern, z.B. Mt 21,45; vgl. auch Mk 4,33.

5 Damals hatte Jesus einen Blindgeborenen geheilt, der ihn daraufhin als Herrn erkannte. Die Pharisäer meinten dagegen, bereits den Durchblick zu haben, und verrannten sich immer tiefer in ihre blindwütige Feindseligkeit gegen Jesus.

6 Erwin Mühlhaupt (Hrsg.), Markus- und Lukasevangelium, D. Martin Luthers Evangelien-Auslegung, Bd. 3, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1961, S. 128.

7 Dazu ausführlich: James I. Packer, Prädestination und Verantwortung: Gott und Mensch in der Verkündigung, Petzenkirchen: Verlag für Glaube, Theologie und Gemeinde, 2021.