Geschichte und Personen

Was geschah auf dem Konzil von Nicäa?

Artikel von Wes Huff
19. Oktober 2026 — 10 Min Lesedauer

Es wird häufig behauptet, die Bücher der Bibel seien auf dem Konzil von Nicäa ausgewählt worden.

Ich habe diese Behauptung in Büchern und Internetforen gelesen und sie sowohl von Laien als auch von Akademikern gehört. Sie wird unablässig wiederholt und hat nicht zuletzt durch den Erfolg von Dan Browns The Da Vinci Code sowie ihre rasante Verbreitung im Internet eine gewisse Eigendynamik entwickelt.

Eine der Hauptfiguren in The Da Vinci Code, Leigh Teabing, behauptet an einer Stelle: „Konstantin gab eine neue Bibel in Auftrag und finanzierte sie. Darin wurden jene Evangelien weggelassen, die von den menschlichen Zügen Christi berichteten, und diejenigen ausgeschmückt, die ihn göttlich erschienen ließen“[1]. Dan Brown ist nicht der Urheber dieser Geschichte. Sie kursierte in der einen oder anderen Form schon seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten, bevor solche Unterhaltungsliteratur überhaupt erschien. Die berechtigte Frage lautet also: Was geschah tatsächlich auf dem Konzil von Nicäa?

Was geschah in Nicäa?

Das erste Konzil von Nicäa, das zwischen Mai und August im Jahr 325 n.Chr. im heutigen İznik (Türkei) stattfand, war ein ökumenisches Konzil, das zur Klärung eines spezifischen theologischen Problems einberufen wurde. Sein Ziel war es, den Arianischen Streit beizulegen – eine trinitarische Irrlehre, die von dem nordafrikanischen Presbyter Arius verbreitet wurde. Arius lehrte nicht nur, dass der Sohn Gottes dem Vater ewig untergeordnet sei, sondern auch, dass der Sohn nicht ewig existiere, sondern von Gott dem Vater zu einem bestimmten Zeitpunkt geschaffen worden sei. In seinem Brief an Alexander von Alexandria schrieb Arius: „Der Sohn aber ist ohne Zeit von dem Vater geboren, und vor den Zeiten geschaffen und gegründet worden, war aber nicht, ehe er geboren wurde; er ist aber vor allen Dingen ohne Zeit geboren, und allein von dem Vater ausgegangen.“[2]

Es gibt sogar eine spätere Anekdote, wonach der heilige Nikolaus (ja, der gute Nikolaus höchstpersönlich) Arius während des Konzils ins Gesicht geschlagen haben soll, nachdem dieser aufgestanden war und seinen berühmten Satz geäußert hatte: „Es gab eine Zeit, in der der Sohn nicht existierte.“ Auch wenn das Bild vom Weihnachtsmann, der einen Häretiker schlägt, für Schmunzeln sorgt und eine unterhaltsame Anekdote abgibt, ist diese Erzählung erst viel später entstanden und lässt sich historisch durch nichts belegen, was auf dem Konzil tatsächlich geschah.

Das Endergebnis des Treffens war das, was heute als das Bekenntnis von Nicäa bekannt ist. Zusätzlich zum Glaubensbekenntnis wurden zwanzig kanonische Beschlüsse sowie ein Synodenbrief verabschiedet. In all diesen Dokumenten zitiert das Konzil die Bücher des Neuen Testaments als maßgebend und erkennt deren Vorrangstellung sowie Geltung an. Alle 318 Mitglieder (auch die unorthodoxen, soweit wir das beurteilen können) erkannten die Autorität an, die die Heilige Schrift bereits besaß. Diesen Status haben sie ihr nicht erst verliehen. Die 27 Bücher des Neuen Testaments wurden bereits Hunderte von Jahren, bevor auch nur jemand in Nicäa geboren wurde, gelesen, studiert, gepredigt und als Gottes heiliges Wort verkündet.

Weder aus den Dokumenten, die aus Nicäa überliefert sind, noch aus den Zeugnissen von Augenzeugen und Teilnehmern (wie Eusebius, Athanasius oder Eustathius) geht hervor, dass das Konzil in irgendeiner Weise mit der Auswahl oder Festlegung des biblischen Kanons befasst war. Woher stammt diese Vorstellung also? Es gibt zwei mögliche Ursprünge, aus denen sich dieser Mythos entwickelt haben könnte.

Die erste Möglichkeit reicht in die Antike zurück, während die zweite deutlich jünger ist. Der antike Ursprung findet sich in einer Zeile aus dem Judit-Kommentar des Hieronymus (347–420 n.Chr.). In der Vorrede zu seinem Werk über Judit schreibt er: „Da aber das Konzil von Nicäa dieses Buch offenbar zu den heiligen Schriften gezählt hat, bin ich eurer Bitte (oder sollte ich sagen: eurer Forderung!) nachgekommen.“

Es ist wichtig zu beachten, dass die Aussage des Hieronymus nicht zwangsläufig bedeutet, dass das Konzil von Nicäa bestimmte Bücher ausgewählt hat, sondern dass das Thema dort lediglich erörtert worden sein könnte und in diesem Zusammenhang Schriften einbezogen wurden, die manche als Heilige Schrift angesehen haben mögen. Das bedeutet weder, dass sie es tatsächlich waren, noch dass das Konzil ihnen kanonische Autorität verlieh. Von einer Abstimmung – für die es keinerlei Belege gibt – ist dieses einzelne Zitat weit entfernt. Zudem ist festzuhalten, dass andere zentrale Figuren von Nicäa wie Athanasius, Gregor von Nazianz und Hilarius von Poitiers das Buch Judit in ihren späteren Kanonlisten allesamt ablehnten.

Judit ist ohnehin ein ungewöhnlicher Fall, da das Werk auffällige historische Fehler enthält (etwa die Bezeichnung Nebukadnezars als „König von Ninive“ statt von Babylon), die sowohl von jüdischer als auch von christlicher Seite seit Jahrhunderten als problematisch angesehen werden. Angesichts der Belege für das, was in Nicäa tatsächlich geschah, ist es ebenso denkbar, dass Hieronymus sich irrte oder seine Bemerkung gar nicht auf eine Auswahlabstimmung abzielte, sondern auf eine Debatte über Schriften, denen manche eine gewisse Autorität zuschrieben (mehr zu den Absichten des Hieronymus findet sich in Ed Gallaghers Artikel in der „Harvard Theological Review“). Wie dem auch sei: Hier könnten sich erste Spuren der Behauptung finden, die Bibel sei in Nicäa zusammengestellt worden. Persönlich halte ich dies jedoch nicht für den eigentlichen Ursprung, sondern denke, dass der Bericht auf eine Quelle zurückgeht, die nicht so weit zurückliegt wie Hieronymus von Stridon.

Der moderne Mythos von Nicäa

Im Gegensatz zur beiläufigen Bemerkung des Hieronymus scheint die Bestimmtheit, mit der die Erzählung in vielen modernen Fassungen vorgetragen wird, auf eine pseudohistorische griechische Handschrift aus dem 9. Jahrhundert zurückzugehen: das Synodicon Vetus. Das Synodicon Vetus erhebt den Anspruch, über Kirchenkonzile und Synoden vom 1. bis zum 9. Jahrhundert zu berichten. Im Abschnitt über Nicäa heißt es: „Das Konzil machte die kanonischen und apokryphen Bücher auf folgende Weise kenntlich: Man legte sie neben den göttlichen Tisch im Haus Gottes, betete und bat den Herrn inständig darum, dass die göttlich inspirierten Bücher auf dem Tisch und die unechten darunter zu finden seien; und so geschah es auch.“

Diesem Dokument zufolge geht der Ursprung des heutigen neutestamentlichen Kanons auf ein Wunder zurück, das sich ereignet haben soll, als die Anwesenden in Nicäa über eine Sammlung kanonischer und apokrypher Bücher beteten. Die Erzählung behauptet, dass die tatsächlich „göttlich inspirierten Bücher“ auf dem Tisch liegen blieben, während die „unechten“ auf wundersame Weise unter dem Tisch landeten.

Das Synodicon Vetus scheint im Laufe der Jahrhunderte durch verschiedene Hände gegangen zu sein. Das griechische Originaldokument gelangte im 16. Jahrhundert schließlich in den Besitz eines gewissen Andreas Darmasius. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde es von dem Deutschen Johannes Pappus erworben, herausgegeben, gedruckt und veröffentlicht.

Ende des 17. Jahrhunderts gelangte Pappus’ Publikation in die Hände von niemand Geringerem als dem französischen Aufklärer Voltaire. In Band 3 seines Philosophischen
Wörterbuchs
schreibt er unter dem Stichwort „Konzile“: „Wir haben bereits erwähnt, dass im Nachtrag zum Konzil von Nicäa berichtet wird, dass die Kirchenväter, die sehr ratlos waren, welche Bücher des Alten und Neuen Testaments authentisch und welche apokryph waren, alle Bücher auf den Altar legten, woraufhin die Bücher, die sie verwerfen sollten, zu Boden fielen. Wie schade, dass ein so vortreffliches Prüfverfahren verloren gegangen ist!“

Die Veröffentlichung des Synodicon Vetus im 17. Jahrhundert und die Verwendung dieser Erzählung durch Voltaire in seinem Wörterbuch bilden wohl den eigentlichen Ursprung des modernen Mythos. Dan Brown hat ihn nicht erfunden, aber er hat sich die Geschichte zweifellos zunutze gemacht und sie weitergesponnen. Durch das Aufkommen des Internets, wo sich sowohl Wahrheit als auch Lüge wie ein Lauffeuer verbreiten können und noch schwerer voneinander zu unterscheiden sind, wird das Märchen, das Konzil von Nicäa habe die Bücher der Bibel ausgewählt, sicherlich fortbestehen. Wer jedoch die Belege für die Ereignisse in Nicäa und für die Entstehung des biblischen Kanons unvoreingenommen untersucht, erkennt schnell, was dort wirklich geschah – und dass dies nicht das Geringste mit der Auswahl oder Ablehnung biblischer Schriften zu tun hatte.

Fazit

Die frühen christlichen Gemeinden legten größten Wert auf die Wahrheit – insbesondere, wenn es darum ging, was Gott offenbart hatte. Diskussionen über das Erkennen (nicht das Auswählen) der von Gott inspirierten Bücher wurden schon Jahrhunderte vor Nicäa geführt und setzten sich noch Jahrzehnte danach fort. Dennoch lässt sich für das Konzil von Nicäa klar feststellen: Die Bücher des Alten und Neuen Testaments wurden als maßgebend zitiert, und ihre Vorrangstellung sowie Geltung wurden ausdrücklich anerkannt. Die Teilnehmer erkannten die bereits bestehende Autorität der Schrift als gottgehaucht an; diesen Status haben sie ihr nicht erst verliehen. Die 27 Bücher des Neuen Testaments wurden bereits Hunderte von Jahren, bevor auch nur irgendwer in Nicäa geboren wurde, gelesen, studiert, gepredigt und als Gottes heiliges Wort verkündet.

Es gab weder eine einzelne Person noch eine Gruppe, die per Abstimmung festlegte, welche Bücher in die Bibel gehörten. Die frühen Christen sahen die Autorität, die bestimmte Schriften bereits besaßen, und erkannten sie an. Die Bibel ist eine Sammlung autoritativer Schriften – keine autoritative Sammlung von Schriften. Die Zuverlässigkeit und die anerkannte Inspiration der Heiligen Schrift erstrecken sich über Jahrtausende. Das bedeutet keineswegs, dass es in den Jahrhunderten nach Christi Tod keine Debatten darüber gab, was zur Schrift gehörte und was nicht – es gab sie durchaus. Die Kirche und ihre Verantwortlichen unternahmen große Anstrengungen, um die Echtheit dieser Bücher und ihre Verbindung zu einem Apostel oder zu jemandem, der einen Apostel kannte, zu überprüfen. Es dauerte tatsächlich eine Weile, bis sich die Fragen rund um den Kanon der Heiligen Schrift geklärt hatten. Doch nichts an diesem Prozess ähnelt auch nur im Entferntesten den Mythen im Stil von The Da Vinci Code, die man so oft hört.

Christen in der heutigen Zeit können voller Vertrauen in der historischen Tradition der Kirchenväter von Nicäa stehen und die Heilige Schrift als das anerkennen, was sie ist: maßgebend, wahr und lebensverändernd.


1 Dan Brown, The Da Vinci Code, S. 325

2 Athanasius von Alexandrien, „Abhandlung über die Synoden zu Rimini in Italien, und zu Seleucia in Isaurien (Kapitel 16: Brief des Arius an Alexander von Alexandria)“, Bibliothek der Kirchenväter, 1913, online unter: https://bkv.unifr.ch/de/works/cpg-2128/versions/abhandlung-uber-die-synoden-zu-rimini-in-italien-und-zu-seleucia-in-isaurien-bkv/divisions/20 (Stand: 15.10.2026).