Heilung – was dürfen wir erwarten?
Heilung ist ein hoch emotionales und zugleich allgegenwärtiges Thema in christlichen Gemeinden. Menschen werden krank. Wir beten für ihre Heilung. Manche erleben sie – viele jedoch nicht. Und genau dort entstehen Zweifel, Fragen und Diskussionen: Wie gehen wir als Gemeinde mit Krankheit und Heilung um? Was dürfen wir von Gott erwarten?
Wir wollen deshalb gemeinsam hinschauen: Was hat Gott uns in Bezug auf Heilung tatsächlich verheißen – schon jetzt und noch nicht?
Heilsgeschichtliche Einordnung
Um eine biblische Sichtweise auf das Thema Heilung zu bekommen, ist es zunächst wichtig, das große Ganze in den Blick zu nehmen: Die Heilsgeschichte Gottes mit dieser Welt. Dabei stellen wir fest, dass es sowohl zu Beginn der Menschheitsgeschichte im Garten Eden als auch in der zukünftigen Ewigkeit bei Gott keiner Heilung bedarf.
Als Gott die Welt schuf, war alles „sehr gut“ (Gen 1,31). Heilung war nicht nötig, weil es Krankheit und Tod überhaupt nicht gab. Diese traten erst als Folge des Sündenfalls auf, als Adam und Eva sich entschieden, Gottes Gebot zu übertreten, um selbst wie Gott zu sein (vgl. Gen 3). Gott hatte sie gewarnt, dass der Tod die Folge des Ungehorsams sein wird (vgl. Gen 2,17). Doch die Verlockung war größer. Die Folgen dieser Entscheidung spürt seitdem jeder Mensch: Tod, Krankheit, Verfall und Trennung von Gott gehören zum Leben dazu (vgl. Gen 3,15–19).
Doch Gott macht in seinem Wort deutlich, dass dies nicht immer so sein wird. So wie es im Garten Eden keiner Heilung bedurfte, so wird es auch in der neuen Schöpfung Gottes keine Krankheit, keinen Verfall und keinen Tod geben. In Offenbarung 21,4 verheißt Gott uns:
„Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, weder Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“
Als Christen haben wir Hoffnung auf diese Ewigkeit bei Gott, weil Jesus Christus am Kreuz Erlösung erwirkt hat. Gott wird jeden, der an Christus glaubt, retten. Diese Erlösung schließt Sündenvergebung und Heiligung, aber auch körperliche Heilung mit ein. In Jes 53,4–5 heißt es prophetisch von Christus:
„Fürwahr, er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen; wir aber hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt. Doch er wurde um unserer Übertretungen willen durchbohrt, wegen unserer Missetaten zerschlagen; die Strafe lag auf ihm, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt worden.“
Interessanterweise wird diese Stelle zweimal im Neuen Testament zitiert – jeweils mit einem anderen Schwerpunkt. In 1. Petrus 2,24 betont der Apostel die Sündenvergebung in Christus. In Matthäus 8,16–17 hingegen werden die Verse als Erfüllung der Verheißung körperlicher Heilung durch Jesus zitiert. Beide Aspekte kommen vor. Daraus können wir schließen, dass Gott seine Kinder in und durch Christus ganzheitlich und vollkommen heil machen will und wird. Jesus wird von allen Folgen des Sündenfalls erlösen – auch von Krankheit und Verfall.
Aber wann denn?
Das wiederum führt uns zu der entscheidenden Frage: Wann gilt das denn? Wenn Jesus die Erfüllung von Jesaja 53 ist, warum sollte dann nicht schon jetzt jedem Gläubigen körperliche Heilung verheißen sein, wo wir doch schon jetzt eine neue Kreatur in Christus geworden sind (vgl. 2Kor 5,17)?
Genau an dieser Frage kommt es zu verschiedenen Ansichten und folglich zu unterschiedlichen praktischen Konsequenzen. Stark charismatisch und pfingstlich geprägte Christen verorten Gottes Verheißung auf Heilung im Diesseits – bis hin zu Auswüchsen wie dem Wohlstandsevangelium, welches jedem Christen das Recht auf Heilung zuspricht. Hingegen gehen die meisten anderen Denominationen davon aus, dass Gott zwar durchaus Menschen im Diesseits heilt, sich die Verheißung auf vollkommene Heilung aber erst bei Jesu zweitem Kommen erfüllt. Diese Sichtweise wird meines Erachtens durch den biblischen Befund gestützt: Die Bibel bezeugt zwar Gottes Wirken und Heilung bereits im Diesseits, stellt die vollkommene und endgültige Heilung des Menschen jedoch in den Horizont der zukünftigen Vollendung.
Der Blick in die Bibel
In der Bibel begegnen uns viele Berichte von Heilungen – gerade natürlich bei Jesus selbst, der unzählige Menschen heilte. Zugleich finden sich aber auch Berichte von verwehrter Heilung oder andauernden Leiden, die gottesfürchtige Menschen betreffen.
So lesen wir im Alten Testament etwa davon, wie Mirjam, die Schwester Moses, geheilt wurde, nachdem sie Buße getan hatte (vgl. 4Mose 12). Naaman, der Heide, wurde geheilt, als er auf das Wort des Propheten hörte (vgl. 2Kön 5). König Hiskia erfuhr zumindest temporär Heilung (vgl. 2Kön 20,1–11). Daneben finden wir aber auch das lange Leiden Hiobs oder den Tod des großen Propheten Elisa, der sogar Tote auferweckt hat. Von ihm heißt es: „Elisa aber wurde von der Krankheit befallen, an der er sterben sollte“ (2Kön 13,14).
Im Neuen Testament finden die wundersamen Heilungen ihren bisherigen Höhepunkt in Jesus Christus. Er heilte mehr Menschen als alle anderen. Da wären neben zahlreichen Berichten über Massenheilungen etwa die Schwiegermutter von Petrus (vgl. Mt 8,14–15), der Aussätzige (vgl. Mk 1,40–45), das entschlafene Mädchen (vgl. Lk 8,40–56) oder der Blindgeborene (vgl. Joh 9) zu nennen. Nach Jesu Himmelfahrt nimmt die Zahl der Heilungsberichte ab. Während die Apostel noch viele Wunder taten (vgl. Apg 3 u. 28,7–9), lesen wir im Rest des Neuen Testaments nur noch vereinzelt davon.
Zugleich gibt es auch einige Berichte von Krankheit und verwehrter Heilung. Paulus spricht bekannterweise von seinem Stachel im Fleisch, den Gott ihm nicht nehmen wollte (vgl. 2Kor 12,7–10). Von Timotheus lesen wir, dass er häufig krank war (vgl. 1Tim 5,23). Epaphroditus war todkrank und konnte nicht mehr dienen (vgl. Phil 2,27.30). Nicht zuletzt heißt es in Römer 8, dass die gesamte Schöpfung aufgrund der Vergänglichkeit seufzt. Alle Pflanzen, Tiere und Menschen sind der Vergänglichkeit unterworfen – sie altern, werden krank und sterben irgendwann.
Hieraus ergibt sich ein Spannungsfeld: Einerseits sehen wir, dass Gott tatsächlich immer wieder Menschen heilt und mit Jesu Kommen die Heilungswunder deutlich zunahmen. Andererseits sehen wir, dass Gott auch Menschen Krankheit und Leiden zumutet. Wie können wir dieses Spannungsfeld aushalten und dabei eine gesunde, biblische Theologie der Heilung annehmen, ohne in Extreme zu verfallen und Teile der biblischen Offenbarung außer Acht zu lassen?
Schon jetzt – noch nicht
Hilfreich erscheint mir auch hier wieder die heilsgeschichtliche Einordnung. Wir leben zwischen Jesu erstem und zweitem Kommen. Jesus war schon da und hat am Kreuz und in der Auferstehung den Sieg errungen, doch dieser Sieg wird erst bei seiner Wiederkunft in Fülle sichtbar. Unser gesamtes irdisches Leben als Kinder Gottes leben wir daher in der Spannung des „schon jetzt“ und „noch nicht“:
- Schon jetzt hat uns Jesus von den Fesseln der Sünde befreit und doch sündigen wir noch.
- Schon jetzt ist das Reich Gottes angebrochen, aber es ist noch nicht voll da.
- Schon jetzt sind wir neue Kreaturen in Christus, aber noch ist das alte Fleisch ein Teil von uns.
- Schon jetzt haben wir ewiges Leben in Christus, altern, erkranken und sterben aber dennoch.
Das, was Jesus Christus am Kreuz bereits errungen hat (schon jetzt), wird uns erst bei seiner Wiederkunft in vollem Umfang zuteil (noch nicht). Das beinhaltet die vollkommene Freiheit von Sünde, die vollkommene Heiligkeit – aber eben auch die vollkommene körperliche Heilung und das ewige Leben ohne Vergänglichkeit. Gott hat demnach jedem Gläubigen die vollkommene Heilung verheißen, aber nicht jedem Gläubigen die gegenwärtige Heilung.
Das gegenwärtige Leben als Vorgeschmack
Das bedeutet aber nicht, dass Gott uns auf das Jenseits vertröstet. Nein, schon jetzt gibt er uns einen Vorgeschmack von dem, was uns erwartet. So erleben wir etwa in der Gemeinschaft der Heiligen einen Vorgeschmack auf das Himmelreich. Wir erleben in der persönlichen Heiligung einen Vorgeschmack der vollkommenen Heiligkeit. Und auch die körperliche Heilung, die Gott manchen Menschen gewährt, ist ein solcher Vorgeschmack.
Es ist aber eben nicht die Fülle. Körperliche Heilung ist nie von Dauer und auch nicht das Größte, was Gott uns geben will. Er hat ein viel größeres Ziel mit uns: Er will, dass wir in seine Herrlichkeit eingehen und ewig mit ihm leben – umfänglich erlöst.
Abgrenzung vom Wohlstandsevangelium
Genau an dieser Stelle führt das Wohlstandsevangelium in die Irre. Es verortet Gottes Verheißungen auf vollkommene Heilung und Fülle nicht in der Ewigkeit, sondern im gegenwärtigen irdischen Leben. Demnach ist Gesundheit ein Beweis von Gottes Gunst und Ziel für jeden Gläubigen. So wird verkündigt, dass Gesundheit und Heilung jedem Christen zustehen – wenn man denn genug glaubt.
Von dieser Art des geistlichen Missbrauchs und der Irrlehre müssen wir uns klar distanzieren. Das Wohlstandsevangelium führt zu falschen Hoffnungen, Enttäuschungen und Glaubenskrisen. Als Kinder Gottes haben wir keinen Anspruch auf gegenwärtige Heilung (vgl. Paulus’ Stachel im Fleisch). Genauso wenig ist Krankheit ein verlässliches Zeichen für Unglauben. Bei der Heilung des Blindgeborenen widerspricht Jesus ausdrücklich der Vorstellung, dass die Blindheit des Mannes auf dessen persönliche Sünde oder die seiner Eltern zurückzuführen sei (vgl. Joh 9). Letztlich altern, erkranken und sterben alle Menschen. Ob Gott heilt oder nicht, hat also keine Aussagekraft darüber, ob Gott den Menschen liebt oder nicht.
Wir sehen sogar das gegenteilige Muster. Leid ist oftmals Gottes Weg, um sich zu verherrlichen. Jesus war arm, litt elendig und wurde von allen verworfen (vgl. Jes 53,3; Phil 2,5–11) und gerade darin verherrlichte sich der Vater. Auch heute sehen wir dieses Muster. Es sind gerade die verfolgten Kirchen, die wachsen. Es sind gerade die Zeugnisse der Kranken und Leidenden, die an Jesus festhalten, die uns so sehr bewegen. Denn in unserer Schwachheit wird Gottes Stärke deutlich.
Praktische Konsequenzen
Was sollen wir also tun, wenn jemand krank ist?
Zuallererst dürfen und sollen wir anhaltend füreinander um Heilung, Trost und Kraft beten. Denn Gott heilt auch heute! Dies schließt auch das Ältestengebet um Heilung (vgl. Jak 5) ein.
Zugleich wollen wir beten, dass Gottes Wille geschieht. Dass er sich in Gesundheit oder Leid verherrlicht und alles zum Besten führt, in dem Wissen, dass unser Vater uns liebt und uns oft durch Schwierigkeiten besonders formt. Dabei dürfen wir selbstverständlich über ausbleibende Heilung trauern und klagen, aber wir dürfen es nicht als Zeichen sehen, dass Gott uns verlassen hat.
Daneben wollen wir Verantwortung für unsere Gesundheit übernehmen. Das Gebet um Gottes Eingreifen, muss von unserem aktiven Bemühen begleitet sein. Wir sollten also um einen gesunden Lebensstil ringen und medizinische oder therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen, wo sie angebracht ist.
Schließlich wollen wir anerkennen, dass wir die vollkommene Heilung erst mit dem Auferstehungsleib empfangen werden, wenn Jesus wiederkommt (vgl. Offb 21,4), und es etwas Wichtigeres gibt als irdische Gesundheit. Denn letztlich ist jeder Geheilte verstorben. Wer jedoch durch Jesus von seiner Schuld freigesprochen wird, wird leben, auch wenn er stirbt (vgl. Joh 11,25).
So vertraue auf Gottes Verheißung aus Offenbarung 21,4–5:
„Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, weder Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er sprach zu mir: Schreibe; denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!“