Theologie für jeden Tag
Ist es ein Andachtsbuch oder ein Lehrbuch für Systematische Theologie? Kevin DeYoung wagt in Theologie für jeden Tag diesen Spagat. Ist er ihm gelungen?
Für DeYoung wird mit diesem Buch ein „Traum wahr“ (S. 21). Er wollte immer schon ein Buch zur Systematischen Theologie schreiben. Sein Hauptanliegen damit ist, „zu verstehen, was die Bibel lehrt, zu verteidigen, was die Bibel lehrt, und sich an dem Gott zu erfreuen, den die Bibel offenbart“ (S. 22).
Doch er weiß auch: Dieses Buch ist kein „bahnbrechendes Werk“ (S. 21). Seine Nische sei viel mehr die „Übersetzung“. Damit meint er, dass Theologie für jeden Tag auf vielen bekannten und weniger bekannten Theologen in der reformierten Tradition aufbaut, und er ihr Erbe ins 21. Jahrhundert überträgt und so für Leser von heute verständlich macht.
Theologie für jeden Tag ist wie ein klassisches Lehrbuch in größere Themenfelder gegliedert, die jeweils aus vielen kurzen Kapiteln bestehen, die als Andachten gelesen werden können.[1] Aufgrund dieser besonderen Einteilung schlägt DeYoung drei Wege vor, das Buch zu lesen:
Entweder für die tägliche Andacht (fünf Kapitel pro Woche für ein Jahr), als Nachschlagewerk zu einzelnen Themen, oder als kompaktes Lehrbuch, das man im eigenen Tempo liest. „Der Pessimist könnte behaupten, dass dieses Buch zu viel will: Es ist zu tiefgründig für ein Andachtsbuch, nicht umfassend genug für ein Nachschlagewerk und zu vereinfacht für eine Systematische Theologie“ (S. 23). Ist diese Kritik, die DeYoung zu Beginn vorwegnimmt, gerechtfertigt? Um dies herauszufinden, habe ich die drei möglichen Anwendungen für das Buch getestet.
Ein Buch für die tägliche Andacht
Wie schlägt sich Theologie für jeden Tag als tägliches Andachtsbuch? Mein Fazit vorweg: erstaunlich gut, sofern man die richtige Erwartung hat. Damit meine ich, dass du keine „klassische“ Andacht bestehend aus einem Bibelvers, einem kurzem Gedanken dazu, ein paar persönlichen Fragen und einem Liedtext oder Gedicht am Ende erwarten solltest.
Wer DeYoung kennt, weiß, dass sich seine Bücher oft leicht und durchaus unterhaltsam lesen lassen, aber gleichzeitig tiefgründig sind. Dieses Werk liest sich nicht ganz so einfach wie andere, da DeYoung viel Inhalt in relativ kurze Kapitel packt. Verglichen mit R.C. Sprouls Jeder ist ein Theologe (ebenso ein Lehrbuch für Einsteiger, das allerdings nicht als Andachtsbuch geschrieben wurde) schreibt DeYoung noch kompakter und zitiert viele Bibelstellen, führt oft Fachbegriffe ein und verweist auf andere Theologen.
Daher reicht es selten aus, ein Kapitel nur kurz zu überfliegen. Wenn du es als Andachtsbuch gebrauchen willst, solltest du dir ein wenig Zeit nehmen, um das Thema zu erarbeiten, ein paar Bibelstellen nachzuschlagen und darüber zu reflektieren. Wenn du diesen Aufwand nicht scheust, wirst du meist belohnt.
Manchmal habe ich allerdings eine klare persönliche Anwendung am Ende des Kapitels vermisst. Diese ist oft nur leicht angedeutet. Doch wenn man sich darauf einstellt, danach ein wenig im Text zu suchen, findet man oft viele Gründe, zum Schluss auf die Knie zu gehen und den Herrn zu loben und zu preisen. Auch manche Kapitel am Ende von größeren Abschnitten dienen dazu, eine praktische Anwendung des Gelernten zu demonstrieren. Zum Beispiel endet der Abschnitt zur Trinität mit dem phantastischen Kapitel „Der dreieinige Gott und das christliche Leben“ (Kapitel 50, S. 113). Hier hätte ich mich gefreut, wenn solche Gedanken über mehrere Kapitel im Abschnitt verteilt gewesen wären, um die Leser direkt vom Gelernten zur Anwendung zu führen.
Im Großen und Ganzen stimme ich aber C.S. Lewis zu, den Ron Kubsch im großartigen Nachwort zur deutschen Ausgabe zitiert: „Ich persönlich finde dogmatische Bücher oft hilfreicher für die Andacht als Andachtsbücher“ (S. 508). Wem es ähnlich geht oder wer sich darauf einlassen möchte, wird bei Theologie für jeden Tag belohnt.
Ein Nachschlagewerk für Pastoren und Prediger
Was aber ist mit den anderen beiden Wegen, die DeYoung vorschlägt? Taugt es als Lehrbuch oder Nachschlagewerk?
Viele Pastoren und Theologen fragen sich vielleicht, ob sie noch ein weiteres Nachschlagewerk benötigen, vor allem eines, das auf vielen bekannten Dogmatiken aufbaut. Wenn wir aber ehrlich sind, sind die meisten von uns nicht so gute „Übersetzer“ wie DeYoung. Ich bemerkte in den vergangenen Monaten, dass ich vermehrt zu DeYoung greife, wenn ich eine kurze Zusammenfassung zu einem Thema suche, um z. B. Fragen eines Gemeindegliedes zu beantworten. Ebenso benötige ich in meinem Dienst als Prediger oft eine kurze Auffrischung zu manchen Themen in der Vorbereitung für den Sonntag. Hier war früher die Versuchung groß, eine Suchmaschine oder einen Chatbot zu fragen, anstelle den schweren Bavinck oder Berkhof vom Regal zu nehmen. Doch genau für solche Anwendungen trifft Theologie für jeden Tag als Nachschlagewerk die goldene Mitte.
Besonders die kurzen, kompakten Kapitel werden auch Laien schätzen, obwohl die Dichte an Information gewöhnungsbedürftig ist. Hier bietet sich für manche Jeder ist ein Theologe von R.C. Sproul als Alternative an, da es eine einfachere und trotzdem umfassende Einführung ist.
Eine Lehrbuch für das Selbststudium
Schließlich las ich auch längere Abschnitte am Stück. Hier merkt man erst recht, wie dicht gepackt das Buch mit Informationen ist. Nach nur wenigen Kapiteln rauchte mein Kopf bereits. Doch anders gesagt: In diesem Buch steckt (noch) viel mehr, als man erwartet. Wer das Buch fürs Selbststudium der Systematischen Theologie verwendet, sollte es daher nicht unterschätzen und ausreichend Zeit einplanen.
Hier möchte ich noch zwei positive Aspekte hervorheben. Erstens, dass DeYoung immer wieder mit manchen Kapiteln überrascht. Überschriften wie „Evangelisation und die Souveränität Gottes“ (Kapitel 60, S.131), „Transgenderismus“ (Kapitel 77, S. 164) und „Die Väter haben saure Trauben gegessen“ (Kapitel 104, S. 214) wecken das Interesse.
Zweitens, dass die Lehre der Kirche einen größeren Raum als in anderen Dogmatiken einnimmt: Ganze 10 Wochen, also knapp ein Fünftel des Buches widmet sich der Ekklesiologie. Auch wenn ich als Baptist hier nicht immer DeYoungs Meinung teile, hat mir die Breite und Tiefe dieses Abschnittes viel Freude bereitet.
Fazit
Ich kann Theologie für jeden Tag primär als Andachtsbuch, aber auch als Nachschlagewerk oder Lehrbuch empfehlen. Wenn dich diese spannende Kombination anspricht, habe ich noch einen Tipp für dich: Lies das Buch nicht (nur) allein. Sei es gemeinsam als Ehepaar, unter Freunden, oder mit einem Bruder oder Schwester im Rahmen einer Jüngerschaftsbeziehung. Nehmt euch Zeit, gemeinsam Bibelstellen nachzuschlagen, darüber zu reden und schließlich zu beten. So habe ich persönlich auch am meisten davon profitiert.
Buch
Kevin DeYoung, Theologie für jeden Tag: Andachten zur Systematischen Theologie, Bad Oeynhausen: Verbum Medien, 2026, 34,90 EUR. Das Buch kann auch direkt beim Verlag bestellt werden.
1 Für eine ausführlichere Einführung siehe die Rezension von Thomas Richter zur englischen Ausgabe.