Hat Gott in 5. Mose 7 einen Völkermord angeordnet?
Es ist nun 20 Jahre her, seit Richard Dawkins Der Gotteswahn veröffentlichte – jene berühmt-berüchtigte atheistische Kampfschrift, die eine Bewegung lostrat, weltweit für Schlagzeilen sorgte, in Dutzende Sprachen übersetzt wurde und sich mehr als drei Millionen Mal verkaufte.
Seitdem hat sich viel verändert: Die Erinnerungen an den 11. September sind verblasst, die globalen Bedrohungen haben sich gewandelt, und es ist schwieriger geworden, zu argumentieren, die Hauptfeinde von Frieden und Gerechtigkeit in der modernen Welt seien Vertreter eines ethischen Monotheismus. Zudem wurde die christliche Rechte von der postchristlichen Rechten abgelöst. Wissenschaftliche Argumente – insbesondere aus der Kosmologie – werden eher für die Existenz Gottes angeführt. Christopher Hitchens und Daniel Dennett sind gestorben. Dawkins bezeichnete sich als „kulturellen Christen“, und der Neue Atheismus ist inzwischen zu einem Aktivismus für soziale Gerechtigkeit oder einem schrillen Anti-Woke-Eifer geworden.
Es gibt jedoch eine Passage aus Dawkins’ Buch, die bis heute nichts von ihrer Wucht verloren hat. Wenn ich nach meinen eigenen Erfahrungen gehe, wird sie heute noch genauso oft zitiert wie vor zwei Jahrzehnten – sowohl von jenen, die ihr zustimmen, als auch von jenen, die sie zu widerlegen versuchen:
„Der Gott des Alten Testaments ist – das kann man mit Fug und Recht behaupten – die unangenehmste Gestalt in der gesamten Literatur: Es ist eifersüchtig und auch noch stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker; ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann.“
Die Wirkung dieses Satzes ist teilweise zweifellos auf seinen aufwieglerischen und auf Empörung abzielenden Inhalt zurückzuführen. Den meisten Christen macht es nichts aus, Argumente gegen die Existenz Gottes zu hören, und viele von uns stört es auch nicht sonderlich, von berühmten Wissenschaftlern als verrückt bezeichnet zu werden. Aber wir empfinden ein angemessenes Maß an Empörung, wenn eine derart gehässige und blasphemische Sprache auf die Liebe angewandt wird, die die Sonne und die anderen Sterne bewegt.
Wenn wir ehrlich sind, rührt ein Teil dieser Wirkung auch daher, dass selbst Christen oft mit den Stellen im Alten Testament hadern, in denen Gott Israel befiehlt, andere Völker zu vernichten. Die wirkungsvollste Kritik an einem Glauben ist immer die, von der die Gläubigen fürchten, sie könnte wahr sein.
Die bedeutendste dieser Passagen (und diejenige, auf der die meisten anderen basieren) ist 5. Mose 7,1–2: „Wenn der HERR, dein Gott, dich in das Land bringt, in das du kommen wirst, um es in Besitz zu nehmen“, beginnt Mose, „so sollst du unbedingt an ihnen den Bann vollstrecken; du sollst keinen Bund mit ihnen machen und ihnen keine Gnade erweisen“. Uff!
Wie sollen wir mit dem umgehen, was 5. Mose 7 hier gebietet?
Warum 5. Mose 7 schwierig ist
Viele Menschen tun sich heutzutage mit 5. Mose 7 besonders schwer und halten es für eines der schwierigsten und verstörendsten Kapitel der ganzen Bibel. Dafür gibt es viele Gründe. Theologisch fällt es uns schwer, diese Gebote mit dem vollkommen guten und liebenden Gott in Einklang zu bringen, dem wir an anderen Stellen der Schrift begegnen (nicht zuletzt im Buch 5. Mose selbst!). Historisch stellt sich die Frage, ob und in welchem Umfang Israel diese Gebote in den Büchern Josua und Richter überhaupt umgesetzt hat.
Hermeneutisch ringen wir mit der offensichtlichen Spannung zwischen dieser Passage und beispielsweise Jesu Lehre von Gewaltlosigkeit, Barmherzigkeit, Mitgefühl und Feindesliebe. (In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass unsere emotionalen Einwände gegen solche Stellen selbst christlicher Natur sind: Dass uns der Tod der Menschen, die bei der Eroberung starben, so erschüttert, ist dem Gott geschuldet, der am Kreuz gestorben ist.)
Politisch fällt uns die Passage angesichts des anhaltenden Konflikts zwischen Israel und Palästina in unserer heutigen Zeit schwer. Praktisch fragen wir uns, wie (wenn überhaupt) Gläubige diesen Text auf ihr heutiges Leben anwenden sollen. Sogar persönlich können wir damit ringen – insbesondere, wenn wir in unserem eigenen Leben Erfahrungen mit gewalttätigen Autoritätspersonen gemacht haben.
Die Welt von 5. Mose 7
Das sind alles wichtige Themen. Bevor ich direkt darauf eingehe, möchte ich zunächst auf einige Details im Text hinweisen, die uns helfen, den richtigen Denkansatz zu finden.
Beachte zunächst einmal die wundersame, göttliche Quelle der Siege Israels. Es ist der Herr, der „dich in das Land bringt“ und „vor dir her viele Völker vertilgt … Völker, die größer und stärker sind als du“ (V. 1). Das ist wie der Kampf zwischen David und Goliath oder Frodo und Sam gegen Sauron – und Israel ist darin der Kleine, der die Riesen besiegt, weil Gott auf seiner Seite steht. Ja, Israel triumphiert und vernichtet, aber das ist nur möglich, weil der Herr vertreibt und befreit. Diese Logik lässt sich unmöglich auf moderne Kriege übertragen, in denen stärkere Nationen schwächere schikanieren oder überfallen.
Beachte außerdem, dass der eigentliche Grund für Gottes Gebote hier im Götzendienst liegt. Sieben bestimmte Stämme sollen vernichtet werden – keine Bündnisse, keine Gnade und keine Eheschließungen –, „denn sie würden deine Söhne von mir abwendig machen, dass sie anderen Göttern dienen; und dann wird der Zorn des HERRN über euch entbrennen und euch bald vertilgen“ (V. 4). Eine ähnliche Logik steckt hinter dem vierfachen Gebot, ihre Götzenbilder zu vernichten: „Ihre Altäre sollt ihr niederreißen, ihre Gedenksteine zerbrechen, ihre Aschera-Standbilder zerschlagen und ihre Götzenbildnisse mit Feuer verbrennen“ (V. 5).
Warum? „Denn ein heiliges Volk bist du für den HERRN, deinen Gott“ (V. 6). Letztlich haben wir es hier eher mit einem religiösen als mit einem territorialen Feldzug zu tun. Es geht nicht um eine ethnische, sondern um eine religiöse Säuberung – sozusagen eine Tempelreinigung. Das Land gehört dem Herrn, und es darf keine anderen Götter neben ihm geben.
Folglich soll Israel kein Mitleid mit diesen Völkern haben, ihre Götter nicht anbeten und sich von ihrer Größe nicht einschüchtern lassen (vgl. V. 16–18). Angesichts der Größe und militärischen Stärke der sieben Völker – der Hetiter, Girgasiter, Amoriter, Kanaaniter, Pheresiter, Hewiter und Jebusiter (vgl. V. 1) – lag der Gedanke für Israel nahe: Wie sollten sie diese Übermacht jemals vertreiben?
Diesen sieben Völkern steht jedoch der siebenfache Segen gegenüber, den wir in Vers 13 sehen, sowie das siebenfache Erscheinen und Handeln des Herrn in den Versen 17–26. Denkt an das, was der Herr, euer Gott, dem Pharao angetan hat (vgl. V. 18). Ihr habt gesehen, wie der Herr, euer Gott, euch befreit hat (vgl. V. 19). Er wird dasselbe für euch mit all diesen Völkern tun (vgl. V. 19) und Hornissen unter sie senden (vgl. V. 20). „Der HERR, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein großer und furchtgebietender Gott“ (V. 21), er wird diese Völker vertreiben (vgl. V. 22) und sie „in große Verwirrung bringen, bis sie vertilgt sind“ (V. 23). Als Folge dieser sieben göttlichen Handlungen werden ihre Könige in eure Hand gegeben, ihre Namen werden in Vergessenheit geraten, ihre Befestigungen werden euch nicht standhalten und ihre Götzenbilder werden im Feuer verbrannt werden (vgl. V. 24–25).
Details in 5. Mose 7
Zwei Details in diesem Abschnitt sind für unsere Fragen zur Eroberung Kanaans besonders wichtig. Das erste ist die Stelle, an der beschrieben wird, wie der Herr die Völker vertreiben wird: „Und der HERR, dein Gott, wird diese Völker nach und nach vor dir vertreiben; du kannst sie nicht rasch aufreiben, sonst würden sich die Tiere des Feldes zu deinem Schaden vermehren“ (V. 22). Dieser Hinweis lässt sich nur schwer erklären, wenn wir davon ausgehen (wie es viele moderne Leser tun), dass der Aufruf, „sie gänzlich zu vernichten“, als wörtliche Aufforderung gemeint ist, jeden einzelnen Menschen in jeder Stadt zu töten.
Das legt nahe, dass der Feldzug der Israeliten eher als schrittweise Invasion denn als apokalyptisches Massaker gedacht war – weniger wie die Atombombenabwürfe auf Japan und mehr wie die normannische Eroberung Englands, wie es in der Realität ja auch der Fall war (vgl. Ri 1,27–36). Das erklärt auch, warum Mose vor Bündnissen und Mischehen warnt (vgl. V. 2–3). Wie soll man denn mit toten Menschen einen Bund schließen oder sie heiraten?
Das zweite Detail findet sich in den Warnungen vor Götzendienst in den letzten beiden Versen. Einige zeitgenössische Ausleger haben versucht, die hier befohlene Eroberung Kanaans als Völkermord zu bezeichnen: als den Versuch, ein Volk aufgrund seiner Ethnizität auszurotten. Dies trifft aus vielen Gründen nicht zu, doch der entscheidende ist: Die Menschen werden nicht wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit gerichtet, sondern wegen ihres Götzendienstes.
Achan, ein götzenanbetender Israelit, wird vernichtet (vgl. Jos 7), während Rahab, eine bußfertige Kanaaniterin, verschont wird (vgl. Jos 2). Rahab ist ein besonders wichtiges Beispiel, da sie nicht nur gerettet, sondern auch in das Volk Gottes aufgenommen und sogar in die Ahnenreihe Jesu eingegliedert wurde (vgl. Mt 1).
Genau diesen Schwerpunkt auf den Götzendienst betont Mose in 5. Mose:
„Du sollst das Silber oder Gold [ihrer Götter] nicht begehren, das daran ist, und es nicht an dich nehmen, damit du nicht dadurch verstrickt wirst; denn dies ist dem HERRN, deinem Gott, ein Gräuel. Darum sollst du den Gräuel nicht in dein Haus bringen, dass du nicht dem gleichen Bann anheimfällst wie er.“ (V. 25–26)
Ein Israelit wird nicht gerettet, weil er Israelit ist, wenn er falschen Göttern dient – und ein Kanaaniter wird nicht verdammt, wenn er dem wahren Gott dient.
Wir werden zu dem, was wir anbeten. Wenn du ein abscheuliches Götzenbild anbetest, wirst du ihm ähnlich (vgl. Ps 115,8). Wenn du Gott anbetest, die Quelle alles Guten, wirst du in sein Bild verwandelt – „von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ (2Kor 3,18). Es ist daher von entscheidender Bedeutung, dass Israel den Herrn nicht nur liebt, sondern Götzen auch verabscheut und sie zutiefst hasst (vgl. 5Mose 7,26).
Fragen zu 5. Mose 7 klären
Ich fasse einmal zusammen, wo wir bisher stehen. Wir haben gesehen, dass der Hauptgrund, warum Gott Israel befiehlt, die sieben Völker zu vernichten, ihr Götzendienst ist. Ihre Vernichtung soll sowohl verhindern, dass falsche Götter Gottes Volk verstricken und in die Irre führen, als auch das Land von Götzen reinigen, um eine Stätte für den Herrn vorzubereiten. Das ist der zentrale Schwerpunkt dieses Kapitels.
Wir haben gesehen, dass Zerstörung die Folge von Götzendienst ist, ganz gleich, ob es sich um einen Hetiter, Amoriter, Kanaaniter oder sogar einen Israeliten handelt. Das zugrunde liegende Motiv für die Eroberung ist somit nicht ethnischer, sondern theologischer Natur. Wenn wir das, was wir über die „Sünde der Amoriter“ wissen (vgl. 1Mose 15,16), mit den strengen Gerechtigkeitsmaßstäben zusammenbringen, die Israel in eben diesem Buch auferlegt werden, könnten wir sagen: Die Eroberung glich viel eher einer ethischen als einer ethnischen Säuberung.
Neben diesen theologischen Beobachtungen zum Zweck der Eroberung haben wir auch historische Beobachtungen zu ihrem Verlauf angestellt. Eine davon ist, dass Israel im Vergleich zu den vertriebenen Völkern klein war und sich völlig auf Gott verlassen musste, um überhaupt irgendeine Schlacht zu gewinnen – geschweige denn das ganze Land. Das bedeutet, dass dieser spezielle Abschnitt der Geschichte nicht dazu herangezogen werden kann, um moderne Kriege zwischen Nationalstaaten zu rechtfertigen oder zu entschuldigen, geschweige denn Kriege, in denen stärkere Länder schwächere bedrängen.
Ferner gibt es im Text mehrere Hinweise darauf, dass die Formulierung „den Bann vollstrecken“ nicht die vollständige Auslöschung eines ganzen Volkes meint, auch wenn es im Deutschen danach klingt. Deshalb warnt Mose vor Bündnissen, Mischehen und einer zu schnellen Einnahme des Landes, weil die Israeliten dann die umherstreifenden wilden Tiere nicht mehr unter Kontrolle halten könnten. Das Land soll „nach und nach“ erobert werden. Was wir aus den Büchern Josua und Richter sowie aus der zeitgenössischen Archäologie wissen, bestätigt diesen Punkt.
Zu all dem kommen neben den historischen und theologischen auch literarische Überlegungen hinzu, die auf einen begrenzteren Umfang der Eroberung hindeuten, als wir zunächst annehmen würden. Moderne Wissenschaftler weisen oft darauf hin, dass antike Quellen bei der Beschreibung von Schlachten häufig mit Übertreibungen arbeiten („Wir haben niemanden am Leben gelassen“), um eine vollständige Niederlage der Gegenseite zu beschreiben, so wie wir es bei sportlichen Siegen tun („Wir haben sie alle vom Platz gefegt“).
Sowohl der Verfasser als auch seine antiken Leser waren sich vollkommen im Klaren darüber, dass es sich hierbei nicht um eine wörtliche Aussage über den Tod jedes einzelnen Menschen handelte. Wenn wir im Alten Testament ein paar Seiten weiterblättern, stoßen wir schon bald wieder auf Völker (wie die Amalekiter oder Amoriter), die zuvor als kherem („der Vernichtung geweiht“) beschrieben wurden. Das deutet darauf hin, dass kherem – was immer der Begriff im Detail meint – nicht unbedingt den Tod eines jeden einzelnen Menschen impliziert.
Am aufschlussreichsten ist, dass diese Ausdrucksweise später in der Schrift auf Israel selbst angewandt wird. Jeremia verkündet, dass Israel im Exil „dem Bann preis[ge]geben“ (kherem) und zu einem „ewigen Trümmerhaufen“ (Jer 25,9) werden wird. Wir wissen jedoch, dass dies keineswegs bedeutete, dass jeder einzelne Israelit getötet wurde. Nein, in 5. Mose geht es nicht um „Völkermord“ oder „ethnische Säuberungen“, mag Dawkins auch anderer Meinung sein. Und der Text erteilt heutigen Gläubigen oder Nationalstaaten ganz sicher keine Lizenz zum Töten.
Heiliger Krieg im Rest der Bibel
Bei alledem erzählt die Bibel tatsächlich die Geschichte eines Heiligen Krieges. Diese beginnt im Garten Eden mit der Verheißung, dass der Schlange der Kopf zertreten wird, und zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Erzählung von 1. Mose: von der verheerenden Sintflut bis zur Zerstörung von Sodom und Gomorra – beides Ereignisse, die der Herr Jesus selbst als Beispiele dafür anführt, wie sein eigenes Kommen zum Gericht aussehen wird (vgl. Lk 17,20–37) – und von der Berufung Abrams bis zum Segen Judas.
In 2. Mose nimmt der Heilige Krieg mit der Vernichtung des Pharao eine zentrale Stellung ein. Dieses Motiv setzt sich in zahlreichen Ausprägungen im Rest der Bibel fort: Josua gegen Jericho, Debora gegen Sisera, David gegen Goliath, Hiskia gegen Sanherib, Petrus gegen den Sanhedrin – bis hin zu Christus gegen den Tod und dem Lamm gegen den Drachen.
Diese Schlachten werden alle mit unterschiedlichen Waffen ausgetragen. Gegen Fürstentümer und Gewalten kämpfen Christen mit geistlichen Waffen, nicht mit Gewehren und Bomben gegen andere Menschen. Aber wir befinden uns nach wie vor im Krieg. Im Kampf zwischen Gut und Böse müssen wir weiterhin Götzen umstürzen, feindliche Festungen angreifen, die Wahrheit verteidigen und unsere Häuser vor allem schützen, was Gott ein Gräuel ist.
Genau das – für die Pragmatiker unter uns – ist wohl der beste Weg, 5. Mose 7 anzuwenden: Lies den Text und denke über den unerbittlichen Widerstand gegen Sünde und Götzendienst nach, zu dem Mose Israel aufruft. Überlege, was das für dein eigenes Leben bedeutet – und dann geh hin und handle ebenso.