Wir scrollen uns zu Tode
Im Oktober 1984 betrat der New Yorker Medienforscher Neil Postman das Podium der Frankfurter Buchmesse. Es war das Orwell-Jahr – vielleicht vergleichbar mit der Luther-Dekade –, in welchem unzählige Veranstaltungen zur Person und dem Wirken Orwells durchgeführt wurden. Anlass auf der Frankfurter Buchmesse war eine Podiumsdiskussion über George Orwells dystopischen Klassiker 1984. Postman kam, um Orwell zu widersprechen. Seine These vor dem Frankfurter Publikum war eine Provokation: Nicht Orwells totalitärer Überwachungsstaat bedrohe den Westen, sondern Aldous Huxleys Schöne neue Welt. Orwell fürchtete jene, die Bücher verbieten; Huxley fürchtete, dass Bücher überflüssig werden, weil niemand mehr lesen will. Orwell hatte Sorge, dass Informationen vorenthalten und gezielt manipuliert werden; Huxley sah voraus, dass wir in einem Meer von Belanglosigkeiten ertrinken.
Aus dieser Frankfurter Rede entstand im Jahr 1985 das Buch Wir amüsieren uns zu Tode. Als Kind des Jahrgangs 1985 bedeutet dieses Buch für mich eine ganz persönliche Wegmarke: Es beschreibt exakt jene Zeit in der Medien- und Kulturgeschichte, in die meine Generation hineingeboren wurde: das analoge Aufwachsen an der Schwelle zur digitalen Flut. Vier Jahrzehnte später legen die Herausgeber Brett McCracken und Ivan Mesa mit Wir scrollen uns zu Tode einen evangelikalen Sammelband vor, der Postmans medienkritisches Erbe für das Zeitalter des Smartphones antritt. Doch wer hier einen bloßen Ratgeber für „Digital Detox“ erwartet, greift zu kurz. Das Buch ist vielmehr der dringend notwendige Versuch, den Grundsatz von Postmans Vordenker Marshall McLuhan – „Das Medium ist die Botschaft“ – wieder in die theologische Reflexion zurückzuholen.
Vom Fernseher zur Dopamin-Spritze: Die neue Ausgangslage
Postmans Kritik des Jahres 1985 bezog sich auf das analoge Fernsehen. Das Medium war an die Steckdose im Wohnzimmer gebunden und sendete starre Programme für ein Massenpublikum. Patrick Miller zeigt im Auftaktkapitel des vorliegenden Bandes präzise, warum das Smartphone eben kein „kleiner Fernseher“ ist: Es ist ein durch Algorithmen gesteuerter, individualisierter digitaler Spielautomat. Durch die Verbindung aus künstlicher Intelligenz und variablen Belohnungsschleifen (Likes, Views, Shares) wurde die Kultur der Unterhaltung nahtlos in eine Kultur der chemischen Dopamin-Abhängigkeit überführt.
Während amerikanische Christen neue Medientechnologien traditionell mit pragmatischer Euphorie umarmt haben, neigen deutschsprachige Evangelikale eher zu einer naiven Gleichgültigkeit: Man nutzt die Geräte im Alltag unreflektiert und geht davon aus, dass Technik ein „neutrales Werkzeug“ sei, das man lediglich mit guten christlichen Inhalten füllen müsse.
Der Band hält dagegen: Jedes Kommunikationsmedium besitzt eine eigene Metaphysik und Erkenntnistheorie. Es formt unser Denken, besser gesagt: den Rahmen dessen, was wir überhaupt für denkbar, wahr und erstrebenswert halten.
Das entkörperlichte Ich und der epistemologische Kollaps
Zwei Kernbeiträge des Bandes verdeutlichen die anthropologische Verschiebung: Joe Carter und Jen Pollock Michel legen dar, wie das Internet den Menschen als reinen Geist ohne biologische Grenzen darstellt. In einer rein sprach- und bildbasierten Online-Sphäre wird der reale Körper zur Nebensache, die Schöpfungswirklichkeit des Menschen zu einer frei verhandelbaren Option.
Was der Soziologe Charles Taylor als „expressiven Individualismus“ bezeichnet – die Suche nach Identität und Wahrheit ausschließlich im eigenen, inneren Empfinden –, findet im Smartphone seine Vollendung. Das Smartphone ist kein Fenster zur Welt, sondern ein Spiegel. Die Frontkamera (2012 auf breiter Ebene eingeführt) und der Selfie-Kult haben das Subjekt zum Zentrum des Kosmos erhoben.
Die Konsequenz für die Erkenntnistheorie ist verheerend: Samuel D. James beschreibt in Anlehnung an Postman die Tyrannei der „Und jetzt …“-Welt. Im endlosen Feed folgt das Erdbeben auf das Kochrezept und die Kriegsmeldung auf das Katzenvideo. Es gibt keine Kontinuität, keine Zusammenhänge und keinen Raum für logische Argumentationsketten. Wahrheit wird in einer solchen Welt nicht mehr sachlich widerlegt; sie ertrinkt schlicht im Rauschen.
Der Zerfall der Lebensbereiche: Ehe, Familie, Schule und Wohnort
Für den europäischen und deutschsprachigen Kontext entfaltet der Band seine stärkste Sprengkraft dort, wo er die sozialen Nahbeziehungen in den Blick nimmt. In unserer globalisierten Gesellschaft erleben wir eine paradoxe Entwicklung: Wir sind über alles weltweit im Bilde, verlieren jedoch rapide die Beziehungsfähigkeit zu den Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung. Wir müssen jedoch verstehen, dass diese kleinen Zellen des Lebens die einzige haltbare Antwort auf die Globalisierung sind – nicht Rückzug, sondern Stärkung der Ehen, Familien, Gemeinden, Schulen, Nachbarschaften.
Brett McCracken erinnert hierbei an Postmans wegweisenden Begriff „Informations-Handlungs-Verhältnis“. Durch die globale Vernetzung werden wir mit Nöten, Skandalen und Krisen aus aller Welt überflutet, auf die wir keinerlei praktischen Einfluss nehmen können. Die Folge sind Ohnmacht, chronische Angst und das Ausweichen in Ersatzhandlungen – in den sogenannten Slacktivismus (das Posten von Hashtags, Flaggen und Empörungsbekundungen).
Dieser Mechanismus untergräbt systematisch die schöpfungsmäßigen Kernzellen der Gesellschaft:
Ehe und Partnerschaft: Wenn der Ehepartner tagtäglich mit der hyper-reizbaren, reibungslosen und auf Dopamin getrimmten Welt des Bildschirms konkurrieren muss, verliert das unspektakuläre reale Zusammenleben an Attraktivität. Das Phänomen des Phubbing (die Missachtung des Gegenübers zugunsten des Smartphones) zerstört Intimität schleichend, aber nachhaltig.
Familie als Bildungsraum: Das biblische Gebot aus 5. Mose 6 – das Weitergeben des Glaubens beim Gehen, Sitzen, Liegen und Aufstehen – setzt geteilte, ungeteilte Gegenwart voraus. Wenn Eltern und Kinder am selben Tisch sitzen, aber jeweils in ihren durch Algorithmen isolierten Mikro-Welten gefangen sind, bricht die generationsübergreifende Glaubensvermittlung zusammen.
Schule und Lesekompetenz: Die Einbrüche der PISA-Ergebnisse in den europäischen Ländern sind kein Zufall, sondern das Resultat eines Mediums, das die Fähigkeit zu langem, konzentriertem und linearem Denken abbaut. Wer nur noch 20-Sekunden-Clips konsumiert, verliert den „Leseverstand“ (typographic mind), der für das Verstehen komplexer biblischer Texte und Argumente unabdingbar ist.
Nachbarschaft: Während wir in den sozialen Medien über Weltpolitik und ferne Kriege streiten, vereinsamt der Nachbar im selben Stockwerk. Wir wissen genauestens über Vorgänge in Washington oder Berlin Bescheid, kennen aber nicht einmal die Namen derer, die neben uns wohnen. Die Pflicht zur realen Nächstenliebe vor Ort wird verdrängt durch die mediale Dauersorge um die Welt.
Kanzel, Liturgie und die Ortsgemeinde als leibliche Gegenkultur
Was bedeutet diese Diagnose für die Gemeinde Jesu? Der dritte Teil des Buches liefert hier erfreulich konkrete, biblisch fundierte Antworten.
Collin Hansen formuliert eine befreiende Mahnung an alle Pastoren: „Denken Sie klein!“ Im digitalen Zeitalter ist die Kanzel in eine Autoritätskrise geraten, weil Gemeindeglieder ihre Theologie und Weltanschauung 40 Stunden pro Woche von rhetorisch brillanten Online-Influencern, Podcastern und YouTube-Apologeten beziehen. Die 30-minütige Sonntagspredigt kann und soll nicht mit der Rhetorik globaler Stars konkurrieren. Die Autorität des biblischen Predigers speist sich nicht aus Reichweite oder Klickzahlen, sondern aus der Bereitschaft, ein Hirte zu sein, der die Nöte, Tränen und Namen seiner konkreten Schafe kennt und ihnen an einem konkreten Ort das Wort Gottes auslegt.
Jay Y. Kim legt dar, warum das Phänomen der sogenannten „Online-Gemeinde“ ein ekklesiologischer Widerspruch in sich ist. Biblische Gemeinde ist „oikos“, das bedeutet Hausgenossenschaft und Familie. Echte Gemeinschaft ist immer unbequem und verlangt ein hohes Maß an Verbindlichkeit – zwei Dimensionen, die das Smartphone konsequent wegzuoptimieren versucht. Man kann im Metaverse niemanden taufen, kein physisches Brot brechen, keine Kranken salben und keine reale Last tragen.
Nathan Finn erinnert uns daran, dass das Internet eine „Maschine der Vergesslichkeit“ ist, die uns in einer nervösen, geschichtslosen Gegenwart festhält. Gottes Medizin dagegen ist eine bewusst gepflegte christliche Erinnerungskultur: das Einbinden historischer Bekenntnisse, der Gesang klassischer Choräle, die Verankerung in der Kirchengeschichte und die regelmäßige Bibellese aus dem gedruckten Buch.
Kritische Würdigung und Fazit
Wir scrollen uns zu Tode ist ein herausragendes, im besten Sinne unzeitgemäßes Buch. Seine Stärke liegt in der nüchternen Verbindung von fundierter Medienkritik (McLuhan/Postman) mit einer robusten, reformatorischen Theologie von Schöpfung, Inkarnation und Gemeinde.
Man muss dem Band gelegentliche Schwächen nachsehen, die vielen Sammelbänden eigen sind: Manche Kapitel wiederholen Postmans Grundgedanken etwas redundant, und die Faszination einiger US-Autoren für das soziologische Modell der Amischen (Spencer/Schuchardt) ist für Christen in einer europäischen Großstadt nur begrenzt als Blaupause tauglich. Doch das methodische Prinzip der Amischen – Technologien nicht blind zu übernehmen, sondern gemeinschaftlich danach zu beurteilen, was sie dem sozialen und geistlichen Gefüge nehmen und was sie geben – ist eine Lehrstunde für jeden Ältestenkreis.
Für Christen im deutschsprachigen Raum kommt dieses Buch zur rechten Zeit. Es ruft uns auf, aus dem narkotischen Dämmerzustand des endlosen Scrollens zu erwachen. Die Antwort auf die Zersetzung unserer Kultur liegt nicht im Rückzug in isolationistische Nischen, sondern im mutigen Aufbau von leiblichen Gegeninstitutionen: Ehen, in denen Treue gelebt wird; Familien, die zusammen am Tisch sitzen; und Ortsgemeinden aus Fleisch und Blut, die in einer vereinsamten Welt das reale Brot des Lebens teilen. Das Buch mit seinen vielen einzelnen Gastbeiträgen kann jedoch nur ein Anfang sein. Wir müssen sein Anliegen jetzt überall vor Ort selbst weiterdenken und für unser tägliches Leben die Lehren daraus ziehen, die für unsere Gemeinschaften und Familien passen.
Buch
Brett McCracken und Ivan Mesa (Hg.), Wir scrollen uns zu Tode. Zwischen Bildschirm und Wirklichkeit, Dillenburg: Christliche Verlagsgesellschaft, 2026, 288 Seiten.