Das Problem des Bösen
Was ist das Problem des Bösen?
Das sogenannte „Problem des Bösen“ ist ein Argument gegen die Existenz Gottes, das wie folgt strukturiert ist:
- Ein allmächtiges Wesen kann alles Böse verhindern.
- Ein vollkommen gutes Wesen wird das Böse verhindern, soweit es ihm möglich ist.
- Gott ist allmächtig und vollkommen gut.
- Wenn also ein allmächtiger und vollkommen guter Gott existiert, gibt es das Böse nicht.
- Es gibt das Böse.
- Daher existiert Gott nicht.
Unter „dem Bösen“ versteht man hier jeden erheblichen Fall von Schmerz und Leid in der Welt – sei es „moralisches Böses“ (von Menschen vorsätzlich verursachtes Böses wie Mord, Ehebruch, Diebstahl, Vergewaltigung usw.) oder „natürliches Böses“ (Schaden, der durch unpersönliche Naturkräfte wie Erdbeben, Tornados, Seuchen usw. verursacht wird).
Auf das Problem des Bösen antworten
Untaugliche Ansätze
Als Christen müssen wir ehrlich sein und uns diesem Problem aufrichtig stellen. Es bringt nichts, zu leugnen, dass das Böse existiert (vgl. Punkt 5), schließlich ist das Böse die eigentliche Voraussetzung für das Evangelium. Wir können auch nicht leugnen, dass Gott das Böse verhindern kann (vgl. Punkt 1) oder allmächtig und vollkommen gut ist (vgl. Punkt 3). Wir können (und sollten) jedoch die zweite Prämisse hinterfragen – dass ein vollkommen guter Gott alles Böse verhindern muss –, denn aus Gottes vollkommener Güte folgt nicht zwangsläufig, dass er alles Böse, das er verhindern kann, auch verhindern wird. Vielleicht hat Gott einen triftigen Grund, das Böse zuzulassen, anstatt es zu verhindern. Wenn dem so ist, dann ist sein Zulassen des Bösen gerechtfertigt und steht seiner Güte nicht entgegen.
Die Ansätze der Theodizee und Unergründlichkeit
In unserer Antwort auf das Problem des Bösen können wir einen von zwei Ansätzen verfolgen. Wir können argumentieren, dass die oben genannte zweite Prämisse falsch ist, und versuchen, dies zu beweisen, indem wir aufzeigen, welche Gründe Gott hat, das Böse zuzulassen: der Ansatz der Theodizee. Wir können aber auch argumentieren, dass die zweite Prämisse unbewiesen ist, da Ungläubige nicht ausschließen können, dass Gott gute Gründe dafür hat, das Böse zuzulassen: der Ansatz der Unergründlichkeit.
Der Ansatz der Theodizee (vom Griechischen theos für „Gott“ und dikaios für „gerecht“; also eine Rechtfertigung der Wege Gottes in seinem Umgang mit den Menschen) versucht aufzuzeigen, welche Gründe Gott für das Zulassen des Bösen haben könnte. Dahinter steht die Vorstellung, dass Gott durch das Zulassen des Bösen ein höheres Gut erreicht, das anders nicht hätte verwirklicht werden können. Der Ansatz der Theodizee zeigt, dass Prämisse 2 falsch ist, indem argumentiert wird, dass Gott nicht jedes Übel verhindert, das er verhindern kann.
Der Ansatz der Unergründlichkeit geht (etwas bescheidener) davon aus, dass niemand weiß, ob Prämisse 2 wahr ist, da niemand genug wissen kann, um zu dem Schluss zu gelangen, Gott habe keine guten Gründe dafür, das Böse zuzulassen. Uns fehlt schlichtweg die Fähigkeit, das Wissen Gottes, die Komplexität seiner Pläne oder das tiefe Wesen jenes Guten zu erfassen, das er in seiner Vorsehung anstrebt. Es gibt keinen Beweis dafür, dass Gott keine guten Gründe hat, das Böse zuzulassen, aber weil er gut ist, können wir nur annehmen, dass er sie hat. Hier brauchen wir keine „Theodizeen“ zu entwickeln, um Gott gegen das Problem des Bösen zu verteidigen. Vielmehr zeigt der Ansatz der Unergründlichkeit, dass es (wenn man bedenkt, wer Gott ist und wer wir sind) nur zu erwarten ist, dass Geschöpfe wie wir Gottes Gründe nicht erfassen können.
Der Ansatz der Theodizee
Zwei verbreitete Theodizeen ohne biblische Grundlage
Manch einer der bislang entwickelten Theodizeen fehlt eine solide biblische Grundlage. Die Theodizee der Willensfreiheit beispielsweise argumentiert, das moralische Böse sei darauf zurückzuführen, dass der Mensch seinen freien Willen missbrauche. Der freie Wille sei ein hohes Gut, weil er es uns ermögliche, moralisch gute Entscheidungen zu treffen und dadurch Gott widerzuspiegeln, habe jedoch die bedauerliche Folge, dass er die Möglichkeit moralischen Übels zulasse. Als Antwort darauf könnten wir fragen: Wenn ein derart gestalteter freier Wille ein so hohes Gut ist, warum besitzt Gott ihn dann nicht, und warum werden wir ihn im Himmel nicht mehr haben?
Die Theodizee der Naturgesetze argumentiert, das natürliche Böse sei auf die Naturgesetze zurückzuführen. Der Wert der Naturgesetze liege darin, dass sie eine stabile Umwelt garantieren, die für rationale Entscheidungen jeglicher Art erforderlich sei. Allerdings hätten Naturgesetze die bedauerliche Folge, die Möglichkeit von Naturkatastrophen (z.B. Erdbeben, Hurrikane usw.) zuzulassen. Als Antwort darauf könnten wir fragen: Wenn eine stabile Umwelt Naturgesetze voraussetzt, die die Möglichkeit des natürlichen Bösen implizieren, warum gab es dann im Garten Eden vor dem Sündenfall kein natürliches Böses und warum wird es das im neuen Himmel und auf der neuen Erde nicht geben?
Vier verbreitete Theodizeen mit einer gewissen biblischen Grundlage
Im Gegensatz dazu gibt es mindestens vier Theodizeen, die eine gewisse biblische Grundlage haben:
- Die Theodizee der Bestrafung argumentiert, Leiden sei eine Folge von Gottes gerechter Bestrafung der Übeltäter (vgl. 1Mose 3,14–19; Röm 1,24–32; 5,12; 6,23; 8,20–21; Jes 29,5–6; Hes 38,19; Offb 6,12; 11,13; 16,18). Mit dieser Strafe verfolge Gott das Ziel, sein Urteil über die Sünde zu offenbaren.
- Die Theodizee der Seelenbildung argumentiert, das Leiden befreie uns von unserer Selbstbezogenheit und führe zu einer stärkeren Hinwendung zu anderen Menschen (vgl. Hebr 12,5–11; Röm 5,3–5; 2Kor 4,17; Jak 1,2–4; 1Petr 1,6–7; Spr 10,13; 13,24; 22,15; 23,13–24; 29,15). In schmerzlichen Fügungen wirke Gott das Gute, indem er seine Güte darin zeige, dass er unseren Charakter zum Guten forme.
- Die Theodizee vom Schmerz als Gottes Megaphon argumentiert, Schmerz sei Gottes Art, die Aufmerksamkeit der Ungläubigen auf eine Weise zu erregen, die zwar die Freiheit der Menschen respektiere, sie aber zugleich die Nichtigkeiten der Erde vergessen lasse und dazu anrege, stattdessen über geistliche Dinge nachzudenken und womöglich Buße zu tun (vgl. Lk 13,1–5). Mit dem Leid ziele Gott auf das Gut ab, uns seine Barmherzigkeit zu zeigen, um uns durch Warnungen dieser Art vor dem kommenden Zorn zu bewahren.
- Die Theodizee der höherrangigen Güter argumentiert, dass manche Formen des Guten ohne das Böse, auf das sie eine Antwort darstellen, gar nicht möglich seien: Es gebe keinen Mut ohne Gefahr, kein Mitgefühl ohne Leid, keine Vergebung ohne Sünde, keine Sühne ohne Leid, kein Mitleid ohne Not, keine Geduld ohne Widrigkeiten. Angesichts der Beschaffenheit dieser Güter müsse Gott oftmals viel Böses zulassen, um diese Formen des Guten Teil seiner Welt werden zu lassen (vgl. Eph 1,3–10; 1Petr 1,18–20).
Diese Theodizeen fallen unter die „Theodizee des höheren Gutes“
Eine „Theodizee des höheren Gutes“ (THG) argumentiert, dass das Leid und der Schmerz in Gottes Welt eine notwendige Rolle dabei spielen, ein höheres Gut herbeizuführen, das auf andere Weise nicht hätte zustande kommen können. Die Frage, die sich somit stellt, lautet: Lehrt die Bibel tatsächlich, dass Gott durch verschiedene Formen des Bösen auf ein höheres Gut abzielt?
Die „Theodizee des höheren Gutes“: ein dreigliedriges Argument zu drei biblischen Themen
Unser Argument an dieser Stelle ist, dass die Bibel die Ansätze der Theodizee und den Ansatz der Unergründlichkeit miteinander verbindet. Die biblischen Erzählungen über Hiob, Joseph und Jesus offenbaren die Güte Gottes inmitten des Bösen und verweben dabei folgende drei Themen miteinander:
- Gottes Ziel ist ein höheres Gut – sei es für die Menschheit, für Gott selbst oder für beide Seiten.
- Oftmals ist es Gottes Absicht, dass ein höheres Gut durch verschiedene Formen des Bösen zustande kommt.
- Gott lässt den Menschen im Unklaren darüber, welches Gut tatsächlich der Grund für ein bestimmtes Übel ist oder wie genau ein Gut von einem bestimmten Bösen abhängt.
Die Bibel legt somit nahe, dass die THG (also Gottes Streben, durch verschiedene Übel ein höheres Gut hervorzubringen) tatsächlich der Modus Operandi seiner Vorsehung ist – seine Art zu wirken. Die THG wird jedoch durch eine gehörige Portion göttlicher Unergründlichkeit relativiert.
Das Beispiel Hiob
Im Fall von Hiob strebt Gott ein höheres Gut an: seine eigene Rechtfertigung – genauer gesagt den Erweis, dass er es wert ist, dass man ihm um seiner selbst willen dient und nicht wegen der irdischen Güter, die er schenkt (vgl. Hi 1,11; 2,5). Gottes Absicht ist es, dieses höhere Gut der Rechtfertigung seines Namens durch verschiedene Formen des Bösen zustande zu bringen. Diese bestehen aus einer Kombination aus moralischem und natürlichem Bösem (vgl. Hi 1,15–17.19.21–22; 2,7.10; 42,11). Zudem lässt Gott Hiob im Unklaren darüber, was er tut, schließlich hat Hiob keinen Einblick in den Prolog der Geschichte in Kapitel 1. Auch als Gott „aus dem Gewittersturm“ zu Hiob spricht, offenbart er ihm an keiner Stelle, warum er leiden musste. Stattdessen wird Hiobs Unwissenheit über das gesamte Spektrum der geschaffenen Wirklichkeit offengelegt (vgl. Hi 38,4–39,30; 40,6–41,34), und Hiob bekennt seine Unwissenheit sowohl hinsichtlich der Schöpfung als auch der Vorsehung (vgl. Hi 40,3–5; 42,1–6).
Das Beispiel Joseph
Auch im Fall von Joseph strebt Gott ein höheres Gut an: Er will den gesamten Mittelmeerraum vor einer Hungersnot bewahren, sein Volk inmitten einer solchen Gefahr erhalten und (letztlich) einen Erlöser auf die Erde schicken, der von diesen Israeliten abstammt (vgl. Mt 1,1–17; Lk 3,23–38). Gott möchte, dass das höhere Gut der Erhaltung seines Volkes inmitten der Hungersnot durch eine Reihe von Übeln zustande kommt (vgl. 1Mose 45,5.7; Ps 105,16–17), zu denen Josephs Verrat, sein Verkauf in die Sklaverei sowie die ungerechte Anklage und Inhaftierung gehören (vgl. 1Mose 37,39). Joseph sieht in diesen Übeln die Mittel der souveränen Vorsehung Gottes (vgl. 1Mose 50,20). Josephs Brüder, die midianitischen Händler, Potifars Frau und den Mundschenk lässt Gott jedoch im Unklaren darüber. Keiner dieser Menschen wusste, welche Rolle ihre verwerflichen Handlungen bei der Bewahrung und Erhaltung des Volkes Gottes in einer Zeit der Gefahr spielen würden. Sie hatten keine Ahnung, welches Gut von welchen Übeln abhing, oder dass die Übel überhaupt zu etwas Gutem führen würden.
Das Beispiel Jesus
Im Fall von Jesus sehen wir ebenfalls, dass Gott ein höheres Gut anstrebt: die Erlösung seines Volkes durch das Sühneopfer Christi sowie die Verherrlichung Gottes in der Offenbarung seiner Gerechtigkeit, Liebe, Gnade, Barmherzigkeit, Weisheit und Macht. Gott beabsichtigt, dass das hohe Gut des Sühneopfers durch verschiedene Übel zustande kommt: jüdische Verschwörungen (vgl. Mt 26,3–4.14–15), Satans Wirken (vgl. Joh 13,21–30), Judas’ Verrat (vgl. Mt 26,47–56; 27,3–10; Lk 22,22), römische Ungerechtigkeit (vgl. Mt 26,57–68), Pilatus’ Feigheit (vgl. Mt 27,15–26) und die Brutalität der Soldaten (vgl. Mt 27,27–44). Gott lässt jedoch die unterschiedlichen (menschlichen und dämonischen) Akteure im Unklaren darüber, denn es ist offensichtlich, dass die jüdische Elite, Satan, Judas, Pilatus und die Soldaten allesamt nicht wissen, welche Rolle sie bei der Erfüllung des göttlich prophezeiten Erlösungsplans durch das Kreuz Christi spielen (vgl. Apg 2,23; 3,18; 4,25–29; Joh 13,18; 17,12; 19,23–24).
Legitimierung und Grenzen der THG
In allen drei Erzählungen verdeutlichen die ersten beiden Themen den Ansatz der Theodizee (Gottes Ziel ist ein höheres Gut, das durch das Böse zustande kommt), während das dritte Thema den Ansatz der Unergründlichkeit hervorhebt (auf uns selbst gestellt können wir nicht erkennen, welche Gründe Gott dafür hat, etwas Böses zuzulassen). Mit den ersten beiden Themen bekräftigt die Bibel immer wieder, dass Gott gute Gründe dafür hat, das Böse in der Welt zuzulassen. Das ist der Punkt, den der Ansatz der Theodizee richtig erfasst. Mit dem dritten Thema betont die Bibel aber auch, dass wir niemals wissen können, worin diese Gründe bei einem konkreten Übel bestehen. Das ist der Punkt, den der Ansatz der Unergründlichkeit richtig erfasst. In der zeitgenössischen Philosophie werden diese meist als zwei verschiedene Ansätze zur Lösung des Problems des Bösen dargestellt (Theodizee und Unergründlichkeit). Die Bibel scheint diese beiden Ansätze jedoch zu verbinden, wenn sie von Gottes Verhältnis zum Bösen in der Welt spricht. Sie legitimiert also die Theodizee des höheren Gutes als übergreifende Perspektive auf das Problem des Bösen, schränkt diese jedoch in einer Weise ein, die sowohl für Christen als auch für Nichtchristen aufschlussreich ist.
Legitimierung der THG: Gottes Souveränität über alles Böse
Gottes Souveränität über das natürliche Böse
Es ist eine Sache, Gottes souveräne und zielgerichtete Vorsehung in Bezug auf die moralischen und natürlichen Übel anzuerkennen, die in den Erzählungen über Hiob, Joseph und Jesus erwähnt werden. Etwas ganz anderes ist es jedoch, zu behaupten, Gott sei souverän über alle moralischen und natürlichen Übel. Genau das lehrt die Bibel jedoch an vielen Stellen. Das bringt uns ein gutes Stück weiter auf dem Weg, die THG grundsätzlich als Lösungsansatz für das Problem des Bösen zu akzeptieren. Die Bibel liefert eine Vielzahl von Beispielen dafür, dass Gott bewusst natürliches Übel herbeiführt – Hungersnöte, Dürren, wilde Tiere, Krankheiten, Geburtsfehler wie Blindheit oder Taubheit und sogar den Tod selbst –, anstatt der Natur lediglich zu erlauben, „ihr Ding zu machen“. Hier sind einige Beispiele:
- Hungersnot (vgl. 5Mose 32,23–24; 2Kön 8,1; Ps 105,16; Jes 3,1; Hes 4,16; 5,16–17; 14,13.21; Hos 2,9; Am 4,6.9; Hag 2,17)
- Dürre (vgl. 5Mose 28,22; 1Kön 8,35; Jes 3,1; Hos 2,3; Am 4,6–8; Hag 1,11)
- Wilde Tiere (vgl. 3Mose 26,22; 4Mose 21,6; 5Mose 32,23–24; 2Kön 17,25; Jer 8,17; Hes 5,17; 14,15.21; 33,27)
- Krankheiten (vgl. 3Mose 26,16.25; 4Mose 14,12; 5Mose 28,21–22; 28,27; 2Kön 15,5; 2Chr 21,14; 26,19–20)
- Geburtsfehler wie Blindheit oder Taubheit (vgl. 2Mose 4,11; Joh 9,1–3)
- Der Tod selbst (vgl. 5Mose 32,39; 1Sam 2,6–7)
- Die zehn Plagen in Ägypten (vgl. 2Mose 7,14–25; 7,26–8,11; 8,12–15; 8,16–28; 9,1–7; 9,8–12; 9,13–35; 10,1–20; 10,21–29; 11,4–10; 12,12–13; 12,29–36)
- „Unpersönliche“ Kräfte und Objekte (vgl. Ps 65,10–12; 77,19; 83,14–16; 97,4; 104,4; 104,10–24; 107,25, 29; 135,6–7, 147,8; 147,16–18; 148,7–8; Jona 1,4; Nah 1,3–4; Sach 7,14; Mt 5,45; Apg 14,17)
Gottes Souveränität über das moralische Böse
Ferner lehrt die Bibel auch (was vielleicht überraschen mag), dass Gott den Lauf der Menschheitsgeschichte so genau lenkt, dass eine Vielzahl moralischer Übel – Mord, Ehebruch, Ungehorsam gegenüber den Eltern, das Zurückweisen weiser Ratschläge und sogar Hass – als „vom Herrn“ angesehen werden können. Ohne die Intentionalität der handelnden Akteure (ihre Überlegungen, ihr logisches Denken und ihre Wahl zwischen Alternativen, die sie in Betracht ziehen und über die sie nachdenken) auszulöschen oder zu unterdrücken, steht Gottes eigene Intentionalität über und hinter den Entscheidungen, die seine Geschöpfe treffen und für die sie volle Verantwortung tragen. Hier noch einmal einige Beispiele:
- Der Ungehorsam der Söhne Elis (vgl. 1Sam 2,23–25)
- Simsons Wunsch nach einer heidnischen Frau (vgl. Ri 14,1–4)
- Absalom, Rehabeam und Amazja, die weise Ratschläge zurückweisen (vgl. 2Sam 17,14; 1Kön 12,15; 2Chr 25,20)
- Attentate (vgl. 2Chr 22,7.9; 32,21–22)
- Ehebruch (vgl. 2Sam 12,11–12; 16,22)
- Hass (vgl. Ps 105,23–25; 2Mose 4,21; 5Mose 2,30.32; Jos 11,20; 1Kön 11,23.25; 2Chr 21,16–17)
Gottes Souveränität über alles Böse
Die Passagen über Hiob, Joseph und Jesus sind also keine Ausnahmen, sondern ein wesentlicher Bestandteil einer umfassenderen Sichtweise, die die Bibel – sowohl in Bezug auf das natürliche als auch auf das moralische Böse – zu diesem Thema vertritt. Neben dieser Fülle an „spezifischen“ Texten über einzelne Fälle des Bösen gibt es auch eine ganze Reihe „universeller“ Texte, die offenbar alles Unheil, alle menschlichen Entscheidungen und überhaupt alles, was geschieht, auf den Willen Gottes zurückführen:
- Gottes Souveränität über alles Unheil (vgl. Pred 7,13–14; Jes 45,7; Klgl 3,37–38; Am 3,6)
- Gottes Souveränität über alle menschlichen Entscheidungen (vgl. Spr 16,9; 19,21; 20,24; 21,1; Jer 10,23)
- Gottes Souveränität über alles, was geschieht (vgl. Ps 115,3; Spr 16,33; Jes 46,9–10; Röm 8,28; 11,36; Eph 1,11)
Grenzen der THG: Die Unergründlichkeit von Gottes Absichten
Die Beweislast bestimmen
Natürlich hat jede der zuvor erwähnten Theodizeen klare Grenzen. So widerspricht die Bibel etwa häufig der Vorstellung, die Theodizee der Strafe könne alles Böse in der Welt erklären (vgl. Hi 1,1.8; 2,3; 42,7–8; Joh 9,1–3; Apg 28,1–6). Allgemeiner formuliert: Christen können niemals genug über die Situation eines Menschen oder über Gottes Absichten wissen, um eine bestimmte Theodizee als Gottes tatsächlichen Grund für das Zulassen des Bösen in einem konkreten Fall zu bestätigen. Es wäre in der Tat völlig anmaßend, dies zu tun. Wenn jedoch gilt, dass die Beweislast bei demjenigen liegt, der etwas behauptet, dann lautet die entscheidende Frage im Hinblick auf das Problem des Bösen nicht, ob Christen genug wissen, um die Anwendbarkeit einer Theodizee in einem bestimmten Fall zu bestätigen, sondern ob Kritiker genug wissen, um die Anwendbarkeit jeglicher Theodizee auszuschließen. Wie könnte aber ein Kritiker vernünftigerweise behaupten, er wisse, dass es keinen Grund gibt, der rechtfertigen würde, dass Gott Leid zulässt? Wie könnte er wissen, dass Prämisse 2 des eingangs beschriebenen Arguments wahr ist? Warum sollte man annehmen, dass die Gründe, die Gott hat, um in bestimmten Fällen das Böse zuzulassen, so beschaffen sind, dass wir sie (wenn es sie denn gibt) mit unseren kognitiven Fähigkeiten überhaupt erfassen könnten?
Beispiele für unsere kognitiven Grenzen
Es ist allgemein anerkannt, dass wir kognitive Grenzen haben, wenn es darum geht, Zusammenhänge zu erkennen und zu beurteilen (zumindest in den Bereichen, in denen uns das entsprechende Fachwissen, die Erfahrung oder die nötige Perspektive fehlen). Hier einige Beispiele:
- Wir nehmen derzeit auf der dunklen Seite des Mondes keinen vollkommen kugelförmigen Felsen wahr – aber das ist kein Grund, anzunehmen, dass es einen solchen Felsen nicht gibt.
- Den Menschen des Mittelalters waren die Relativitätstheorie oder die Quantenmechanik völlig fremd – aber deshalb sind diese Theorien nicht falsch.
- Für die Menschen früherer Epochen waren fundamentale Menschenrechte keineswegs eine Selbstverständlichkeit – was jedoch nicht bedeutete, dass es solche Rechte nicht gab.
- Wer kein Griechisch versteht, mag gesprochene griechische Sätze für bloßes Kauderwelsch halten – doch das macht diese Sätze nicht bedeutungslos.
- Einem musikalischen Laien mag sich kaum erschließen, dass Beethoven die Sonatenform auf die gesamte Symphonie übertrug, um dem Werk eine innere Einheit zu verleihen. Aus diesem Unwissen folgt jedoch nicht, dass Beethoven diese Absicht nicht verfolgte – geschweige denn, dass er daran gescheitert wäre.
- Meinem einen Monat alten Sohn leuchtet es sicher nicht ein, warum ich ihn beim Arzt einer Reihe schmerzhafter Impfungen aussetze. Doch seine Unwissenheit bedeutet nicht, dass mir dafür ein guter Grund fehlt.
Gott ist allwissend, was beinhaltet, dass er nicht nur alles weiß, was wir uns vorstellen können, sondern jede erdenkliche Wahrheit kennt. Das bedeutet, dass Gott Dinge weiß, die wir nicht einmal ansatzweise erahnen können. Wie die obigen Beispiele zeigen, lässt sich dies für eine Vielzahl von Fällen leicht nachweisen. Wenn die Komplexität des Plans eines unendlichen Gottes für die Entfaltung des Universums tatsächlich beinhaltet, dass Gott entweder ein höheres Gut oder notwendige Zusammenhänge zwischen bestimmten Übeln und der Verwirklichung eines höheren Gutes erkennt (oder beides): Würde uns unsere Unfähigkeit, dieses Gut oder diese Zusammenhänge zu erkennen, dann einen Grund dafür liefern, anzunehmen, dass es sie nicht gibt? Worauf sollte eine solche Gewissheit beruhen? Ohne diese haben wir jedoch kaum Anlass, Prämisse 2 des Problems des Bösen zu akzeptieren – und folglich wenig Grund, dessen Schlussfolgerung zu akzeptieren.
Biblische Argumente für die Unergründlichkeit Gottes
Das Thema der göttlichen Unergründlichkeit lässt sich nicht nur hervorragend mit dem gesunden Menschenverstand vereinbaren, sondern spielt auch in der Bibel eine wichtige Rolle und hat sowohl seelsorgerische als auch apologetische Implikationen. Es bringt den Christen zum Schweigen, der den Leidenden taktlos „Gottes Gründe“ präsentiert, obwohl er diese Gründe gar nicht kennt. Es bringt aber auch den Kritiker zum Schweigen, der ohne eine rationale Grundlage ausschließt, dass es solche Gründe für das Leiden gibt. Stellen wir uns vor, wir wären bei Hiob (als sein Freund), Joseph (als sein Bruder) und Jesus (als sein Peiniger) dabei gewesen. Hätten wir Gottes Absicht hinter dem Leiden erahnen können? Wären wir uns einer solchen Absicht nicht gänzlich unbewusst gewesen? Beruht nicht ein großer Teil der literarischen Kraft der biblischen Erzählung und der geistlichen Ermutigung, die sie uns verschafft, auf diesem Wechselspiel zwischen der Unwissenheit der menschlichen Akteure und der Weisheit der göttlichen Vorsehung?
Eine der ausführlichsten Betrachtungen im Neuen Testament zum Problem des Bösen (in diesem Fall das Böse des jüdischen Abfalls vom Glauben) findet sich in Römer 9–11. In seiner abschließenden Doxologie verbindet Paulus die göttliche Souveränität über das Böse mit der göttlichen Unergründlichkeit inmitten des Bösen:
„O welche Tiefe des Reichtums sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Gerichte, und wie unausforschlich seine Wege! Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass es ihm wieder vergolten werde? Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Ehre in Ewigkeit! Amen.“ (Röm 11,33–36)
Insofern sich Gott zu einem bestimmten historischen Ereignis nicht geäußert hat, sind seine Urteile unergründlich und seine Wege nicht nachzuvollziehen. Das bedeutet jedoch nicht, dass es kein höheres Gut gibt, das Gottes absichtsvolles Handeln, das hinter diesem Ereignis steht, rechtfertigt.
Weiterführende Literatur
- William P. Alston, „The Inductive Argument from Evil and the Human Cognitive Condition“, in: Daniel Howard-Snyder (Hrsg.), The Evidential Argument From Evil, Bloomington: Indiana University Press, 1996, S. 97–125.
- Alistair Begg, The Hand of God: Finding His Care in All Circumstances, Chicago: Moody, 2001.
- Jerry Bridges, Trusting God, Colorado Springs: NavPress, 1988.
- Johannes Calvin, Institutio, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener, 6. Aufl., 1997 [1559], Buch I, 16.1–18.4, S. 104–130.
- D.A. Carson, How Long, O Lord?, Grand Rapids: Baker, 2. Aufl., 2006.
- John M. Frame, Apologetics: A Justification of Christian Belief, Phillipsburg: P&R, 2015, Kapitel 7–8.
- Paul Helm, The Providence of God, Downers Grove: IVP, 1994, Kapitel 7–8.
- Daniel Howard-Snyder, „God, Evil, and Suffering“, in: Michael J. Murray (Hrsg.), Reason for the Hope Within, Grand Rapids: Eerdmans, 1999, S. 76–115.
- C.S. Lewis, The Problem of Pain, New York: Macmillan, 1962.
- John Piper und Justin Taylor (Hrsg.), Suffering and the Sovereignty of God, Wheaton: Crossway, 2006.
- Alvin Plantinga, Warranted Christian Belief, Oxford: Oxford University Press, 2000, Kapitel 14.
- Richard Swinburne, Providence and the Problem of Evil, Oxford: Oxford University Press, 1998.
- Greg Welty, Why Is There Evil in the World (and So Much of it)?, Ross-shire: Christian Focus, 2018.