Auf Jesus bauen
Warum Arbeit mit Kindern ein theologischer Dienst ist
Die Arbeit mit Kindern gehört in fast jeder Gemeinde zu den Dienstbereichen, die als selbstverständlich betrachtet werden – und vielleicht gerade deshalb wird erstaunlich selten grundsätzlich über sie nachgedacht. Während über Gottesdienstgestaltung, Gemeindeentwicklung oder Leiterschaft viel gesprochen und geschrieben wird, erscheint der Dienst an Kindern häufig als ein eher pragmatisches Aufgabenfeld: Wir benötigen schöne Räume, spannendes Material, nette Mitarbeiter und ein halbwegs funktionierendes Konzept für den Sonntag. Läuft das alles, sind wir zufrieden. Doch was, wenn genau hier ein Denkfehler liegt? Was, wenn Arbeit mit Kindern nicht zuerst ein organisatorisches, sondern ein theologisches Thema ist?
Genau an diesem Punkt setzt Auf Jesus bauen von Deepak Reju und Marty Machowski an: Das Buch ist kein Werkzeugkasten – auch wenn der Untertitel (Ein Leitfaden für evangeliumszentrierte Kinderarbeit) das auf den ersten Blick vermitteln könnte. Vielmehr verstehen beide Arbeit mit Kindern als Ausdruck einer bestimmten Sicht auf Gemeinde, Jüngerschaft und das Evangelium selbst. Wer Auf Jesus bauen liest, merkt schnell: Hier geht es nicht nur darum, wie Gemeinden das Evangelium an Kinder weitergeben. Reju und Machowski fragen zugleich nach dem Warum und Wozu dieses Dienstes. Sie entwickeln damit etwas, das in der deutschsprachigen Literatur zum Thema Kinderarbeit erstaunlich selten zu finden ist: eine durchdachte Dienstphilosophie.
Evangelium, Gemeinde und Dienst als Strukturprinzipien
Das Buch gliedert sich in drei Teile: Zunächst legen Reju und Machowski die theologischen Grundlagen evangeliumszentrierter Kinderarbeit dar, anschließend beschreiben sie die Verantwortung der beteiligten Personen und schließlich praktische Fragen wie Kinderschutz, Organisation und Vermittlung biblischer Inhalte.
Bereits im ersten Teil wird deutlich, dass die Autoren Kinderarbeit nicht primär als pädagogische Aufgabe verstehen. Sie entwickeln vielmehr eine Theologie des Dienstes an Kindern, die vom Evangelium, der Gemeinde und dem Missionsauftrag Gottes her gedacht wird. Gerade diese Verbindung ist ein Alleinstellungsmerkmal auf dem deutschsprachigen Buchmarkt. Ich finde diese Ausgewogenheit im Blick auf Sach- und Personenorientierung sehr gelungen. Zudem deutet sich hier aber vor allem eine theologisch sehr durchdachte Bewegung an: Sie entwickelt sich vom Evangelium und Wort Gottes („Biblische Lehre“), über die Gemeinde als liebevoller Leib Jesu („Wertschätzung für die Kinder“) hin zum Missionsauftrag der Gemeinde gegenüber den Verlorenen („Den Auftrag im Blick behalten“). Im Grunde findet sich diese Bewegung auch in den drei großen Strukturprinzipien des Buches von „Prioritäten“, „Menschen“ und „Praktischen Aspekten“ wieder. Die Autoren zeigen damit deutlich: Ihre Strategie in der Arbeit mit Kindern speist sich aus theologisch reflektierten Grundlagen. Zwar sind alle drei Teile des Buches lesenswert, aber dieser hier dürfte im deutschsprachigen Raum für den Dienst an Kindern einzigartig sein. Aber was macht die Kapitel jeweils so gut?
Kapitel 1 vermittelt eine gute Begründung dafür, warum fortlaufende Lehre von Gottes Wort und eine evangeliumsgemäße Auslegung das entscheidende Fundament für den Dienst an Kindern bilden sollten. Die Hinweise der Autoren zur Bewertung etwa von Sonntagsschulmaterialien hinsichtlich der theologischen Qualität und des entwicklungsgemäßen Anspruchs sind sehr hilfreich. In Kapitel 2 sticht besonders der Abschnitt zu „evangeliumsgemäßer Gemeinschaft“ ins Auge. Hier schreiben die beiden: „Eine mitreißende, übernatürliche Gemeinschaft kann ein wichtiges Zeugnis für unsere Kinder sein, denn sie ist ein Vorbild für evangeliumsgemäßes Leben“ (S. 34). Besonders getroffen hat mich Rejus Beharren darauf, dass guter Dienst an Kindern ihnen ein Anliegen für persönliche Beteiligung am Missionsauftrag vermitteln sollte. Verstehen wir es als Priorität, die Kinder dafür vorzubereiten, Jesus aus Liebe gehorsam zu sein und ihn zu bezeugen – bis an die Enden der Erde? Denn „die Mission, die Welt zu erreichen, wird weitergehen bis zu dem Tag, an dem unser Herr wiederkommt. Tun wir alles, was wir können, um unsere Kinder dafür auszurüsten, dass sie sich an der Mission beteiligen, Jesus in Nah und Fern zu verkündigen“ (S. 46).
Im zweiten Teil des Buches sprechen die beiden Autoren vor allem darüber, welche Art geistlicher Verantwortung Pastoren, Leiter, Mitarbeiter und Eltern für die geistliche Prägung der Kinder in der Gemeinde haben. Besonders gelungen sind dabei die Ausführungen zur Verbindung der Ältesten zur Kinderarbeit: Aus dem, was ich von anderen Verantwortlichen in diesem Bereich höre, kann ich nachvollziehen, dass die Arbeit mit Kindern leider zu oft ein Dienstbereich ist, zu dem die Gemeindeleitung keine Beziehung hat. Gleichzeitig vermeiden die beiden Autoren die Vorstellung, der verantwortliche Älteste müsse selbst operativ in den Kinderdienst eingebunden sein; vielmehr ist er vor allem Ansprechpartner für den Leiter des Dienstbereichs. Reju und Machowski legen hier eine besondere Betonung auf die Bedeutung von Eigenverantwortlichkeit, Unterstützung und gegenseitiger Rechenschaft zwischen Leiter und Pastor. In anderen Büchern, die ich zum Thema Kinderarbeit gelesen habe, konnte ich das in dieser inhaltlichen Tiefe bei gleichzeitiger Prägnanz nicht finden. Allein diese beiden Kapitel rechtfertigen den Kauf des Buches.
Ein weiterer Fokus in diesem Teil des Buches ist das Zusammenspiel der Verantwortlichkeiten von konkreten Mitarbeitern, Gesamtgemeinde und Familien. Die Autoren heben hervor: Der Dienst an Kindern ist Verantwortung der ganzen Gemeinde, nicht nur von dazu „Berufenen“. Die konkrete Ausgestaltung dieser Verantwortung sieht dagegen unterschiedlich aus. Nach diesem Verständnis dienen Gemeinde und natürlich Familien gemeinsam Kindern und bezeugen ihnen Jesus und sein Evangelium miteinander. Genau diese Ausgewogenheit macht Auf Jesus bauen wohltuend unaufgeregt. Denn es betreibt weder Idealisierung der Familie noch Überhöhung gemeindlicher Konzepte. Gleichzeitig betonen Reju und Machowski die Autorität und Verantwortung der Gemeinde für ihre Dienstbereiche, Mitarbeiter und Mitglieder.
Der dritte Teil des Buches hat zwei Schwerpunkte: erstens die Sicherheit von Kindern (Kapitel 8–10) und zweitens die entwicklungsgemäße Vermittlung des Evangeliums (Kapitel 11 und 12). Gerade der erste Schwerpunkt setzt sich mit der sehr unschönen Tatsache auseinander: Auch in Gemeinden voller hingegebener Jünger Jesu kommt es zu (potenziellem) Missbrauch an Kindern durch Erwachsene. Warum kann das passieren? Reju und Machowski bringen es auf den Punkt: „Ein großer Teil dessen könnte verhindert werden, doch allzu viele Gemeinden haben keine Ahnung, wie sie die Kinder schützen und angemessen reagieren müssen, wenn in der Gemeinde sexueller Missbrauch geschieht“ (S. 120). Wie wir als Gemeinden Kinder vor Sexualstraftätern schützen können, erläutern die beiden Autoren anschaulich in den Kapiteln 8 und 9. Danach beschäftigt sich Kapitel 10 mit der Notwendigkeit von Notfall- und Fluchtplänen etwa im Brandfall. Auch wenn die beiden für einen anderen Kontext schreiben, kann man im Zusammenspiel mit den deutschsprachigen Literaturverweisen im Endnotenverzeichnis erstaunlich viel lernen.
Die pädagogischen und didaktischen Tipps in den Kapiteln 11 und 12 sprechen für die praxisbewährte Erfahrung der beiden. Dabei schreiben sie an keiner Stelle abgehoben oder distanziert. Stattdessen ist ihr Stil allgemeinverständlich und das Buch versehen mit vielen leicht umsetzbaren oder anzueignenden Tipps. Besonders ihr Anliegen um theologischen Anspruch, stetige Verbesserung und ihr Optimismus im Blick auf zu erwartende Frucht sind ansteckend.
Die zwei Anhänge am Ende des Buchs („Ein kurzes Wort an Gemeindegründer“ und „Leitfaden zum Entwerfen und Umsetzen eines Kinderschutzkonzepts“) runden als Fahrpläne für diese beiden Szenarien das Buch konzeptionell ab.
Eine Dienstphilosophie gegen die Logik des bloßen Funktionierens
Eine Stärke von Auf Jesus bauen liegt darin, dass es sich Pragmatismus in gemeindlicher Praxis widersetzt. Kinderarbeit wird vielerorts an Teilnehmerzahlen, Mitarbeiterbindung oder gelungener Programmgestaltung gemessen. Solche Fragen sind wichtig. Aber sie beantworten noch nicht die eigentliche Frage: „Woran erkennt man, dass der Dienst an Kindern geistlich gesund ist?“. Reju und Machowski schlagen eine überraschend einfache Antwort vor: Gesunde Kinderarbeit hilft Kindern, Jesus Christus kennenzulernen, ihn zu lieben, Schritt für Schritt in das Leben seiner Gemeinde hineinzuwachsen und ihm hingegeben zu leben. So wird die Arbeit mit Kindern ein integraler Bestandteil des Jüngermachens. Gerade darin liegt eine notwendige Korrektur. Denn in jeder Gemeinde besteht die Gefahr, dass praktische Erfordernisse allmählich unsere inhaltlichen Prioritäten bestimmen. Wo das geschieht, fragen wir nicht mehr, was schriftgemäß ist, sondern was am besten funktioniert. Auf Jesus bauen wirkt dem bewusst entgegen.
Der Untertitel des Buches spricht von „evangeliumszentrierter Kinderarbeit“. Das klingt zunächst nach einem frommen Schlagwort der letzten Jahre. Tatsächlich meinen die Autoren damit aber mehr als den Hinweis, dass Kinderarbeit auch das Evangelium vermitteln sollte. Ihre eigentliche These lautet: Das Evangelium ist nicht nur Inhalt der Kinderarbeit, sondern ihr Kern. Das zeigt sich an vielen Stellen. Reju und Machowski denken über methodische Aspekte wie Mitarbeiterschulung, Leitungsverantwortung, Elternarbeit, Sicherheitskonzepte oder Lehrpläne nicht losgelöst voneinander nach. Stattdessen fragen sie stets, wie diese Bereiche dazu beitragen können, dass Kinder Jesus erkennen und ihm nachfolgen lernen. Gerade diese Verbindung von theologischer Reflexion und organisatorischer Sorgfalt macht den besonderen Wert des Buches aus. Die Autoren verweigern sich der verbreiteten Alternative zwischen „geistlicher Leidenschaft“ und „professioneller Struktur“. Gute Kinderarbeit braucht beides. Geistliche Tiefe ersetzt keine Verantwortung – Verantwortung ersetzt aber ebenso wenig geistliche Tiefe. Sie schreiben dabei erkennbar aus jahrelanger Gemeindepraxis. Sie kennen die Herausforderungen ehrenamtlicher Mitarbeit, die Erschöpfung kleiner Teams und die Schwierigkeiten, langfristig tragfähige Strukturen aufzubauen. Gerade deshalb wirkt ihr Ruf nach theologischer Klarheit glaubwürdig. Er kommt aus dem Gemeindealltag von Pastoren.
Der Dienst an Kindern ist eine pastorale Verantwortung
Dass Reju und Machowski als Pastoren ein solches Buch schreiben, macht mir (und hoffentlich noch anderen Gemeindeleitern) eines besonders deutlich: Kinder- und Jugendarbeit ist ein geistlicher Dienst einer Gemeinde. Als solcher braucht er pastorale Leitung und Unterstützung! Die Gemeindeleitung und letztlich die gesamte Ortsgemeinde sollten Einblick in die Situation und Anforderungen ihres Dienstes an den Kleinsten haben. Darum sollte es uns ein Anliegen sein, diesen Dienst so gut wie möglich zu unterstützen. Trotzdem verspricht Auf Jesus bauen keine explosionsartig wachsenden Gruppen, keine revolutionären Konzepte und keine perfekten Methoden. Stattdessen betonen die Autoren beharrliche Treue: fortwährend Gottes Wort lehren, Beziehungen pflegen, Kinder lieben und für sie beten und ihnen geduldig Christus vor Augen stellen. Vielleicht liegt darin die eigentliche Aktualität des Buches begründet? Denn Auf Jesus bauen erinnert uns daran, dass das Reich Gottes besonders im Leben junger Menschen meist unspektakulär wächst.
Ein außergewöhnlich gutes Buch in einer schwer lesbaren Übersetzung
Gerade weil die beiden Autoren hier wirklich ein außergewöhnlich gutes Buch vorlegen, fallen die wenigen Schwächen kaum ins Gewicht. Dennoch sehe ich ein größeres Manko und halte zwei kleine Einschränkungen für notwendig:
Das Manko von Auf Jesus bauen ist die Übersetzung: Diese ist bezüglich ihres Ansatzes irritierend und ihrer Qualität teilweise besorgniserregend schlecht. Denn das Bemühen um eine vermeintlich „inklusive“ Sprache verunmöglicht an mehreren Stellen den Lesefluss beinahe. Außerdem führt der inkonsequente Sprachgebrauch an vielen Stellen zu logischen Brüchen. Eine Neubearbeitung der Übersetzung würde den gelungenen Inhalt besser zum Tragen bringen.
Nun zu den beiden Einschränkungen: Zum einen ist das Werk erkennbar in einem nordamerikanischen Gemeindekontext verwurzelt. Manche organisatorischen Beispiele setzen Möglichkeiten voraus, die nicht jede Gemeinde im deutschsprachigen Raum besitzt. Allerdings betreffen diese Unterschiede eher die konkrete Ausgestaltung als die grundlegenden Prinzipien.
Zum anderen klingt der deutsche Untertitel im Unterschied zum Original (A Comprehensive Guide) bescheidener – was gut ist! Das Buch behandelt zwar eine beeindruckende Breite an Themen, kann aber naturgemäß nicht jedes davon erschöpfend darstellen. Wer zu einzelnen Bereichen vertiefend arbeiten möchte, wird ergänzende Literatur benötigen. Diese kann man sich zu Beginn aus dem Endnotenverzeichnis erschließen. Allerdings hätte auch diesem ein gründlicheres Lektorat gutgetan.
Fazit: Mehr als ein Leitfaden für Mitarbeiter
Auf Jesus bauen ist letztlich mehr als ein Leitfaden für die Arbeit mit Kindern: Es ist ein Plädoyer dafür, den Dienst an den Kleinsten vom Auftrag der Gemeinde her zu denken. Das eigentlich Überraschende an diesem Buch ist vielleicht nicht seine Pädagogik, sondern seine Ekklesiologie. Zwar schreiben Reju und Machowski über Kinderarbeit, denken aber letztlich über Gemeinde nach. Doch am Ende bleibt vor allem eine ebenso schlichte wie tröstliche Erkenntnis: Gemeinden bauen gesunde Kinderarbeit nicht auf Ideen, Mitarbeitern oder Konzepten. Wir sollten auf Jesus bauen. Genau daran erinnert dieses Buch auf kluge, ausgewogene und pastoral wohltuende Weise.
Buch
Deepak Reju, Marty Machowski, Auf Jesus bauen: Ein Leitfaden für evangeliumszentrierte Kinderarbeit, Waldems: 3L 2026, 212 Seiten, 18,50 €.