Bibel und Theologie

Jesus hat uns freigekauft

Artikel von Ligon Duncan
9. September 2026 — 10 Min Lesedauer

Der Begriff „Loskauf“ (apolytrōsis, in deutschen Bibeln meist mit „Erlösung“ übersetzt) meint Christi stellvertretendes Werk für uns, durch das er uns erkauft hat. Er hat das Lösegeld für uns bezahlt. Der Preis war sein eigenes Leben, um für uns die Befreiung von der Knechtschaft und Verdammnis der Sünde zu erwerben. Im Neuen Testament wird Christi Rettungshandeln häufig auf diese Weise beschrieben.

Paulus erinnert in Apostelgeschichte 20,28 die Ältesten von Ephesus an ihre wichtige Aufgabe, „die Gemeinde Gottes zu hüten, die er durch sein eigenes Blut erworben hat!“ An die Korinther schreibt er: „Oder wisst ihr nicht, … dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft“ (1Kor 6,19–20). In seinem Brief an die Kolosser dankt er dem Vater, denn „er hat uns aus der Gewalt der Finsternis-Mächte befreit und uns unter die Herrschaft seines geliebten Sohnes gestellt. Ja, durch ihn, unseren Herrn, wurden wir freigekauft, und durch ihn sind uns die Sünden vergeben“ (Kol 1,13–14 NeÜ).

An Timotheus und die Epheser schreibt Paulus: „Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus, der sich selbst als Lösegeld für alle gegeben hat“ (1Tim 2,5–6). Die Aufmerksamkeit des Titus lenkt er auf „die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Jesus Christus … Der hat sich selbst für uns gegeben, damit er uns loskaufte von aller Gesetzlosigkeit und sich selbst ein Eigentumsvolk reinigte, das eifrig sei in guten Werken“ (Tit 2,13–14 ELB). Den Galatern ruft Paulus zu: „Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch wurde um unsertwillen“ (Gal 3,13). Etwas später erklärt er ihnen: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, welche unter dem Gesetz waren, loskaufte, damit wir die Sohnschaft empfingen“ (Gal 4,4–5).

Auch Petrus redet auf diese Weise, wenn er die Christen in Kleinasien auffordert: „Führt euren Wandel in Furcht, solange ihr euch hier als Fremdlinge aufhaltet. Denn ihr wisst ja, dass ihr nicht mit vergänglichen Dingen, mit Silber oder Gold, losgekauft worden seid aus eurem nichtigen, von den Vätern überlieferten Wandel, sondern mit dem kostbaren Blut des Christus als eines makellosen und unbefleckten Lammes“ (1Petr 1,17–19). Und von der Insel Patmos berichtet Johannes, dass er zuhören durfte, wie im Himmel ein neues Lied gesungen wird: „Du bist würdig, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen; denn du bist geschlachtet worden und hast uns für Gott erkauft mit deinem Blut aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen, und hast uns zu Königen und Priestern gemacht für unseren Gott, und wir werden herrschen auf Erden“ (Offb 5,9–10).

Der alttestamentliche Hintergrund

Das Konzept des Loskaufs bzw. Auslösens ist im Alten Testament bedeutsam und erscheint in vielen Zusammenhängen. Schlüsselbegriffe sind ga’al („loskaufen“, „auslösen“, „als Löser handeln“) und padah („auslösen“, „freikaufen“, „befreien“). Unter dem mosaischen Gesetz gehörte die Erstgeburt von Mensch und Tier dem Herrn und wurde ausgelöst (vgl. 2Mose 13,2.11–16; 22,28–29; 34,19–20; 4Mose 3,44–51; 18,15–19). Auch Land und sonstiger Besitz konnten ausgelöst werden (vgl. 3Mose 25,23–34), was in der Geschichte von Rut und Boas zum Tragen kommt. Boas wird dort als „Löser“ (go’el) bezeichnet (vgl. Rut 2,20; 3,9.12–13; 4,1.3.6.8.14).

Das wichtigste alttestamentliche Beispiel für eine solche Erlösung ist der Auszug aus Ägypten, bei dem Israel befreit wurde, indem Gott als Löser handelte. Mose sollte dem Volk die Worte Gottes weitersagen: „Ich bin der HERR, und ich will euch aus den Lasten Ägyptens herausführen und will euch aus ihrer Knechtschaft erretten und will euch erlösen [ga’al] durch einen ausgestreckten Arm und durch große Gerichte. Und ich will euch als mein Volk annehmen und will euer Gott sein; und ihr sollt erkennen, dass ich, der HERR, euer Gott bin, der euch aus den Lasten Ägyptens herausführt. Und ich will euch in das Land bringen, um dessentwillen ich meine Hand zum Schwur erhoben habe, dass ich es Abraham, Isaak und Jakob gebe. Das will ich euch zum Besitz geben, ich, der HERR“ (2Mose 6,6–8). Zur Erinnerung an diese Befreiung wurde das Passamahl eingesetzt (vgl. 2Mose 12,23–28).

An anderer Stelle sagt David zu Gott: „HERR, mein Fels und mein Erlöser [go’el]!“ (Ps 19,15). Asaf erinnert an Israel in der Wüste: „Sie gedachten daran, dass Gott ihr Fels ist, und Gott, der Höchste, ihr Erlöser [go’el]“ (Ps 78,35). Dieser Titel ist auch für Jesaja angesichts des Exils sehr bedeutend: „So fürchte dich nicht, du Würmlein Jakob, du Häuflein Israel; denn ich helfe dir, spricht der HERR, und dein Erlöser [go’el] ist der Heilige Israels“ (Jes 41,14; siehe auch Jes 43,14; 44,6.24; 47,4; 48,17; 49,7.26; 54,5.8; 59,20; 60,16; 63,16).

Wichtige neutestamentliche Bibelstellen

Die nachfolgenden vier neutestamentlichen Stellen sollen verdeutlichen, wie wichtig das Konzept der Erlösung bzw. Lösegeldzahlung im Zusammenhang mit der Person und dem Werk Christi ist. „Bei der neutestamentlichen Rede vom Loskauf … geht es um das Heilshandeln Jesu Christi und dessen Folgen für die Menschheit. Im Wort unseres Herrn stehen drei Tatsachen ganz außer Frage: (1) Das Werk, zu dem er kam, war ein Loskauf, (2) er gab sein Leben als ein Lösegeld und (3) diese Lösegeldzahlung hatte stellvertretenden Charakter.“[1] Dies sehen wir deutlich in Matthäus 20,28, Römer 3,22–25, Epheser 1,7–8 und Hebräer 9,12–15.

Matthäus 20,28

Als Jesus seine ehrgeizigen Jünger wegen ihres weltlichen Strebens nach einer Vorrangstellung zurechtweist, sagt er: „Der Sohn des Menschen [ist] nicht gekommen …, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld [lytron] für viele“ (Mt 20,28). Jesu Beschreibung seiner Berufung, seines Lebensziels und seiner Mission ist beeindruckend. Sie ist in jeder Hinsicht von Selbsthingabe geprägt. Er ist nicht hier, damit Menschen ihm dienen. Er ist da, um den Menschen zu dienen. Tatsächlich ist er gekommen, um sich als Diener ganz für andere hinzugeben, einschließlich seines eigenen Lebens als Lösegeld für sie. Matthew Henry erklärt:

„Jesus Christus gab sein Leben hin als ein Lösegeld. Unser Leben stand aufgrund unserer Sünde unter dem göttlichen Gericht. Indem Christus sein Leben aufgab, erwirkte er Sühnung für die Sünde und rettete unser Leben. Er wurde für uns zur Sünde und zum Fluch gemacht, und er starb – nicht nur zu unserem Wohl, sondern an unserer Statt.“[2]

Römer 3,22–25

Paulus erläutert die Grundlage der Rechtfertigung aus Gnade:

„Alle haben gesündigt und verfehlen die Herrlichkeit, die sie vor Gott haben sollten, sodass sie ohne Verdienst gerechtfertigt werden durch seine Gnade aufgrund der Erlösung [apolytrōsis], die in Christus Jesus ist. Ihn hat Gott zum Sühnopfer bestimmt, das wirksam wird durch den Glauben an sein Blut“. (Röm 3,23–25)

Paulus lässt keinen Zweifel daran, dass unsere Rechtfertigung (d.h. wir werden als gerecht angesehen, von Gott für gerecht erklärt) ein Geschenk des uns überschwänglich liebenden Vaters ist, das wir völlig kostenlos und rein aus Gnade erhalten – wir werden „ohne Verdienst gerechtfertigt … durch seine Gnade“. Die Rechtfertigung wird uns einfach geschenkt, sie kostet uns nichts, aber ihr liegt ein unvorstellbar hoher Preis zugrunde. Sie ist nur möglich, weil jemand die unermesslich hohen Kosten übernommen hat: „aufgrund der Erlösung, die in Christus Jesus ist“. Ein Geschenk für uns. Ein enormer Preis für Gott. Jesus kam für die Kosten auf, damit wir die Rechtfertigung gratis bekommen können.

Epheser 1,7–8

Das herrliche Gebet des Paulus in Epheser 1,3–14 beinhaltet folgende Feststellung, durch die er bei den Ephesern (und uns) Staunen, Liebe und Anbetung hervorrufen will: „Durch ihn wurden wir freigekauft [apolytrōsis] – um den Preis seines Blutes –, und in ihm sind uns alle Vergehen vergeben. Das verdanken wir allein Gottes unermesslich großer Gnade, mit der er uns überschüttet hat“ (Eph 1,7–8 NeÜ). Wiederum ist die Botschaft klar. Unsere Vergebung ist sowohl kostspielig als auch kostenlos. Der Preis für unseren Loskauf ist das Blut, das Leben und der Tod Christi. Nur auf dieser Grundlage können wir die Vergebung erhalten, mit der Gott uns in seiner unermesslich großen Gnade so freigiebig überschüttet. Erneut sehen wir, dass Gott den Preis für unsere Erlösung zahlt und uns diese dann schenkt.

Hebräer 9,12–15

Der Autor des Hebräerbriefs befasst sich mit der Überlegenheit des Neuen Bundes über die Anbetungsformen des Alten Bundes. Er schreibt: Christus ist

„nicht mit Blut von Böcken und Kälbern, sondern mit seinem eigenen Blut ein für alle Mal in das Heiligtum hineingegangen und hat uns eine ewige Erlösung [lytrōsis] erworben. Denn wenn das Blut von Böcken und Stieren und die Asche einer jungen Kuh, auf die Unreinen gesprengt, zur Reinheit des Fleisches heiligt, wie viel mehr wird das Blut des Christus, der sich selbst durch den ewigen Geist als Opfer ohne Fehler Gott dargebracht hat, euer Gewissen reinigen von toten Werken, damit ihr dem lebendigen Gott dient!“ (Hebr 9,12–14 ELB)

Und weiter heißt es: „Christus ist also der Vermittler eines neuen Bundes. Mit seinem Tod hat er für die unter dem ersten Bund begangenen Übertretungen bezahlt [apolytrōsis], sodass jetzt alle, die Gott berufen hat, losgekauft sind und das ihnen zugesagte unvergängliche Erbe in Besitz nehmen können“ (Hebr 9,15 NGÜ).

Der Hebräerbrief erklärt, weshalb Jesus ein besserer Hohepriester und ein besserer Mittler eines besseren Bundes ist. Jesus ist besser, weil er mit seinem eigenen Blut hineinging (vgl. Hebr 9,12) – auf der Grundlage seiner eigenen Gerechtigkeit und nicht wie die aaronitischen Priester, die für sich und das Volk opfern mussten. Jesus ist sowohl der vollkommene Priester als auch das vollkommene Opfer, beides in einem. Zudem war das Blut Christi wirksamer als die alttestamentlichen Opfer (vgl. 9,13–14) – es kann das Gewissen reinigen, Sünden vergeben und eine ewige Erlösung erwerben. Jesu Tod vollbrachte ein für alle Mal die Erlösung. Durch ihn werden uns unsere Schulden nicht einfach erlassen, sie werden getilgt.

Kein Wunder, dass Christen diesen Loskauf in Liedversen besingen.

Ernst Heinrich Gebhardt, „Das teure Blut“ (1875):

Es quillt für mich dies teure Blut,
das glaub und fasse ich!
Es macht auch meinen Schaden gut,
denn Christus starb für mich!
O Gotteslamm, dein teures Blut
hat noch die gleiche Kraft!
Gieß aus des Geistes Feuerglut,
die neue Menschen schafft.

Charlotte Sauer, „O Gott, dir sei Ehre“ (1955):

O große Erlösung, erkauft durch Sein Blut!
Dem Sünder, der glaubt, kommt sie heute zugut!

Karl Johann Philipp Spitta, „Bei dir, Jesus, will ich bleiben“ (1833):

Wo ist solch ein Herr zu finden,
der, was Jesus tat, mir tut:
mich erkauft von Tod und Sünden
mit dem eignen teuren Blut?

Weiterführende Lektüre

  • Walter Elwell und Barry Beitzel, Redeemer, Redemption, in: Baker Encyclopedia of the Bible, Bd. 2, Grand Rapids: Baker, 1988, S. 1827–1829.
  • John Murray, Redeemer, Redemption, in: G. W. Bromiley (Hrsg.), The International Standard Bible Encyclopedia, Revised, Bd. 4, Grand Rapids: Eerdmans, 1979–1988, S. 61–63.
  • Benjamin Warfield, „Redeemer“ and „Redemption“, in: The Princeton Theological Review, 14/1916, S. 177–201.
  • Benjamin Warfield, The New Testament Terminology of „Redemption“, in: Biblical Doctrines, 1929, S. 327–398.

1 John Murray, Redemption Accomplished and Applied, Grand Rapids: Eerdmans, 1955.

2 Matthew Henry, Commentary on the Whole Bible (Complete), Peabody: Hendrickson, 2005.