Bibel und Theologie

Den herrlichen Gott sehen und anbeten

Artikel von Michael Wiche
24. September 2026 — 12 Min Lesedauer

In unserem Leben erleben wir immer wieder ein Stück „Herrlichkeit“. Bei der Fußball-WM können wir z.B. sagen: „Was für ein herrlicher Freistoß von Lionel Messi!“ Wenn wir am Meeresufer stehen und auf die Weiten des Ozeans blicken, fühlen wir die Herrlichkeit der Schöpfung. Nachdem wir ein Konzert besuchen, verkünden wir: „Es war einfach herrlich!“ Wenn wir etwas als „herrlich“ bezeichnen, bringen wir unsere Begeisterung zum Ausdruck und fassen unser Staunen in Worte.

Jede „Herrlichkeit“ in unserem Leben ist dabei aber nur ein schwacher Vergleich oder ein kleiner Geschmack von der Herrlichkeit des Gottes, der sich uns in der Bibel vorstellt. Er ist der Gott, der dieses Universum ins Dasein rief; der Gott, der dich und mich einzigartig und wunderbar geschaffen hat.

Wenn wir einen herrlichen Sonnenuntergang sehen, wie der Himmel sich in die schönsten Farben färbt, dann sind wir sprachlos und machen Fotos. Aber selbst die besten Fotos können diesen herrlichen Moment nicht einfangen. Wenn schon ein Sonnenuntergang so herrlich ist, wie viel herrlicher muss Gott sein. Er ist so herrlich, dass im neuen Himmel und auf der neuen Erde keine Sonne mehr nötig sein wird. Dort wird es keine Sonnenuntergänge geben, die uns zum Staunen bringen, weil wir den Gott sehen, dessen Herrlichkeit uns den Atem rauben wird.

In Johannes 17 bekommen wir wie durch ein Fenster einen einzigartigen Blick in eine andere Welt – eine Welt voller Herrlichkeit und Vollkommenheit. Während wir am Fenster stehen, entfaltet sich vor uns ein so atemberaubender Blick von Schönheit und Herrlichkeit, weil wir etwas von dem herrlichen Gott selbst sehen! Wir lauschen dem persönlichen Gespräch von Jesus mit seinem himmlischen Vater und werden in diese herrliche Realität mit hinein genommen. Jesus betet in Johannes 17,5: „Und nun verherrliche du mich, Vater, bei dir selbst mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.“

Der herrliche Gott

Jesus hat in Vers 4 gebetet: „Ich habe dich verherrlicht auf Erden.“ Jetzt bittet er in Vers 5: „Und nun verherrliche du mich, Vater.“ Jesus bezeugt, dass er die Herrlichkeit seines Vaters auf der Erde sichtbar gemacht hat – er hat ihn verherrlicht. Und dann betet Jesus um Herrlichkeit. Er betet dafür, dass er selbst verherrlicht werde, während er auf seine bevorstehende Erhöhung nach der Kreuzigung und Auferstehung schaut.

Was wir hier sehen, ist ein gegenseitiges Ehren und Verherrlichen von Gott dem Vater und Gott dem Sohn. Der Sohn verherrlicht und ehrt den Vater (Vers 4) und der Vater verherrlicht und ehrt den Sohn (Vers 5). Darin wird für uns eine Wahrheit über den herrlichen Gott deutlich: Gott der Vater und Gott der Sohn besitzen dieselbe Herrlichkeit. Der Vater ist in vollem Maße Gott! Der Sohn ist in vollem Maße Gott!

Was meinen wir damit, wenn wir von Gottes Herrlichkeit sprechen? Gottes Herrlichkeit bringt das vollkommene Wesen Gottes zum Ausdruck. Wir könnten auch sagen: Gott zu sein, bedeutet herrlich zu sein. Wenn du beschreiben willst, wie Gott ist, dann kannst du sagen: Er ist herrlich, und zwar vollkommen herrlich, absolut schön und vollkommen rein. Gott ist herrlich über alle Maßen, es ist nicht mehr zu übertreffen. Es ist eine Schönheit, deren Anblick atemberaubend ist und alles in den Schatten stellt, was wir als herrlich bezeichnen würden. Jedes Erleben von „Herrlichkeit“, was wir hier auf der Erde haben, gibt uns eine Ahnung von der so umfassenden Herrlichkeit unseres Gottes.

Im Gebet Jesu wird außerdem deutlich, dass der Sohn vollen Anteil an derselben Herrlichkeit wie der Vater hat. Jesus spricht von der Herrlichkeit, die er bei seinem Vater selbst hatte. Der Sohn ist nicht weniger herrlich, nicht weniger Gott. Er ist nicht erst irgendwann herrlich geworden im Laufe der Zeit oder nach der Auferstehung. Es gibt außerdem keine Konkurrenz zwischen Vater und Sohn, wer mehr Herrlichkeit hätte. Sie besitzen beide die eine Herrlichkeit gemeinsam zu 100%, sie handeln danach und sie führen ihren Plan aus.

Wir können sehen, dass Gott der Vater und Gott der Sohn unterschieden und doch eins sind. Der Sohn betet zum Vater, d.h. der Sohn ist nicht der Vater. Sie sind unterschieden und doch sind sie in ihrem Wesen eins. Nur einige Verse später sagt Jesus Folgendes: „… auf dass sie eins seien, gleichwie wir eins sind“ (Joh 17,22).

Der Vater und der Sohn sind nicht zwei Götter, sondern ein Gott mit einem Wesen und einer Herrlichkeit. In Hebräer 1,3 wird dieses Verhältnis so beschrieben: „Dieser (der Sohn) ist die Ausstrahlung seiner (Gottes) Herrlichkeit und der Ausdruck seines Wesens.“ Der Sohn spiegelt Gottes Wesen und Herrlichkeit wider. Es ist wie mit der Sonne. So wie wir die Sonne durch die Wärme erleben, die von ihr ausgeht, so ist die Herrlichkeit des Vaters durch den Sohn sichtbar und erlebbar. Vater und Sohn lassen sich nicht voneinander trennen.

Gott der Vater und Gott der Sohn sind nicht nur vollkommen herrlich, sie sind auch selbst-existent, d.h. sie existieren aus sich selbst heraus, sie sind von niemandem abhängig, um zu leben (anders als wir): „Denn wie der Vater das Leben in sich selbst hat, so hat er auch dem Sohn verliehen, das Leben in sich selbst zu haben“ (Joh 5,26).

Außerdem haben sie dieselbe Macht, Leben zu geben: „Gleichwie du ihm (dem Sohn) Vollmacht gegeben hast über alles Fleisch, damit er allen ewiges Leben gebe, die du ihm gegeben hast“ (Joh 17,2).

Was auf den Vater zutrifft, trifft auch auf den Sohn zu – und umgekehrt. Du kannst Vater und Sohn nicht trennen. Der einzige Unterschied besteht in ihrer Beziehung von Ewigkeit her als Vater und Sohn.

Eine Herrlichkeit – von Ewigkeit her

Der Sohn ist der Sohn von Ewigkeit her. Deshalb betet Jesus in Johannes 17,5 um die Herrlichkeit, die er beim Vater hatte, bevor es die Welt gab. Der Sohn hat keinen Anfang, er ist ewig gezeugt vom Vater. Für den Sohn gibt es keine Geburtsurkunde beim Standesamt des Universums.

Beide existieren in Ewigkeit in vollkommener Herrlichkeit. Ewigkeit umfasst dabei die Vergangenheit und die Zukunft. Es gibt keinen Startpunkt und keine Ziellinie. Beim Marathon wäre das keine gute Idee, ohne Startpunkt und Ziellinie zu laufen. Im Blick auf die Zeit bedeutet ewig, dass es keinen Anfang und kein Ende gibt. Bei negativen Erlebnissen oder Ereignissen wäre das eine Katastrophe – wenn wir z.B. von einem Krieg reden, der nie enden würde.

Aber bei der Herrlichkeit Gottes ist die Ewigkeit die beste und schönste Nachricht. Selbst der herrlichste Sonnenuntergang ist zeitlich begrenzt, aber Gottes vollkommene Herrlichkeit und Schönheit hat schon immer existiert und wird für immer existieren.

Bevor diese Welt geschaffen wurde, waren der Vater und der Sohn da – voller Herrlichkeit in Ewigkeit. Das bedeutet für uns auch: Gott hat diese Welt und uns nicht aus einem Mangel heraus geschaffen, sondern aus Überfluss; nicht aus Not, sondern aus Freude.

Und er hat uns geschaffen für seine Herrlichkeit. Jesus sagt genau das in Vers 24: „Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt.“ Jesus betet darum, dass wir am Ende seine Herrlichkeit sehen sollen. Dazu sind wir berufen, dafür sind wir geschaffen: für seine Herrlichkeit. Darauf soll unser Leben zulaufen.

Durch den Glauben zur Herrlichkeit

Was für ein unverdientes Geschenk, was für ein Privileg, was für eine Freude ist es, dass wir Anteil an Gottes Herrlichkeit haben dürfen. Und diese Herrlichkeit wird uns zuteil durch den Glauben. In Vers 3 bezeugt Jesus: „Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.“

Den allein wahren Gott und Jesus Christus erkennen – das bedeutet, an ihn zu glauben. Es ist mehr als ein Wissen über ihn, es geht um eine Beziehung zu ihm. Darin besteht das wirkliche Leben: für immer Anteil an seiner Herrlichkeit zu haben.

Was bedeutet es, an Jesus Christus zu glauben? Die biblische Geschichte erzählt uns Folgendes: Gott hat uns Menschen in seinem Ebenbild geschaffen als Spiegelbilder seiner Herrlichkeit. Wir existieren, um seine Herrlichkeit in dieser Welt sichtbar zu machen. Doch durch den Ungehorsam der ersten Menschen – Adam und Eva – haben wir die Herrlichkeit verloren, für die wir geschaffen wurden. Aber Gott wurde in Jesus Christus Mensch, Gottes Herrlichkeit kam auf diese Erde (Joh 1,14) und wohnte unter uns. Jesus hat ein vollkommenes Leben zur Ehre Gottes gelebt. Er ist den Tod gestorben, den wir aufgrund unseres Versagens verdient gehabt hätten, und er hat den Tod besiegt, indem er von den Toten auferstanden ist.

Jeder, der an Jesus Christus glaubt und sein Vertrauen auf ihn allein setzt, erhält das ewige Leben, d.h. Anteil an dieser Herrlichkeit, die nur in Gott selbst zu finden ist. Wenn Jesus Christus nicht unser Leben ist, leben wir am Ziel Gottes für uns Menschen vorbei.

Ein Vorgeschmack der Herrlichkeit Gottes

Als Gemeinde erleben wir die Herrlichkeit Gottes in unserer Gemeinschaft schon jetzt. Es ist ein Vorgeschmack auf die vollkommene Herrlichkeit, die wir als Kinder Gottes in alle Ewigkeit erleben dürfen. Als Christen sind wir eins (d.h. verbunden) mit Jesus, unserem Herrn, und dadurch auch miteinander. Das ist es, was unsere Gemeinschaft ausmacht und prägt. Wir kommen aus ganz unterschiedlichen Hintergründen, Prägungen, Sprachen und Kulturen und wir sind Teil einer Gemeinde, weil Jesus selbst uns zusammengestellt hat. Er hat uns auserwählt, gerettet und zu seinem Eigentum gemacht. Er hat uns in die Gemeinschaft mit anderen Kindern Gottes gestellt. Und die Welt um uns herum ist eingeladen, durch die Gemeinde zu sehen, wie herrlich Jesus ist:

„Und ich habe die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, ihnen gegeben, auf dass sie eins seien, gleichwie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, damit sie zu vollendeter Einheit gelangen, und damit die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, gleichwie du mich liebst.“ (Joh 17,22–23)

Du hast also schon jetzt als Kind Gottes das Geschenk bekommen, die Herrlichkeit, die du eines Tages vollständig erleben wirst, hier auf der Erde zu schmecken – in der Gemeinschaft seiner geliebten Gemeinde. Du erlebst seine Herrlichkeit im ganz normalen Leben der Gemeinde: indem wir einander lieben und vergeben, füreinander sorgen und beten, einander an die Hand nehmen und aufhelfen, einander mit unseren Gaben dienen, einander in der Nachfolge ein Vorbild sind und einander Lasten tragen.

Es ist wie mit einem Diamanten. Die Schönheit eines Diamanten wird dann sichtbar, wenn die Sonne mit ihren Strahlen darauf scheint und dieses Licht sich im Diamanten bricht und reflektiert wird. Der Diamant beginnt zu funkeln, und dadurch wird die Herrlichkeit des Diamanten sichtbar.

So ist es auch mit der Gemeinde und Gottes Herrlichkeit. Wenn Gottes Gegenwart und seine Herrlichkeit in unsere Gemeinschaft strahlt, dann beginnt die Gemeinde zu funkeln. Dann wird Gottes Herrlichkeit in seiner Gemeinde sichtbar. Wenn du Teil einer Gemeinde bist, hast du heute schon ein von Gott geschenktes Erleben seiner Herrlichkeit. Du bist schon dabei, den Probierlöffel für das herrliche Hochzeitsmahl des Lammes zu kosten und einen Geschmack von Gottes Herrlichkeit zu bekommen. Wenn du nicht verbindlich zu einer Ortsgemeinde gehörst, such dir eine! Es ist der Ort, an dem Gottes Herrlichkeit schon jetzt sichtbar wird.

Herrlichkeit soll zur Anbetung führen

Wenn das Schauen auf Gottes Herrlichkeit nur dein Wissen im Kopf vermehrt, ist es viel zu wenig. Herrlichkeit soll zur Anbetung führen. Jesus betet darum, dass wir seine Herrlichkeit sehen: „… damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast“ (Joh 17,24)

Wir sollen sehen und glauben, wie herrlich Jesus ist. Es ist wie bei einem prunkvollen und herrlichen König, dem von seinem Volk zugejubelt wird. Seine Herrlichkeit führt dazu, dass sein Volk jubelt und ihn ehrt.

Wenn wir Gott sehen, wie er ist – ja, wie herrlich er ist –, dann ist die einzig angemessene Reaktion: staunend davor stehen und ihn anbeten! Auch das ist etwas, was wir jetzt schon erleben können. Unser Leben soll ein Leben in Anbetung von Gott und seiner Herrlichkeit sein. Unsere Anbetung ist auch hier ein Abbild von der Anbetung, die wir eines Tages als Gottes Volk in Vollkommenheit erleben werden. Dort im Himmel werden wir mit Menschen aus allen Sprachen, Stämmen, Völkern und Nationen vor seinem Thron anbeten. Wir werden ihn sehen, wie er wirklich ist, nicht in einem schwachen Abglanz oder zeitlich begrenzt, sondern vollkommen und in alle Ewigkeit.

Daher sollte unser Blick auf Gottes Herrlichkeit schon jetzt Anbetung in uns hervorrufen, weil er es wert ist, weil er würdig ist. Es gibt nichts Größeres und Erfüllenderes in unserem Leben, nichts, was uns sonst Sinn gibt, als allein der Gott, der vollkommen herrlich ist!

Unser ganzes Leben soll ein Leben zu seiner Ehre und Herrlichkeit sein! Wir sollen ihn loben, ihm von Herzen danken, uns an ihm erfreuen und in Abhängigkeit von ihm jeden Tag leben. In unserem Alltag dürfen wir diesen herrlichen Gott sehen und immer mehr erkennen.

Wir dürfen immer wieder anbetend an diesem Fenster mit diesem herrlichen Blick stehen bleiben und über unseren herrlichen Gott staunen.

Wenn wir über Gott und sein Wesen nachdenken, dann kommen wir an kein Ende. Wir entdecken immer mehr von ihm, weil er so vollkommen ist. Wir staunen immer wieder neu, weil er so herrlich ist. Wir freuen uns an ihm, weil wir in ihm die absolute Fülle haben.