(Sich) Einen Namen machen
Nach der großen Sintflut zur Zeit Noahs stellte Gott „die damalige Erde“ aus den Fluten wieder her (2Petr 3,6). Obwohl das Herz des Menschen noch immer so böse war wie zuvor (vgl. 1Mose 6,5; 8,21), beschloss Gott, die Erde nie wieder durch eine Flut zu zerstören. Diese Zusage gab er der gesamten Schöpfung in Form eines Bundes der allgemeinen Gnade (vgl. 8,21–9,17). Dann erneuerte er den Kulturauftrag gegenüber der Menschheit, den er bereits am Anfang gegeben hatte: „Seid fruchtbar und mehrt euch und erfüllt die Erde!“ (9,1–3.7; vgl. 1,28).
In der Erzählung von 1. Mose über die beiden Welten – vor und nach der Sintflut – liegt der Schwerpunkt auf Namen. In 1. Mose 5 werden die Namen der Generationen von Adam bis Noah und seinen drei Söhnen aufgezählt (vor der Sintflut). Ebenso nennt 1. Mose 10 die Namen der drei Söhne Noahs – Sem, Ham und Jafet – und ihrer Nachkommen (nach der Sintflut). Gegen Ende von Kapitel 10 richtet sich der Blick zunehmend auf Sem und seine Nachkommen. Diese Linie wird in 1. Mose 11,10–30 weitergeführt und kommt über Terach und seine Söhne schließlich zu Abram, der ab 1. Mose 12 die Geschichte weiterführt.
Die Geschichte der nach der Flut weiterwachsenden Familie Noahs wird jedoch durch die Erzählung vom Turmbau zu Babel (vgl. 11,1–9) unterbrochen. Diese bekannte und eindrückliche Geschichte zieht zwar sofort unsere Aufmerksamkeit auf sich, doch gerade weil sie die Erzählung von Noah bis Abram unterbricht, verlangt sie nach einer Deutung. Ist dies einfach die Erklärung, wie aus der einen menschlichen Sprache viele wurden? Tatsächlich unterbricht 1. Mose 11,1–9 die laufende Erzählung und erklärt die Zerstreuung der Menschen und ihrer Sprachen. Doch genau das wurde bereits in 1. Mose 10,5.20.31 mehr oder weniger vorweggenommen. Hinter der Geschichte von Babel muss also mehr stecken. Das wird deutlich, wenn wir den Auftrag zur Herrschaft über die Schöpfung betrachten und verfolgen, wie er sich auf einer „Ebene im Land Sinear“ (11,2) entfaltet.
In Kapitel 11,1–9 begegnen uns einige wiederkehrende Themen, die unsere Aufmerksamkeit verdienen. Das erste ist die Zerstreuung (vgl. 11,4.8–9). Der erneuerte Kulturauftrag besagt ausdrücklich, dass die Menschen nach der Flut sich vermehren, die ganze Erde bevölkern und sie füllen sollten (vgl. 9,1.7). Ihre Herrschaft über die Schöpfung wird bereits darin vorausgesetzt, dass Gott ihnen die Tiere und Pflanzen anvertraut (V. 2–3). Dazu gehören eine verantwortungsvolle Bewirtschaftung und Pflege der Schöpfung ebenso wie die Entwicklung von Technologien und Werkzeugen. Bestimmte Regionen wie die Ebene von Sinear im Süden Mesopotamiens (vgl. 11,2; vgl. 10,10; 14,1; Dan 1,1–2) waren etwa Lebensraum für Raubtiere wie Löwen, Panther und Hyänen. Der Bau von Mauern und Städten war daher notwendig, um Schutz vor ihnen zu bieten.
Der Bau einer Stadt (vgl. 1Mose 11,4) scheint also zunächst vollkommen mit dem Auftrag zur Herrschaft über die Erde übereinzustimmen. Die Entwicklung gebrannter Ziegel, die mit bitumenhaltigem Mörtel verbunden wurden, schuf ein außergewöhnlich stabiles Baumaterial, das mit Stein vergleichbar war (vgl. Vers 3). Noch heute findet man Beispiele dafür, etwa in der Zikkurat von Ur. Ein solcher technologischer Fortschritt scheint genau dem zu entsprechen, was Gott den Menschen im Rahmen ihres Herrschaftsauftrags zugedacht hatte. Doch dann kommt der entscheidende Punkt. In 1. Mose 11,4 sagen die Menschen: „Wohlan, lasst uns eine Stadt bauen und einen Turm, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, dass wir uns einen Namen machen, damit wir ja nicht über die ganze Erde zerstreut werden!“
Hier gilt es, zwei Dinge zu beachten. Die Bewohner von Sinear setzten ihre hochentwickelte Technik – gebrannte Ziegel und Bitumenmörtel – nicht nur zum Schutz und für das gemeinschaftliche Leben ein. Sie wollten damit zugleich verhindern, dass sie den Auftrag erfüllten, die ganze Erde zu bevölkern. Dies war also nicht einfach eine Stadt, sondern eine menschliche Festung, die sich Gottes guter Anordnung widersetzte, die Erde zu bevölkern. Anstatt sich auszubreiten, versuchten sie, mit einem „Turm, dessen Spitze bis an den Himmel reicht“, nach oben zu gelangen.
Auf den Turm dieser Stadt der Menschen kommen wir gleich zurück. Zunächst sollten wir jedoch beachten, dass der Zweck der Stadt laut 1. Mose 11,4 darin bestand, ihren Erbauern einen „Namen“ zu machen. Wie wir bereits gesehen haben, spielen Namen in den ersten Kapiteln von 1. Mose eine wichtige Rolle. Bezeichnenderweise war Kain der erste Mensch, von dem uns in 1. Mose berichtet wird, dass er eine Stadt baute. Er benannte sie nach seinem Sohn Henoch. Aus dessen Nachkommenschaft stammte wiederum der prahlerische und mörderische Lamech (vgl. 4,17–24). Außerdem wird uns in 10,10 berichtet, dass Nimrod aus der Linie Hams – und damit aus dem Umfeld des verfluchten Kanaan – sein Königreich in „Babel … im Land Sinear“ begann, also genau dort, wo sich die Geschichte in 11,1–9 abspielt.
1. Mose ist, wie auch andere hebräische Schriften, voller Wortspiele. Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass Noah seinen ältesten Sohn mit den Worten segnete: „Gepriesen sei der HERR, der Gott Sems“ (9,26). Das hebräische Wort für „Name“ lautet shem. Die Nachkommen Hams, die die Stadt im Land Sinear bewohnten, wollten sich selbst einen shem, einen Namen, machen, anstatt sich dem „Gott Sems“ zuzuwenden und seinen Namen anzurufen (vgl. 4,26; 12,8; 13,4). Sie verschanzten sich und vereinten sich zur Ehre ihres eigenen Namens in der Stadt, die sie selbst erbaut hatten, um dem Auftrag Gottes zu widerstehen, zur Ehre Gottes über die ganze Erde zu herrschen.
Die Stadt in der Ebene von Sinear war durch diesen berühmten Turm gekennzeichnet, der wahrscheinlich nicht als Wachturm, sondern als Zikkurat mit Stufen an einer oder mehreren Seiten konzipiert war. Spätere Zeugnisse aus der heidnischen Umwelt zeigen, dass diese Art von Architektur nicht dazu diente, dass der Mensch in den Himmel aufsteigen konnte (wie oft angenommen). Vielmehr sollten sie den Göttern eine Art Leiter bieten, über die diese vom Himmel herabsteigen konnten. Dies macht die Erzählung in 1. Mose 11,1–9 umso ergreifender. Die Erbauer der Stadt wollten verhindern, dass sie „über die ganze Erde zerstreut“ wurden (Vers 4), und errichteten dann einen hohen Turm, damit ihre Götter herabsteigen konnten. Als der lebendige Gott ihre Machenschaften sah, stieg er tatsächlich herab (vgl. Vers 7). Doch dann benannte er selbst die Stadt dieser vereinten shem-Macher: „Babel“ („Verwirrung“; Vers 9). So wurde ihre fehlgeleitete Einheit aufgelöst: „So zerstreute der HERR sie von dort über die ganze Erde“ (Verse 8–9).
Unsere Geschichte endet jedoch nicht mit Verwirrung, denn der Herr hat einen Plan: „Dann aber will ich den Völkern andere, reine Lippen geben, dass sie alle den Namen des HERRN anrufen und ihm einträchtig dienen“ (Zeph 3,9). Unmittelbar nach der Geschichte von Babel wird die Linie Sems aus 1. Mose 10,21–32 wieder aufgenommen und führt schließlich zu Abram und Sarai (vgl. 11,10–30). Gottes Plan mit Abram bestand darin, einen Segen auf die ganze Erde auszudehnen (vgl. 12,3; Gal 3,8). Doch dazu musste Abram aus seiner Heimat in Ur und Haran fortziehen und als Fremder in Zelten leben, um schließlich „Erbe der Welt“ zu werden (Röm 4,13). Er und alle seine Erben werden sich eines Tages in einer Stadt niederlassen. Doch im Gegensatz zu Babel ist ihr „Baumeister und Schöpfer Gott“ (Hebr 11,10), der dort mit seinem Volk wohnen wird (vgl. Hebr 11,8–16.40; Offb 21,3), „und sein Name wird auf ihren Stirnen sein“ (Offb 22,4). Auch die Geschichte Abrams handelt also davon, dass ein Name gemacht wird – diesmal ist es jedoch der HERR, der das tut: Ich will „dich segnen und deinen Namen groß machen“ (1Mose 12,2). Dieser Segen sollte in dem Namen von Abrams größerem Nachkommen seine Erfüllung finden (vgl. Mt 1,1; Gal 3,16). Er gibt seinem Volk wiederum einen neuen Namen: „Meine Lust an ihr“ (Jes 62,4; vgl. Jes 62,1–4; Offb 3,12).