Bibel und Theologie

Die Eroberung von Kanaan war kein Völkermord

Artikel von Robert Rothwell
29. September 2026 — 6 Min Lesedauer

„Nach 35 Jahren Religionsstudium bin ich zu zwei unumstößlichen Tatsachen gekommen: Es gibt einen Gott – und ich bin es nicht.“ Diese Worte sagt Pater John Cavanaugh, der ehemalige Präsident der University of Notre Dame, zu Daniel „Rudy“ Ruettiger im Film Rudy aus dem Jahr 1993. Ganz einverstanden bin ich mit diesem Satz allerdings nicht. Unser Nachdenken über die Wahrheit des Glaubens sollte uns zu weit mehr unumstößlichen Erkenntnissen über den Gott der Bibel und den Herrn Jesus Christus führen. Die Schlussfolgerung des Priesters gefällt mir dennoch: „Es gibt einen Gott, und ich bin es nicht.“ Prägnanter lässt sich eine der Kernwahrheiten der Bibel wohl kaum ausdrücken: der Unterschied zwischen dem Schöpfer und seinem Geschöpf.

Wir sind Gott ähnlich genug, um ihn wahrhaftig erkennen zu können, und zugleich so verschieden von ihm, dass ihm Fähigkeiten und Vorrechte zukommen, die wir niemals besitzen werden. Er selbst ist das Leben und empfängt es von niemand anderem (vgl. 2Mose 3,14). Wir dagegen haben unser Leben von ihm. Gott ist der Gesetzgeber und Richter, wir stehen unter seinem Urteil – nicht er unter unserem. Er ist der souveräne und gute König über seine Schöpfung und hat als ihr Schöpfer das Recht, mit ihr nach seinem Willen zu verfahren (vgl. Röm 9,1–24).

Diese Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf ist besonders wichtig, wenn wir biblische Berichte wie den über die Eroberung Kanaans lesen. Für viele Menschen bietet diese Geschichte einen der größten moralischen Anstöße im Alten Testament. Kritiker werfen dem Gott der Bibel vor, einen Völkermord befohlen zu haben. Aber auch Christen ringen mit der Frage, wie die Eroberung Kanaans mit Gottes Güte und Liebe zusammenpasst.

Der begrenzte Umfang der Eroberung

In 5. Mose 20,16–18 bekommen die Israeliten Anweisungen, wie sie mit den Bewohnern des verheißenen Landes verfahren sollen: „Aber in den Städten dieser Völker, die der HERR, dein Gott, dir zum Erbe geben wird, sollst du nichts leben lassen, was Odem hat“ (Vers 16). Israel sollte alle Bewohner Kanaans töten – Männer, Frauen, Kinder und Tiere. Texte wie dieser sind der Grund dafür, dass manche Menschen behaupten, der Gott der Bibel habe einen Völkermord befohlen. Allerdings war Gottes Befehl zur Vernichtung der Kanaaniter weder rassistisch noch kulturell motiviert. Israel sollte die Bewohner des verheißenen Landes nicht wegen ihrer Herkunft ausrotten und sie auch nicht über die Grenzen des Landes hinaus verfolgen. Wer das Gebiet verließ, konnte sich dem Gericht entziehen. Es ging also nicht um die Auslöschung eines Volkes, sondern um die Vertreibung der Kanaaniter aus dem Land. Das wird besonders deutlich am Beispiel Rahabs. Sie gehörte weiterhin zum Volk der Kanaaniter, wandte sich aber vom Götzendienst ab und vertraute auf den Gott Israels. Deshalb wurde sie verschont (vgl. Jos 2; 6,25).

Bei einem Völkermord geht es darum, ein ganzes Volk um jeden Preis auszulöschen – auch dann, wenn Teile seiner Bevölkerung in ein anderes Land fliehen. Niemand aus diesem Volk wird verschont. Der Umfang der Vernichtung der Kanaaniter war auf ein bestimmtes Gebiet begrenzt. Sie konnten dem Schwert Israels entkommen, indem sie flohen oder sich von der Sünde abwandten und auf den einen wahren Gott vertrauten. Gott hatte keinen Völkermord befohlen.

Die Gerechtigkeit der Eroberung

Viele Menschen, die die Eroberung Kanaans für moralisch fragwürdig halten, haben vermutlich keine klare Vorstellung davon, wie die Verhältnisse dort tatsächlich aussahen. Man könnte meinen, die Kanaaniter seien im Grunde Menschen wie wir gewesen: vielleicht mit weniger fortschrittlicher Technik, aber ansonsten rechtschaffene Bürger und angenehme Nachbarn. Wenn Kanaan tatsächlich so ausgesehen hätte, wäre der Befehl zu ihrer Vernichtung schwer zu rechtfertigen.

Die Menschen in Kanaan waren jedoch keine „gewöhnlichen“ Sünder. 3. Mose 18 enthält eine Liste von Praktiken, die den Israeliten verboten waren, darunter Inzest, Ehebruch, Homosexualität, Bestialität und Menschenopfer (vgl. Verse 1–23). Unmittelbar danach erklärt Gott, dass genau diese Gottlosigkeit der Grund dafür sei, warum er die Kanaaniter aus dem Land vertreiben werde. Zugleich warnt er Israel davor, dieselben Sünden zu begehen, damit es nicht selbst aus dem Land vertrieben werde (Verse 24–30). Die Kanaaniter waren keine zweitklassigen Sünder. Sie verbrannten ihre Kinder als Opfer für den Gott Moloch und betrieben mutwillig und unbußfertig kultische Prostitution und jede andere Form sexueller Unmoral. Sie hatten das Urteil der Vernichtung durch den vollkommen heiligen Schöpfer mehr als verdient.

Gottes Geduld und die Eroberung

Die Eroberung Kanaans offenbart Gottes Gerechtigkeit, aber sie zeigt uns auch seine Geduld. Jahrhunderte bevor Israel nach Kanaan zog, kündigte Gott Abraham das kommende Gericht über die Amoriter an – eine Bezeichnung, die in diesem Zusammenhang für die Bewohner Kanaans steht. Doch dieses Gericht sollte noch nicht zu Abrahams Lebzeiten kommen, denn „das Maß der Sünden der Amoriter ist noch nicht voll“ (1Mose 15,16). Gott traf diese Entscheidung nicht leichtfertig oder übereilt. Er war überaus geduldig mit ihnen und gab ihnen Hunderte Jahre Zeit zur Umkehr. Gott handelt nicht vorschnell, sondern ist langmütig und hält sein Gericht zurück, bis die von ihm bestimmte Zeit gekommen ist. Die Kanaaniter gingen schließlich zugrunde, weil sie Gottes Geduld missachteten. Sie erkannten nicht, dass seine Güte und Geduld sie zur Umkehr führen sollte (vgl. Röm 2,4).

Erlösung und die Eroberung

Die Vernichtung vieler, aber nicht aller Kanaaniter war kein Selbstzweck, sondern stand im größeren Zusammenhang von Gottes Heilsplan. Von Ewigkeit her hatte Gott beschlossen, einen Retter zu senden, der in der Fülle der Zeit kommen und sterben würde, um sein Volk zu retten (vgl. Röm 5,6; Gal 4,4–5; Eph 1,10). Der Zeitpunkt dafür war von Gott festgesetzt. Nach dem Auszug aus Ägypten und der Wüstenwanderung war er jedoch noch nicht gekommen. Der verheißene Messias sollte aus Israel kommen, genauer gesagt aus dem Stamm Juda (1Mose 49,10). Deshalb musste Gott sein Volk als heiliges Volk bewahren, bis die von ihm bestimmte Zeit für das Kommen des Retters gekommen war.

Die Vertreibung der Kanaaniter und ihrer Gottlosigkeit diente deshalb auch dazu, Israel als Volk zu bewahren. Gott befahl seinem Volk, die Kanaaniter aus dem Land zu vertreiben, damit Israel nicht von ihrer Sünde angesteckt und schließlich selbst zugrunde gerichtet würde (vgl. 5Mose 20,16–18). Wäre das geschehen, hätte es keinen Messias und keine Erlösung für die Welt geben können.

Israel selbst erfüllte diesen Auftrag allerdings nie vollständig. Immer wieder ließ es sich unter dem Alten Bund von den Kanaanitern und ihren Sünden verführen. Dennoch bewahrte Gott in seiner Gnade einen treuen Rest in Israel. Aus diesem Volk sandte er schließlich Jesus Christus, den wahren Israeliten. Durch sein Leben und Werk besiegt und vertreibt Christus Sünde und Tod und rettet uns vor dem Zorn Gottes, der einst die Kanaaniter traf.