David und Goliath
Die Geschichte von David und Goliath in 1. Samuel 17 gehört wohl zu den bekanntesten und beliebtesten Geschichten der Bibel. Sie hat alles, was eine gute Geschichte braucht: Action, Spannung, Intrigen, unerwartete Wendungen – und am Ende den Sieg des Guten über das Böse. Der grobe Handlungsverlauf dürfte den meisten Lesern vertraut sein: Israel steht seinen alten Feinden, den Philistern, im Kampf gegenüber. Die beiden Heere lagern auf gegenüberliegenden Hügeln. In das Tal dazwischen schreitet der philistische Vorkämpfer, Goliath von Gat, der Israel herausfordert, einen Mann zu schicken, der sich ihm in einem alles entscheidenden Zweikampf stellt. Etwas ungewöhnlich für hebräische Erzählungen wird Goliath sehr detailliert beschrieben:
„[Er] war sechs Ellen und eine Spanne groß. Er hatte einen ehernen Helm auf seinem Kopf und trug einen Schuppenpanzer, und das Gewicht seines Panzers betrug 5 000 Schekel Erz. Und er hatte eherne Schienen an seinen Beinen und einen ehernen Wurfspieß auf dem Rücken, und der Schaft seines Speeres war wie ein Weberbaum, und die Spitze seines Speeres wog 600 Schekel Eisen; und der Schildträger ging vor ihm her.“ (1Sam 17,4–7)
Goliaths Größe und die beeindruckende Ausstattung seiner Rüstung – manches davon stand zu dieser Zeit nicht einmal den Königen Israels zur Verfügung – werden so ausführlich beschrieben, dass seine militärische Überlegenheit und gewaltige Stärke geradezu überwältigend wirken. Wer würde es mit einem solchen Mann aufnehmen? Saul, Israels König und eigentlich die naheliegende Wahl (vgl. 1Sam 8,20), kauert hinter den Reihen seines Heeres. Doch der Hirtenjunge David hört die Verhöhnungen des Riesen und tritt als Israels Kämpfer hervor. Mit einer Schleuder und einem Stein zieht David ins Feld und streckt den Riesen Goliath nieder. Das Volk siegt – und Israels Gott erweist sich als der wahre Gott.
Es ist eine beeindruckende Geschichte, aber was bedeutet sie für uns heute? Eine verbreitete Antwort lautet, dass uns diese Geschichte verspricht, Gott werde alle Goliaths besiegen, denen wir in unserem Leben gegenüberstehen. Vielleicht hast du schon Sätze gehört wie: „Ganz gleich, vor welchen Schwierigkeiten du stehst – ob bei der Arbeit, zu Hause, in einer Beziehung oder mit deiner Gesundheit: Gott wird dir den Sieg über deinen Goliath schenken, so wie er David den Sieg über Goliath geschenkt hat.“ Diese Auslegung hat mehrere grundlegende Schwächen. Die größte Schwäche besteht darin, dass sie uns selbst zum Helden der Geschichte macht. Das ist nachvollziehbar. Wer möchte nicht der Held einer Geschichte sein? Doch wenn wir uns unkritisch mit David identifizieren, übersehen wir die große Geschichte der Bibel. Die Bibel weist uns durchweg nicht die Rolle des Retters zu, sondern die der Geretteten. Wir sind nicht der Held der Bibel, sondern der Bösewicht, der gerettet werden muss. Wir sind nicht die Starken und Bewundernswerten, sondern die Schwachen und moralisch Bedürftigen. Tatsächlich wäre es viel treffender, uns im Heer Israels wiederzuerkennen: verängstigt, hoffnungslos und hilflos, hinter den Reihen des Heeres kauernd, in großer Gefahr und dringend auf einen großen Kämpfer angewiesen. Die Geschichte von David und Goliath handelt deshalb zuallererst davon, dass Gott seinem Volk einen Kämpfer, einen Retter, einen Messias gibt, der für sein Volk kämpft und alles besiegt, was es versklaven und vernichten will.
Als David vortritt – nicht in seiner eigenen Stärke, sondern in der Kraft Gottes –, weist er auf Christus hin, der als vom Geist gesalbter Messias für sein Volk in den Kampf zieht. Jahre später würde Jesus in die Wüste ziehen, um gegen böse Mächte zu kämpfen, die weit größer waren als Goliath und die Philister (vgl. Mt 4,1–11). David befreite Israel von politischer Unterdrückung. Diese Befreiung ist ein schwaches Abbild dessen, was Christus tat, als er unsere Sünden ans Kreuz nagelte und die Herrscher und Gewalten entwaffnete, indem er sie öffentlich zur Schau stellte und über sie triumphierte (vgl. Kol 2,15). Damit ist David ein Typus Christi, des gesalbten Messias, der für sein Volk kämpft und die Mächte des Bösen besiegt, die es versklaven und zu vernichten drohen.
In „David und Goliath“ geht es hauptsächlich um Christus. Dennoch wäre es falsch zu sagen, dass die Erzählung nur von Christus handelt. David ist uns auch ein Vorbild des Glaubens, dem wir nacheifern sollen. Als David das Schlachtfeld überblickte und den Riesen Goliath mit seinen Lästerungen hörte, sah er nicht dasselbe wie Saul oder die israelitische Armee. In seiner Antwort an Goliath, der ihn verspottete und bei seinen Göttern verfluchte, begegnete David ihm seinerseits mit Spott und bezeugte damit sein tiefes Vertrauen auf Gott:
„Du kommst zu mir mit Schwert und mit Speer und mit Wurfspieß; ich aber komme zu dir im Namen des HERRN der Heerscharen, des Gottes der Schlachtreihen Israels, die du verhöhnt hast! An diesem heutigen Tag wird dich der HERR in meine Hand ausliefern, und ich werde dich erschlagen und deinen Kopf von dir nehmen, und ich werde die Leichname des Heeres der Philister an diesem Tag den Vögeln unter dem Himmel und den wilden Tieren der Erde geben, damit die ganze Erde erkenne, dass Israel einen Gott hat! Und diese ganze Gemeinde soll erkennen, dass der HERR nicht durch Schwert oder Spieß errettet; denn der Kampf ist die Sache des HERRN, und Er wird euch in unsere Hand geben!“ (1Sam 17,45–47)
David betrachtete die Wirklichkeit durch die Augen des Glaubens. Er vertraute auf das, was er nicht sehen konnte: auf die Verheißungen des HERRN, dass er für Israel kämpfen würde, wenn sein Volk im Glauben und im Gehorsam gegenüber seinem Bund zum Kampf auszog (vgl. 5Mose 28,7). Er glaubte dem Wort Gottes und handelte danach. Darin zeigt uns David, was es bedeutet, im Glauben und nicht im Schauen zu leben. Die Geschichte von David und Goliath fordert uns heraus, auch angesichts großer Prüfungen weiterhin auf die Verheißungen Gottes zu vertrauen.
Während David in diesem Fall großen Glauben bewies, versagte er darin an anderer Stelle – mit katastrophalen Folgen. Doch später wurde gerade das, was er mit seinen Augen sah, zu seinem Verhängnis, als er vom Dach aus Batseba erblickte und sie für sich begehrte. David war zwar ein Typus des Messias, aber er war dennoch wie wir: ein Sünder, der der Rettung bedurfte. Deshalb muss die typologische, christozentrische Botschaft dieser Erzählung zentral für unser Verständnis sein. Die Geschichte von David und Goliath ist eine gute Nachricht für alle, die weniger dem David in 1. Samuel 17 ähneln und mehr dem David in 2. Samuel 11.
Welche Hoffnung gibt es für Christen, die nicht so im Glauben leben, wie David auf dem Schlachtfeld? Gott gibt seinem Volk einen Helden, der für schwache, sündige und ungläubige Menschen kämpft. Wenn wir die moralischen Forderungen vom Evangelium trennen, führt uns das letztlich in eine Sackgasse der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Die Kraft Gottes findet sich im Evangelium, und das Evangelium ist Christus, der Sohn Gottes, der für Sünder gegeben wurde. Unsere einzige Hoffnung, im Gehorsam zu wachsen und mehr wie David zu werden, als er im Glauben lebte, liegt nicht darin, aus eigener Kraft wie er sein zu wollen. Vielmehr müssen wir uns auf den Heiligen Geist verlassen und auf Christus vertrauen, auf den David hinwies und dem er selbst vertraute (vgl. Ps 110).