Unsere Sinneswahrnehmung schlägt KI
Im März 2020 nahm ich die Düfte und Impressionen des südkalifornischen Frühlings als etwas Besonderes wahr: die Rosen und Kamelien, den intensiven Duft der Orangenblüten, das Zwitschern der Meisen und die bestäubenden Kolibris, die sonst so braunen Santa-Ana-Berge, die nun von smaragdgrünem Gras und gelbem Wildsenf bedeckt waren und meinen zweijährigen Sohn, der im Garten Schmetterlingen hinterherjagte – und zum Glück keine Ahnung von dem gesellschaftlichen Chaos um ihn herum hatte.
Ich war in jenen Tagen oft draußen und versuchte, der Surrealität und Paranoia des Online-Lebens während der Corona-Pandemie zu entfliehen. Ich erinnere mich, dass ich mich geerdeter, menschlicher und hoffnungsvoller fühlte, wenn ich frische Luft atmen, bei Sonnenuntergang draußen sitzen oder im Garten Avocados von unserem Baum pflücken konnte. Das Drehbuch der Schöpfung, auf das wir keinen Einfluss haben, fühlte sich vorhersehbarer an als das ungewisse Drehbuch der Menschheitsgeschichte, während wir vor unseren Bildschirmen eine sich entfaltende Apokalypse verfolgten.
Inzwischen wissen wir, dass die Realität der Corona-Zeit nicht ganz so ernst war, wie es unsere digitalen Feeds darstellten. Das soll nicht heißen, dass es keine schlimme Krankheit war, die echtes Leid verursachte. Das war Corona durchaus. Auch gab es echtes Leid. Doch größer als die biologische Katastrophe der Pandemie war ihre informative Katastrophe – die tragische Dynamik aus einer sich bereits anbahnenden digitalen Krise der Erkenntnistheorie, der durch Algorithmen beschleunigten Verbreitung extremer Standpunkte und dem völligen Versagen der „Expertenklasse“, Vertrauen zu schaffen.
Der Rest des Jahres 2020 war für mich – und vermutlich auch für viele andere – ein Wendepunkt, an dem mir das Ausmaß der Unzuverlässigkeit digital vermittelter Informationen bewusst wurde. Dieses Jahr beschleunigte den Niedergang der Fachkompetenz und zeigte uns die Realität, die bereits vor der Pandemie bestand und sich seitdem noch verschlimmert hat, dass die Informationssicherheit im digitalen Zeitalter stark gefährdet ist. Es gibt zu viele Informationen. Sie werden zu schnell erstellt und verbreitet – und zwar auf eine Weise, die (durch Algorithmen) genau auf bestimmte Gruppen und parteiische Narrative zugeschnitten ist.
In den Jahren danach habe ich in Büchern wie Seele, nähre dich gesund! und Wir scrollen uns zu Tode – Zwischen Bildschirm und Wirklichkeit versucht, Christen (und mir selbst) dabei zu helfen, sich in einer digitalen Welt, die von ungesunden Narrativen und Fehlinformationen nur so wimmelt, wieder auf die gesunde Wahrheit auszurichten. Doch nun, an der Schwelle zur KI-Revolution, spüre ich erneut die dringende Notwendigkeit, uns daran zu erinnern, wie entscheidend es ist, in einem Zeitalter digitaler Täuschungen wieder eine Verbindung zur physischen Realität herzustellen.
Vertraue dem, was du berühren kannst
Dieses Jahr erinnert mich an den März 2020. Da uns die KI mit ihrer maschinellen „Wissensarbeit“ rasch in eine partnerschaftliche Beziehung lockt und immer mehr von dem, was wir auf Bildschirmen und in Feeds sehen, möglicherweise von der KI erzeugt (oder erheblich durch KI verbessert) wurde, ist die Desillusionierung gegenüber digitalen Medien verständlich.
Was ist wirklich? Wie kann ich wissen, ob ein niedergeschriebener Gedanke, ein verarbeitetes Bild oder sogar ein Lobpreislied überhaupt noch von Menschen stammt? Wurde diese E-Mail, die ich gerade lese, von der KI verfasst oder von einem echten Menschen eingetippt? Wurde dieser Post vom Autor selbst erstellt oder ist er das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen Autor und ChatGPT?
Immer öfter verspüre ich das, was ich in den ersten Monaten der Pandemie empfand: Nichts, was auf den Bildschirmen erscheint, ist so vertrauenswürdig wie das, was ich mit meinen eigenen Sinnen wahrnehmen kann.
In einer Welt, die so stark von digitalen Medien geprägt ist wie die unsere, vergessen wir manchmal, was der Begriff „Medien“ eigentlich bedeutet: die Vermittlung der Realität. Es geht um die indirekte Wiedergabe von etwas Ursprünglichem und Greifbarem für diejenigen, die es nicht direkt wahrgenommen haben. Medien sind ein Vermittler zwischen etwas Primärem, Direktem, Unmittelbarem und dem, was aus zweiter Hand kommt und indirekt vermittelt wird.
Es ist wie beim Kinderspiel „Stille Post“: Die erste Person sagt etwas, und wenn die letzte Person der Reihe es nach vielen Vermittlungen empfangen hat, ist das Gehörte oft weit von der ursprünglichen Botschaft entfernt.
Medien können natürlich hilfreich sein. Im besten Fall können sie uns ferne Realitäten näherbringen und komplexe Situationen verständlicher machen. Ich bin ein Autor, der dir gerade meine Gedanken in Form eines Website-Artikels vermittelt. Damit will ich also keineswegs die positiven Aspekte der Medien außer Acht lassen.
Der Prozess der Realitätsvermittlung ist aber zugegebenermaßen mit Gefahren verbunden und birgt ein großes Potential für Verzerrungen und Irrtümer – wie die lustigen Ergebnisse des Stille-Post-Spiels zeigen. Einige, die diesen Artikel lesen, werden zweifellos Dinge heraushören, die ich gar nicht sagen wollte und die ich ihnen erklären könnte, wenn wir uns persönlich unterhalten würden.
Deshalb ist es, wenn man die Wahl hat, in der Regel besser, dem zu vertrauen, was man mit eigenen Augen sieht oder von Menschen hört, die man persönlich kennt, als dem, was einem medial vermittelt wird.
Die Kehrseite einer übermedialisierten Welt
Unser Problem ist, dass wir in einer Welt leben, die gefährlich übermedialisiert ist.
Digitale Medien haben für uns eine zentralere und maßgeblichere Bedeutung erlangt als unser primärer Kontext, direkte Beobachtungen oder konkrete Erfahrungen. Wir leben in einer Welt, in der Kontroversen um Kommentare mittlerweile eine größere Rolle spielen als die Wahrheit über den eigentlichen Vorfall, über den diskutiert wird. Wir interessieren uns mehr dafür, inwieweit etwas zu unserem bevorzugten Narrativ passt, als für die Fakten selbst.
Wir leben in einer Welt, in der:
- das Anschauen berühmter YouTube-„Influencer“ fesselnder ist, als vor Ort selbst konkret Einfluss auszuüben.
- man lieber den Ratschlägen prominenter Podcaster folgt, als auf den Rat der eigenen Eltern oder des Pastors der Ortsgemeinde zu hören.
- Kommentare zu Kommentaren, Meinungen zu Meinungen, Reaktionsvideos auf Reaktionen und ein Diskurs über den Diskurs über den Diskurs die Norm sind.
- Schlagzeilen aus den nationalen Nachrichten unsere Politik stärker bestimmen als das, was in unserer eigenen Stadt geschieht – Dinge, die wir sehen, spüren und direkter beeinflussen können.
- Online-Influencer, die Pastoren-Bashing betreiben und uns dazu bringen, unserem eigenen Pastor zu misstrauen, selbst wenn wir ihn noch nie bei einem Vergehen erwischt haben.
- virtueller Sex mittels Pornografie oder digitale KI-Begleiter zunehmend zum Ersatz für echte menschliche Liebesbeziehungen werden.
- wir in der Wetter-App nachschauen, ob es regnet, anstatt nach draußen zu gehen, um nach Regentropfen Ausschau zu halten.
Die Liste lässt sich weiter fortsetzen. Ich glaube, du verstehst, worauf ich hinauswill: Die Glaubwürdigkeit digital vermittelter Informationen ist geringer als die Zuverlässigkeit dessen, was wir direkt beobachten. Aber wir werden darauf konditioniert, dem Digitalen mehr zu vertrauen.
Die KI wird diesen Trend weiter beschleunigen. Sie stellt einen neuen Höhepunkt der Vermittlungsmacht dar. Sie liefert uns augenblicklich komplette menschliche Diskurse oder bestimmte Inhalte in prägnanter, komprimierter Form. Bald werden wir bei all unseren Fragen automatisch auf KI-Antworten zurückgreifen, anstatt unseren Beobachtungen oder Erfahrungen in der realen Welt zu vertrauen – ganz zu schweigen von der Weisheit anderer Menschen aus Fleisch und Blut in unserer Familie oder Ortsgemeinde.
Widerstehe dieser verkehrten Dynamik. Gott hat dir Augen zum Sehen, Ohren zum Hören und Finger zum Fühlen geschenkt. Und weil deine Sinne dich bisweilen täuschen können, hat Gott dich auch in eine Familie und Kirchengemeinde gestellt, die dich liebt, dich prägt und dir hilft, das zu erkennen, was du übersiehst. Gott hat dich geschaffen, um an einem konkreten Ort zusammen mit anderen leibhaftigen Menschen zu leben, die dir nicht vermittelt werden müssen, weil sie neben dir sind – von Angesicht zu Angesicht, Schulter an Schulter, unoptimiert und unmanipuliert durch algorithmische Effizienz.
Freya India hat es kürzlich in einem Blogbeitrag mit dem Titel You Have To Be Human (dt. „Du musst menschlich sein“) treffend formuliert:
„KI muss die Beobachtungen und Meinungen anderer Menschen ausspucken – über eine Welt, die sie nie berührt oder erlebt hat. Das musst du nicht auch noch tun. Geh nach draußen, sag Ja zu Dingen, hab Angst, sei aufgeregt und fühl dich unwohl. Spür, wie deine Hände zittern, bevor du sprichst, wie deine Beine nach einem langen Tag schmerzen, wie du errötest, wenn du eine Frau um ein Date bittest. Erlebe all das – die reale Welt mit all deinen Sinnen, die Angst, dich zu verlaufen, die Erleichterung, den rechten Weg gefunden zu haben, die Hände eines anderen Menschen zu berühren. Schau den Menschen in die Augen und lerne die Welt kennen, indem du in ihr lebst.“
Für Christen ist wahrscheinlich die Ortsgemeinde der beste Ort, um anderen in die Augen zu schauen, sich mit echten Menschen zu verbinden und dieses menschliche Unbehagen zu spüren, das India beschreibt. Die reale Gemeinde ist ein Zufluchtsort der Stabilität in einer verkehrten Welt und eine konkrete Gemeinschaft der Hoffnung in einem Zeitalter digitaler Desorientierung. „Geh offline und geh in die Gemeinde“ ist ein Ratschlag, den die meisten von uns öfter beherzigen sollten.
Nichts geht über praktische Erfahrung
In seinem Buch Working (dt. „Arbeiten“) beschreibt der Biograf Robert Caro seine intensive Recherchearbeit vor Ort für seine berühmten Biografien über Lyndon B. Johnson. Er zog mit seiner Frau Ina von Manhattan ins texanische Hill Country, wo Johnson aufgewachsen war. Caro schlief sogar mehrere Nächte unter freiem Himmel in einem Schlafsack auf einer abgelegenen Ranch, um mit allen Sinnen zu spüren, wie es sich anfühlte, dort aufgewachsen zu sein.
Biografen im Zeitalter der KI können diese Technologie nun problemlos für aufwendige Recherchen einsetzen. Wahrscheinlich würde eine gut formulierte Suchanfrage eine präzise und anschauliche Beschreibung des Texas Hill Country aus Johnsons Jugendzeit liefern. Nichts jedoch kann die eigene Beobachtung ersetzen, das Ausgraben von Primärquellen an Originalschauplätzen, wie es Caro getan hat – unter Einsatz der fünf Sinne, die Gott uns geschenkt hat, den ursprünglichen „Medien“ unserer genialen Schöpfung.
Digitale Medien verschaffen uns Zugang zu unendlichen Informationsmengen, die von Robotern sorgfältig für uns abgerufen und zusammengefasst werden. Wir waren noch nie so gut informiert wie heute. Doch informiert zu sein ist etwas anderes als weise zu sein. Medial vermittelte Informationen sind ein schlechter Ersatz für direkte, konkrete Erfahrungen.
Das gilt natürlich auch in geistlicher Hinsicht. Wir können alles über Gott wissen, ihn aber dennoch nicht persönlich kennen. Ersteres spielt kaum eine Rolle, wenn uns Letzteres fehlt. Wir können theologisch bestens informiert, aber unfähig sein, Gott zu ehren – trinitarische Besserwisser, die den trinitarischen Gott nicht wirklich kennen.
Mensch oder Maschine?
Das erste Buch, das ich 2026 gelesen habe, war Paul Kingsnorths Against the Machine: On the Unmaking of Humanity (dt. „Gegen die Maschine: Von der Beseitigung der Menschlichkeit“). Es ist eine unerschrockene, erfrischend menschliche Wehklage, wie wir sie gerade jetzt brauchen. Wir nähern uns in der heutigen Kultur einem Wendepunkt, bei dem es um die Frage „Mensch oder Maschine?“ geht und wir uns entscheiden müssen, ob wir uns entweder ganz der Macht der Maschinen unterwerfen oder stattdessen als einen Akt vorbereitenden Widerstandes verstärkt auf altmodische menschliche Weisheit setzen wollen:
- Weisheit, die mit leiblichen, sinnlichen Erfahrungen beginnt und über die KI nicht verfügt.
- Weisheit, die Liebe und Zuneigung beinhaltet – etwas, das KI niemals haben wird.
- Weisheit, geprägt von schmerzlichen Rückschlägen und Leid – wie sie KI nicht empfindet.
- Weisheit, begründet in menschlichen Grenzen – Grenzen, die KI überwinden soll.
Die Lektüre von Kingsnorths Buch fiel mit meiner einmonatigen Social-Media-Abstinenz im Januar zusammen. Ich war so wenig online wie seit Jahren nicht mehr, weniger im Bilde über ferne Geschehnisse und tagesaktuelle Empörungstrends und unberührt von zahlreichen Pseudoereignissen, die für ein oder zwei Tage Diskussionsstürme entfachten, bevor sie sich in kleinen Pfützen auflösten, schnell verdunsteten und in Vergessenheit gerieten.
Der Verzicht auf digitale Medien half mir, mich intensiver den beständigeren Dingen zu widmen. Ich hatte mehr Zeit für die greifbaren, erdenden Erfahrungen der realen Welt, die meine Seele am nachhaltigsten prägen: Fußballspielen im Vorgarten mit meinen beiden älteren Söhnen, LEGO-Burgen bauen mit meiner Tochter, meinen neugeborenen Sohn im Arm halten und zusehen, wie er mein Gesicht erkennt und lächelt, Gebetsspaziergänge durch die Nachbarschaft mit meiner Frau machen, lange Kaffeerunden, Gottesdienst und Gemeinschaft in meiner Ortsgemeinde, Gastfreundschaft durch Essenslieferungen, Avocados ernten und beim Anblick des Sonnenuntergangs ins Nachdenken kommen – wie in jenen unsicheren Tagen im März 2020.
COVID-19 fühlt sich mittlerweile weit weg an, keines meiner vier Kinder erinnert sich überhaupt noch daran. Die digitalen Täuschungen und Informationskatastrophen haben sich inzwischen geändert. Aber was mir damals Halt gegeben hat, tut es auch noch heute – und kann auch dir Halt geben, während das KI-Zeitalter anbricht.
Was hat Christen in chaotischen Zeiten schon immer Halt gegeben? Die unveränderliche Wirklichkeit Gottes, das Geschenk seines Wortes, die gemeinschaftsstiftende Kraft seiner Gemeinde und die Wunder der sinnesreichen Welt, die er geschaffen hat. All das sind Dinge, für die wir keine KI als Vermittler benötigen. Wir können und sollten unseren von Gott gegebenen Verstand und unseren von Gott geschaffenen Körper nutzen, um ihnen direkt zu begegnen. „Schmeckt und seht, wie freundlich der HERR ist“ (Ps 34,9). Verlass dich nicht einfach auf das, was ChatGPT sagt.