Bibel und Theologie

Werden alle Menschen gerettet?

Was bedeuten die „alle“-Aussagen in Römer 5,18 und 1. Korinther 15,22?

Artikel von Christoph Jung
18. September 2026 — 58 Min Lesedauer

Ich erinnere mich noch gut an ein Gespräch vor einiger Zeit, in dem mein Gegenüber mich schließlich bestimmt aufforderte: „Das musst du aber jetzt wörtlich nehmen!“ Gemeint waren die Worte aus Römer 5,18, wo es heißt: „Also: Wie nun durch die Übertretung des Einen die Verurteilung für alle Menschen kam, so kommt auch durch die Gerechtigkeit des einen für alle Menschen die Rechtfertigung, die Leben gibt.“ (SLT).

Wenn man das auf den ersten Blick so sieht, kann man schnell denken: „Stimmt, da ist ja tatsächlich die Rede von „allen“ Menschen. Und ist es nicht zweifellos gut, die Bibel wörtlich zu nehmen?“[1]

Ist es also richtig, was Vertreter der sogenannten Allversöhnungslehre (auch Universalismus genannt) sagen, dass am Ende der Heilsgeschichte ausnahmslos alle Menschen – und manche schließen den Satan und die Dämonen mit ein[2]– gerettet sein werden? Gibt es also letztlich doch keinen doppelten Ausgang der Heilsgeschichte mit Himmel und Hölle, Geretteten und Verlorenen? Gibt es am Ende nur noch eine einzige Gruppe, bestehend aus allesamt Geretteten?

Vertreter der Allversöhnungslehre[3] beziehen sich dabei tendenziell vor allem auf Aussagen des Apostels Paulus. Auch wenn dies vermutlich so nicht beabsichtigt ist, kann dies dann auf eine Abwertung anderer Teile der Bibel hinauslaufen, so dass diese zugunsten der Stellen, die scheinbar die Allversöhnungslehre unterstützen, nicht mehr in gleicher Weise berücksichtigt werden müssen.[4] Kennzeichnend für diese Stellen aus den Paulusbriefen ist, dass sie Begriffe wie „alle“ oder „ganz“ enthalten. Die große Frage dabei ist, ob sich diese Begriffe auf alle Menschen ohne Ausnahme beziehen oder ob sie irgendwie qualifiziert bzw. näher bestimmt werden und somit beispielsweise auf bestimmte Gruppen bezogen sind.

Wir wollen uns unter dieser Fragestellung im Folgenden auf Römer 5,18 und im Zusammenhang damit auch 1Kor 15,22+28 konzentrieren:[5]

Römer 5,18: Adam und Christus

Im Abschnitt Römer 5,12–21[6] geht es um die dramatischen Auswirkungen der Taten von Adam und Christus auf die gesamte Menschheitsgeschichte. In den vorangehenden Kapiteln des Römerbriefs erklärte Paulus das Evangelium. Er machte klar, dass alle Menschen, Juden und Heiden, vor Gott schuldig sind, dass Gottes Zorn über die Sünde absolut berechtigt ist und dass Rechtfertigung für Juden und Heiden allein aus Gottes Gnade und allein durch Glauben an Jesus Christus möglich ist. Der Abschnitt in Römer 5 zeigt, warum diejenigen, die durch Glauben gerechtfertigt worden sind, eine sichere Hoffnung haben: Es liegt daran, dass Christus für alle, die zu ihm gehören, gehandelt hat. Und diese Hoffnung ist sogar sicher inmitten einer von Sünde und Tod überfluteten Welt. Der Abschnitt ist einer der Texte in der Bibel, in dem die Lehre von der Zurechnung am deutlichsten wird: die Zurechnung entweder von Sünde oder Gerechtigkeit.

Die Folge der Sünde Adams, des Oberhauptes und Repräsentanten der Menschheit, war die Erbsünde (o. Ursünde) und die Sündennatur für alle Menschen. Die Gemeinsamkeit zwischen Adam und Christus besteht vor allem darin, dass die Taten beider Oberhäupter jeweils große Auswirkungen auf die Menschen haben, die sie repräsentieren. Die Unterschiede zwischen beiden sind dagegen zahlreicher. In Römer 5,15 heißt es (ELB): „Mit der Übertretung ist es aber nicht so wie mit der Gnadengabe. Denn wenn durch des einen Übertretung die vielen gestorben sind, so ist viel mehr [πολλῷ μᾶλλον] die Gnade Gottes und die Gabe in der Gnade des einen Menschen Jesus Christus gegen die vielen überreich geworden.“[7]

Es ist viel einfacher, zu zerstören, als aus dem Nichts aufzubauen. Adam sorgte für Verurteilung und die Herrschaft des Todes. Christus dagegen bewirkte Rechtfertigung und sorgte dafür, dass diejenigen, die er repräsentiert, nicht mehr vom Tod beherrscht werden, sondern durch Jesus im Leben herrschen. Adam bewirkte Versklavung, Christus Freiheit. Adam beging eine bewusste Sünde, Jesus machte ein freiwilliges Geschenk. Adam nahm für sich, Jesus gab sich hin für andere. Adam zerstörte durch eine Sünde, die Gnadengabe aber folgte vielen Übertretungen.[8] Verständlich, dass Paulus bei dieser Gegenüberstellung von Sünde und Gnade letztere als „viel mehr“ (Verse 15+17, πολλῷ μᾶλλον) und überreich (Vers 20) bezeichnet.

In Vers 18, der an den nicht abgeschlossenen Vers 12 anknüpft, macht Paulus dann noch einmal deutlich, dass es wirklich um Leben und Tod geht (ELB):

„Wie es nun durch eine Übertretung für alle Menschen (πάντας ἀνθρώπους) zur Verdammnis kam, so auch durch eine Rechtstat für alle Menschen (πάντας ἀνθρώπους) zur Rechtfertigung des Lebens.“

Alle heißt nicht immer „alle ohne Ausnahme“

Allversöhner sehen in diesem Vers die klare Verheißung, dass alle Menschen aller Zeiten ohne Ausnahme gerettet werden. Für sie sind beide Gruppen deckungsgleich.[9]

Wir können an diesem Beispiel lernen, wie wichtig der Zusammenhang für die Auslegung von Bibeltexten ist! Und damit ist zuerst der unmittelbare, aber in zweiter Linie natürlich auch der gesamtbiblische Zusammenhang gemeint. Und das gilt eben auch für die Bedeutung von einzelnen Worten, so dass ein Begriff wie „alle“[10] nicht automatisch absolut zu setzen ist.[11] Stattdessen sollten wir nachschauen, ob er näher bestimmt wird.

Wenn wir das Wort „alle“ oder „alles“ bei Paulus oder auch bei anderen biblischen Autoren lesen, dann erhalten wir durch den Zusammenhang Hinweise darauf, wie umfassend der Begriff gemeint ist.

Wir schauen uns einige Stellen mal genauer an:

  • So heißt es beispielsweise in Römer 8,32 (SLT): „Er, der sogar seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern ihn für uns alle dahingegeben hat, wie sollte er uns mit ihm nicht auch alles schenken?“

Hier hätten wir beispielsweise einen klaren Bezugsrahmen für „alle“: für „uns alle“ (ὑπὲρ ἡμῶν πάντων), also die Christen in Rom (und darüber hinaus einschließlich Paulus). Und „alles“ (τὰ πάντα) umfasst natürlich nicht das moralisch Böse (vgl. Mt 7,11; Jak 1,5; 1Joh 1,5).

  • Römer 12,17–18 (SLT): „Vergeltet niemand Böses mit Bösem! Seid auf das bedacht, was in den Augen aller Menschen (πάντων ἀνθρώπων) gut ist. Ist es möglich, soviel an euch liegt, so haltet mit allen Menschen (πάντων ἀνθρώπων) Frieden.“

Definitiv liegt hier eine Einschränkung in der zweiten Aussage vor. Christen sollen mit allen Menschen in Frieden leben, aber die Einschränkung „soviel an euch liegt“ macht klar, dass dies nicht mit allen Menschen ohne Ausnahme gelingt.[12] Auch die erste Aussage, auf das bedacht zu sein, was in den Augen aller Menschen gut ist, muss zumindest mit anderen biblischen Aussagen ausbalanciert werden, denn in Römer 1 schildert Paulus, dass unerlöste Menschen ein verfinstertes Herz und die Neigung haben, Gefallen daran zu finden, wenn andere die gleichen Sünden begehen wie sie selbst (Röm 1,32).[13]

  • Römer 14,2 (SLT): „Einer glaubt, alles (πάντα) essen zu dürfen; wer aber schwach ist, der isst Gemüse.“ Hier ist natürlich nur alles gemeint, was essbar ist.
  • Römer 16,19 (LUT): Denn euer Gehorsam ist bei allen (εἰς πάντας) bekannt geworden. Deshalb freue ich mich über euch. Ich will aber, dass ihr weise seid zum Guten, aber geschieden vom Bösen.“

Natürlich ist der Gehorsam nicht bei allen Menschen der damaligen Zeit bekannt geworden, sondern repräsentativ bei vielen Menschen der damaligen Zeit.

  • Ähnlich verhält es sich auch außerhalb des Römerbriefs, z.B. in 1. Korinther 9,22b, wo Paulus schreibt: „Ich bin allen alles (πᾶσιν γέγονα πάντα) geworden, damit ich auf alle Weise [Adverb: πάντως] einige errette.“

Hat Paulus sich wirklich allen Menschen auf jede nur erdenkliche Weise angepasst? Nein, natürlich nicht. Der Text redet von einzelnen Gruppen wie den Juden, den Heiden, den Schwachen, die er erreichte. Er hat sich also nicht allen Menschen ohne Ausnahme angepasst, sondern allen Gruppen ohne Unterschied. Und er ist ihnen natürlich nicht alles ohne Ausnahme geworden. Er hat zum Beispiel nichts Unmoralisches getan, um bestimmte Zielgruppen besser erreichen zu können.

Wir könnten noch viele weitere Beispiele aus der Bibel heraussuchen, wo der Begriff „alle“ eingeschränkt verwendet wird.

Wir sehen also an den gezeigten Beispielen aus dem Römerbrief und dem übrigen Neuen Testament, dass der Begriff „alle“ durch den Kontext qualifiziert und somit  eingeschränkt wird, auch bei Aussagen, wo von „allen Menschen“ die Rede ist.

Gnade muss empfangen werden

Auch unser Text in Römer 5 beinhaltet diese Art von Qualifizierung. In Römer 5,17, also im Vers unmittelbar vor Vers 18, macht Paulus eine wichtige Einschränkung (SLT):

„Denn wenn infolge der Übertretung des einen der Tod zur Herrschaft kam durch den einen, wie viel mehr werden die, welche den Überfluss der Gnade und das Geschenk der Gerechtigkeit empfangen (λαμβάνοντες), im Leben herrschen durch den Einen, Jesus Christus!).“

Jesus repräsentiert also nur diejenigen, die die Gnade und das Geschenk der Gerechtigkeit empfangen. Im Griechischen steht hier ein Partizip Präsens aktiv (λαμβάνοντες), das mit einem Relativsatz übersetzt wird. Es geht offensichtlich nur um die Glaubenden, also Christen.

Vertreter der Allversöhnungslehre bestreiten, dass das Partizip eine Einschränkung darstellt.[14] Sie verweisen, darauf, dass es beim Empfangen nicht um ein aktives Empfangen, sondern ein passives Empfangen gehe.

Sieht man es aus der göttlichen Perspektive der Erwählung und unwiderstehlichen Gnade Gottes, so ist der generelle Verweis auf das passive Empfangen nachvollziehbar und richtig. Menschen verdienen sich nicht ihr Heil. Geistlich Tote müssen durch Gottes Geist erweckt werden.

Abgesehen von diesem richtigen Punkt ist aber die Schlussfolgerung, dass das Partizip keine Einschränkung darstelle, unzutreffend. Denn auf jeden Fall stellt das Partizip bzw. in der Übersetzung der Relativsatz eine nähere Bestimmung, bzw. eine Qualifizierung dar. Nur die Empfangenden kommen in den Genuss des Geschenkes. Und auf menschlicher Ebene ruft die göttliche Erwählung/Berufung nun einmal eine menschliche Antwort hervor. Der Exeget Douglas Moo schreibt dazu:

„Die Wichtigkeit dieser Qualifikation kann kaum überbetont werden. Denn sie erinnert uns daran – damit wir nicht Römer 1–4 vergessen! – dass Gerechtigkeit und Leben nur jenen gilt, die auf Gottes Gnade in Christus antworten, und dass sie nur denen gilt, die antworten.“[15]

Es werden also nur die Christen im Leben herrschen, da nur sie Jesus vertrauen. Genau das hatte Paulus auch ausführlich herausgearbeitet. Im ganzen Römerbrief bis dahin wird immer wieder klar, dass nur diejenigen, die glauben, gerettet werden.

Die in der zweiten Satzhälfte von Römer 5,18 genannte Rechtfertigung aller Menschen bezieht sich darum nur auf Christen. Und Rechtfertigung geschieht nur dann, wenn Menschen zum Glauben kommen. Ein „Gerechtfertigt-Sein“ ohne Glauben (oder vor dem Glauben) gibt es in der Bibel nicht (vgl. Röm 3,28; Röm 5,1, s.u.).[16]

Nicht nur die nähere Bestimmung in Vers 17 macht also klar, dass der zweite Teil von Römer 5,18 sich nur auf Christen bezieht, sondern auch der nähere Zusammenhang in Römer 5,1, wo es um die Christen geht und ständig von „wir“ oder „uns“ etc. geredet wird (ELB, Hervorhebungen hinzugefügt):

„Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus, durch den wir im Glauben auch Zugang erhalten haben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns aufgrund der Hoffnung der Herrlichkeit Gottes.“

Dieser Text rundet die Argumentation in Römer 1-4 sozusagen ab.[17] Auch bei anderen Texten mit einer „universalen“ Sprache[18], fallen immer wieder diese Einschränkungen auf die Glaubenden oder die Unterwerfung (anstatt Erlösung) der feindlichen Mächte auf.[19]

Römer 5,18 beschreibt also zwei verschiedene Menschengruppen

Wir haben also in Römer 5,18 zwei verschiedene Gruppen. Adam repräsentiert alle natürlichen Menschen, so wie sie geboren werden.[20] Aber selbst hier gibt es eine Ausnahme. Denn Jesus wurde nicht als Sünder geboren.[21]

Christus dagegen repräsentiert alle Menschen, die geistlich an ihn glauben. So gibt es zwei „Menschheiten“: Die einen sind in Adam, die anderen in Christus.[22]

Auch die Zugangswege zu beiden Gruppen sind völlig unterschiedlich. In Adam sind Menschen durch ihre natürliche Geburt, – in Christus, dem letzten Adam, gelangen Menschen dagegen nur durch geistliche Geburt (vgl. Joh 3,5+7). Sie sind dann nicht mehr in Adam.

Die beiden Gruppen in Römer 5,18 sind daher nicht deckungsgleich, was auch andere Bibelstellen zeigen. Jesaja 66,15–24 verwendet etwa den Ausdruck „alles Fleisch“ für unterschiedliche Gruppen von Menschen.[23]

Insgesamt macht die Bibel sehr klar, dass am Ende nicht alle Menschen ohne Ausnahme an Gott glauben werden, sondern dass es zwei Gruppen geben wird: Gerettete und Gerichtete. Die Geretteten werden nicht alle Menschen ohne Ausnahme sein, sondern alle Glaubenden aus allen Völkern.

Gottes Volk umfasst zu keinem Zeitpunkt alle Individuen aller Völker aller Zeiten, sondern Menschen aus allen Völkern. So heißt es in Offenbarung 5,9 (ELB):

„Und sie singen ein neues Lied und sagen: Du bist würdig, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen; denn du bist geschlachtet worden und hast durch dein Blut für Gott erkauft aus jedem Stamm und jeder Sprache und jedem Volk und jeder Nation (ἐκ πάσης φυλῆς καὶ γλώσσης καὶ λαοῦ καὶ ἔθνους).“

Ähnlich steht es auch in Offenbarung 7,9).[24]

„In Adam“ und „in Christus“ bezeichnen zwei verschiedene Gruppen

Der Parallelvers zu Römer 5,18 ist 1. Korinther 15,22. Auch hier wird deutlich, dass beide Gruppen unterschiedlich sind (ELB):

„Denn wie in Adam alle (ἐν τῷ Ἀδὰμ πάντες) sterben, so werden auch in Christus alle (ἐν τῷ Χριστῷ πάντες) lebendig gemacht werden.“

Die Behauptung von manchen Vertretern der Allversöhnungslehre, dass „in Adam“ und „in Christus“ sich gar nicht auf „alle“ beziehe, sondern adverbial zu übersetzen sei (also auf den Vorgang des Sterbens, und des Lebendig-Werdens bezogen ist, womit beide Gruppen deckungsgleich sein sollen)[25], ist nicht stichhaltig. Denn „in Christus“ ist eine häufige Bezeichnung im Neuen Testament für Christen. Entweder sind Menschen in Adam oder in Christus, aber in Christus ist man nicht automatisch.[26]

So heißt es in Römer 8,1 (ELB): „Also gibt es jetzt keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.“ Oder in Römer 16,7 lässt Paulus Mitarbeiter grüßen, „die schon vor mir in Christus waren!“ Und ebenfalls sehr deutlich ist 2. Korinther 5,17: „Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.”

Gerade der letztgenannte Vers zeigt, dass der Begriff „eine neue Schöpfung in Christus“ nicht nur eine individuelle Komponente hat („neues Geschöpf“), sondern auch den Hinweis auf die neue Schöpfung, den neuen Himmel und die neue Erde, dessen Bevölkerung die zum Glauben gekommenen Menschen sein werden. „Damit Individuen Teil dieser neuen Schöpfung werden, müssen sie wählen, in Christus zu sein.“[27] Oder anders ausgedrückt: „Nichtsdestotrotz darf die „neue Schöpfung“ jetzt betreten werden, durch das Wort Gottes, das Evangelium, „durch Glauben”.[28]

Insofern würde letztlich auch eine adverbiale Übersetzung nichts an der Grundbedeutung ändern, da 1. Korinter 15,22b nur auf Christen bezogen ist.

Es ist richtig, dass sich die Gruppengröße „in Adam“ und „in Christus“ jedes Mal dann ändert, wenn ein Mensch zum Glauben an Jesus kommt. Dann ist dieser Mensch nämlich nicht mehr in Adam, sondern von dann an in Christus.[29] Aber diese Möglichkeit, zu wechseln, gibt es – und da ist die Bibel deutlich – nur in diesem Leben. Nur jetzt ist die Zeit der Gnade (vgl. 2Kor 6,2), weswegen wir heute, wenn wir Jesu Stimme hören, nicht unsere Herzen verhärten sollten (vgl. Heb 3,15; 4,7). Es kommt also darauf an, „in Christus“ zu sterben (1Kor 15,18).

In 1. Korinther 15,22 geht es um Christen

Auch die Verse nach 1. Korinther 15,22 machen klar, dass das Lebendig-Machen (ζῳοποιηθήσονται) hier im Vers nur Christen betrifft. „Paulus bekräftigt den Brief hindurch, dass diejenigen, die nicht in Christus sind, letztendlich sterben werden (1Kor 1,18; 3,17; 5,13; 6,9–10; 9,27; vgl. 2Thess 1,9). Die Macht des Todes ist dagegen gebrochen für diejenigen, die in Christus sind. Das Verb ζῳοποιηθήσονται (werden lebendig gemacht werden) impliziert eine neue Schöpfung (vgl. Röm 4,17) und Paulus wendet das Verb nur auf Gläubige an, nicht Ungläubige.“[30]

  1. Korinther 15,23–24 (LUT) sagt:
„Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören[31], wenn er kommen wird; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.“

Manche Allversöhner versuchen diese Schlussfolgerung, dass nämlich das Lebendig-Machen nur die Christen betrifft, zu umgehen, indem sie unter dem Begriff „das Ende“ (τὸ τέλος) den Rest der Menschheit sehen wollen.[32] Aber diese Übersetzung kann nicht überzeugen.[33]

Hinzu kommt auch der vorangehende und auch nachfolgende Text (also der Kontext) in 1. Korinther 15, der umso klarer macht, dass es sich bei der zweiten Gruppe nur um die Christen, also diejenigen „in Christus“, handelt.

Letztlich verdeutlicht Paulus in dem Abschnitt, dass der christliche Glaube mit der Auferstehung steht oder fällt. Paulus ermahnt die Christen in 1. Korinther 15,2, festzuhalten (was bei Rettung aller Menschen ohne Ausnahme letztlich nicht entscheidend wäre).[34] Er betont in Vers 3, dass Christus „für unsere Sünden“ gestorben ist. In Vers 11 erinnert er die Korinther daran, dass sie die Predigt von Paulus glaubten. Aber ohne Auferstehung Christi wäre der ganze Glaube sinnlos und dann wäret „ihr noch in euren Sünden“ (Vers 17). Dann wären auch die, die „in Christus entschlafen“ sind, „verlorengegangen“ (Vers 18 ELB). Ohne Auferstehung wären die Christen „die elendesten von allen Menschen“ (Christen bilden hier offenbar eine Untergruppe der Menschheit). Auch der Abschluss des Kapitels (vgl. 1Kor 15,50–58) macht eindeutig klar, dass das „Verschlungen-Werden des Todes im Sieg strikt limitiert ist auf die Auferstehung/Transformation von Gläubigen“.[35]

Die Gott gegenüber feindlichen Mächte werden unterworfen, nicht erlöst

Dies ist auch der Kontext, in dem die Unterwerfung aller Feinde unter Christus beschrieben wird.[36] Manche Vertreter der Allversöhnungslehre schließen aus Vers 26 (ELB, „Als letzter Feind wird der Tod weggetan.“), dass dies dann auch den „zweiten Tod betreffen müsste“ und somit die Errettung aller Menschen bedeuten würde.[37] Dagegen spricht aber der biblische Befund eindeutig. So heißt es in Offenbarung 20,14–15:

„Und der Tod und der Hades wurden in den Feuersee geworfen. Dies ist der zweite Tod, der Feuersee. Und wenn jemand nicht geschrieben gefunden wurde in dem Buch des Lebens, so wurde er in den Feuersee geworfen.“

Andrew Wilson schreibt zu diesen Versen: „Dieses letzte Beispiel ist besonders interessant, …, denn es sieht keine Spannung darin, einerseits zu beschreiben, dass der Tod zerstört wird (Vers 14) – ungeachtet der Tatsache, dass ein zweiter Tod sofort folgt! – und andererseits die folgende Verdammung der Ungerechten (Vers 15) zu bekräftigen.“ Offenbar besteht der zweite Tod weiter, auch in den Vollendungskapiteln (vgl. auch Offb 21,8).[38] „Für Paulus war die Niederwerfung des Todes ein essenzieller und kulmunierender Teil des kosmologischen Sieges Christi, aber dies hob nicht das Gericht von allen auf.“[39]

Wenn Gott dann in Vers 28 alles in allen (oder allem) (τὰ πάντα ἐν πᾶσιν) ist, ist hier eben nicht ein pan(en-)theistisches „alles ist Gott/alles in Gott“ oder eine Allversöhnung gemeint.[40] Stattdessen wird, „wenn Gott durch Christus den letzten Feind seines Volkes unterworfen hat, Gottes Wille in jedem Bereich und auf alle Art höchste Priorität haben“.[41]

Tidball beschreibt diesen Triumph treffend:

„So ist auch der Triumph des Gottes, der nicht nur Liebe ist, sondern auch Licht, nicht nur gnädig, sondern auch heilig, nicht nur barmherzig, sondern auch mächtig, ein Grund zur Feier.“[42]

Auf den Zusammenhang kommt es an

Wenn wir alle Überlegungen zu Römer 5,18 bündeln, dann kommen wir zu folgenden Ergebnissen:

Wir haben gesehen, dass 1. Korinther 15 die Aussage von Römer 5 unterstreicht. Der Fokus liegt bei diesen Texten tatsächlich nicht auf den Zahlen innerhalb jeder Gruppe, sondern auf der gleichen Art ****und Weise, wie das Bundeshaupt der Gruppe jeweils Verdammnis oder Rechtfertigung (vgl. Röm 5,18) bzw. Tod oder Leben (vgl. 1Kor 15,22) vermittelt.

Es ist lobenswert, wenn Vertreter der Allversöhnungslehre nicht primär aus philosophischen Überlegungen heraus, sondern mit biblischen Argumenten diskutieren. Es ist nachvollziehbar, wenn Menschen etwas in der Bibel „entdecken” und davon begeistert sind. Zweifelsohne ist es begrüßenswert, wenn man die Bibel möglichst wörtlich nehmen möchte. Aber „Entdeckungen“ sollten immer sorgfältig überprüft und gegebenenfalls korrigiert werden. Vernachlässigen Bibelleser den Kontext und andere Regeln der Auslegung, kann eine wörtliche Auslegung schnell das Gegenteil des ursprünglich Gemeinten bedeuten.[43]

Vertreter der Allversöhnungslehre, die die beiden hier erörterten Verse „wörtlich“[44] nehmen wollen, beachten den jeweiligen Zusammenhang und die gesamtbiblischen Aussagen nicht ausreichend und reißen somit ungewollt sowohl Römer 5,18 als auch 1. Korinther 15,22 aus dem Zusammenhang. Damit diese Lesart von Römer 5,18 oder 1. Korinther 15,22 „funktioniert“, müssen eine postmortale Bekehrung in den Text hineingelesen und Gerichtspassagen relativiert werden.[45]

Diese scheinbar wörtliche Auslegung der „alle-Aussagen“ in Römer 5,18 und 1. Korinther 15,22 wird dann absolut gesetzt, so dass alle dieser Deutung widersprechenden Aussagen dazu passend gemacht oder untergeordnet werden müssen.[46]

Wie bereits erwähnt, macht die Bibel klar, dass es darauf ankommt, in diesem Leben Frieden mit Gott zu erlangen (vgl. Mt 25,1–13; Lk 13,23–30; 16,19–31; Joh 3,18; Joh 3,36). Nirgendwo deuten Jesus oder seine Apostel an, dass es noch eine Umkehrchance nach dem Tod geben würde (Lk vgl. Lk 16, 19-31; Joh 5,28–29, Heb 9,27).[47] Es gibt tatsächlich ein „zu-spät“ (vgl. Heb 3,7+15 u. 4,7), eine Zeit der Gnade, die jetzt ist und nicht später (vgl. 2Kor 6,2), weswegen wir jetzt Menschen dringend zu Jesus einladen sollen (vgl. 2Kor 5,20). Jesus warnt davor, in den Sünden zu sterben (vgl. Joh 8,24; auch 1Kor 15,17). Und er macht klar, dass am Ende nicht alle Menschen ohne Ausnahme glauben werden, wenn er sagt (Mt 7,13–14):

„Geht ein durch die enge Pforte! Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der ins Verderben führt; und viele sind es, die da hineingehen. Denn die Pforte ist eng und der Weg ist schmal, der zum Leben führt; und wenige sind es, die ihn finden.“

Wenn Vertreter der Allversöhnung zum Beispiel lediglich Warnungen vor einem vorläufigen Zustand sehen, stellen sie sich gegen den klaren Sinn der Aussagen (es gibt dann letztlich doch kein echtes „zu-spät“ – sondern nur Umwege).[48]

Das gesamtbiblische Motiv der zwei entgegengesetzten Wege mit zwei entgegengesetzten Resultaten (vgl. 1Mo 3,15; Ps 1, Ps 73,17, 1Kor 1,18) wird durch die Allversöhnungslehre zu einem Weg umgebogen. Und natürlich müssen Gerichtspassagen bei Paulus (z.B. Röm 2,5–12; Röm 14,10–12; 2Kor 5,10; 2Thess 1,6–10) oder bei anderen biblischen Autoren (vgl. Mt 25,46 mit der gleichen Zeitdauer für ewiges Leben und ewige Verlorenheit, siehe auch Offb 14,9–11; 20,10–15) wegerklärt oder als rein zeitlich-befristet-rehabilitativ erklärt werden.[49] Damit steht die Allversöhnungslehre im Widerspruch zum Gravitationszentrum der Bibel und weckt falsche Hoffnungen bei den Menschen.[50]

Missionarisch leben

Dennoch können wir uns auch durch die Allversöhnungslehre herausfordern lassen: Leben wir gemäß der biblischen Lehre, dass Gott keine Freude am Tod des Gottlosen hat (vgl. Hes 33,11) und uns den Missionsbefehl (vgl. Mt 28,18–20) aufgetragen hat? Laden wir Menschen liebevoll ein und warnen wir sie ernsthaft, in diesem Leben umzukehren, weil es sonst zu spät ist?

Ich muss bei diesen zwei Gruppen aus Römer 5,18 und 1. Korinther 15,22, „in Adam“ und „in Christus“, immer an einen älteren Film denken. Der Film „Speed“ war der Durchbruch für Sandra Bullock als Ersatzbusfahrerin und Keanu Reaves als Polizisten. In dem Film hat ein psychopathischer Bombenleger eine Bombe an einem Linienbus in Los Angelos befestigt. Sobald der Bus die Geschwindigkeit von ca. 80 km/h überschreitet, wird die Bombe eingeschaltet. Wenn er diese Geschwindigkeit unterschreitet, explodiert die Bombe und alle Insassen sterben. Alle Versuche des Polizisten, die Bombe vom Bus zu entfernen oder zu entschärfen, scheitern. Der Bus ist verloren. Es gibt nur eine Möglichkeit: Die Insassen müssen während der rasenden Fahrt aus dem Bus auf ein anderes, sicheres Fahrzeug umsteigen. Dazu fährt die Polizei ein Gefährt mit gleicher Geschwindigkeit auf der Nachbarspur. Sie versucht, über ein Brett die Insassen auf das sichere Gefährt zu bringen.

Das illustriert unsere Geschichte mit den beiden Oberhäuptern. Im ersten Bus ist Adam der Busfahrer. Die Insassen des Busses sind sozusagen „in Adam“. Sein Bus ist unrettbar verloren, auf dem „Highway to Hell“. Christus ist der Busfahrer im rettenden Bus auf dem Weg zum ewigen Leben in Gottes neuer Welt. Die Insassen in diesem Bus sind „in Christus“.

Nur durch ein Umsteigen in diesem Leben kann ein Mensch gerettet werden. Dann ist er oder sie nicht mehr „in Adam“, sondern „in Christus“. Dieses Umsteigen bezeichnen wir biblisch als Neugeburt bzw. auf menschlicher Ebene als Bekehrung.

Es ist kein Weg über ein wackliges Brett, sondern über das Kreuz, die sicherste Brücke, die es gibt. Dieser Weg beinhaltet ein Umkehren und Vertrauen auf Jesus, der sich hingegeben hat und ein gerechtes Leben für jeden geführt hat, der umkehrt!

Weil wir Jesus lieben, wollen wir Menschen so lieben, dass wir ihnen von diesem Weg in Christus erzählen. Aber wir wollen aus Liebe heraus so ehrlich sein, dass wir ihnen die Wahrheit nicht verschweigen. Wir müssen darauf hinweisen, dass es ein „zu spät“ gibt. Wer Christus vertraut, wird errettet. „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen“, sagt Jesus in Johannes 6,37!


 

1 Das „wörtliche“ Verständnis von Römer 5,18 wird von Vertretern der Allversöhnungslehre betont. So meint zu diesem Vers Martin Thoms: „Also hier steht sozusagen klipp und klar – also für alle jene, die sagen, ich nehme die Bibel beim Wort, ich nehme sie wörtlich – ja, hier steht ja ganz wörtlich: Alle sind in der Sünde gefangen, alle sind durch Christus erlöst.  „Alle“ heißt alle.“ MC 205, Alle Menschen sind freigesprochen (Röm 5) – Allversöhnung 5,  https://movecast.de/mc-205-alle-menschen-sind-freigesprochen-roemer-5-allversoehnung-5/ , Transskript MC 205, Audio ca. bei 10:00min, Zugriff 16.07.2026.

2 So schreibt beispielsweise Moltmann: „Im Gericht Gottes werden alle Sünder, die Bösen und die Gewalttäter, die Mörder und die Satanskinder, die Teufel und die gefallenen Engel befreit und aus ihrem tödlichen Verderben durch Verwandlung zu ihrem wahren, geschaffenen Wesen gerettet, weil Gott sich selbst treu bleibt und nicht aufgibt und verloren gehen läßt, was er einmal geschaffen und bejaht hat.“ Jürgen Moltmann, Das Kommen Gottes, Gütersloher Verlagshaus, 2016 [1995]. S. 284.

Parry, der auch die Allversöhnung vertritt, schreibt im Zusammenhang mit 1. Korinther 15,20–28: „So erscheint es mir nicht problematisch, festzuhalten, dass Paulus mit der gleichen Sprache von der Annihilation von Sünde und Tod und von der Rettung der Mächte sprechen konnte.“ Gregory MacDonald (alias Robin Parry), The Evangelical Universalist: The Biblical Hope That God’s Love Will Save Us All, London, United Kingdom: SPCK Publishing, 2012, S 44.

Damit stehen diese Ausleger aber gegen die Bibel, die eine Erlösung der Engel ausschließt (z.B. Mt 25,41; Heb 2,16; 2Pet 2,4; Jud 1,6, Offb 20,10).

3 Natürlich gibt es viele Spielarten der Allversöhnungslehre, die aus verschiedenen Quellen gespeist werden und längst nicht alle die gleichen Positionen vertreten. Diese Arbeit setzt sich vor allem mit Vertretern des Universalismus auseinander, die primär mit der Bibel argumentieren wollen. Einen guten Überblick über verschiedene universalistische Strömungen in der Kirchengeschichte bietet Michael J. McClymond, The Devil’s Redemption, A New History and Interpretation of Christian Universalism, Baker Academic, Grand Rapids, Michigan, 2018, Bd. 1, S. 1–25 (und folgende Kapitel).

4 So schreibt Heinz Schumacher: „Paulus, dem sogar der Säulenapostel Petrus das bereitwillige Zugeständnis macht, daß in seinen, des Paulus, Schriften etliches schwer zu verstehen sei, hat den Auftrag erhalten, der Gemeinde ihre besondere Stellung und Berufung kundzutun. Deshalb kann die Gemeinde ihre besondere, ihr allein von Gott zugedachte Unterweisung nur aus den Schriften des „Lehrers der Nationen“ beziehen und nicht aus dem Alten Testament oder aus den Evangelien oder aus den Schriften der „Apostel der Beschneidung“ (Gal 2,7–9).“ Heinz Schumacher, Das biblische Zeugnis von der Versöhnung des Alls, Digitalisiert durch Come2God.De, S. 11. Hervorhebungen und Schreibweise im Original. Und an anderer Stelle ergänzt Schumacher: „Doch den paulinischen Fernblick besitzt die Offenbarung (als zeitlich zuletzt verfaßtes und nach Paulus geschriebenes Bibelbuch) wohl nur an einer einzigen Stelle, die nicht am Ende, sondern in Kap. 5,13 steht, während das Ende gewissermaßen nur den Übergang zum Ziel, noch nicht das Ziel selbst zeigt. Auch sie konnte der paulinischen Schau insgesamt nicht gleichkommen. Schumacher, Das biblische Zeugnis von der Versöhnung des Alls, S. 12. Hervorhebungen und Schreibweise im Original.

Man könnte an dieser Stelle fragen, woher Schumacher denn weiß, dass nur dieser eine Vers aus der Offenbarung im Gegensatz zu allen anderen „weit genug“ schaut. Auch wenn es eine fortschreitende Offenbarung in der Bibel gibt, wirkt die Einteilung Schumachers gerade auch innerhalb des NT’s oder eines einzelnen Buches hier willkürlich.

5 Es gibt noch weitere Bibelstellen dieser Art, die aus Platzgründen hier nicht ausführlich besprochen werden können, z.B. Römer 11,26+32; Epheser 1,10; Philipper 2,10-11; Kolosser 1,20, 1. Timotheus 2,4; 1. Timotheus 4,10; Titus 2,11. Gute Besprechungen der Stellen finden sich bei: Douglas J. Moo, „Paul on Hell“, in: Christopher W. Morgan, Robert A. Peterson (Hg.), Hell Under Fire, Modern Scholarship Reinvents Eternal Punishment, Zondervan, Grand Rapids, MI: Zondervan, 2004, S. 91–109. Ebenfalls empfehlenswert: Andreas Symank, Werden alle Menschen gerettet?, Überlegungen zur Lehre der Allversöhnung, Immanuel-Verlag, Riehen, Schweiz, 3. Aufl., 1997, S. 9–33.

6 Römer 5,18 war auch in der Vergangenheit Gegenstand intensiver Debatten. Zu den unterschiedlichen Positionen von Karl Barth und Rudolf Bultmann: Siehe Michael J. McClymond, The Devil’s Redemption, Bd. 2, Appendix I, Barth and Bultmann on Romans 5, S. 1175–1180. Zu Emil Brunners Kritik an Barths Position: McClymond, The Devil’s Redemption, Bd. 2, S. 807–808. Eine Kritik an Barths Tendenzen zur Allversöhnungslehre liefert: John Murray, The Epistle to the Romans, Grand Rapids, MI u. Cambridge: Eerdmans, Bd. 1, 1959, Appendix D: Karl Barth on Romans 5, S. 384–390.

7 DeBoer wird zugunsten der Allversöhnungslehre zitiert und moniert in Bezug auf diese Unterschiede: „Wenn nicht der Universalismus der Verse 18–19 ernstgenommen wird, so wie ich denke, dass es geschehen sollte, dann wird „wie viel mehr“ umgewandelt in „wie viel weniger“, denn dem Tod ist dann das letzte Wort gegeben über eine riesige Mehrheit der menschlichen Wesen und Gottes Wiederergreifen der Welt für seine Souveränität wird zu einer begrenzten Angelegenheit.“ Martinus C. deBoer, The Defeat of Death: Apocalyptic Eschatology in 1 Corinthians 15 and Romans 5, JSNTSup 23, Sheffield: Sheffield Academic, 1988, S. 175. Zitiert in Gregory MacDonald/Robin Parry, The Evangelical Universalist, S. 37. Eigene Übersetzung, Hervorhebungen im Original. Dagegen ist einzuwenden, dass die obenstehende Aufzählung der Unterschiede zwischen Adam und Christus sehr deutlich zeigt, dass das Wirken Jesu in jedem Fall das Unheil Adams bei weitem übertrifft. Außerdem offenbart natürlich Gott in seinem Wort, welche Kriterien er an die Bewertung der Auswirkungen von Adam und Christus legt. Zur Frage, inwieweit der Tod in der neuen Schöpfung noch eine Rolle spielt, siehe unten.

Moo sieht dagegen das „wieviel mehr“ mit Verweis auf Römer 5,10–11 und Meyer zitierend weniger als qualitativ („wie viel mehr überfließend“), sondern eher logisch auf die Gewissheit bezogen, dass die Gnade Gottes zu den vielen überfließen wird. Douglas Moo, The Epistle to the Romans, The New International Commentary on the New Testament, Grand Rapids, MI u. Cambridge: Eerdmans, 1996, S. 337, FN 101.

Ebenso auch Hodge: „Das viel mehr definiert nicht ein größeres Maß an Wirksamkeit, sondern an Gewissheit: „Wenn die eine Sache geschehen ist, kann man sich viel mehr gewiss auf die andere Sache verlassen.“ Charles Hodge, Romans, The Crossway Classic Commentaries, Wheaton, IL: Crossway, 1993, S. 159. Eigene Übersetzung, Hervorhebungen im Original.

Murray dagegen sieht das „viel mehr“ im qualitativen Sinn: „Aber Paulus erkennt auch an, dass die Gnade in Kraft trat und das überfließende Plus ist offensichtlich, weil die Gnade Gottes nicht nur die Wirkung des Urteils aufhebt, sondern auch ins Gegenteil überfließt, zu Rechtfertigung und Leben.“ John Murray, The Epistle to the Romans, Bd. 1, 1959, S. 193. Eigene Übersetzung.

8 „Die ganze Kraft des Kontrasts liegt in dieser Idee. Die Antithese in diesem Vers ist zwischen der Sünde des einen Mannes und den vielen Übertretungen.“ Hodge, Romans, S. 161. Eigene Übersetzung.

9 So schreibt Adam, der ebenfalls für die Allversöhnungslehre eintritt, zu Römer 5,12–21: „Mit Blick auf das durch Adam gegebene Todesverhängnis und die Funktion des Gesetzes in Röm 5,20 par 5,13 kommt die Erkenntnis des Apostels zur Sprache, dass schlussendlich alle aufgrund des Heilshandelns Jesu Christi gerechtfertigt werden (Röm 5,19).“ Jens Adam, Paulus und die Versöhnung aller – Eine Studie zum Paulinischen Heilsuniversalismus, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener, 2009, S. 319. Hervorhebung im Original. Auch MacDonald/Parry schreibt: „Tatsächlich gibt sich Paulus große Mühe, klarzumachen. Dass diese „alle Leute“, die „zu Sündern gemacht “ und „verurteilt“ wurden, genau dieselben „alle Leute“ sind, die „gerecht gemacht“ werden und die, in Christus, „gerechtfertigt“ sind und Leben haben. Das ist klar durch die Art und Weise, wie er den Parallelismus in Vers 18 und Vers 19 gebraucht.“ MacDonald/Parry, The Evangelical Universalist, S. 32f. Eigene Übersetzung, Hervorhebungen im Original.

Thielmann wiederum, der sich klar gegen die Allversöhnungslehre positioniert, betont mit Verweis auf Calvin sehr stark den Aspekt des Angebots des Evangeliums. „Was meinte Paulus dann bloß, als er Jesus Christus gerechte Tat als lebenspendende Rechtfertigung für alle menschlichen Wesen beschrieb? Er meinte, dass Gott gnädig den Nutzen von Christi gerechter Tat jedem menschlichen Wesen im Evangelium angeboten hatte.“ Frank Thielman, Romans, Zondervan Exegetical Commentary on the New Testament, Grand Rapids, MI: Zondervan, 2018, S. 291. Eigene Übersetzung.

Hierzu ist zu sagen: Auch wenn das Evangelium tatsächlich den Menschen angeboten wird, spricht gegen diese Auslegung, dass es im Text nicht nur um eine angebotene, sondern um eine realisierte Rechtfertigung geht.

10 Bauer listet unter πᾶς, πᾶσα, πᾶν zahlreiche Bedeutungen auf, wie zum Beispiel je nach Konstellation: jeder; jederlei; jeder Art; mannigfach; jeglicher; jedweder; jeder beliebige; höchst; größt; völlig; ganz; alles; jeder, der; wer immer; jeder, der, was immer; alle; ein jeder; alles. Bei Römer 5,18 heißt es „m. Nomen im Pl. Ohne Art. πάντης ἀνθρώποί, alles was Mensch heißt, alle Welt“. Walter Bauer, Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur, 6., völlig neu bearbeitete Aufl., Berlin u. New York: Walter de Gruyter, 1988, Spalten 1274–1278.

11 Vertreter der Allversöhnungslehre bestreiten nicht, dass es auch Fälle gibt, in denen „alle“ nicht „alle“ ohne Ausnahme meint. So sagt Thoms: „Genau, da haben dann Leute recht, wenn sie sagen, ja, „alle2 [sic!] muss nicht immer alle heißen.“ MC 205, Alle Menschen sind freigesprochen (Röm 5) – Allversöhnung 5, Transskript MC 205, Audio ca. bei 10:00 min, (Stand: 16.07.2026). Bei Römer 5,18 sieht er aber doch auch in der zweiten Satzhälfte alle Menschen ohne Ausnahme gemeint. MacDonald/Parry schreibt: „Ja, die Bibel gebraucht manchmal „alle“ auf eine übertreibende Art, aber das sollte nicht als ein Argument gebraucht werden, wie es manchmal irrtümlicherweise geschieht, um den korrekten Anspruch zu unterminieren, dass „alle“ „alle ohne Ausnahme“ bedeutet.“ MacDonald/Parry, The Evangelical Universalist, S. 36. Eigene Übersetzung, Hervorhebungen im Original.

Dazu ist zu sagen, dass es eben auf den Bezugsrahmen ankommt, in dem ggfs. „alle ohne Ausnahme“ gilt. Die oben genannten Beispiele zeigen, dass auch, wenn „alle“ sich auf Menschen bezieht, oft nicht alle Menschen ohne Ausnahme gemeint sind.

12 Cranfield schreibt dazu: „Diejenigen, die Botschafter von Gottes Frieden sind (vgl. 2Kor5,18–20), müssen notwendigerweise allen Menschen gegenüber friedlich eingestellt sein. Paulus ist dennoch sorgsam, seine Vorschrift einzuschränken …“ C.E.B. Cranfield, The Epistle to the Romans, Bd. 2, Romans 9–16, International Critical Commentary, London, New York: T & T Clark, 2006, S. 646. Eigene Übersetzung.

13 Lesenswert sind die Passagen dazu bei Cranfield, The Epistle to the Romans, S. 645f.; Leon Morris, The Epistle to the Romans, The Pillar New Testament Commentary, Grands Rapids, MI: Eerdmans, 1988, S. 452; Thomas R. Schreiner, Romans, Baker Exegetical Commentary on the New Testament, Grand Rapids, MI: Baker Academic, 1998, S. 672f.; Douglas Moo, The Epistle to the Romans, S. 784f.

14 So schreibt Adam: „Eine Fehlinterpretation des Textes läge darin, wollte man nun Röm 5,17 wiederum als Rückschritt hinter das in Röm 5,15f Gesagte ansehen, indem man das in 5,17c1 angeführte Partizip Präsens λαμβάνοντες im Sinne einer (sekundären) Konditionierung der heilsuniversalistischen Aussage verstünde. … Die Rechtfertigung des Sünders und also heilvolles eschatologisches Leben ist allein und ausschließlich als Gabe Gottes zu verstehen, die nur empfangen, nie verdient werden kann.“ Adam, Paulus und die Versöhnung aller, S. 331. Hervorhebungen im Original. Auch Parry schreibt: „Trotzdem wird, lambanō hier im passiven Sinn von “empfangen” gebraucht und nicht im aktiven Sinn von “nehmen“. Der Verweis in Vers 17 ist nicht auf irgendetwas bezogen, das Menschen tun könnten, um gerettet zu werden.“ MacDonald/Parry, The Evangelical Universalist, S. 33f. Eigene Übersetzung. Hervorhebung im Original. Thoms argumentiert ähnlich: „Ja, und deswegen meint Paulus mit der Aussage, der Glaube ist so entscheidend, eben nicht  eine numerische Begrenzung  – die Gläubigen, für die gilt das –. Er meint und beschreibt damit sozusagen den Modus, in dem diese Wirklichkeit erfahren wird. Es ist eine modale  Bestimmung und keine numerische, es ist sozusagen der Modus, in dem das in dein Leben fließt, das ist der Glaube. Aber, wie er überdeutlich macht, so wie in Adam alle der Sünde verfallen sind, so sind in Christus alle freigesprochen.“ MC 205, Alle Menschen sind freigesprochen (Röm 5) – Allversöhnung 5, Transskript MC 205, Audio ca. bei 22:58min, (Stand: 16.07.2026).

15 Douglas Moo, Romans, S. 340. Eigene Übersetzung, Hervorhebung im Original. An anderer Stelle schreibt Moo zu dem Partizip λαμβάνοντες in Röm 5,17: „Sicher, es gibt eine Debatte darüber, ob das „empfangen“ in 5,17 aktiv ist (Menschen müssen handeln) oder passiv (Menschen nehmen einfach an, was zu ihnen kommt). Aber gerade die sprachliche Einleitung, im Gegensatz zu der Adams-Seite der Situation, impliziert eine aktive Antwort.“ Douglas J. Moo. „Paul on Hell“, S. 98, FN 16. Eigene Übersetzung. Ähnlich auch Schreiner: Das Empfangen von Gnade mag ein Werk Gottes sein, das menschlichen Widerstand überwindet, aber für Paulus manifestiert sich dieses göttliche Werk selbst durch den menschlichen Willen.“ Schreiner erwähnt in diesem Zusammenhang, dass auch Bultmann das substantivierte Partizip (hoi lambanontes) als  Beschränkung nur auf diejenigen verstand, die gewählt haben, zu Christus zu gehören. Schreiner, Romans, S. 292 u. 291. Eigene Übersetzung.

Abgesehen davon darf nicht vergessen werden, dass die Lesart von Allversöhnungsvertretern, die das Partizip lambanontes nicht qualifizierend-konditional verstanden wissen will, natürlich nur „funktioniert“, wenn eine postmortale Bekehrung in den Text hineingelesen wird, da offensichtlich viele im Unglauben starben/sterben. Adam räumt dies – allerdings in Bezug auf Röm 11,25–32 – auch ein: „Paulus legt in Röm 11,25–32 nicht ausdrücklich dar, wie er sich die universale Durchsetzung des Heils hinsichtlich der bereits gestorbenen Israeliten denkt; insofern muss auch die Exegese darüber schweigen.“ Adam, Paulus und die Versöhnung aller, S. 377, FN 109. Er versucht dann, die postmortale Errettung mit 1Kor 15,20ff. zu begründen. Zu 1Kor 15 s.u.

16 Wenn aus Sicht von Vertretern der Allversöhnungslehre (teilweise auch mit Anklängen an Moltmann und Barth) Menschen als „objektiv gerettet“ und „in Christus“ bezeichnet werden, obwohl sie noch gar nicht glauben, dann scheint die Abfolge Glauben – Rechtfertigung durcheinander zu geraten, auch wenn der Begriff Rechtfertigung in den folgenden Zeilen nicht genannt wird. So schreibt Thoms: „Wenn wir sagen, alle sind in der Sünde gefangen – und das sagt ja Paulus unmissverständlich -, dann möchte er deutlich machen, genauso sind alle in Christus, solus Christus, allein in Christus, egal was du glaubst, egal wie du das siehst, in Christus bist du, ob du es glaubst oder nicht, bleibend erlöst und mit Gott versöhnt. Alle.“ MC 205, Alle Menschen sind freigesprochen (Röm 5) – Allversöhnung 5, Transskript MC 205, Hervorhebungen im Original, Audio ca. bei 12:30 min, (Stand: 16.07.2026). Und zum gleichen Thema fährt er später fort: „Nur der Gläubige ist gerettet, weil nur der Gläubige darum weiß. Objektiv gesehen sind alle Menschen gerettet, aber nur für den Gläubigen ist es auch eine wirksame Realität.“ Er vergleicht das dann mit einem Studenten, dessen Miete die Eltern zahlen, auch wenn der denkt, dass die Eltern schon tot seien. MC 205, Alle Menschen sind freigesprochen (Röm 5), Transskript MC 205, Audio ca. bei 20:40 min, (Stand: 16.07.2026). Hier fehlt jetzt der Platz, um die Heilsordnung (lat. Ordo salutis) genauer zu besprechen. Murray setzt sich im Hinblick auf Barth mit dem Verhältnis von Rechtfertigung und Glauben und der dem Glauben vorangehenden Errungenschaft des Blutes Christi auseinander. Murray, Romans, Bd. 1, Appendix D, S. 384f. Grudem schreibt dazu: „Überdies lehrt Paulus ganz eindeutig, dass diese Rechtfertigung nach unserem Glauben und als Gottes Antwort auf unseren Glauben kommt.“  Wayne Grudem, Biblische Dogmatik, Eine Einführung in die systematische Theologie, VKW, arche-medien, Deutsche Ausgabe 2013, S. 800.

17 Nicht übersehen werden darf außerdem noch eine andere Ebene im Römerbrief: „Universale Sprache wird im Zusammenhang mit Christi Werk gebraucht, um zu verdeutlichen, dass alle Menschen ohne Unterschied (sowohl Juden als auch Heiden) die Empfänger von Gottes Werk sind. Das ist etwas völlig anderes, als zu sagen, dass alle Menschen ohne Ausnahme seine Gnade empfangen.“ Schreiner, Romans, S. 292. Eigene Übersetzung. Tidball zitiert N.T. Wright, der „darauf hinweist, dass sich das „alle“ in der Argumentation von Römer 5 eher auf alle Typen der Menschheit, das sind Juden und Heiden bezieht, die in Christus lebendig gemacht werden, bezieht, als auf jedes Individuum.“ N.T. Wright, „Towards a Biblical View of Universalism“, Themelios 4, 1979, S. 55. Zitiert in: Derek Tidball, „Can Evangelicals be Universalists?“, Evangelical Quarterly, Paternoster Periodicals, 84.1, 2012, S. 27. Genau diese Bedeutung hat das Wort „alle“ (jeweils: τοὺς πάντας, τοὺς πάντας) beispielsweise in Römer 11,32 (ELB): „Denn Gott hat alle zusammen in den Ungehorsam eingeschlossen, damit er sich aller erbarmt.“ Gemeint sind hier Juden und Heiden, von denen der ganze Text zuvor sprach.

18 Symank schreibt zur universalen Sprache von Paulus in Römer 5,18: „… in Wirklichkeit redet er an solchen Stellen wie Vers 18 nur ‚ungeschützt‘. Er spricht von zwei grundsätzlichen Dingen: Adams Sünde gereicht allen zum Tod, Jesu Gerechtigkeit gereicht allen zum Leben.“ Andreas Symank, Werden alle Menschen gerettet?, S. 10. Hervorhebung im Original. „Ungeschützt“ bedeutet hier, dass man den Kontext braucht, um die Stelle völlig richtig einordnen zu können.

19 Siehe dazu auch 1. Korinther 15 (folgt unten) und vgl. FN 5 (s.o.) und die dort angegebene Literatur.

20 Vgl. Psalm 51,7 und Epheser 2,3 zur Erbsünde.

21 Vgl. 2. Korinther 5,21, Hebräer 4,15, etc.

22 Zum Gebrauch der Bezeichnung „die Vielen“ (οἱ πολλοὶ , τοὺς πολλοὺς) in Röm 5,15+19 schreibt Moo: „‚Die Vielen‘ bezieht sich einfach auf eine große Anzahl; wie inklusiv diese Anzahl sein könnte, kann nur durch den Kontext bestimmt werden … Aber im Nachsatz (‚um wieviel mehr …‚) muss das ‚die Vielen‘ qualifiziert werden durch Paulus’ Beharren in Vers 17, dass nur diejenigen, die die Gabe ‚empfangen‘ von Christi Handlung profitieren.“ Moo, The Epistle to the Romans, S. 336. Eigene Übersetzung, Hervorhebungen im Original. In Fußnote 100 auf der gleichen Seite nennt er nachvollziehbar Röm 12,5 und 1Kor 10,17 als Beispiele, wo Paulus „… πολλοὶ inklusiv gebraucht, aber wo der Kontext die gemeinte Gruppe limitiert“. Morris schreibt ähnlich: „Die Vielen kann irgendeine Anzahl an Dingen meinen wie beispielsweise „die Mehrheit“ oder „eine große Zahl“; die Bedeutung wird durch den Kontext bestimmt.“ Morris, The Epistle to the Romans, S. 235. Eigene Übersetzung, Hervorhebungen im Original.

Kruse schließt: „Im ersten Fall bezieht sich ‚die Vielen‘ auf die ganze Menschheit, aber im zweiten Fall bezieht es sich auf diejenigen, die empfangen …, also die Gläubigen.“ Colin G. Kruse: Paul’s Letter to the Romans, The Pillar New Testament Commentary, Grand Rapids, MI: Eerdmans, 2012. S. 247. Eigene Übersetzung, Hervorhebungen im Original.

23 Hochinteressant ist an dieser Stelle der wichtige Text Jesaja 66, auf den Jesus sich ja auch bei der Beschreibung der Hölle bezieht (vgl. Mk 9,48), in welchem zweimal der gleiche Ausdruck für unterschiedliche Gruppen von Menschen verwendet wird. In Jesaja 66,16 wird der Ausdruck „alles Fleisch“ auf die Menschheit bezogen, die gerichtet wird. In Jesaja 66,23 dagegen wird der gleiche Ausdruck (כָּל־בָּשָׂר) auf die Geretteten bezogen. Also zweimal in kurzem Abstand derselbe Ausdruck für unterschiedliche Gruppen. Und die Gruppe der Geretteten, die dann die ganze Menschheit ausmacht und neue Schöpfung bevölkert, wird als „alles Fleisch“ bezeichnet. Diese ganze Menschheit wird dann noch klar und eindeutig von den Gerichteten unterschieden (vgl. Jes 66,24). Motyer schreibt zu Vers 23 anknüpfend an Vers 22, wo u.a. auf die Verheißung einer Nachkommenschaft an Abraham Bezug genommen wird (vgl. 1Mo 22,18): „Diejenigen, die als ‚eure Nachkommen‘ beschrieben werden und euren Namen gemeinsam haben, sind nun die ganze Menschheit/‚alles Fleisch‘.“ J. Alec Motyer, The Prophecy of Isaiah, Downers Grove: InterVarsity Press, 1993, S. 543. Eigene Übersetzung, Hervorhebungen im Original.

Und Oswalt schreibt zu diesem Abschnitt passend: „Auf diese Weise kommt Jesajas großes Buch auf Wegen zum Ende, die denen nicht unähnlich sind, mit welchen es begann, mit der Bekräftigung einer großen Wahl, die vor der Menschheit liegt: Gericht oder Hoffnung.“ John N. Oswalt, The Book of Isaiah, Chapters 40–66, The New International Commentary on the Old Testament, Grand Rapids, MI: Eerdmans, 1998, S. 693. Eigene Übersetzung.

Vgl. in diesem Zusammenhang auch die Fußnote 41 zu Kolosser 3,11.

24 McClymond bezeichnet dies als „repräsentativen Universalismus des Buches Offenbarung, wo wir niemals lesen, dass Gott „jede Nation“ rettet, sondern dass er Menschen „aus jeder Nation“ rettet (Offb 7,9, vgl. 5,9). Nicht alle Nationen, sondern einige Personen aus allen Nationen werden letztlich das Heil erhalten.“ McClymond, The Devil’s Redemption, Bd. 2, S. 963. Eigene Übersetzung, Hervorhebungen im Original.

25 MacDonald/Parry, The Evangelical Universalist, S. 39–40.

26 Auch Wilson sieht ebenfalls die klare Begrenzung auf Christen durch den Kontext: „Da der Kontext klar einen spezifischen Focus auf die Auferstehung derer anzeigt, die glauben, auf Christus gehofft haben, entschlafen sind in Christus, und die Christus gehören, sollten wir somit 15,22b dahingehend verstehen, dass es bedeutet „in Christus, alle, die in Christus sind, werden lebendig gemacht werden““. Andrew Wilson, „The Strongest Argument for Universalism in 1Corinthians 15,20–18“, Journal of the Evangelical Theological Society 59 (4), 2016, S. 808. Eigene Übersetzung.

27 David E. Garland, 2Corinthians, The New American Commentary, An Exegetical and Theological Exposition of Holy Scripture, Nashville, TN: Broadman & Holman Publishers, 1999, S. 287. Eigene Übersetzung.

28 Paul Barnett, The Second Epistle to the Corinthians, The New International Commentary on the New Testament, Grand Rapids, MI: Eerdmans, 1997, S. 298. Eigene Übersetzung, Hervorhebungen im Original.

29 „Alle Menschen, die noch nicht Erlösung durch Glauben an Christus gefunden haben, verbleiben in Adam. Diejenigen, die eingetreten sind in die Verheißung des neuen Lebens, des Lebens Christi, sind in Christus, und werden entdecken, dass ihre initiale Erfahrung der Neuheit des Lebens lediglich ein Vorgeschmack war auf die letztliche Wiederherstellung des Lebens, die sie in der Auferstehung erwartet.“ Roy E. Ciampa u. Brian S. Rosner, The First Letter to the Corinthians, The Pillar New Testament Commentary, Grand Rapids, MI: Eerdmans, 2010, S. 763. Eigene Übersetzung, Hervorhebung im Original.

30 David E. Garland, 1Corinthians, Baker Exegetical Commentary on the New Testament, Grand Rapids, MI: Baker Academic, 2003, S. 707. Eigene Übersetzung. Ebenso Kistemaker, den Garland auch zitiert. Simon J. Kistemaker, 1Corinthians, New Testament Commentary, Grand Rapids, MI: Baker Academic, S. 550. Moo setzt sich mit der Frage auseinander, ob sich der Vers auf die allgemeine Auferstehung bezieht: „Paulus Anspruch in 1Korinther 15,22, dass „in Christus alle lebendig gemacht werden“ wird gelegentlich auf die allgemeine Auferstehung der Toten bezogen. Aber selbst, wenn es das ist, worauf Paulus sich bezieht, folgt keine Allversöhnung, denn eine universale Auferstehung beinhaltet keine universale Rettung. Das Neue Testament bekräftigt eindeutig, dass alle Menschen auferweckt werden, aber manche werden nicht zum ewigen Leben sondern zur ewigen Verdammnis auferweckt (s. Joh 5,29). Aber wichtiger ist nichtsdestotrotz, dass es unwahrscheinlich ist, dass sich Vers 22 auf die universale Auferstehung bezieht. „In Christus werden alle lebendig gemacht“ wird interpretiert durch Vers 23.“ Moo, Paul on Hell, S. 97. Eigene Übersetzung, Hervorhebung im Original. Vgl. in Bezug auf eine allgemeine Auferstehung auch dazu Daniel 12,2 (ELB): „Und viele von denen, die im Land des Staubes schlafen, werden aufwachen: die einen zu ewigem Leben und die anderen zur Schande, zu ewigem Abscheu.“ Die allgemeine Auferstehung aller Menschen resultiert also nicht in der Rettung aller Menschen. Aber wie gesagt, in 1. Korinther 15 geht es um die Auferstehung von Christen.

31 Thiselton schreibt zur Formulierung: „Diejenigen, die in Christus sind“ (… diejenigen die zu ihm gehören), bekräftigt den soteriologischen Wirkungsbereich von alle in Vers 22b. Anthony C. Thiselton, The First Epistle of the Corinthians, The New International Greek Testament Commentary, Grand Rapid, MI: Eerdmans, 2000, S. 1229. Eigene Übersetzung, Hervorhebung im Original.

32 Schumacher schreibt dazu: „Im Anschluss daran werden nun in Vers 23ff. die 3 großen Gruppen der Lebendigmachung aller Menschen vom Apostel dargelegt.“ Und in der dritten Gruppe sieht er hier nach Christus und der Gemeinde den „Rest bzw. die Endgruppe“ der Menschheit. Schumacher, Das biblische Zeugnis von der Versöhnung des Alls, S. 79. Hart sieht im Rückgriff auf Gregor von Nyssa und Origenes zwei unterschiedliche Zeitrahmen: Erstens den vorläufigen Gerichtshorizont über die menschliche Geschichte, den er mit der „Kreuzigung der Geschichte“ vergleicht und den von ihm postulierten endgültigen Horizont „jenseits aller Zeitalter“, den er mit dem „Ostern der Schöpfung“ vergleicht. In Bezug auf 1Kor 15,23-24 schreibt er dann: „Sicherlich scheint Paulus dort mindestens, besonders in den Versen 23-24, von drei verschiedenen Momenten zu sprechen, die über zwei eschatologische Rahmen verteilt sind, im Prozess der letztlichen Wiederherstellung der geschaffenen Ordnung in Gott.: […] Nur am absoluten Ende dieser drei Stadien, dann – zuerst die Erhöhung Christi, dann die Erhöhung derer, die bereits völlig vereint mit Christus sind, und dann –  die „vollständige Vollendung“ am Ende aller Zeitalter, wenn das Königreich dem Vater übergeben wird – kommen wir bei der Verheißung von Vers 28 an.“ David Bentley Hart, That All Shall Be Saved, Heaven, Hell, and Universal Salvation, Yale University Press, New Haven u. London, 2019, S. 103ff. Hier wird offensichtlich sehr viel in den Text hineingelesen, was dort gar nicht steht.

33 Wilson schreibt dazu: „Entscheidender ist, es gibt keinen Nachweis, dass τέλος „die anderen“ oder „die übrigen“ bedeuten könnte (wofür wir οἱ λοιποὶ erwarten würden). Bei Paulus bedeutet es vielmehr „das Ende“ oder „das Ziel““. Andrew Wilson, „The Strongest Argument for Universalism in 1Corinthians 15,20–18“, S. 806.  Selbst Parry gibt zu, dass diese Verse nur von Christen reden, auch wenn er an der universalistischen Deutung von 1. Korinther 15,22 festhält. „Wir brauchen nicht nach ‚den Übrigen‘ zu suchen hinter to telos, denn in diesem pragmatischen Kontext gibt es schlicht keine ‚Übrigen‘.“ MacDonald/Parry, The Evangelical Universalist, S. 41. Eigene Übersetzung, Hervorhebungen im Original.

34 Vgl. die ähnliche Ermahnung in Kolosser 1,23, einem Text, der ebenfalls als vermeintlicher Beleg für die Allversöhnungslehre herangezogen wird.

35 Gordon D. Fee, The First Epistle to the Corinthians, The New International Commentary on the New Testament, Grand Rapids Michigan: Eerdmans, 1987, S. 749 u. 750, FN 19. Eigene Übersetzung. Ähnlich die Einschränkung übrigens auch in 1. Thessalonicher 4,16–17.

36 Moltmann übersieht diese nicht-rettende Unterwerfung z.B. in 1. Korinther 15,24–26 (vgl. Kol 2,15) und die Tatsache, dass sich das Lebendigmachen im Kontext von 1. Korinther 15 auf die Christen bezieht, wenn er im Zusammenhang mit 1. Korinther 15,28 schreibt: „Von einem Gericht mit doppeltem Ausgang ist im großen Auferstehungskapitel 1Kor 15 überhaupt keine Rede.“ Moltmann, Das Kommen Gottes, S. 268.

37 Schumacher schließt aus dem Hinwegtun des Todes: „Und da der zweite Tod, der Feuersee, nicht weniger als der erste ein Gewalthaber ist, kann er auch nicht ausgenommen sein. Auch er wird abgetan. Auch seine Aufgabe ist beendet, nachdem durch Verzehren und Verschlingen einerseits und Verwandeln und Erneuern andererseits das ganze All Gott untergeordnet ist.“ Schumacher, Das biblische Zeugnis von der Versöhnung des Alls, S. 80. Hervorhebungen im Original. Deutlich wird hier, dass dem zweiten Tod bei Schumacher eine reinigende Funktion zugewiesen wird, die sich sich so in der Bibel aber nicht findet.

38 Wilson, „The Strongest Argument for Universalism in 1Corinthians 15,20–18“, S. 810. Ähnlich auch Symank: „Der Schluss der Offenbarung (Kap. 21 und 22) macht deutlich, dass der Feuersee bei der Neuschöpfung von Himmel und Erde nicht abgeschafft wird; er bleibt parallel dazu weiterbestehen und gehört folglich mit zum Vollendungszustand (‚Siehe ich mache alles neu‘), von dem es in Offenbarung 21,6 heisst: ‚Es ist geschehen‘ und den Paulus mit ‚Gott wird alles in allen sein‘ umschreibt. Hinter dem ‚zweiten Tod‘, dem Feuersee (Offb 20,14; 21,8) steht eben nicht mehr wie beim ‚ersten Tod‘ eine personale gottfeindliche Macht, sondern er erscheint als göttliche Gerichtsgrösse; Tod und Hades werden ihm übergeben.“ Hervorhebungen und Schreibweise im Original. Symank, Werden alle Menschen gerettet?, S. 16.

39 Wilson, „The Strongest Argument for Universalism in 1Corinthians 15,20–18“, S. 812.

40 Hierzu noch einmal Moo: „Es ist auch nicht notwendig, damit Gott „alles in allen“ sein kann, dass jedes Geschöpf letztlich in eine rettende Beziehung mit ihm eintritt. Paulus bekräftigt, dass Gottes Natur und Absichten verlangen, dass alle Geschöpfe am Ende seiner Autorität untergeordnet sind; aber die Art und Weise dieser Unterordnung wird nicht ausbuchstabiert. Moo, „Paul on Hell“, S. 98. Eigene Übersetzung. Hervorhebungen im Original. Tidball schreibt zu 1. Korinther 15,28: „In 1Korinther 15 wird Gott ‚alles in allen‘, wenn Dinge ihm unterworfen werden, einschließlich aller seiner Feinde, von denen der letzte Feind nach den Versen 25–26 der Tod ist, welcher zerstört wird, nicht umerzogen oder bekehrt.“ Derek Tidball, „Can Evangelicals Be Universalists?“, Evangelical Quarterly, Paternoster Periodicals, EQ 84.1 (2012), S. 26. Eigene Übersetzung, Hervorhebungen im Original.

41 Gordon D. Fee, The First Epistle to the Corinthians, S. 760. Eigene Übersetzung. Und Fee ergänzt an gleicher Stelle: „Deswegen wird beim Tod des Todes der letzte Riss im Universum geheilt und Gott allein wird herrschen über alle Lebewesen. Er wird diejenigen, die sein Angebot des Lebens abgelehnt haben, verbannen, und diejenigen, die durch Gnade in Gottes ‚Ruhe‘ eingetreten sind, liebevoll regieren.“ Fee, ebd. Eigene Übersetzung, Hervorhebung im Original.

Eine Parallelstelle ist Kolosser 3,11 und beschreibt den Zustand der Gemeinde jetzt, also zwischen den beiden Kommen von Jesus. In der Vollendung werden die Erlösten die Bevölkerung des Neuen Himmels und der neuen Erde bilden. Daneben wird es keine anderen Bewohner geben (vgl. Fußnote 23 zu Jes 66,24): „Da ist weder Grieche noch Jude, Beschneidung noch Unbeschnittenheit, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus alles und in allen.“ Beale schreibt dazu: „Dass ‚Christus alles ist‘, bedeutet, dass er alles ausschöpft, was es in der neuen Schöpfung in ihrer inaugurierten Phase gibt. Tatsächlich ist die einzige Person, die es in der neuen Schöpfung gibt, der ‚erneuerte neue Mensch‘, Christus. Andere sind dort nur als in ihn Inkorporierte. Deswegen muss eine Person in Christus sein, wenn sie in dieser neuen Schöpfung sein will.“ G.K. Beale, Colossians and Philemon, Baker Exegetical Commentary on the New Testament. Grand Rapids, MI: Baker Academic, 2019, S. 286.  Ähnlich auch O‘Brian: „Gleichzeitig hat der ‚neue Mensch‘ eine kollektive Bezugnahme, indem sie die neue Menschheit in Christus bezeichnet. … Christus ist alles, worauf es ankommt; er durchdringt und bewohnt alle Glieder seines Leibes, unabhängig von Rasse, Klasse oder Hintergrund.“ Peter T. O’Brian, Colossians, Philemon, Word Biblical Commentary, Nashville: Thomas Nelson Publishers, 1982, S. 194. Hervorhebung im Original. Vergleiche dazu auch Galater 3,28.

42 Derek Tidball, „Can Evangelicals Be Universalists?“, S. 26. Eigene Übersetzung, Hervorhebungen im Original.

43 Zum Beispiel wäre ein wörtliches Abzählen aufgrund von Jesu Aufforderung, dem Bruder „siebzigmal siebenmal“ zu vergeben (Mt 18,22) mit Sicherheit nicht das, was Jesus vermitteln wollte.

44 Fee bringt das Fehlen des Gebrauchs einer Einschränkung durch Paulus im einzelnen Vers 1. Korinther 15,22 (und man kann dies auch auf den einzelnen Vers Römer 5,18 übertragen) nochmals hervorragend auf den Punkt: „Das Fehlen eines solchen Qualifikationsmerkmals im Satz selbst ist das Resultat sowohl des ausgewogenen Stils als auch der Tatsache, dass er den Satz im Zusammenhang seiner Argumentation mit ihnen gelesen haben wollte, und nicht als ein Stück abstrakter Theologie.“ Fee, The First Epistle to the Corinthians, S. 750. Eigene Übersetzung.

45 So schreibt beispielsweise Adam in Bezug auf die Versöhnung der Gottlosen bzw. Welt: „Die faktisch (erst) partikulare Verwirklichung bedeutet aber keine Einschränkung der prinzipiell (künftigen) universalen Verwirklichung der καταλλαγὴ τοῦ κόσμου.“ Adam, Paulus und die Versöhnung aller, S. 336. Er mutmaßt dann: „Dann wäre in jedem Fall der Zeitpunkt der Parusie Christi präzise der Moment, an dem die partikulare Verwirklichung der Gottesherrschaft in allen Hinsichten universal würde: […]“ Adam, ebd. FN 104. An anderer Stelle formuliert er den Gedanken dann eindeutiger: „Gott der Ankläger fällt sich als Verteidiger selbst ins vernichtende Gerichtswort und spricht den Schuldigen frei … so wird er sich am Gerichtstag, mithin bei der Parusie Christi, als eben derselbe offenbaren, der den Unglauben des Geschöpfes zum Glauben wendet, die Sünde verdammt, aber den Sünder errettet.“ A.a.O., S. 236. Ähnlich auch in Adam, a.a.O., S. 391. Da dies ja hier auch in Bezug auf Menschen behauptet wird, die als Ungläubige starben, so scheint das Gericht, wie es beispielsweise in Matthäus 25,41–46 oder Offbarung 20,11–15 beschrieben wird, gar nicht mehr stattzufinden, da ja scheinbar alle Menschen ohne Ausnahme vorher (u.a. durch postmortale Bekehrung), zum Glauben gekommen sind. Die Gerichtstexte scheinen aber demnach keine realen Ereignisse mehr zu beschreiben, sondern stehen gleichsam nur noch im Konjunktiv Irrealis für alle Menschen ohne Ausnahme.

Auch Moltmann schreibt unter der Annahme, dass alle Menschen ohne Ausnahme durch Jesu Kreuzestod gerettet werden: „Das sog. „jüngste Gericht“ ist nichts anderes als die universale Offenbarung Jesu Christi und die Vollendung seines Rettungswerkes. Im „Gericht“ des gekreuzigten Christus wird kein „Sühnestrafrecht“ exerziert. Es werden auch keine ewigen Todesstrafen verhängst.“ Moltmann, Das Kommen Gottes, S. 279, Hervorhebungen im Original. Dagegen wendet Schreiner zurecht ein: „Bilder, die keine Realität hinter sich stehen haben (besonders Androhungen von ewiger Strafe), sind hohl und vermissen Integrität, falls der Autor gar nicht glaubt, dass solche Strafen tatsächlich eintreten.“ Schreiner, Romans, S. 291. Eigene Übersetzung.

46 Vgl. dazu FN 4.

47 Tidball schreibt dazu: „Die Betonung der neutestamentlichen Lehre fällt auf die Bedeutsamkeit dieses Lebens und die Entscheidungen, die hier getroffen werden. Es gibt keinen Hinweis auf eine zweite Chance, postmortal, oder auf eine Umerziehung in einer Hölle vor der Freilassung in den Himmel.“ Derek Tidball, „Can Evangelicals Be Universalists?“, S. 29. Auch die von Vertretern der Allversöhnungslehre oft bemühten Verse 1. Petrus 3,18–20 und 4,6 legen das nicht nahe, wenn man den Kontext beachtet. Eine gute Auslegung dazu findet sich in: Wayne Grudem, 1Peter, The Tyndale New Testament Commentaries, Nottingham: Inter-Varsity Press, 1988, S. 157–162 u. S. 170ff. Ähnlich J.I. Packer, „Universalism: Will Everyone Ultimately be saved“, in: Hell under Fire, S. 188.

48 Tidball schreibt hier zur Hölle: „Sie ist eine endgültige Destination, auf die Menschen sich jetzt vorbereiten sollten.“ Derek Tidball, „Can Evangelicals Be Universalists?“, S. 25. Eigene Übersetzung.

49 Hart schreibt beispielsweise zur Offenbarung: „Tatsächlich betrachte ich es als ein höchst unkluges Vorhaben, wenn irgendjemand versucht, auch nur eine klare und unbestreitbare Lehre bezüglich überhaupt irgendetwas vom Text zu entnehmen (auf die Art wie heutzutage fundamentalistische Evangelikale es besonders zu tun mögen, was aber Christen aller Konfessionen zu tun pflegten im Verlauf der Jahrhunderte).“ Hart, That All Shall Be Saved, Heaven, Hell, and Universal Salvation, S. 106. Damit scheidet die Offenbarung scheinbar als verlässliche Quelle der Argumentation für Hart aus. Schuhmacher ordnet die Offenbarung, ähnlich wie Hart in Bezug auf 1. Korinther 15 (s.o., Fußnote 32) in einen ähnlichen Zeitrahmen ein, wodurch sie dann auch letztlich abgewertet wird. Vgl. dazu auch Fußnote 4. Ein „kreatives“ Beispiel, wie eine „Problemstelle“ wegerklärt wird, liefert Bell zu Lk 16,19–31: „In ihrem früheren Leben sah der reiche Mann sich als besser an als Lazarus. Und nun, in der Hölle, sieht der reiche Mann sich immer noch als über Lazarus an. Kein Wunder, dass Abraham sagt, dass da ein Abgrund ist, der nicht überquert werden kann. Der Abgrund ist im Herzen des reichen Mannes! Es hat sich nicht verändert, sogar in Tod und Pein und Qual. Er klammert sich immer noch an die alte Hierarchie. Er denkt immer noch, dass er besser ist.“ Rob Bell, Love Wins, A Book About Heaven, Hell, and the Fate of Every Person Who Ever Lived, Harper One, 2011, S. 75. Eigene Übersetzung, Hervorhebungen im Original. Die unüberbrückbare Kluft, von der Jesus redet wird hier zu einer rein psychologisch-sozialen Größe abgeändert.

Ein anderes Beispiel für den Umgang mit einer „problematischen“ Textstellen findet sich bei Adam zu 1. Thessalonicher 2,14–16 vor dem Hintergrund von Römer 11, wobei er sich lobenswert klar von einseitigen Auslegungen distanziert, die Antijudaismus/Antisemitismus fördern: Er schreibt, es „ist offensichtlich, dass Römer 9–11 das letzte Wort des Apostels über die ungläubigen Juden darstellt – und eben dort mindestens eine Revision, wenn nicht Kontradiktion zu 1Thess 2,14ff darstellt.“ Adam, Paulus und die Versöhnung aller, S. 234, FN 274. Hervorhebungen im Original. Sicherlich ist 1. Thessalonicher 2,14–16 ein schwierig auszulegender Text, der im Gesamtkontext des Neuen Testaments ausgelegt werden muss. Aber die Annahme einer Revision bzw. eines Widerspruchs steht klar gegen den Selbstanspruch der Bibel in Hinblick auf ihre Inspiration (vgl. z.B. 2Tim 3,16–17).

McClymond schreibt: „Wenn man initial die partikulare Erlösung beim Lesen des Neuen Testaments voraussetzt, dann muss man nicht künstliche Interpretationen den relevanten biblischen Texten aufzwingen. Umgekehrt, wenn man am Anfang Allversöhnung voraussetzt, dann scheint es da kein Ende an „Problemstellen“ zu geben, die den exegetischen Einfallsreichtum auch des cleversten Auslegers strapazieren.“ McClymond, The Devil’s Redemption, Bd. 2, S. 964.

50 McClymond beschreibt überzeugend eine Verdunkelung der Gnade durch die Allversöhnungslehre. McClymond, The Devil’s Redemption, Bd. 1, S. 23–25; auch Bd. 2, S. 999–1066.