Das Auge: ein Fenster in beide Richtungen
Der römische Philosoph Cicero (106–43 v. Chr.) sagte einmal: „Das Gesicht ist ein Abbild der Seele und die Augen dessen Interpret.“ Etwa sechzehnhundert Jahre später formulierte Shakespeare etwas Ähnliches: „Die Augen sind das Fenster zur Seele.“ Seit Jahrhunderten sind Menschen daher überzeugt, dass sich das innere Leben eines Menschen in seinen Augen widerspiegelt. Die Augen können einen Menschen verraten, selbst wenn seine Worte etwas anderes sagen. Sie geben etwas von dem preis, was im Inneren verborgen ist.
Das Auge ist jedoch ein Fenster in beide Richtungen. Welches Licht durch dieses Fenster nach außen hin scheint, hängt davon ab, welches Licht durch es nach innen fällt. Darum geht es Jesus in der Bergpredigt:
„Das Auge ist die Leuchte des Leibes. Wenn nun dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein. Wenn aber dein Auge verdorben ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!“ (Mt 6,22–23)
Unsere Augen richten sich auf das, was unser Herz liebt, und was wir anschauen, wird unserem Herzen immer kostbarer. Wir betrachten, was wir lieben, und wir lieben, was wir betrachten. Deshalb ruft Jesus zu einem lauteren Auge auf – zu einem Blick, der bewusst und ungeteilt auf das Gute gerichtet ist.
Die Bibel enthält eine erschreckend große Zahl von Begebenheiten, die zeigen, welche Gefahren entstehen, wenn wir dem Augenscheinlichen zu viel Bedeutung beimessen. Denk an Lots traurige Geschichte: Sie begann damit, dass er seiner fleischlichen Sicht der Dinge vertraute. Als Abram Lot die Wahl ließ, ein Land auszuwählen, lesen wir: „Da hob Lot seine Augen auf und sah die ganze Jordanaue; denn sie war überall bewässert“ (1Mose 13,10). Das Land, das Lots Augen am meisten anzog, war von Gottlosigkeit geprägt. Wie sich später in seinem Leben zeigte, prägte die ständige Betrachtung der Sünde Sodoms schließlich auch seine eigenen Wünsche und sein moralisches Empfinden (vgl. 1Mose 19,8.33–38).
So ist es auch bei uns. Unsere Wünsche beeinflussen, wohin wir schauen, und unser Blick beeinflusst wiederum unsere Wünsche. König David verstand das, als er sich vornahm: „Ich will nichts Schändliches vor meine Augen stellen“ (Ps 101,3). Ebenso gelobte Hiob: „Ich hatte einen Bund geschlossen mit meinen Augen“ (Hiob 31,1). Dennoch hielt David seinem Vorsatz nicht stand, als er eine badende Frau sah (vgl. 2Sam 11,2), und Hiob irrte sich, als er seine Beurteilung auf das stützte, was seine Augen gesehen hatten (vgl. Hiob 13,1).
Auch die Augen der Israeliten führten zu großem Übel. In 2. Mose 32 lesen wir: „Als aber das Volk sah, dass Mose lange nicht von dem Berg herabkam“ (Vers 1), fertigte Aaron ihnen ein goldenes Kalb an, das sie sehen konnten. Ihre Augen begehrten – und die Begierde brachte abscheuliche Sünde hervor.
Wir dürfen auch die erste Sünde der Augen nicht vergessen: Eva sah, „dass von dem Baum gut zu essen wäre, und dass er eine Lust für die Augen und ein begehrenswerter Baum wäre, weil er weise macht; und sie nahm von seiner Frucht und aß, und sie gab davon auch ihrem Mann, der bei ihr war, und er aß“ (1Mose 3,6).
Adam und Evas Augen wurden für bisher unbekannte Realitäten geöffnet (vgl. V. 7). Seit jenem Augenblick im Garten gehört die Begierde der Augen zur gefallenen Welt. Aber wenn die Augen des Herzens erleuchtet werden (vgl. Eph 1,18), wächst im Herzen des Menschen eine neue Liebe. Nun liebt der Mensch jemanden, den er nicht sieht (vgl. 1Petr 1,8), sehnt sich nach einer Stadt, die er noch nie gesehen hat (vgl. Hebr 13,14), und erwartet ein Erbe, das seine Augen noch nicht erblickt haben (vgl. 1Kor 2,9–10; 1Petr 1,4–5). Und doch bleiben unsere Augen immer noch trügerisch. Wir müssen alle mit Paulus bekennen, dass wir oft das Böse tun, auch wenn wir eigentlich das Gute wollen (vgl. Röm 7,21).
Weil unsere Herzen dazu neigen, unseren Augen zu folgen (vgl. Hiob 31,7), müssen wir sorgfältig darauf achten, was wir vor unsere Augen stellen. Das bedeutet, dass wir unseren Blick von unheiligen Bildern abwenden und ihn stattdessen auf das richten, „was wahrhaftig, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was wohllautend, was irgendeine Tugend oder etwas Lobenswertes ist“ (Phil 4,8). Aber wie machen wir das?
Kurz nach dem Vorfall mit dem goldenen Kalb stieg Mose erneut auf den Berg Sinai hinauf. Als er diesmal zurückkehrte, wusste er selbst nicht, dass sein Gesicht von einem ehrfurchtgebietenden Glanz strahlte. Sein Strahlen war die Folge seiner Gemeinschaft mit dem Herrn. Als Mose zum Volk sprach, strahlte sein Gesicht. Sobald er aber zu Ende gesprochen hatte, verhüllte er sein Gesicht (vgl. 2Mose 34,29–35). Paulus greift dieses Ereignis auf, um zu zeigen, was geschieht, wenn wir die Herrlichkeit Gottes betrachten. Er schreibt: „Wir alle aber, indem wir mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen wie in einem Spiegel, werden verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ (2Kor 3,18).
Das heißt: Wenn wir im Glauben die Herrlichkeit Christi betrachten, werden wir ihm ähnlicher. Wir werden nicht durch ein unmittelbares, sichtbares Schauen verwandelt – jedenfalls noch nicht. Stattdessen geschieht diese Veränderung durch den Glauben. Die ungetrübte und vollkommene Schau seiner Herrlichkeit erwartet uns erst in der Ewigkeit. Dann werden wir ihn sehen, wie er ist, und ihm gleich sein (vgl. 1Joh 3,2). Es wird ein herrlicher Tag sein, wenn wir endlich dem gleich sein werden, den wir bisher im Glauben betrachtet haben.
Achte darauf, was du dir anschaust, denn es wird dich in sein Bild verwandeln. Diese Welt bietet dir unzählige Bilder an und versucht, dich zu prägen. Aber ein einziger Blick auf Christus ist herrlicher als all jene Bilder zusammengenommen. Bis zu jenem Tag betrachten wir die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi – durch den Glauben und durch die von ihm eingesetzten Gnadenmittel. So werden wir Stück für Stück in sein Bild verwandelt: von Herrlichkeit zu Herrlichkeit.
„Denn deine Gnade ist mir vor Augen, und ich wandle in deiner Wahrheit.“ (Ps 26,3)