Bibel und Theologie

Das Gesetz im Leben des Christen

Buchauszug von Timothy Keller
7. Oktober 2026 — 8 Min Lesedauer

Für den Christen, der mit den radikalen Aussagen der Erlösung allein durch Gnade konfrontiert wird, stellt sich natürlich sofort die Frage: Wenn ich „frei vom Gesetz“ bin, bedeutet das dann nicht, dass ich dieses Gesetz nicht mehr zu halten brauche? Wenn ich allein durch das Werk Christi gerettet werde und nicht durch mein eigenes Tun, warum soll ich mich dann noch um ein geheiligtes Leben bemühen? Welchen Grund habe ich noch, Gottes Gesetz zu halten? Es gibt keine lebensnähere Frage als die nach der Beziehung des Christen zu Gottes Gesetz. Alle unsere sonstigen Fragen über das reale Christenleben – Wie soll ich meinen Ehepartner behandeln? Für was soll ich mein Geld ausgeben? Wie ernst muss ich meine Berufsausübung nehmen? – folgen aus der großen Frage aller Fragen: Welche Beziehung habe ich als Christ zu Gottes Gesetz? Paulus hat im Galaterbrief bisher klargestellt, dass wir allein durch den Glauben an Christus und nicht durch irgendwelche eigenen Leistungen erlöst, gerettet und gerechtfertigt sind. Jetzt hat er den Punkt erreicht, wo der aufmerksame Leser die obige Frage über das Gesetz stellt. Und so setzt er sich mit dieser Frage auseinander.

Wenn jemand ein Testament macht

Als Erstes betont Paulus, was das Gesetz nicht kann. Dazu nimmt er ein „Beispiel aus dem Alltag“. Dieses Beispiel ist ein rechtskräftiges Testament (griechisch: diatheke). „Man hebt doch das Testament eines Menschen nicht auf, wenn es bestätigt ist, noch setzt man etwas hinzu“ (V. 15). Das ist ein gutes Beispiel, denn sobald ein Testament vorschriftsgemäß gemacht worden ist, betrachten wir es als bindend, egal, wie die Verhältnisse sich ändern mögen. Wenn eine Frau ihrer armen Tochter mehr Geld hinterlässt als ihrer reichen Tochter, gilt dies auch dann, wenn einen Tag nach dem Tod der Mutter die reiche Tochter ihr gesamtes Vermögen verliert. Trotz der veränderten Lage gilt das Testament weiter. Das ist bei Gottes Verheißungen nicht anders. Paulus weiß, dass es Stimmen gibt, die aus der Tatsache, dass das Gesetz des Mose 430 Jahre nach Gottes Verheißung an Abraham gegeben wurde (V. 17), den Schluss ziehen: „Das ändert die Sache natürlich! Wenn wir heute den Segen Abrahams bekommen wollen, müssen wir also das Gesetz des Mose befolgen.“ Aber Paulus zeigt auf, dass dies ein Fehlschluss ist: „Das Testament, das von Gott zuvor bestätigt worden ist, wird nicht aufgehoben durch das Gesetz, … sodass die Verheißung zurückgenommen würde“ (V. 17). Das Gesetz des Mose kann aus der Verheißung Gottes an Abraham nicht etwas anderes machen als das, was sie ist – eine Verheißung. Wie sollte das Kommen des Gesetzes etwas ändern können an der Zusage Gottes an Abraham, dass der Segen durch sein übernatürliches Eingreifen, durch seine Gnade kommen wird (1Mose 12, 1–3; 15, 1–6)? Das ist ein starkes Argument. Wenn das mosaische Gesetz als Weg zur Erlösung gekommen wäre, würde das bedeuten, dass Gott es sich anders überlegt hat – dass er zu dem Schluss gekommen ist, dass wir keinen Erlöser brauchen und dass er uns seinen Segen aufgrund unserer Leistung geben wird und nicht aufgrund seiner Verheißung. Wenn das Gesetz diese Funktion hätte, würde es die Verheißung nicht ergänzen, sondern schlicht aufheben (vgl. Gal 3, 17). „Denn wenn das Erbe durch das Gesetz erworben würde, so würde es nicht durch Verheißung gegeben“ (V. 18). Der springende Punkt ist der, dass Verheißung und Gesetz einander ausschließen. Wenn ich dir etwas schenke, weil ich es dir versprochen habe, spielt deine Leistung keine Rolle. Und wenn ich dir etwas schenke, weil du eine Leistung erbracht hast, spielt mein Versprechen keine Rolle. Paulus hämmert es uns ein: entweder Gnade oder Werke. Entweder die Verheißung des Gebers oder die Leistung des Empfängers. Beides zusammen geht nicht. Schauen wir uns dies noch genauer an. Einer Verheißung brauche ich nur zu glauben, einem Gesetz muss ich gehorchen. Wenn ich dir z.B. sage, dass mein Onkel Jack sich gern mit dir treffen und dir 10 Millionen Dollar schenken möchte, wirst du das Geld nur dann nicht erhalten, wenn du mich für verrückt erklärst und den Onkel nicht besuchst. Sage ich dir dagegen, dass mein Onkel dir sein ganzes Vermögen im Wert von 10 Millionen Dollar vererben wird, falls du zu ihm ziehst und ihn bis zu seinem Tod pflegst, dann musst du eine ganz bestimmte Bedingung erfüllen, um das Geld zu erhalten. Keine Pflege – keine Kohle. Einem Versprechen brauche ich nur zu glauben, um mein Geschenk zu erhalten; einem Gesetz muss ich gehorchen, um meinen Lohn zu bekommen.

Bundesverheißungen

Wenn das mosaische Gesetz als Weg zur Erlösung gedacht gewesen wäre, wäre Gottes Verheißung an Abraham keine wirkliche Verheißung gewesen. Und diese Verheißung wurde sogar durch einen Bund (V. 17: „Testament“) besiegelt. Paulus führt uns wieder zurück zu 1. Mose 15. Als Abraham (damals noch Abram) Gott fragt: „Woran soll ich merken, dass ich’s besitzen werde?“ (V. 8), weist Gott ihn an, eine Kuh, eine Ziege, einen Widder, eine Turteltaube und eine andere Taube herbeizuholen. Abraham ist klar, was er mit den Tieren machen soll: „Und er brachte ihm dies alles und zerteilte es in der Mitte und legte je einen Teil dem andern gegenüber“ (V. 10). Wir mögen das merkwürdig finden, aber damals war das die Art, wie man einen Bund „unterzeichnete“. Jeder der Bundschließer ging zwischen den Tierhälften hindurch, um so (sehr drastisch!) zu illustrieren: „Wenn ich diesen Bund breche, möge auch ich so in Stücke geschnitten werden; ich habe es dann verdient, so zu sterben wie diese Tiere hier.“ Aber – und das ist das Erstaunliche an dem Bundesschluss zwischen Gott und Abraham – Abraham ging nicht zwischen den Tierhälften hindurch! „Als nun die Sonne unterging, fiel ein tiefer Schlaf auf Abram“ (1Mose 15,12). Das Einzige, was zwischen den Tierhälften hindurchging, war „ein rauchender Ofen, und eine brennende Fackel“ (V. 17). Was war dieses Feuer? Es war Gott: „An dem Tage schloss der Herr einen Bund mit Abram“ (V. 18). Gottes Verheißung an Abraham ist eine Bundesverheißung. Doch mehr noch: Dieser Bund hängt nicht von Abraham ab, sondern gänzlich von Gott. Eher wird er sterben, als dass er seine Verheißung an Abraham und dessen Nachkommen (insbesondere einem ganz bestimmten Nachkommen, „deinem Nachkommen“, Gal 3,16), der ganzen Welt Segen zu bringen, brechen wird. Und er starb dann auch, an einem Kreuz und als dieser „Nachkomme“, als der Mensch Jesus Christus. Mit 1. Mose 15 im Hinterkopf zeigt Paulus den Galatern, wie unmöglich es ist, dass Gott seine Bundesverheißung durch irgendwelche Gehorsamsforderungen ergänzt. Er selbst hat schließlich feierlich garantiert, dass er sein Versprechen halten wird – wie kann dann die Verheißung durch das Gesetz „aufgehoben“ werden (V. 17)? Also muss das Gesetz des Mose eine andere Funktion haben. Aber bevor wir uns diese Funktion ansehen, sollten wir zuerst fragen, was denn die Argumentation des Paulus den damaligen Christen in Galatien (und uns heute) überhaupt zu sagen hat. Sie gehörten doch gar nicht zu dem physischen Volk Israel; sie waren auch nicht dabei, als Abraham die Verheißung oder als Mose das Gesetz gegeben wurde. Aber sie standen in ihrem eigenen Leben in Gefahr, eben dem heilsgeschichtlichen Missverständnis zu erliegen, gegen das Paulus sich hier so energisch wendet. Das Missverständnis besteht darin, dass Gott verheißen hat, sein Volk zu segnen, aber dass dieser Segen angeblich dadurch erlangt bzw. gesichert wird, dass man das Gesetz hält. Die Galater hatten, wie Paulus bereits in Vers 3 betont hat, „im Geist … angefangen“, aber wollten das Ziel „nun im Fleisch vollenden“. Worum es Paulus geht, ist, dass eine Verheißung, die als Gnadengeschenk begonnen hat, ein Gnadengeschenk bleiben muss, sonst ist es keine Verheißung. Sobald sie an Leistungen geknüpft wird, ist sie kein Geschenk mehr. Und das gilt für die Stellung der Galater gegenüber Gott nicht weniger als für das alte Israel. Der Christ beginnt sein Glaubensleben typischerweise damit, dass er von sich selbst wegschaut auf den gekreuzigten Christus (V. 1) und ganz auf Gottes Verheißung setzt, dass Christus unseren Fluch auf sich genommen und uns seinen Segen gegeben hat. Aber wenn dann der Alltag kommt, ist es verführerisch und nur zu einfach, wieder auf sich selbst und die „eigene Kraft“ (V. 3 NGÜ) zu schauen und seine Heilsgewissheit auf die eigene Leistung zu gründen. Das führt zu einer tiefen Verunsicherung, die letztlich entweder in Verzweiflung oder in Stolz mündet. Paulus möchte, dass die Galater von den falschen Lehrern und von sich selbst wegschauen und wieder das Kreuz in den Blick nehmen. Wenn Gott seinem Volk zeigt, wie es leben soll, kann der Grund dafür nicht sein, dass es nur so von ihm angenommen wird. Die Verheißung ist älter als das Gesetz. Das Gesetz kann, was den Segen betrifft, nicht mit der Verheißung konkurrieren; es setzt die Verheißung als Quelle des Segens nicht außer Kraft. Israel war eine Nation, die sich auf Gottes Verheißung verlassen musste; der einzelne Christ nicht weniger.

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Dieser Auszug stammt aus Leben in der Freiheit des Evangeliums (Galater-Kommentar) von Timothy Keller (S. 83–87). Das Buch kann hier bestellt werden.